Katharine Dion – Die Angehörigen

„The dependents“, so der Originaltitel des Romans der jungen amerikanischen Autorin Katharine Dion. Mehr noch als die deutsche Entsprechung Die Angehörigen schwingt dort etwas mit, das man manchmal gerne eher verdrängen möchte, das aber in irgendeiner Form immer vorhanden ist, besonders, wenn die Menschen, denen man „angehört“, sehr nahe stehen: die Abhängigkeit. Nicht so sehr eine materielle, sondern eine emotionale Abhängigkeit, in der man sich befindet. Und die beim Verlust dieses Menschen eine schwer zu füllende Lücke hinterlässt. Weiterlesen „Katharine Dion – Die Angehörigen“

Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe

Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe – mehr als ein viktorianischer Schauerroman

London, 1923. Der Große Krieg ist mehr als vier Jahre vorbei, aber die Gräuel sind noch lange nicht vergessen. Auch Peter Vane, ein junger Wissenschaftler, ist tief traumatisiert. Besonders den Verlust seines Kameraden Finley hat er nicht verwunden. Dieser gilt seit einer Verletzung an der Front als vermisst und gab ihm kurz vor seinem Verschwinden eine kleine Daguerrographie, die ein Mädchen darstellt und die Peter zu einer Art Talisman geworden ist. Weiterlesen „Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe“

Siri Hustvedt – Damals

Eine fein gezeichnete nackte Frau fliegt mit weit ausgebreiteten Armen und emporgerecktem Gesicht in einen orangenen Himmel, in der rechten Hand hält sie ein Springmesser. Im Hintergrund ist das Empire State Building zu erkennen. Eine der zwölf äußerst gekonnten Zeichnungen der Autorin ziert das Cover des neuen Romans von Siri Hustvedt. (Dieser erscheint, wie in letzter Zeit immer wieder, zuletzt bei T.C.Boyle, in der deutschen Übersetzung vor der amerikanischen Originalausgabe, auf deren Cover die besagte fliegende Dame in einem lustigen Outfit unterwegs ist – amerikanische Prüderie lässt grüßen) Weiterlesen „Siri Hustvedt – Damals“

Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Es gibt Bücher, da weiß man bereits nach wenigen Sätzen: „Ja, das könnte was werden, das scheint zu passen.“ (Hin und wieder wird man dann dennoch enttäuscht.) Bei Daniela Krien und ihrem von fast allen Seiten hochgelobtem Roman Die Liebe im Ernstfall kam mir dagegen bereits auf Seite 18 der Verdacht, dass wir keine Freunde werden würden. Weiterlesen „Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall“

Dilek Güngör – Ich bin Özlem

Dilek Güngör – Ich bin Özlem

„Ich bin Özlem. Meine Eltern kommen aus der Türkei.“

Obwohl Özlem nur wenige Urlaube in der Türkei verbracht hat, sie wenig mit der türkischen Kultur und noch weniger mit dem islamischen Glauben verbindet, einen deutschen Ehemann und zwei Kinder mit nicht-türkischen Namen hat, dazu deutsche Freunde, einen deutschen Pass und eine komplett deutsche Sozialisation – immer wieder taucht er auf, der sogenannte „Migrationshintergrund“. Weiterlesen „Dilek Güngör – Ich bin Özlem“

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Genau eines der für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Bücher der Kategorie Belletristik hatte ich im Vorfeld gelesen. Recht fokussiert, wütend und bitter(böse) räumte ich ihm eigentlich keine großen Chancen für den Gewinn ein. Aber Anke Stelling hat mit  Schäfchen im Trockenen die Jury augenscheinlich genauso überzeugt wie mich. Weiterlesen „Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen“

Backlist: Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

Sandra ist eine von denen, die „eigentlich alles haben“: einen netten, verständnisvollen und unterstützenden Mann, zwei Wunschkinder, einen Job als freie Journalistin mit Büro fernab der Wohnung, der ihr genug Freiraum lässt, eine schöne Wohnung in Prenzlauer Berg in einem innovativen Wohnprojekt „Mehrgenerationenhaus“, alles natürlich ökologisch bestens durchdacht, und sogar einen Kitaplatz in der Nähe.

„Es geht uns gut.“
versichert sie sich so auch einige Male im Verlauf des Romans, der ein innerer Monolog Sandras ist, eine Selbstvergewisserung, eine Klage. Weiterlesen „Backlist: Anke Stelling – Bodentiefe Fenster“

Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme

Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme

 

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht
Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß
Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben auf dem Tisch
Der, der am Tisch saß
ist verschwunden

 

Der, der am Tisch saß, ist verschwunden. Der isländische Dichter, Autor und Übersetzer Sigurður Pálsson ist am 19. September 2017 verstorben. Sein letzter Gedichtband, sein sechzehnter, ist gerade auf Deutsch in einer ausgesprochen hochwertigen und schönen zweisprachigen Ausgabe im Elif Verlag erschienen. Übertragen wurden die Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Auf dem Blog des Letzteren, den ich im Übrigen allen an Literatur aus Island interessierten empfehlen möchte, habe ich zum ersten Mal von Sigurður Pálsson gehört und gelesen.

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Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist

1942 in Siena, Italien befindet sich seit zwei Jahren an der Seite des Deutschen Reichs im Weltkrieg, von dem man zunächst recht wenig mitbekommt. Zwar sind Lebensmittel rationiert, doch man kommt zurecht. Und weite Teile der Bevölkerung erleben die Siege der Achsenmächte wie im Rausch, Benito Mussolini ist noch der fast gottgleiche Führer, Italien das strahlende Mutterland, für das man gerne in den Krieg zieht.

So sieht es auch der zwölfjährige Lorenzo, ein fleißiger und eifriger Balilla, Mitglied der Jugendorganisation der Nationalen Faschistischen Partei. Auch in Italien wurden die Kinder von klein auf auf die richtige ideologische Schiene gesetzt. Weiterlesen „Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist“

Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind

Lawrence Osborne „Welch schöne Tiere wir sind“.

Reichlich Selbstverliebtheit, eine Spur Lebensekel, Langeweile, Überdruss – all das spielt hinein in diesen Ausspruch der 24 jährigen Naomi Codrington, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren in Lawrence Osbornes neuem Roman, der ihm den Titel verlieh.

Naomi ist auf der sogenannten Sonnenseite geboren, der Vater schwerreicher Besitzer einer Fluglinie und Kunstsammler. Die leibliche Mutter starb, als Naomi ein Teenager war, aber wirklich viel Trauer darüber ist im Buch nicht zu spüren. Das mag daran liegen, dass der Roman strikt in der Handlungsgegenwart verbleibt. Rückblenden, Erinnerungen, Verschiebungen der Zeitebenen gibt es hier nicht. Und auch die Protagonisten denken selten rückwärtsgewandt. Das verschafft dem Erzählten eine interessante Oberflächlichkeit, die zu den handelnden Personen zu passen scheint. Weiterlesen „Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind“