Lektüre März 2026

Der März ist der Buchmessemonat. Leipzig öffnet die Türen und im Vorfeld erscheinen Unmengen an interessanten Neuerscheinungen. So war auch im März 2026 das Spiel das gleiche – eine schwere Auswahl galt es für die Lektüre zu treffen und gleichzeitig war die Zeit durch die Messe selbst und sehr viele Lesungsveranstaltungen im Vorfeld eher begrenzt. Hier seht ihr nun meine Auswahl: Sie war sehr gut getroffen. Alle Bücher kann ich – unterschiedlich nachdrücklich – zur Lektüre empfehlen.

Nadine Schneider - DAs gute LebenNadine Schneider – Das gute Leben 

Das gilt vor allem für den dritten Roman von Nadine Schneider.

Was ist ein „gutes Leben“? Für viele Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten lag es auf jeden Fall im „Westen“. So auch für die junge Anni, die im neuen Roman von Nadine Schneider im Mittelpunkt steht. Für sie steht fest, dass sie raus muss aus Rumänien, das ihr keine Zukunft zu bieten scheint, raus aus dem „Dreck“. Besonders jetzt, da sie schwanger ist und genau wie ihre Mutter ohne den Kindsvater zurechtkommen muss. Nadine Schneider erzählt in Das gute Leben von vier Frauengenerationen – Anni, die Großmutter, Helene, deren Tochter, und Ich-Erzählerin Christina, die Enkelin – die es nicht leicht miteinander und mit dem Leben haben. Die Männer glänzen durch Abwesenheit.

Nadine Schneiders Sprache und die Konstruktion der Geschichte sind äußerst gelungen. Unter den zahlreichen Neuerscheinungen, die auch dieses Frühjahr um Familie, Herkunft und Mutter-Tochter-Beziehungen kreisen, ist Das gute Leben von Nadine Schneider eine herausragend gute.

 

Leila Slimani - Trag das Feuer weiterLeila Slimani – Trag das Feuer weiter 

In bewährt eingängiger Sprache erzählt die Starautorin Leïla Slimani in Trag das Feuer weiter das letzte Kapitel ihrer Familientrilogie. Die Enkelgeneration mit Mia und Inés und damit Slimanis eigene Generation steht hier im Mittelpunkt. Eine wohlhabende Kindheit, Lernen im französischen Gymnasium und Studium im Ausland bestimmen ihr Leben. Die Distanz zur arabischen Umgebung ist spürbar. Auch die Entwicklung zu einem immer autoritäreren Staat unter König Hassan II. und die Re-Islamisierung eines Landes.

Das ist lebendig erzählt und liest sich bis auf einige unnötige Sexszenen sehr gut. Sowohl die marokkanische als auch die Weltgeschichte (9/11, Irakkrieg, Radikalisierung) erhalten ihren Platz. Für mich nicht der beste Teil der Trilogie, schließt der Roman die Familiengeschichte aber gelungen ab.

 

Alex Rühle – Europa – wo bist du? (nicht auf dem Foto)

März 2022, der Überfall Russlands auf die Ukraine liegt nicht lange zurück, da macht sich der Journalist Alex Rühle auf den Weg, das zu erkunden, was seitdem stärker als je zuvor beschworen wird: die Europäische Union. Und das tut er mit einer Errungenschaft, die diese EU auf wunderbarste Weise versinnbildlicht: Mit dem Interrailticket. Seit 1972 kann man damit die Länder der EU bereisen. Und während wir in den 1980er Jahren zumindest noch die Währungshürden zu bewältigen hatten, reisen unsere Kinder bereits weitgehend mit dem Euro. Welch großartige Erfindung! Aber weiß man in den EU-Ländern dies und das ungleich größere Wunder eines seit langem weitgehend friedlichen Europas (die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren zeigten, dass dies durchaus fragil ist) tatsächlich überall so zu schätzen, wie es sein müsste? Und wie stehen die Menschen zwischen Portugal und Bulgarien, zwischen Finnland und Griechenland zu diesem doch so großartigen Konstrukt namens EU?

