Annie Ernaux – Der Platz

Spät wurde sie hier bei uns in Deutschland entdeckt und so langsam wird ihr der gebührende Platz am Literarischen Himmel, den sie im Heimatland Frankreich schon lange einnimmt, auch hier eingeräumt: Annie Ernaux, Jahrgang 1940, ist seit ihrer 2017 auf Deutsch (mit neun Jahren Verspätung) erschienenen Autobiografie „Die Jahre“ auch hierzulande eine Bestsellerautorin, hochgelobt von der Kritik und geliebt von den Leser*innen. Ein wenig hat sicher der Erfolg von Autoren wie Édouard Louis und Didier Eribon, die beide Bewunderer Ernauxs sind, und auch der 2017 erfolgte Gastlandauftritt Frankreichs bei der Frankfurter Buchmesse beigetragen. Es ist zumindest sehr zu begrüßen, dass sich der Suhrkamp Verlag daraufhin zur (Wieder)Veröffentlichung älterer Werke (in hoffentlich noch größerer Zahl) entschlossen hat. Der Erfolg ihres neuesten Werks „Erinnerung eines Mädchens“ im letzten Jahr wird das sicher unterstützen.

Nun also ein kleines, ein ausgesprochen feines Büchlein (95 Seiten), das bereits 1983 erschien und 1984 den angesehenen Prix Renaudot erhielt. Weiterlesen „Annie Ernaux – Der Platz“

John Wray – Gotteskind

John Wray, 1971 geborener Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, hat mit „Gotteskind“ einen hochbrisanten Roman geschrieben, seinen fünften bereits.

Für eine geplante Reportage reiste der Autor 2015 nach Afghanistan. Die Lage vor Ort erwies sich allerdings als zu schwierig, so dass er, einmal dort, einer anderen Idee nachging, nämlich der eines Buchs über den „amerikanischen Taliban“ John Walker Lindh, der im Alter von 16 zum Islam konvertierte und 2001 bis zu seiner Verhaftung auf Seiten der Taliban kämpfte. Im Rahmen seiner Recherchen hörte er Gerüchte über ein amerikanisches Mädchen, das sich ebenfalls auf Seiten der Gotteskrieger kämpfte. Überprüfen ließ sich das Gerücht nicht, John Wray nahm es als Inspiration für den vorliegenden Roman. Weiterlesen „John Wray – Gotteskind“

Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen

Noch deutlicher als vielleicht der deutsche Titel „Worauf wir hoffen“ verrät der Originaltitel, um was sich der bemerkenswerte Debütroman der Amerikanerin mit indischen Wurzeln Fatima Farheen Mirza dreht: „A place for us“.

Auf die eine oder andere Weise suchen alle Figuren des Romans ihren Platz – innerhalb der Familie, der Gesellschaft, dem Glauben.

Die Protagonisten, das sind die Eltern Rafik und Laila, die aus Indien nach Kalifornien auswanderten, Rafik, weil er dort beruflich vorankommen konnte, Laila, weil sie, wie zumindest in früheren Zeiten sehr üblich und weit verbreitet, aus ihrer Heimat Hyderabad heraus mit dem aussichtsreichen Mann in den USA verheiratet wurde. Das Paar durfte sich vor der Hochzeit zumindest kennenlernen, etwas, das ihren Eltern noch verwehrt wurde. Die beiden bekommen drei Kinder, Hadia, Huda und Amar.

Die Familie führt ein typisches Immigrantenleben, das geprägt ist durch Bemühungen um sozialen Aufstieg, berufliches Vorankommen und materielle Sicherheit. Gleichzeit sind Rafik und Laila streng gläubige Muslime, die ihren Glauben auch in der neuen Heimat intensiv praktizieren. Auch alte Traditionen werden hochgehalten, sei es die Muttersprache Urdu, sei es die traditionelle Rolle der Frau oder die strengen Sitten. So sind Tabak und Alkohol tabu, der Hijab für Frauen Pflicht und Sittsamkeit und Tugendhaftigkeit für Frauen die wichtigsten Werte. Weiterlesen „Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen“

Marko Dinić – Die guten Tage

Ein Bus auf dem Weg von Salzburg über Wien nach Belgrad. Drinnen Männer und Familien, die eine günstige Reisemöglichkeit nach Serbien brauchen. Ein „Gastarbeiterexpress“ rollt durch die ungarische Tiefebene. Einer der Fahrgäste ist der namenlose Ich-Erzähler, manche nennen ihn Švabo, den „Deutschsprachigen“, der in Belgrad aufgewachsen ist, seiner Heimat aber in jungen Jahren den Rücken gekehrt hat. Es war die Zeit nach den Jugoslawienkriegen der Neunziger Jahre, diesem erschütternden Zerfall eines europäischen Staates in Hass, Gewalt und Nationalismus. Davon erzählt Marko Dinić in Die guten Tage. Weiterlesen „Marko Dinić – Die guten Tage“

Pierre Lemaitre Die Farben des Feuers

Bald nach dem großen Erfolg von „Wir sehen uns dort oben“ (Au revoir la haut), das 2013 in Frankreich den renommierten Prix Goncourt erhielt, war klar, dass Pierre Lemaitre damit nur den ersten Band einer geplanten Trilogie vorlegte, die „Trilogie de l’entre deux-guerres“. Umfasste dieser erste Teil die Zeit um den ersten Weltkrieg, so beginnt der nun vorliegende zweite, Die Farben des Feuers (Les couleurs de l´incendie), im Jahr 1927 mit dem Tod des Bankiers und Familienpatriarchen Marcel Péricourt. Weiterlesen „Pierre Lemaitre Die Farben des Feuers“

