„Ein Roman über Liebe und Kybernetik“ verspricht der Klappentext und irritiert hoffentlich im besten Sinn und macht neugierig. Kybernetik, was war das noch gleich? Kybernetik beschäftigt sich mit der Regulation von komplexen Systemen. Neben komplizierten Maschinen ist der menschliche Körper ein solches System, aber weiter gedacht auch Gesellschaften, generell Beziehungen zwischen Lebewesen. Meist geschieht diese Regulierung über einen Regelkreis, den Vergleich von Soll- und Ist-Werten und der Aktivierung von Regelmechanismen, wenn diese voneinander abweichen. Das Herz ist eines der Organe, die sich (zumindest in begrenztem Umfang) selbst regulieren können. Aber funktioniert eine solche Selbstregulation auch in Gesellschaften? Der Neoliberalismus würde sagen: Ja. Den Konterpart könnte die sozialistische Planwirtschaft einnehmen, die nicht nur wirtschaftliche Systeme zentral regeln will. Peggy Mädler schaut sich diesen Dualismus in ihrem neuen Roman Selbstregulierung des Herzens genau an. Und das auf hinreißende, gar nicht technokratisch trockene Art und Weise.
Mentalitätsgeschichte einer Generation
Eine Gruppe von Menschen steht im Mittelpunkt des Romans, der von 1960 bis 2023 zunächst aus der DDR, dann aus dem wiedervereinigten Deutschland erzählt. Der Schwerpunkt liegt allerdings in der Zeit um 1989 und auf Georg, seiner ersten Frau Helga, auf Mona und Konrad, die jeweils sich unregelmäßig abwechselnde Kapitel erhalten, in denen in der 3. Person von ihnen erzählt wird. Sie alle sind den 1940ern geboren, was Selbstregulierung des Herzens auch zur Mentalitätsgeschichte einer Generation macht.
Georg stammt aus einer Arbeiterfamilie und wird wegen herausragender schulischer Leistungen, besonders in Mathematik, 1960 „zum Studium delegiert“. Ökonomie – schon sehr früh interessieren Georg aber die Rechensysteme und die elektronische Datenverarbeitung. Er lernt programmieren, beschäftigt er sich damit, wie sich Maschinen steuern lassen, trifft auf Fragestellungen der Kybernetik. Systeme müssen auf Feedback eingehen, um auf Störungen im System zeitnah und effizient reagieren zu können. Sehr bald ist ihm klar, dass das eine strikte Planwirtschaft nicht leisten kann. Direkt nach dem Bau der Mauer 1961 war die DDR-Führung für solche innenpolitischen, wirtschaftlichen Ideen vergleichsweise offen. Das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖSPL) von 1963 sah eine gewisse Selbstregulierung der Produktionssysteme vor, also eine Flexibilisierung der Planwirtschaft zur Ertragssteigerung. Das untergrub allerdings den absoluten Machtanspruch der SED und wurde 1971 von Erich Honecker zurückgenommen.
Freiheit und Planwirtschaft
Die Freunde Georg, Roland und Marlies stehen nicht nur der Planwirtschaft kritisch gegenüber. In einem kleinen Dorf bei Berlin finden sie in einem renovierungsbedürftigen Bungalow im Wald eine Art Rückzugsort, eine Nische im System, wo sie sich freier fühlen als in Berlin. Eine Datsche, wie sie für viele DDR-Bürger:innen Zufluchtsort aus dem Alltag war. Auch die Malerin Mona und ihr Partner Konrad haben sich hier im Dorf ein zweites Zuhause geschaffen, das ihnen mehr Freiheiten bietet. Während Marlies aber auf eine Veränderung des Systems von innen setzt, flieht ihr Geliebter Roland unangekündigt in den Westen. Dass die ganze „Kolonie“ unter Stasi-Überwachung stand, erfahren sie erst nach dem Ende der DDR.
Georg heiratet die Chemiefacharbeiterin Helga. Es wird keine glückliche Ehe. Helga fremdelt mit dem Freundeskreis Georgs und eigentlich auch mit dem stillen, introvertierten Georg. Nach der Scheidung heiratet er die Krankenschwester Annelie.
Kontrolle und Freiheit, Plan und Selbstbestimmung – darum geht es in Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler nicht nur in wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Hinsicht. Auch auf persönlicher, auf Beziehungsebene greift die Kybernetik. Impuls und Störung, Feedback und Gegenregulation. Es ist faszinierend und großartig, wie Peggy Mädler diese Aspekte immer wieder neu beleuchtet in ihrer Geschichte, die so gar nicht theoretisch ist. Das alles ist sehr elegant eingearbeitet. Toll konstruiert und auch sprachlich sehr fein: Ein weiteres Lesehighlight.
Beitragsbild: Collage aus Boleslav Telichan’s family at summer house, RIA Novosti archive, image #487609 / V. Lozovskiy, CC BY-SA 3.0, und Chemnitz 1975 by Eugen Nosko Deutsche Fotothek, CC BY-SA 3.0 DE, beide via Wikimedia Commons
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Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens
Galiani-Berlin Februar 2026, gebunden, 304 Seiten, € 23,00