20 000 Kilometer, 106 Tage, 33 Grenzen: einmal rund um die EU von Athen aus im Uhrzeigersinn. Rühle trifft die unterschiedlichsten Menschen, Repräsentanten und „Normalbürger“. Ein Reisebericht, der auch die EU-Institutionen erklärst, tiefe Einblicke in europäische Geschichte und Mentalitäten bietet, Anekdoten erzählt und Landschaften beschreibt. Und das so humorvoll, tiefgründig und sprachlich toll, dass es das Buch sogleich zu einem Lieblingsbuch geschafft hat. Einiges hat sich geändert in den letzten Jahren – kein Wunder, wir leben in chaotischen, schnell drehenden Zeiten. Polen und Ungarn haben sich zumindest teilweise von den ganz großen Schurken getrennt. Dafür sind die Slowakei und auch Tschechien stark nach rechts gerückt. Die Hoffnung, dass sich die Populisten mit ihrer menschenverachtenden Politik irgendwann selbst diskreditieren besteht zumindest. Ganz große Leseempfehlung!

 

Monika Helfer, Kat Menschik - Wer bist du?Monika Helfer, Kat Menschik – Wer bist du? 

Die Reihe der kleinen Lieblingsbücher, illustriert von Kat Menschik im @galiani_verlag, bezaubert mich immer wieder. Die Illustratorin hat einen so typischen wie für jeden der kurzen Texte individuellen Stil, immer durch eine ganz bestimmte Farbgebung geprägt. Seit ich bei einem kurzen Workshop mal Einblick in die Entstehung eines solchen Buchs bekommen habe, welche Überlegungen und Details dahinterstehen, mag ich die Reihe noch mehr. Nun hat Kat Menschik nach einem gemeinsamen Buch mit Monika Helfer bei deren Hausverlag die österreichische Autorin für ihre Reihe bei @galiani_verlag „ausgeliehen“ für eine schillernde Kurzgeschichte.

„Eines Tages steht ein Mädchen vor der Tür der Erzählerin, mit einem 1000-Schilling-Schein in der Hand und einer seltsamen Geschichte. Kurz darauf verschwindet es spurlos. Als Jahre später eine junge Frau auftaucht und behauptet, das Mädchen von damals zu sein, beginnt ein doppelbödiges Spiel, spannend und abgründig bis zum Schluss.“

So richtig fassen kann man die Geschichte nicht. Und das ist auch so gewollt. Dazu passen die hellen pastellfarbigen, irisierenden Illustrationen von Kat Menschik, die bis zu doppelt changierenden Seitenzahlen in diesem wieder mit sehr viel Detailverliebtheit gestalteten Band reichen.

 

Dana Grigorcea - Tanzende Frau, blauer HahnDana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn

Es sind die 1990er Jahre am Rande der rumänischen Karpaten, wo sich jeden Sommer Roxana und Camil treffen. Sie stammt aus der gehobenen bukarester Gesellschaftsschicht und besucht ihre Großmutter, die dort ein Sommerhaus besitzt, er ist Eisenbahnersohn und lebt in der etwas heruntergekommenen Siedlung. Die postkommunistische Gesellschaft befindet sich in Transition. Der Umbruch kommt nicht jedem zugute, Klassenunterschiede machen sich deutlicher bemerkbar. Das bleibt subtil präsent, auch wenn es vordergründig um Sommerferien, Erwachsenwerden, bizarre Charaktere und wunderliche Begebenheiten dreht. Und um die Liebe. Federleicht und doch tiefgründig und elegant komponiert schreibt Dana Grigorcea mit Tanzende Frau, blauer Hahn einen wirklich zauberhaften Roman.

 

Dana von Suffrin - ToxibabyDANA VON SUFFRIN – TOXI BABY

13 Trennungen in drei Jahren Beziehung – Herzchen Goldberg und Toxibaby, zwei Millennils, die sich in ihrer On/Off-Beziehung sichtlich lustvoll quälen sind die Protagonisten in Dana von Suffrins neuem Roman. Herzchen ist die Ich-Erzählerin, durch die wir das ganze Elend (und die ganze Lust) dieser Liebesbeziehung erleben.

