Literatur über die unmittelbare Nachkriegszeit erzählt meist aus männlicher oder kindlicher Sicht. Es sind die heimkehrenden Männer, die sich in der sogenannten „Trümmerliteratur“ ihren Platz ins Leben zurückschreiben wollen, es sind die Schriftsteller, die sich an ihre Kindheit in jenen Jahren erinnern. Zudem gibt es eine deutliche Überzahl derjenigen Romane, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus, besonders auch der Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen oder dem grausamen Kriegsgeschehen beschäftigen. Zumindest mir sind relativ wenige, zumal neuere literarische Werke bekannt, die sich intensiv mit der Zeit unmittelbar nach 1945 beschäftigen. Und dann noch die Perspektive einer jungen Frau, deren Sozialisation nahezu vollständig im Dritten Reich erfolgte, einnehmen. Das tut Kurt Oesterle mit Martha und ihre Söhne.
Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel
Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel
Ein letzter Roman von Henning Mankell – da ergreift die Leserin, die über 25 Jahre hinweg immer wieder Bücher des Autors gelesen und geliebt hat, eine gewisse Wehmut.
Wehmut, ja Schwermut sind auch die Grundstimmungen in „Die schwedischen Gummistiefel“, die Mankell bereits mit seiner Krebsdiagnose verfasst und kurz vor seinem Tod im Oktober 2015 veröffentlicht hat.
Die Geschichte knüpft nicht nur im Titel an den 2007 erschienen Roman „Die italienischen Schuhe“ an. Darin wurde von dem alternden Chirurg Fredrick Welin erzählt, der nach einem fatalen Kunstfehler den Beruf aufgibt und sich in die Einsamkeit einer Schäreninsel zurückzieht. Eines Tages steht seine ehemalige Lebensgefährtin Harriet vor der Tür (genauer gesagt mit dem Rollator auf dem Eis) und will ihn, sterbenskrank, nicht nur noch einmal sehen, sondern präsentiert ihm auch die gemeinsame Tochter Louise, von der er bislang nichts wusste.
War auch in dieser Geschichte die Grundstimmung eine melancholische, war Welin auch damals einsam, menschenscheu, wenn nicht gar menschenfeindlich, voll einer unbestimmten Wut, mit einem schwierigen Verhältnis zu seiner Umwelt belastet, so steht über den „Schwedischen Gummistiefeln“ von Beginn an die bereits im Motto, einem Zitat aus dem Rolandslied, erwähnte Trauer.
„Viel hat der gelernt, der die Trauer kennt.“
Weiterlesen „Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel“
Catherine Banner – Die langen Tage von Castellamare
Catherine Banner – Die langen Tage von Castellamare
Es sind die alten Geschichten, über Generationen weitererzählt, die italienischen Volksmärchen mit ihrem magischen Ton, die den Arzt Amedeo Esposito faszinieren, die er in einer dicken Kladde sein ganzes Leben lang sammelt, die auch noch seine Nachkommen lange Zeit begleiten und die Catherine Banners Roman strukturieren.
Es sind schicksalhafte Erzählungen von der Inselheiligen Agata, von den geheimnisvollen Höhlen am Meer, voll mit alten Knochen und Gebeinen, von Königstöchtern und mutigen Fischern, den Fischern der Insel Castellamare irgendwo im weiten Meer vor Sizilien.
So entwickelt auch die Autorin eine im besten Sinne altmodische Familiengeschichte: in epischer Breite, mit einem allwissenden Erzähler, der all die Personen, die zwischen 1914 und 2009 auf der Insel leben, sterben, geboren werden, lieben, hoffen und verzweifeln in einem großen, wunderbar zu lesenden Epos vereinigt. Weiterlesen „Catherine Banner – Die langen Tage von Castellamare“
Thees Uhlmann – Sophia der Tod und ich
Thees Uhlmann – Sophia der Tod und ich
Ich mag ja keine betont lustigen Bücher. Besonders eine extra lässige Ausdrucksweise kann ich meist schwer ertragen. Und wenn wieder ein Musiker/Schauspieler/Moderator in die schreibende Zunft wechselt, bin ich extrem skeptisch.
Das Schöne an solchen Voreingenommenheiten ist, dass man damit gehörig falsch liegen kann. Und wenn man dann auf vertrauenswürdige Empfehlungen hört, kann man manchmal ganz unverhofft eine Entdeckung machen. Weiterlesen „Thees Uhlmann – Sophia der Tod und ich“
Delphine de Vigan – Nach einer wahren Geschichte
Delphine de Vigan – Nach einer wahren Geschichte
Delphine de Vigan treibt ein listiges Spiel mit dem Leser.
Sie erzählt „Nach einer wahren Geschichte“ und erzählt darin von der Schriftstellerin Delphine, die nach dem überwältigenden und auch überraschenden Erfolg ihres vorherigen, autobiografischen Buchs, das vom Selbstmord der psychisch kranken Mutter erzählt, in eine tiefe Krise gerutscht ist. Eine Schreibblockade, ja geradezu Ekel vor dem Schreiben treibt sie um. Sie steht am Beginn einer Depression, wird immer wieder von Selbstzweifeln geplagt. Weiterlesen „Delphine de Vigan – Nach einer wahren Geschichte“
Elena Ferrante – Meine geniale Freundin
Elena Ferrante – Meine geniale Freundin
Wie kommt es zu dem unglaublichen Hype, der um dieses Buch gemacht wird? Welcher Nerv wurde da nahezu weltweit getroffen?
Es brauchte erst den unglaublichen Erfolg in den USA und Großbritannien, wo Elena Ferrantes Neapel-Tetralogie auch die Weihen der hohen Literaturkritik und das Lob bedeutender Schriftstellerkollegen wie etwa Jonathan Franzen erhielt, um aus dem beachtlichen Erfolg in Italien einen Sensationserfolg zu machen, der nun auch in Deutschland veröffentlicht wird. Zwar gibt es auch ein Paar Rufer, die mahnen, dass der Kaiser ja nackt ist (wie hier bei lovelybooks Himmelfarb) und auch der Begriff Trivialliteratur fiel das ein oder andere Mal. Insgesamt wird der Roman aber beinahe enthusiastisch aufgenommen. Der Verlag reagiert mit einer enormen Publicitykampagne und sicher kommt dem Ganzen noch die Tatsache zugute, dass es sich bei Elena Ferrante um ein gut gehütetes Pseudonym handelt. Niemand wusste lange Zeit, wer dahinter steckte, die Gerüchteküche kochte hoch. Weiterlesen „Elena Ferrante – Meine geniale Freundin“
Rose Tremain – Und damit fing es an
Rose Tremain – Und damit fing es an
„Die Gustav-Sonate“, so lautet der Originaltitel des Romans. Und Rose Tremain hat ganz sicher den Sonatensatz zum Vorbild genommen, um diesen Roman so kunstvoll zu konstruieren.
Drei Sätze, drei Buchteile. Darüber eine Haupttonart. Und die steht eindeutig im Moll. Auch wenn das Buch in einem Allegro vivace endet.
Erzählt wird die Geschichte zweier Schweizer Jungen, die sich in der Schule kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges begegnen und deren Freundschaft und Liebe der Leser bis ins Jahr 2002 verfolgen kann. Dabei bedient sich die Autorin einiger Zeitsprünge. Weiterlesen „Rose Tremain – Und damit fing es an“
Han Kang – Die Vegetarierin
Han Kang – Die Vegetarierin
Alle reden über Han Kang, alle lesen „Die Vegetarierin“, jenen schmalen Roman der Südkoreanerin, der im Mai diesen Jahres überraschend den Man Booker International Preis erhielt. Die Literaturkritik überschlägt sich dabei in ihrem Lob, „Meisterwerk“, „Ereignis“ sind dabei verwendete Vokabeln.
Ein derart durchschlagender Erfolg in der westlichen Welt war bis dahin anscheinend nicht vorhersehbar, erschien die englische Übersetzung des 2007 im Original veröffentlichten Roman doch erst acht Jahre später in England, in den USA und Deutschland sogar erst in diesem Jahr. Weiterlesen „Han Kang – Die Vegetarierin“
Dorit Rabinyan – Wir sehen uns am Meer
Dorit Rabinyan – Wir sehen uns am Meer
New York, Tel Aviv und Ramallah sind die Orte des Romans „Wir sehen uns am Meer“, der im Original mal wieder viel zutreffender „Borderlife“ betitelt ist. Denn es sind natürlich die Grenzen, die zwischen diesen Orten bestehen, die das Erzählte prägen. Weiterlesen „Dorit Rabinyan – Wir sehen uns am Meer“
Wendi Stewart – Ein unbesiegbarer Sommer
Wendi Stewart – Ein unbesiegbarer Sommer
Zu Beginn der Sechziger Jahre.
Drei Kinder wachsen in der Kanadischen Provinz auf.
Sie alle leiden in der ein oder anderen Art an ihrer Kindheit, an den Erwachsenen, denen diese Kindheit anvertraut wurde. Weiterlesen „Wendi Stewart – Ein unbesiegbarer Sommer“


