Ich tue es eigentlich selten, aber hier muss ich damit anfangen: Über die Gestaltung eines Buches schreiben. Wie schön das Buch Oroppa von Safae El Khannoussi dem Hanser Verlag gelungen ist! Satte Farben in edlem Leinen. Wann hält man heute schon so ein sorgfältig hergestelltes Buch in der Hand? Der Debütroman der 1994 in Tanger geborenen Niederländerin hat in ihrem Heimatland schon wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hat und wurde vielfach preisgekrönt.
Es ist eine wilde, unübersichtliche, chaotische Geschichte, in die sich die Leserin erst langsam hineinfinden muss. Und auch wenn sich die Überfülle an Figuren, Geschichten, Anekdoten und Nebenhandlungen langsam an ihren Platz rücken, die Mosaiksteinchen sich zu einer Lebensgeschichte fügen, bleiben etliche Leerstellen. So wie die Person, um die sich Oroppa dreht und die im Prolog nach einer schweren bakteriellen Lungeninfektion quasi von den Toten aufersteht, den größten Teil des Romans eine Leerstelle darstellt.
Die verschwundene Salma
Salomé (Salma) Abergel ist eine arabisch-jüdische Künstlerin Mitte 60, ehemalige Aktivistin in Marokko, deren Engagement in den Folterkellern des in den 1970ern und 1980ern seine politischen Gegner unerbittlich verfolgenden König Hassan II. bestraft wird. Interessanterweise habe ich gerade in Leila Slimanis Familienroman Trag das Feuer weiter über dieselbe Zeit gelesen. Im Gefängnis entdeckt Salma das Malen für sich und als sie freikommt, flüchtet sie nach Amsterdam und wird zur anerkannten Künstlerin. Zu ihrem in Haft geborenen Sohn Irad wird sie nie eine wirkliche Beziehung aufbauen können. Er lebt später als Kneipenbetreiber in einem fiktiven, mystischen 21. Pariser Arrondissement, Ort der Heimatlosen, der Verstoßenen.
Hier ereilt ihn die Nachricht, dass Salma verschwunden ist. Nicht nur er sucht nun nach ihr, auch ihre niederländische Galeristin Hannah Melger, auch sie Jüdin und Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, fahndet nach ihr, steht doch eigentlich eine große Ausstellung ihrer Bilder an. Diese sind aber genau wie Salma unauffindbar. Wir erfahren, dass sie im Keller ihres Hauses lagern. Der Restaurantbesitzer Hbib Lebyard ist eingeweiht und beauftragt seine Angestellte Hind el Arian, das Haus du die Bilder zu hüten.
Eine Fülle an Charakteren
Das sind noch nicht alle Figuren die in Erscheinung treten. Eine weitere zentrale ist noch Yousuf Slaoui, ehemaliger Folterknecht und Peiniger Salmas, der ebenfalls in Amsterdam lebt und Salma eines Tages zufällig über den Weg läuft. Von Reue keine Spur, aber von sehr viel Selbstmitleid, leidet er doch an einer unheilbaren Krebserkrankung und hat nicht mehr lang zu leben. Über seine Passagen erfahren wir viel über die jüngere marokkanische Geschichte.
Den Inhalt von Oroppa von Safae El Khannoussi wiederzugeben ist nicht ganz einfach, denn er ist einfach überbordend. Gerade am Anfang ist es ziemlich schwer, weder den Überblick noch den Faden zu verlieren. Zeitsprünge und Ortswechsel tragen zu dem Verwirrspiel zusätzlich bei. Erst ganz allmählich entwickelt sich daraus die Lebensgeschichte Salmas. Angefügt werden die „Angsthefte“, neun Fragmente, die weitere Geschichten erzählen. Wenn man sich dem Erzählfluss hingibt, der einen nach Amsterdam, Paris, Casablanca und Tunis führt, ergibt sich allmählich eine durchaus lohnende Lektüre. Oroppa, die lautmalerische arabische Bezeichnung für Europa, Kontinent der Sehnsucht und der Enttäuschung, versinnbildlicht den Blick aus kritischer Entfernung. Eine gewisse Distanz und Verlorenheit bleibt trotz oder gerade wegen der Virtuosität und zeitweiligen Drastik, mit der hier erzählt wird, bei der Leserin bestehen.
Beitragsbild: Casablanca by SpreeTom, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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Safae El Khannoussi – Oroppa
Übersetzt aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Hanser Februar 2026, gebunden, 352 Seiten, € 26,00







