Wer war Lina Morgenstern? Noch nie gehört? Da geht es euch so wie mir, bevor ich von Autor Gerhard J. Rekel auf sein Buch Lina Morgenstern. Die Geschichte einer Rebellin aufmerksam gemacht wurde. Nach dessen Lektüre ist es völlig unverständlich (aber nicht unerklärbar), warum diese vielseitige, ungemein tatkräftige Frauenrechtlerin, Sozialaktivistin und Schriftstellerin nicht mehr so wirklich bekannt ist. Das war zu ihren Lebzeiten ganz anders.
Geboren wurde sie als Lina Bauer 1830 in Breslau. Schon von Zeitgenoss:innen wurde sie als „voller Energie, spontan, weltoffen“ beschrieben. Und tatsächlich gehörte sie zu den Menschen, die scheinbar mindestens das doppelte an Zeit und Kraft zu haben scheinen als die Normalbürger. Bereits mit 18 Jahren setzte die jüdische Kaufmannstochter das zentrale Gebot der Zedaka, der sozialen Verantwortung, Armenfürsorge und Unterstützung Bedürftiger, in die Tat um und gründete den „Pfennigverein“ zu Unterstützung mittelloser Schulkinder. Es sollte der erste von ca. 30 Vereinen sein, die sie in ihrer Lebenszeit initiierte.
Eine Liebesheirat!
1854 setzte sie gegen den Willen ihres Vaters die Heirat mit dem eher unvermögenden, aus Polen stammenden Theodor Morgenstern durch – eine Liebesheirat! – und zog mit ihm nach Berlin. Das Modehaus, das Theodor dort gründete, ging nach anfänglichen Erfolgen Pleite. Fortan verdiente Lina, vor allem mit dem Verfassen von Kinderbüchern, den Lebensunterhalt der Familie, die bald fünf eigene Kinder umfasste. Es war eine mehr als ungewöhnliche Ehe für das damalige Bürgertum, die auf gegenseitigem Respekt und Rücksichtnahme zu basieren schien. Theodor unterstützte seine Frau ihr Leben lang, auch dann, wenn ihre Unternehmungen mal in der Krise steckten.
In Berlin engagierte sie sich für den „Frauenvereins zur Beförderung Fröbelscher Kindergärten“, der sich für die Reformpädagogik und die Aufhebung des Kindergartenverbots (Kindergärten galten als sozialistisch und atheistisch) einsetzte, welche dann 1860 erfolgte. Unter Linas Vorsitz wurden vom Verein acht Kindergärten gegründet. Außerdem verfasste sie ein erstes Handbuch für Kindergärtnerinnen. Die Ausbildung von Frauen, ihre wissenschaftliche Bildung und ihre Eingliederung ins Erwerbsleben waren wichtige Anliegen Lina Morgensterns. Später setzte sie sich auch für das Frauenwahlrecht ein. Dennoch steht sie in der Galerie der Frauenrechtlerinnen (zu Unrecht) eher in der zweiten Reihe. Das liegt zum Teil daran, dass die bürgerliche Frauenbewegung, der sie angehörte, von den sozialistisch geprägten Aktivistinnen, etwa Clara Zetkin, nicht akzeptiert, sondern eher bekämpft wurde. Statt Solidarität (auch bei inhaltlichen Differenzen)gab es hier erbitterte Konkurrenz. Auch heute nicht unbekannt.
Die Volksküchen

1866 gründete Lina in Berlin die erste „Volksküche“. Sie wollte den u.a. durch den deutsch-österreichische Krieg verarmten Bevölkerungsschichten preiswerte, gesunde und nahrhafte Mahlzeiten anbieten. Ein Projekt, das wie fast alle von Lina Morgenstern zunächst angefeindet wurde. Misogynie und Antisemitismus verbrüderten sich da immer wieder, um gegen die sehr erfolgreichen Unternehmungen der „kleinen, rundlichen Frau mit Brille“ zu wettern, ihr gar Bereicherung vorzuwerfen.
Gerade die Volksküchen waren aber ein äußerst erfolgreiches Projekt, das auch international viele Nachahmer fand. 1869 versorgten zehn Berliner Volksküchen zehntausende Menschen. Lina wurde bekannt als die „Suppenlina“, eine eher liebevoll gemeinte Bezeichnung, die aber auch ein wenig von oben herab klingt. Unterstützung kam u.a. von Kaiserin Augusta, aber auch vom Arzt Rudolf Virchow und vom Industriellen Werner Siemens. Daraus hervor gingen auch eine Kochschule für junge Frauen und das äußerst erfolgreiche „Universalkochbuch für Gesunde und Kranke“ von Lina Morgenstern, aus dem Autor Gerhard J. Rekel einige Rezepte mit in sein Buch aufgenommen hat.
1870, und mit diesem Jahr startet das Buch als „Ouvertüre“, tobte der Deutsch-Französische Krieg. Das Reich triumphierte, vergaß aber die, die sich dafür aufgeopfert haben. An den Berliner Bahnhöfen strandeten Tausende Soldaten, zum Teil schwer verletzt, um die sich niemand kümmerte, für die noch nicht einmal Verpflegung bereitgestellt wurde. Ein Fall für Lina Morgenstern, die sich der Männer annahm, Unterstützung organisierte, aber auch eigenes Vermögen investierte. Die Tatsache, dass sie auch französische Soldaten, also „Feinde“ mitversorgte, brachte ihr neue Anfeindungen ein. Eindrücke aus dieser Zeit führten dazu, dass sich Lina auch immer mehr für die Friedensbewegung einsetzte.
Der Berliner Hausfrauenverein
1873 gründete Lina Morgenstern den „Berliner Hausfrauenverein“, der nicht so brav war, wie der Name klingt. Zwar stammten die Mitglieder aus bürgerlichen Kreisen, generelle Kapitalismuskritik lag den meisten fern, aber viele ausgesprochene Ziele waren durchaus revolutionär. Der Verein setzte sich nicht nur für die Bildung von Frauen, sondern auch für deren Erwerbstätigkeit ein. 1874 erschien als Vereinsorgan – offizielle Zeitungen von Frauen waren verboten – die „Hausfrauen-Zeitung“, die sich mit Fragen der gesunden Ernährung, Schutz vor verfälschten Lebensmitteln (so starben etliche Kinder an gestreckter Milch, deren Verwässerung durch Zugabe von schädlichen „Weißmachern“ vertuscht werden sollte), Kindererziehung, Hygiene und weiblicher Gesundheit, aber auch mit Bildungsfragen, Gleichberechtigung, Frauenerwerbstätigkeit und –wahlrecht beschäftigte.
Auch hier erntete Lina zunächst Hohn und Spott (aus den männlichen Redaktionen), schuf aber ein Erfolgsmodell. 1885 zählte die Zeitung bereits 70.000 Abonent:innen und erschien ununterbrochen bis 1907. Trotzdem geiferte etwa „Der Volksfreund“: »Frau Lina Morgenstern und Frau Maria Gubitz stünde der Kochlöffel viel besser an als der Redaktionsstift!«
Ein ungeheuer produktives Leben

Ca. 30 (teils kurzlebige) Vereine, etwa zur Unterstützung von alleinerziehenden Müttern, Dienstmädchen oder Prostituierten, über 30 Buchveröffentlichungen, die Volksküchen, der Hausfrauen-Verein und dessen Zeitung, dazu noch fünf Kinder – es wird einem fast schwindelig angesichts dieser Tatkraft und Entschlossenheit, zumal Lina Morgenstern immer wieder nicht nur als Frau, sondern auch als Jüdin scharf angegangen wurde. Für viele ihrer Projekte musste sie äußerst hartnäckig sein. So auch für den 1896 im Berliner Roten Rathaus stattfindenden Internationalen Frauenkongress, der trotz aller Widerstände schließlich 1700 Teilnehmerinnen aus In- und Ausland zählte. Lina lebte auch gesundheitlich immer am Limit. Persönliche Schicksalsschläge, etwa der Tod von zwei (erwachsenen) Kindern mussten verarbeitet werden. Theodor stand ihr immer zur Seite. 1909 erlag sie dann einer Influenza-Infektion. Theodor folgte ihr nur ein Jahr später.
Ich bin sehr froh, von Gerhard J. Rekel auf Lina Morgenstern aufmerksam gemacht worden zu sein. Seine sehr gut lesbare, auch unterhaltsame Biografie ist sehr bildhaft geschrieben und neben der Faktentreue, die die vielen Quellenangaben im Anhang belegen, kommt man der Person Lina Morgenstern sehr nahe. Ein wirklich tolles Buch, um eine spannende Frau des 19. Jahrhunderts wieder zu entdecken.
Beitragsbild: Berliner Volksküche 1868 by Hermann Scherenberg, Public domain, via Wikimedia Commons
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Gerhard J. Rekel – Lina Morgenstern. Geschichte einer Rebellin
Kremayr&Scheriau Mai 2025, Hardcover, 264 Seiten, 26,00 €