Herzchen zahlt – sie ist eine recht erfolgreiche Autorin – und Toxibaby „macht sich Gedanken“. An seiner Misere ist natürlich die Gesellschaft schuld, mindestens der Spätkapitalismus. Und sowieso sind alle gegen ihn. Toxi leidet an der Welt und fühlt sich unverstanden. Er hat ein Suchtproblem und veröffentlicht Artikel „auf einem der aggressiven, schlecht formatierten linksextremen Blogs“. Und weiß selbstverständlich immer alles besser und erklärt gern die ihm so übel gesinnte Welt. Frau hat Toxi vor Augen. Mit einem zuweilen bitterbösen Humor, lakonischer Ironie und viel Klugheit schaut Dana Suffrin aber nicht nur auf Toxibaby, sondern auf eine ganze Generation. Dana von Suffrin spielt aus vollem Herzen mit allerlei Klischees, bleibt aber immer in der Ambivalenz. Denn so nervig Toxibaby ist, Herzchen ist es nicht minder. Das hat Witz und Tempo, ist klug und unterhaltsam. Fast ist man als Leserin etwas traurig, diese durch und durch ungute Beziehung zu verlassen.

 

Oliwia Hälterlein - Wir TöchterOliwia Hälterlein – Wir Töchter

Ich-Erzählerin des Fenerationenromans ist Waleria, die als Säugling mit ihrer Mutter Róża in den 1980er Jahren von Polen nach Westdeutschland migriert ist. Mit ihr droht die Kette von Töchtern in ihrer Familie abzureißen, denn nach einer Not-OP, die durch das Platzen einer Eierstockzyste und dem drohenden inneren Verbluten nötig wurde, und der Diagnose PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom) ist die Möglichkeit einer eigenen Schwangerschaft sehr gering. Waleria empfindet eine „erdrückende Traurigkeit“, dabei hatte sie nie einen Kinderwunsch verspürt. Aber nun? Wird sie die Letzte in der „Töchterkette“ sein?

Diese Kette reicht im Roman bis zur Ururgroßmutter Melanka, im Zentrum stehen neben Waleria aber die Mutter Róża und die Großmutter Marianna, die geliebte Babcia. Während Marianna immer ihrer bäuerlichen Umgebung verhaftet bleibt, zieht es Róża fort, in die Stadt, nach Gdańsk, und später mit ihrer Tochter weiter nach Deutschland.

Das Zerrissensein zwischen Integrationswillen, Anpassung, Ablehnung und Herkunftssehnsucht – hier wird diese Migrationserfahrung durch die Verortung in einem patriarchalen System ergänzt. Was gebe ich als Mutter an meine Töchter weiter? Was nehme ich als Tochter davon an, trage es selbst in die Zukunft? Und was ist, wenn ich das nicht mehr kann?

Ein großartiges Buch und eine unbedingte Leseempfehlung von mir.

 

Kristof Magnusson - Die Reise ans Ende der weltKristof Magnusson – Die Reise ans Ende der Geschichte

Dieter Germeshausen ist ein „alter Hase“ beim BND und steht 1990 eigentlich kurz vor der Pensionierung. Ärgerlicherweise ist er seit Jahren als Doppelagent auch für den KGB tätig gewesen und fürchtet, dass das nun nach Beendigung des Ost-West-Konflikts auffliegen könnte. Dabei ist er auf seine alten Tage nochmal richtig verliebt, und zwar in die Ehefrau des ehemaligen US-Botschafters in Rom Dominique Fishbowl. Um sich mit ihr einen schönen Lebensabend machen und rechtzeitig untertauchen zu können, benötigt er noch die entsprechenden Mittel, die er sich bei einem letzten großen  Coup zu verschaffen hofft. Dafür braucht er aber noch ein Mittelsmann, der etwas besitzt, dass Germeshausen trotz vieler Dienstjahre nicht aufweisen kann: die Gabe der Kommunikation und die Verbindlichkeit, die Menschen für ihn einnimmt.
Der Mann, den er sich auserkoren hat, ist der junge Dichter Jakob Dreiser.  Mit der (vermeintlichen) Russischlehrerin an der Botschaft Francesca Aquatone – inoffiziell arbeitet sie für den KGB bzw. dessen Nachfolgeorganisation FSB – fliegen sie nach Almaty. Dort werden die Bestände der Sowjetarmee verhökert. Vom Orden über Uniformen bis zu Kampfhubschraubern, wenn nur die Bezahlung stimmt. Leider entwickelt Jakob Dreiser dabei mehr Ehrgeiz als Germeshausen lieb ist. Und auch die russische Mafia mischt mit.