Sarah Moss – Gezeitenwechsel

Die 1975 in Glasgow geborene Autorin Sarah Moss ist hier in Deutschland, auch wenn fast alle ihrer Romane in Übersetzungen von Nicole Seifert vorliegen, nahezu unbekannt und selbst The Times spricht von ihr als wohl eine der am meisten unterschätzten zeitgenössischen Autor*innen Großbritanniens. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich thematisch nicht leicht einordnen lässt. Frauen stehen im Mittelpunkt ihrer Romane, oft mit historischem Hintergrund. Für ihre Promotion beschäftigte Moss sich mit Literatur der englischen Romantik, auch das schlägt sich nieder, und es geht oft um Alltägliches. Mich hat „Gezeitenwechsel“, der jüngst von Sarah Moss auf Deutsch erschienene Roman, sehr neugierig gemacht auf ihre anderen Werke. In Großbritannien ist bereits ein neues Buch, „Ghost Wall“ erschienen, das sehr positive Kritiken erhielt. Weiterlesen „Sarah Moss – Gezeitenwechsel“

Susan Hill – Stummes Echo

Das Leben ist rau und einfach im Farmhaus auf dem Beacon, in einem abgelegenen, düsteren Teil Nordenglands. John und Bertha Prime übernahmen die Farm von Johns Eltern, ein wenig Land, Milchkühe, Schweine, Schafe, Hühner. Einfache, anständige, hart arbeitende Menschen, denen viele Worte fremd sind. Das Leben ist einförmig, aber nicht unglücklich. Im ersten Sommer liegt Bertha dreizehn Stunden in den Wehen, weil alle auf dem Feld sind, das Kind lebt nur eine halbe Stunde. Das zweite ist eine Todgeburt. Es wird wenig Aufhebens gemacht, darüber gesprochen schon gar nicht. Vier weitere Kinder kommen gesund auf die Welt. Colin, Frank, May und Berenice verbringen eine unbeschwerte, recht glückliche Kindheit auf „The Beacon“. Zumindest erinnert es May so. Und so erzählt Susan Hill in „Stummes Echo“ davon. Weiterlesen „Susan Hill – Stummes Echo“

Alice Zeniter – Die Kunst zu verlieren

Als „Harki“ werden die Algerier bezeichnet, die einst im (Militär)Dienst der französischen Regierung standen. Sie gelten in Algerien als Kollaborateure. Denn nach der Entlassung in die Unabhängigkeit 1962, nach acht Jahren blutigem Krieg mit der FLN, der Front de Libération Nationale, der in Frankreich lange Zeit nur als „Konflikt“ bezeichnet wurde und dessen Aufarbeitung erst in den Neunziger Jahren begann (seit 1999 ist offiziell von „Krieg“ die Rede), galten die Harkis als Landesverräter, die verfolgt, gefoltert und massenweise getötet wurden. Die sehr disparaten Zahlen gehen von 150.000 bis 200.000 Harkis aus, von denen geschätzt mehrere Zehntausend getötet wurden – oft auf unvorstellbar grausame Weise. Von ihnen erzählt Alice Zeniter in „Die Kunst zu verlieren“. Weiterlesen „Alice Zeniter – Die Kunst zu verlieren“

Preti Taneja – Wir die wir jung sind

King Lear in Bollywood – ein spannender Ansatz. Gerade Indien, immer wieder im Fokus durch Raubtierkapitalismus, erschreckenden Umgang mit seiner weiblichen Bevölkerung, das Kastenwesen, die tiefe gesellschaftlichen Spaltung und die Verbundenheit mit Traditionen, Mythen, Religionen bei gleichzeitig rasant fortschreitender Modernisierung bietet einen idealen Schauplatz für eine moderne Fassung des jahrhundertealten Tragödienstoffs von Shakespeare. Immer wieder gibt er mehr oder weniger gelungene Adaptionen des Stücks, unlängst auch im Rahmen des Hogarths Shakespeare Projects ( ). Oft erschöpfen diese sich in einer Nacherzählung mit bloßen Anpassung an moderne Zeiten. Selten gelingen sie so überzeugend wie bei Preti Taneja in Wir die wir jung sind. Weiterlesen „Preti Taneja – Wir die wir jung sind“

Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

Frühjahr und Sommer 1969 – Mondlandung, Kalter Krieg, Nachwehen der Studentenproteste, fortdauernder Vietnamkrieg, Woodstock und ein wenig ziehen auch Nachbeben des Summer of love hinein ins BRD-Biedermeier. Wie oft hat man nicht schon darüber gelesen. Besonders über Kinder, vornehmlich Jungs, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden standen. (Unlängst schrieb Matthias Brandt mit „Raumpatrouille“ einen beglückenden Roman darüber). Und doch schreibt Ulrich Woelk mit Der Sommer meiner Mutter die Geschichte auch neu.

Die Autoren greifen dabei oft tief in die Mottenkiste der Schwarz-Weiß-Fernseher und Samstagabendshows, zu Nylonkleidern und Batikblusen, zu E605 und fröhlicher Zigarettenwerbung, zur Panorama-Fensterfront und abwaschbaren Einbauküchen. Dazu singen die Doors und Janis Joplin. Weiterlesen „Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter“