Anna Kim – Die große Heimkehr

Der Roman von Anna Kim „Die große Heimkehr“, unter diesem Schlagwort warb die Demokratische Volksrepublik Korea, also Nordkorea, in den Fünfziger und Sechziger Jahren massiv und nicht immer ohne Zwang für die Rückkehr von Exilkoreanern. Besonders an den wohlhabenden unter ihnen und den gut ausgebildeten war man interessiert, mussten doch erstere ihr Vermögen abgeben und konnte man doch letztere für den wirtschaftlichen Aufschwung gut gebrauchen. Wenn man aber eines aus Anna Kims Roman lernt, dann, dass in der wechsel- und auch oft leidvollen Geschichte Koreas wenig Verlass war auf das, was die „Oberen“ ihrem Volk versprachen, sei es im Kaiserreich oder der Republik, sei es im Norden oder Süden. Selten stand das Wohl der Bevölkerung im Vordergrund, meist war sie nur Verschiebemasse für die Interessen der unterschiedlichen Herrschenden. Weiterlesen „Anna Kim – Die große Heimkehr“

Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe

Kim Thúy schreibt mit  Die vielen Namen der Liebe erneut einen zarten autofiktionalen Roman.

Schon früh wurde der kleinen Vi beigebracht, unsichtbar zu sein. Nicht nur, weil es in den Siebziger Jahren in Vietnam gefährlich sein konnte, aufzufallen. Nach Beendigung des Vietnamkrieges und dem Sieg des kommunistischen Nordteils des Landes, wurden unzählige Menschen, vor allem Intellektuelle, aber auch solche, die mit der vorherigen Regierung oder Amerikanern zusammengearbeitet hatten, verhaftet, verschleppt, hingerichtet. Ganzen Familien drohten Gefängnis oder oder die Inhaftierung in Umerziehungslagern. Weiterlesen „Kim Thúy – Die vielen Namen der Liebe“

Paul Auster – 4 3 2 1

Paul Austers Opus magnum, von ihm selbst Lebenswerk genannt, ein Buch mit über 1200 Seiten, zeitgleich im Original wie auf Deutsch erschienen, gleich auf Platz 2 der Spiegelbestsellerlisten geklettert (wenn auch nach wenigen Wochen schon wieder am Hinabgleiten, was auf eine eingeschworene Fan-Gemeinde hindeutet, die das Erscheinen herbeigesehnt hat und weniger auf „Gelegenheitskäufer“), hohe Rezensionsdichte in allen branchenrelevanten Medien, mal geliebt, mal als „zäh“ und „eindeutig zu lang“ bezeichnet – der pünktlich zum 70.Geburtstag von Paul Auster im Februar 2017 der geneigten Leserschaft vorgelegte Roman 4 3 2 1 hat es in sich. Weiterlesen „Paul Auster – 4 3 2 1“

Paul Auster – Bericht aus dem Inneren

Bereits ein Jahr nachdem Paul Auster seine autobiografischen Aufzeichnungen „Winterjournal“ veröffentlicht hatte, erschien der „Bericht aus dem Inneren“.

Da war wohl etwas noch nicht zu Ende erzählt, da wollten Dinge, Erinnerungen, Erkenntnisse niedergeschrieben werden, für die zuvor kein Raum war oder die dem Autor nach der Veröffentlichung noch auf der Seele lagen. So wurde der Bericht quasi zu einem Zwillingsbuch des Journals. Sollte in jenem ein „Katalog der Sinnesdaten“ erstellt werden, folgte nun ein Buch, das sich die Bewusstwerdung des Autors, seine Entwicklung vom vorbewussten Wahrnehmen des kleinen Kindes zum die Welt erfassenden Erwachsenen zum Thema nehmen mochte. Also eine Reise ins Innere. Weiterlesen „Paul Auster – Bericht aus dem Inneren“

Paul Auster – Winterjournal

Paul Auster – Winterjournal

„Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. Schließlich verrinnt die Zeit. Vielleicht solltest du deine Geschichten fürs Erste einmal beiseite legen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben – vom ersten Tag , an den du dich erinnern kannst, bis heute. Ein Katalog der Sinnesdaten. Was man eine Phämenologie des Atmens nennen könnte.

Zur Zeit der Entstehung des Winterjournals 2011 ist Paul Auster gerade 64 geworden, in den „Winter seines Lebens“ eingetreten. So viele seiner Familienangehörigen, Freunde und Weggefährten leben nicht mehr. Nicht zum ersten Mal Zeit, sich seines eigenen Lebens zu vergewissern, sich zu erinnern. Immer wieder tauchten auch in der Vergangenheit autobiografische Texte in Austers Werk auf, nicht zuletzt begann mit einem solchen, „Der Erfindung der Einsamkeit“ seine Karriere als Prosaschriftsteller, nachdem er einiges an Lyrik vorgelegt hatte. Auch in seinen Romanen findet man viel Material aus Austers eigenem Leben. Dieses in seinen autobiografischen Schriften wiederzufinden, ist ein Mehrwert bei der Lektüre. Weiterlesen „Paul Auster – Winterjournal“

Bill Clegg – Fast eine Familie


Bill Clegg - Fast eine Familie

 

Bill Clegg – Fast eine Familie

„Und kein Mensch wird sich an uns erinnern – wer wir waren und was hier geschehen ist. Sand wird über die Pacific Avenue und gegen die Fenster des Moonstone wehen, und neue Menschen werden kommen und den Strand hinunter zum großen Ozean gehen. Sie werden verliebt sein oder verloren, und sie werden keine Worte haben. Und das Rauschen der Wellen wird für sie klingen wie für uns, als wir es das erste Mal gehört haben.“

So endet Bill Cleggs Roman „Fast eine Familie“ (Original: „Did you ever have a family?“)

Es ist der erste Roman nach der Veröffentlichung zweier Memoirs, die er über seine Drogensucht, den Entzug und seine Rehabilitierung geschrieben hat. Mittlerweile arbeitet Clegg wieder als äußerst erfolgreicher Literaturagent.

In den Schlussworten des Romans klingt dessen Stimmung sehr schön an: Er ist zart und lyrisch, ruhig und gemessen. Ein wenig korrespondiert der Ton mit den leicht betäubten, trauernden Menschen von denen er erzählt. Weiterlesen „Bill Clegg – Fast eine Familie“

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue - Das geträumte Land

„The one book Donald Trump should read right now!“

Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an. Weiterlesen „Imbolo Mbue – Das geträumte Land“

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende

 Jean-Luc Seigle - Der Gedanke an das Glück und an das Ende

Es liegt eine ungeheure Traurigkeit auf diesem Buch. „En vieillissant les hommes pleurent“ lautet der Originaltitel.

Derjenige, der da älter wird, ist Albert Chassaing, 53 Jahre, Arbeiter bei Michelin, irgendwo in der französischen Provinz nahe Clermont. Man schreibt das Jahr 1961, Frankreich befindet sich im Algerien-Krieg und auch Alberts ältester Sohn ist in diesen Krieg gezogen, schmerzlich vermisst von seiner ihn über alles liebenden Mutter Suzanne. Die Ehe von Albert und Suzanne ist schon lange nicht mehr glücklich, Albert liebt seine Frau noch, kann mit ihr aber nicht reden, versteht sie nicht, verschließt sich. Er fühlt sich vor allem hingezogen zu seinem eigenwilligen jüngeren Sohn Gilles, dem im Schatten seines großen Bruders nur wenig mütterliche Liebe zukommt, der nichts lieber tut als Bücher zu lesen, der in der Schule erfolgreich ist, aber in sich gekehrt, verschlossen. Weiterlesen „Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist“

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle - Ich schreibe Ihnen im Dunkel

„Auch wenn es um die grässlichsten Verbrechen geht, hat man das Bedürfnis, etwas zu verstehen, sich irgendwie ein wenig zum Verteidiger zu machen, hier und da ein bisschen Mitleid aufzubringen. Mit Pauline, diesem harten Biest, funktioniert das nicht. Sosehr ich es befrage, mein Herz bleibt kalt.“

Wer ist diese Pauline Dubuisson, die der französische Journalist und Autor einer Serie über berühmte Kriminalfälle Frankreichs in „Paris Match“, Jean Cau, fast vierzig Jahre nach ihrer Tat, im Jahr 1991, noch so harsch verdammt? Vielleicht trägt zu Caus rigorosen Urteil die Tatsache bei, dass Cau einst Mitglied der Résistance war.

Denn eines der großen Verbrechen dieser Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Wie nah Gut und Böse liegen, wie schnell die heroischen Résistancekämpfer sich ihrerseits in rachedurstige, unmenschliche Bestien verwandeln konnten, erschüttert zutiefst. Weiterlesen „Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“

Odafe Atogun – Tadunos Lied

Odafe Atogun – Tadunos Lied

Odafe Atogun - Tadunos Lied

Taduno – kein Nachname, keine Adresse, nur Taduno, so ist der braune Umschlag adressiert, der den Protagonisten von Odafe Atoguns Debütroman eines Tages in seinem Exil erreicht. Dorthin ist der einst sehr berühmte und erfolgreiche Sänger vor der Verfolgung durch die Regierung seines Heimatlandes Nigeria geflohen, nachdem er diese wiederholt scharf kritisiert hatte. Weiterlesen „Odafe Atogun – Tadunos Lied“