Martin Mittelmeier – Heimweh im Paradies – Kurz vorgestellt

Einen ähnlichen Ansatz für eine erzählende Biografie wie Volker Weidermann mit Mann vom Meer und von diversen anderen Autoren wie beispielsweise Florian Illies oder Uwe Wittstock verfolgt auch der Literturwissenschaftler Martin Mittelmeier mit seinem Buch zum Thomas Mann-Jubiläumsjahr Heimweh im Paradies: anhand von locker zusammengefügten Episoden aus derem Leben, literarisch erzählt, umfassend recherchiert und in kleinen intimen Einblicken leicht fiktionalisiert wird ein thematisch und/oder zeitlich begrenztes Bild einer Person (oder einer Zeit) präsentiert.

Martin Mittelmeier wählt dafür die Exiljahre Thomas Manns in den USA zwischen 1938 und 1952. Von 1933 bis 1938 und dann wieder ab 1952 lebten die Manns in der Schweiz. Mit der Zunahme des Einflusses des Nationalsozialistischen Deutschlands in Europa, der sich zuspitzenden Aggression und der dadurch zunehmenden Kriegsgefahr, entschieden sich die Manns zur Übersiedlung zunächst nach Princeton und schließlich nach los Angeles. Neben der Liebe Thomas Manns zum Meer (siehe Volker Weidermanns Buch), war es vor allem die bereits an der Westküste lebende Exilgemeinde, die diesen Entschluss begründete. Bertholt Brecht, Lion Feuchtwanger, Arnold Schönberg, Theodor W. Adorno, Franz Werfel, Berthold Viertel, Aldous Huxley – das ganze Who-is-who der europäischen Exilgemeinde lebte in der Nähe. In Abendgesellschaften und Debatten tauschte man sich über die Lage in der alten Heimat aus.

Namedropping

Leider verfällt Martin Mittelmeier immer wieder in ein exzessives Namedropping, wenn er diese Treffen und Kontakte beschreibt. Er bewegt sich oft zu weit fort von Thomas Mann, kommt ihm damit leider nicht wirklich nahe. Im Gegensatz zum Buch von Volker Weidermann lernt man den Menschen Mann hier kaum besser kennen. Thomas Mann war privilegiert, wohlhabend, vereint mit seiner Familie, lebte auf einem herrlichen Anwesen von 4000 qm in Pacific Palisades, konnte seine Schreibroutine auch in der Ferne weitgehend aufrecht erhalten, sogar seinen geliebten Schreibtich überall mitnehmen. In den USA entstanden seine Werke „Doktor Faustus“ und „Joseph und seine Brüder“. Wirklich heimisch wurde er aber in den USA nie. Die Entwicklungen in Europa sorgten dafür, dass er zunehmend politisch und ein energischer Verfechter der Demokratie wurde, wie seine Reden Deutsche Hörer! und andere belegen. Auch diese Entwicklung kommt bei Martin Mittelmeier leider zu kurz. Dafür wird den Debatten und auch Auseinandersetzungen zwischen den exilierten Geistesgrößen eine große Rolle zugeteilt.

Das Instrumentalisieren seine Ruhms in etlichen Kommitees scheint Thomas Mann lästig gewesen zu sein. Seine immer kritischere Haltung zum deutschen Volk und dessen Unterwerfung unter die NS-Herrschaft war denjenigen, die an die Existenz des „guten“, nur unterjochten Deutschlands glauben wollten, ärgerlich.

Mich konnte das Buch mit seinem Namedropping, seiner oft spöttisch-distanzierten Art, die meist die typischen Mann-Stereotypen (kühl, spröde, abweisend, arrogant, verklemmt) bedient und immer wieder auch recht triviale Episoden einbaut nicht wirklich überzeugen. Ich fand es über weite Strecken einfach langweilig.

„Nach dem Essen geht er ins Arbeitszimmer. Thomas Mann setzt sich seine Brille auf und blättert in seinen Manuskripteblättern zu den ersten Kapiteln von „Doktor Faustus“, dann setzt er sich in den Lesesessel, lehnt sich zurück, kreuzt die Beine und beginnt. Mann ist ein guter Vorleser (…)“

Wer solche „Homestories“ mag, der liegt vielleicht auch hier richtig.

Martin Mittelmeier - Heimweh im Paradies

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Martin Mittelmeier – Heimweh im Paradies
Thomas Mann in Kalifornien
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 192 Seiten, € 23,00

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