Navid Kermanis schmales Buch Sommer 24 ist als Roman etikettiert, was für mich nur sehr entfernt zutrifft. Es ist zudem in meinen Augen ein höchst kontroverser Text und für mich teilweise auch etwas problematisch. Ich habe es dennoch mit Gewinn gelesen, könnte mir aber vorstellen, dass viele Leser:innen es wütend zur Seite legen (falls sie es überhaupt erst zur Hand nehmen, wozu ich unbedingt rate).
Hier erzählt der vielgescholtene „alte“ – wegen Kermanis iranischer Wurzeln aber nicht „weiße“ – Mann über Irritationen, die ihn im Sommer 2024 ereilt haben. Ich lehne den Begriff „alter, weißer Mann“ eigentlich ab, aber leider kam er mir bei der Lektüre sofort in den Sinn. Hier hadert ein deutlich privilegierter Mann um die 60 mit der Welt, seiner Umgebung und sich selbst. Und es gibt ja tatsächlich viel zum Hadern in dieser Zeit. Es ist vor allem die gesellschaftliche Spaltung, die er thematisiert und die erschreckend voranschreitet. Im Sommer 2024 waren es vor allem vier Ereignisse für den Erzähler – Schriftsteller wie Kermani und ganz sicher ein Alter Ego -, die besonders prägend waren.
Da war zum einen der Freitod durch assistierte Sterbehilfe seines alten Bekannten, des Galeristen Rudolf Meyer, mit dem er schon immer intelektuelle Debatten ausgefochten hat. Zuletzt ist der Altlinke politisch immer weiter nach rechts abgedriftet, besonders in der Migrationsfrage, wurde zum AfD-Anhänger und sprach in einer Rede sehr herabwürdigend von Kindern, die durch Reproduktionsmedizin gezeugt wurden. Hinter Meyer scheint Kermanis 2023 verstorbene Kollegin und Freundin Sibylle Lewitscharoff auf.
Vergewaltigung?
Zum zweiten ist es die Beschuldigung einer Frau, die ihm vor mehr als 20 Jahren bei einer Kneipenbekanntschaft von ihrer Vergewaltigung kurz zuvor erzählt hat, und die der Erzähler später in einer Erzählung verfremdet veröffentlicht hat. Sie wirft ihm vor, sie dadurch erneut vergewaltigt zu haben. Ein Vorwurf, der den Erzähler verständlicherweise tief aufwühlt, zumal er sich selbst als „Feministen“ sieht.
Das dritte Ereignis ist die Hochzeit der Tochter eines alten Schulfreundes. Auf der griechischen Insel Hydra feiert sie oppulent und äußerst kostspielig die Vermählung mit einem Senegalesen – vermeintlich multikulti und so weltoffen, bewundert vom Erzähler, der darin eine freundliche Utopie sieht. Dass sich hier nur das vermögende Bildungsbürgertum, auch das senegalesische, selbst feiert, wird kaum problematisiert. Zumindest wird die Anreise der Gästeschar mit Flugzeugen unter Klimaschutz-Gesichtspunkten etwas kritisiert. Brautvater Olaf ist der klassische (Klischee)Linke und mittlerweile fanatischer Israel-Hasser und Palästina-Unterstützer.
Ein vierter Punkt ist eine den Erzähler stark berührende, kurz zuvor erfolgte Reportagereise in die kriegsgeplagten Krisenregion Tigray. Dabei besucht er, wie auch Kermani 2023, eine Neugeborenenstation.
Viele aktuelle Themen
MeToo und Femnismus, Rechtsruck und AfD, Migration und Trump, dazu Ukrainekrieg und Israel-Palästina, ein wenig Thomas Mann und Antonin Artaud – viele aktuelle Themen und allgemeine Verunsicherungen werden angesprochen und durchdacht. Einige Punkte sind für mich ziemlich problematisch, zumal der Erzähler auch leicht im Selbstmitleid zu versinken droht. Meist fängt er sich aber rechtzeitig und stellt die eigenen Positionen in Frage, ringt mit ihnen, benennt Widersprüche und hält sie aus. Immer ist er offen für eine Selbstkorrektur der eigenen Sichtweise – eine heute selten anzutreffende Tugend. Es werden viele kluge Dinge gesagt (und einige ziemlich reaktionäre), über die man zumindest mal nachdenken kann. Das ist intelligent und anregend, wenn auch manchmal etwas formlos. Einen Romanplot zumindest darf man nicht erwarten.
Zitat Klappentext: „Wie soll man sich orientieren in einem Leben, dessen Koordinaten nicht mehr zu stimmen scheinen. Geht das vorüber? Oder beginnt nun eine Zeit, in der wir grundsätzlich neu über uns nachdenken müssen?“
Beitragsbild: Thomas Kohler ( CC BY 2.0 ) via Flickr
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Navid Kermani – Sommer 24
Hanser Verlag Februar 2026, Hardcover, 160 Seiten, 23,00 €







