Pierre Lemaitre Die Farben des Feuers

Bald nach dem großen Erfolg von „Wir sehen uns dort oben“ (Au revoir la haut), das 2013 in Frankreich den renommierten Prix Goncourt erhielt, war klar, dass Pierre Lemaitre damit nur den ersten Band einer geplanten Trilogie vorlegte, die „Trilogie de l’entre deux-guerres“. Umfasste dieser erste Teil die Zeit um den ersten Weltkrieg, so beginnt der nun vorliegende zweite, Die Farben des Feuers (Les couleurs de l´incendie), im Jahr 1927 mit dem Tod des Bankiers und Familienpatriarchen Marcel Péricourt. Weiterlesen „Pierre Lemaitre Die Farben des Feuers“

Sarah Moss – Gezeitenwechsel

Die 1975 in Glasgow geborene Autorin Sarah Moss ist hier in Deutschland, auch wenn fast alle ihrer Romane in Übersetzungen von Nicole Seifert vorliegen, nahezu unbekannt und selbst The Times spricht von ihr als wohl eine der am meisten unterschätzten zeitgenössischen Autor*innen Großbritanniens. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich thematisch nicht leicht einordnen lässt. Frauen stehen im Mittelpunkt ihrer Romane, oft mit historischem Hintergrund. Für ihre Promotion beschäftigte Moss sich mit Literatur der englischen Romantik, auch das schlägt sich nieder, und es geht oft um Alltägliches. Mich hat „Gezeitenwechsel“, der jüngst von Sarah Moss auf Deutsch erschienene Roman, sehr neugierig gemacht auf ihre anderen Werke. In Großbritannien ist bereits ein neues Buch, „Ghost Wall“ erschienen, das sehr positive Kritiken erhielt. Weiterlesen „Sarah Moss – Gezeitenwechsel“

Susan Hill – Stummes Echo

Das Leben ist rau und einfach im Farmhaus auf dem Beacon, in einem abgelegenen, düsteren Teil Nordenglands. John und Bertha Prime übernahmen die Farm von Johns Eltern, ein wenig Land, Milchkühe, Schweine, Schafe, Hühner. Einfache, anständige, hart arbeitende Menschen, denen viele Worte fremd sind. Das Leben ist einförmig, aber nicht unglücklich. Im ersten Sommer liegt Bertha dreizehn Stunden in den Wehen, weil alle auf dem Feld sind, das Kind lebt nur eine halbe Stunde. Das zweite ist eine Todgeburt. Es wird wenig Aufhebens gemacht, darüber gesprochen schon gar nicht. Vier weitere Kinder kommen gesund auf die Welt. Colin, Frank, May und Berenice verbringen eine unbeschwerte, recht glückliche Kindheit auf „The Beacon“. Zumindest erinnert es May so. Und so erzählt Susan Hill in „Stummes Echo“ davon. Weiterlesen „Susan Hill – Stummes Echo“

Alice Zeniter – Die Kunst zu verlieren

Als „Harki“ werden die Algerier bezeichnet, die einst im (Militär)Dienst der französischen Regierung standen. Sie gelten in Algerien als Kollaborateure. Denn nach der Entlassung in die Unabhängigkeit 1962, nach acht Jahren blutigem Krieg mit der FLN, der Front de Libération Nationale, der in Frankreich lange Zeit nur als „Konflikt“ bezeichnet wurde und dessen Aufarbeitung erst in den Neunziger Jahren begann (seit 1999 ist offiziell von „Krieg“ die Rede), galten die Harkis als Landesverräter, die verfolgt, gefoltert und massenweise getötet wurden. Die sehr disparaten Zahlen gehen von 150.000 bis 200.000 Harkis aus, von denen geschätzt mehrere Zehntausend getötet wurden – oft auf unvorstellbar grausame Weise. Von ihnen erzählt Alice Zeniter in „Die Kunst zu verlieren“. Weiterlesen „Alice Zeniter – Die Kunst zu verlieren“

Preti Taneja – Wir die wir jung sind

King Lear in Bollywood – ein spannender Ansatz. Gerade Indien, immer wieder im Fokus durch Raubtierkapitalismus, erschreckenden Umgang mit seiner weiblichen Bevölkerung, das Kastenwesen, die tiefe gesellschaftlichen Spaltung und die Verbundenheit mit Traditionen, Mythen, Religionen bei gleichzeitig rasant fortschreitender Modernisierung bietet einen idealen Schauplatz für eine moderne Fassung des jahrhundertealten Tragödienstoffs von Shakespeare. Immer wieder gibt er mehr oder weniger gelungene Adaptionen des Stücks, unlängst auch im Rahmen des Hogarths Shakespeare Projects ( ). Oft erschöpfen diese sich in einer Nacherzählung mit bloßen Anpassung an moderne Zeiten. Selten gelingen sie so überzeugend wie bei Preti Taneja in Wir die wir jung sind. Weiterlesen „Preti Taneja – Wir die wir jung sind“

Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

Frühjahr und Sommer 1969 – Mondlandung, Kalter Krieg, Nachwehen der Studentenproteste, fortdauernder Vietnamkrieg, Woodstock und ein wenig ziehen auch Nachbeben des Summer of love hinein ins BRD-Biedermeier. Wie oft hat man nicht schon darüber gelesen. Besonders über Kinder, vornehmlich Jungs, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden standen. (Unlängst schrieb Matthias Brandt mit „Raumpatrouille“ einen beglückenden Roman darüber). Und doch schreibt Ulrich Woelk mit Der Sommer meiner Mutter die Geschichte auch neu.

