Abdulrazak Gurnah – Diebstahl

Seit dem Nobelpreis im Jahre 2021, der die deutsche Buchwelt eiskalt erwischte, da zu dem Zeitpunkt kein einziges der Bücher von Abdulrazak Gurnah auf Deutsch lieferbar war, sind nun auch schon wieder vier Jahre vergangen. Der Penguin Verlag hat sich des Werkes des seit 1968 in Großbritannien lebenden, auf Sansibar geborenen Autors angenommen und mittlerweile sind die meisten Romane übersetzt und lieferbar. Diebstahl nun ist das erste nach dem Nobelpreis verfasste Buch von Abdulrazak Gurnah. Und es besitzt die bekannten Qualitäten seiner Vorgänger.

Für die Handlung kehrt Gurnah wieder in sein Heimatland im Osten Afrikas zurück. Deutsche und britische Kolonialzeit, Revolution, Unabhängigkeit und Unruhen bilden dieses Mal aber nur den schemenhaften Hintergrund für eine sehr persönliche Geschichte über Freundschaft und Liebe, Familie und Verrat. Was zunächst ziemlich melodramatisch klingt, wird durch die gelassene Erzählhaltung und die kunstvoll lakonische Sprache zu einem zeitlos-eleganten Roman.

Drei junge Sansibari

Im Zentrum stehen drei junge Sansibari. Da ist zunächst Badar, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, ein Waise, der nach dem Tod der Eltern, über die er kaum etwas weiß, von Verwandten eher unwillig aufgenommen und später als Diener an ein Ehepaar in Daressalam „abgegeben“ wird. Der gutmütige, noble Haji ist der zweite Mann von Raya, die aus Sansibar stammt. Über ihre Kindheit und Jugend wird zunächst einiges erzählt, um sie später, als ihr Sohn Karim als zweiter Hauptprotagonist erscheint, in den Hintergrund treten zu lassen.

Raya hatte sich sehr jung in eine Ehe mit einem viel älteren Mann gestürzt. Dieser erwies sich als zunehmendes Ekel und Raya verließ ihn Jahre später mit dem Sohn. Zunächst lebten die beiden bei Rayas Eltern. Die unruhige, lebensgierige Raya ließ Karim aber recht bald dort zurück und ging nach Daressalam, wo sie Raji kennenlernte, mit dem sie nun dort eine glückliche, kinderlose Ehe führt. Karim besucht die beiden oft, seitdem er in Daressalam studiert. Dass seine Mutter ihn einst verließ und auch jetzt nur mäßiges Interesse an ihm zeigt, verletzt ihn. Er nimmt sich vor, später ein besserer Vater zu werden.

Karim wird eine Art brüderlicher Mentor für den schutzlosen Badar, der fast einen Sklavenstatus bei dessen Eltern hat und dem er nach einem ungerechtfertigten Diebstahls-Vorwurf eine Anstellung in einem Hotel auf Sansibar verschafft. Hier kommt auch die dritte Protagonistin ins Spiel: Fauzia, eine kluge, wissbegierige junge Frau, die den Beruf der Lehrerin ergreift und mit der Karim eine Familie gründet. Und die Badar insgeheim verehrt. Das freundschaftliche Trio wird bald durch die kleine Tochter Nasra ergänzt.

Eine Ehekrise

Es ist ein bekanntes Thema: die Geburt des Kindes lässt die Ehe von Karim und Fauzia in eine Krise stürzen. Die junge mutter fühlt sich allein gelassen und überfordert, Karim hat wenig Interesse an seiner kleinen Tochter, die ihn meistens einfach nur stört, ihm seinen Schlaf und seine Ruhe raubt. Und es kommt wie bei dieser altbekannten Situation so oft: Karim beginnt eine Affäre. Die gutaussehende, dynamische Europäerin Geraldine, Mitarbeiterin einer NGO, „verführt“ Karim. Hier hätte ich einen Kritikpunkt an dieser sonst so ambivalenten, jede Eindimensionalität meidenden Geschichte. Auch wenn „Jerry“ nicht als bösartig, sondern eher als sorglos dargestellt wird, und Karim mittlerweile auch alles andere als einen Sympathieträger darstellt, ist dieses „schöne Frau verführt wehrlosen, vernachlässigten Mann“-Klischee doch reichlich überholt. Da blitzt vielleicht ein wenig der alte, wenn auch nicht weiße Mann als Autor durch.

Dabei charakterisiert Abdulrazak Gurnah seine Protagonist:innen in Diebstahl überwiegend sehr ambivalent, auch wenn er jede tiefgehende Psychologisierung vermeidet. Auch die Handlung läuft mancher Erwartungshaltung immer wieder entgegen. Die Gegensätze von Badar und Karim, beide ohne Mutter und Vater aufgewachsen, aber von so unterschiedlicher Herkunft, spiegeln die Hierarchien in der tansanischen Gesellschaft der 1960er bis 1980er Jahre, in denen Diebstahl (vermutlich) spielt. Karim, der privilegierte, ambitionierte Mittelschichtssohn, und Badar, aus einfachsten Verhältnissen kommend, werden zwar Freunde, wirklich verstehen oder sich wirklich nah kommen, werden sie nicht.

Große Erzählkunst

Die Bedeutung von Bildung und Beziehungen, die gesellschaftlichen Hierarchien, die Rolle des zunehmenden Tourismus und die Wichtigkeit von Freundschaft und Solidarität stehen im Fokus des Romans. Abdulrazak Gurnah streut nur sehr sparsam „Afrikanismen“ ein und auch historische und gesellschaftliche Fakten werden nur selten „vermittelt“. Gurnah traut da seinen Leser:innen zu, sich Zusammenhänge selbst zu erschließen oder bei Bedarf nachzuschlagen. Da die Freundschaftsgeschichte aber fast zeitlos wirkt, ist das in keiner Weise störend. Sanft, warmherzig, leicht und gelassen erzählt Gurnah immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven und überzeugt damit erneut von seiner großen Erzählkunst.

 

Beitragsbild: Markt auf Sansibar by by Travel Aficionado (CC BY-NC 2.0) via Flickr

 

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Abdulrazak Gurnah – Diebstahl
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Penguin September 2025, Hardcover, mit Schutzumschlag, 336 Seiten, € 26,00

 

 

 

 

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