Herrlich überdreht und rasant wie ein Abenteuerroman, unterhaltsam und sehr komisch schreibt Kristof Magnusson eine Spionagekomödie, wie sie nur in dieser etwas wilden Aufbruchs- und Auflösungszeit der 1990er beheimatet sein kann. Sie führt von Rom nach Almaty, das Siebengebirge, Kolumbien und Sankt Petersburg. Sie beinhaltet auch ernstere Themen, wie etwa den Ausverkauf der Sowjetunion, und lässt uns immer wieder verblüfft den Unterschied zur heutigen Stimmung und Weltlage fühlen. In erster Linie ist Die Reise ans Ende der Geschichte von Kristof Magnusson aber eine wunderbar verrückte, sehr unterhaltsame Story, die einfach gute Laune macht. Etwas, das man gerade unbedingt gebrauchen kann.

 

Franziska Hauser - Am Ende der KleinigkeitenFranziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten

Einfühlsam und mit viel Humor erzählt Franziska Hauser in Am Ende der Kleinigkeiten von einer äußerst schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, vom Leben in einer alternativen Kommune in der DDR, von Klassismus und von der großen Stadt, in die sich die Protagonistin Irma als junges Mädchen vor der Lieblosigkeit ihrer narzisstischen Mutter und der erdrückenden Art ihres Verhältnisses flüchtet. Sie erzählt vom Theater, an dem Irma eher zufällig landet und dessen Bretter für viele die Welt bedeuten, das aber ein äußerst hartes Geschäft ist. Sie erzählt von Vernachlässigung, Ausbeutung und Missbrauch, aber auch von Verantwortung, Solidarität und Liebe. Die Resilienz von Irma ist erstaunlich. Und die Lässigkeit, mit der Franziska Hauser von ihr erzählt, verblüffend. Denn auch wenn es müßig ist, zu überlegen, wieviel selbst Erlebtes in Am Ende der Kleinigkeiten steckt, ist es doch überraschend, wie wenig Anklage und Bitterkeit zu spüren ist. Eher ein Erstaunen. Und ja, etwas Liebevolles.

Ein schönes Buch, das ich sehr gern empfehle.

 

leon-engler-botanik-des-wahnsinnsLeon Engler – Botanik des Wahnsinns

Nachdem ich das Buch bereits im Januar gehört habe und es mit sehr gut gefallen hat, für das reine Hören aber doch ein wenig komplex war, habe ich es anlässlich einer musikalischen Lesung des Autors nochmal als Text gelesen. Anhand einer Familiengeschichte, die durch die psychischen Erkrankungen ihrer Mitglieder geprägt ist, verflicht Engler diese Familiengeschichte mit der des jüngsten Sprosses, der der Erzähler ist und über dem das Schicksal seiner vielen kranken Vorfahren wie ein Damoklesschwert schwebt. Er flieht mit Hilfe seines Nachbarn in die Welt der Bücher und der Wissenschaft, wird selbst Psychologe. Seine analytischen Fähigkeiten und Interessen erlauben ein unangestrengtes Einbetten von Psychologiegeschichte und -theorie.
Das ganze Buch ist trotz der dramatischen Hintergründe von einer bezaubernden Leichtigkeit, einer schönen, rhythmischen Sprache und oft verblüffendem Witz. Ein Buch, das mich äußerst positiv überrascht hat und ich sehr mochte.

 

Helene Bukowskis für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman Wer möchte nicht im Leben bleiben habe ich nicht ganz beendet und in den April mitgenommen. Eine Kurzbesprechung folgt dann im Lesemonat April.

 

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