Die Autoren greifen dabei oft tief in die Mottenkiste der Schwarz-Weiß-Fernseher und Samstagabendshows, zu Nylonkleidern und Batikblusen, zu E605 und fröhlicher Zigarettenwerbung, zur Panorama-Fensterfront und abwaschbaren Einbauküchen. Dazu singen die Doors und Janis Joplin. Weiterlesen „Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter“

Barbara Honigmann – Georg

Barbara Honigmann schreibt über ihren Vater Georg. Fünfzehn Jahre nachdem sie sich in „Ein Kapitel meines Lebens“ ihrer Mutter genähert hatte. Diese ist vor allem als Ehefrau des britisch-sowjetischen Doppelspions Kim Philby bekannt, der als Vorbild für John le Carrés „Dame, König, Ass, Spion“ diente und die junge österreichische Kommunistin 1934 in Wien heiratete und dadurch dem Zugriff des austrofaschistischen Regimes entzog. In London lernte sie den Journalisten Georg Honigmann kennen, der dort durch eine glückliche Fügung seit 1931 als Korrespondent der Vossischen Zeitung tätig war. In Deutschland wäre er als aus einer assimilierten jüdischen Familie stammend Ziel der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geworden. Vielen Mitgliedern seiner aus Breslau und Darmstadt stammenden Familien gelang die Flucht ebenso. Weiterlesen „Barbara Honigmann – Georg“

Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

Der junge Édouard Louis, Jahrgang 1992, ist in Frankreich und auch bei uns in Deutschland mit seinen bisherigen zwei eher schmalen Romanen ein Bestseller- und fast so etwas wie ein Kultautor geworden. Louis kommt von „ganz unten“, ein Arbeitersohn aus der französischen Provinz, der ähnlich wie sein Kollege Didier Éribon und auch Annie Ernaux versucht, diese Herkunft und ihre Auswirkungen auf die Lebenswege zu untersuchen und zu beleuchten. Dabei ist ihnen nicht nur der autobiografische Hintergrund, sondern auch die soziologisch geprägte, sehr analytische Herangehensweise gemeinsam. Sie alle treibt um, wie die Herkunft und die gesellschaftliche Prägung die Menschen am Fuß der sozialen Leiter – neuerdings spricht man gern von den „Abgehängten“ – in die Arme von Rechtspopulisten, zu rassistischen, frauen- und fremdenfeindlichen Positionen treiben. Nun legt Édouard Louis seinen dritten Roman vor, Wer hat meinen Vater umgebracht? Weiterlesen „Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht“

Ford Maddox Ford – Die allertraurigste Geschichte

Es ist eine in vieler Hinsicht merkwürdige Geschichte, die da erzählt wird. Ob sie auch die „allertraurigste“ ist, wie der Titel ankündigt und der Erzähler beteuert, muss am Ende der Leser entscheiden. Ein zu Unrecht ein wenig vergessener moderner Klassiker ist Die allertraurigste Geschichte von Ford Maddox Ford auf jeden Fall.

„Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe. Neun Jahre hindurch hatten wir während der Kursaison in Bad Nauheim mit den Ashburnhams in der größten Vertrautheit verkehrt – oder vielmehr in einem Verhältnis zu ihnen gestanden, das so lose und unbeschwert und doch so eng war wie das eines guten Handschuhs mit Ihrer Hand. Meine Frau und ich kannten Hauptmann und Mrs. Ashburnham so gut, wie man jemanden nur kennen kann, und doch wussten wir auch wieder gar nichts von ihnen.“

Viele namhafte Schriftsteller, wie Graham Greene, William Carlos Williams, Ian McEwan und Julian Barnes, von dem ein kurzer Essay der vorliegenden Ausgabe als Nachwort beigefügt wurde, nennen den 1915 veröffentlichten Roman „Die allertraurigste Geschichte“ (Original „The Good Soldier“) einen der bedeutendsten und gleichzeitig fast vergessenen, zumindest zu gering geachteten englischen Romane des 20. Jahrhunderts. Genauso wie seinen Autoren Ford Maddox Ford (1873-1939). Weiterlesen „Ford Maddox Ford – Die allertraurigste Geschichte“

Dörte Hansen – Mittagsstunde

Dörte Hansen ist mit Mittagsstunde ein hinreißender Dorfroman gelungen, spöttisch, liebevoll, berührend.

„Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen. »De Welt geiht ünner«, sagte Marret Feddersen und sah die Zeichen überall. Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten. Ihre Blätter wurden plötzlich gelb, die Kronen kahl, im Juni schon. Sie standen noch ein Jahr wie abgedankte Könige. Dann kam Karl Martensen mit seinen Leuten, und ihre Motorsägen kreischten lange, bis sie die Ulmenstämme auf dem Wagen hatten. Hartes Holz, das ewig trocknen musste, bis man es hobeln oder fräsen konnte. Marret kam, sie holte sich ein Stück der grauen Borke ab und eine Handvoll Ulmenfrüchte, dann ging sie wieder durch das Dorf, von Tür zu Tür, wie sie es immer tat, wenn sie ein Zeichen sah: »De Welt geiht ünner.«“

Wenn auch ganz anders als von der leicht ver-rückten Marret immer wieder angekündigt, geht im Roman von Dörte Hansen „Mittagsstunde“ tatsächlich eine Welt unter. Es ist der Untergang des Dorfes in Deutschland, hier des fiktiven nordfriesischen Dorfs Brinkebüll, der damit verbundenen Verlust von dörflichem Leben und der gesellschaftliche Wandel, der damit einhergeht, von dem die Autorin, die aus einem ebensolchen Dorf in Norddeutschland stammt, hier erzählt. Weiterlesen „Dörte Hansen – Mittagsstunde“