Verena Boos – Blutorangen

Verena Boos – Blutorangen

Verena boos BlutorangenWie geht man mit der eigenen Vergangenheit um, besonders wenn sie dunkle Flecken aufweist? Wie geht man mit eigener Schuld um? Wie begegnet man den Menschen, denen man Unrecht getan hat? Ein schwieriges Thema.
Schicksalhafte Dimensionen erreicht es, wenn ganze Staaten, ganze Völker davon betroffen sind. Wie lange der Prozess der Aufarbeitung oder gar Versöhnung dauert, sieht man immer wieder. Südafrika, Kambodscha, Ruanda oder, näher, der Balkan, sind nur einige Beispiele dafür.
Eine offene, ehrliche Auseinandersetzung scheint uns dabei das Wichtigste. Wie schwer dies ist, selbst für eine unserer westlichen Demokratien, sieht man am Beispiel Spaniens. Weiterlesen „Verena Boos – Blutorangen“

Giulio Cisco – Der Dank des Vaterlandes

Giulio Cisco – Der Dank des Vaterlandes

Giulio Cisco - Der Dank des Vaterlandes

 

„Wenn ihr nach Campòn kommt, schaut euch das Kriegerdenkmal an. Ihr geht vom Capitello della Salute hinauf zum Platz vor der Kirche, dann seht ihr es schon, auf der linken Seite, vor der Schule. Eine große Italia in Bronze mit einer Fahne in der rechten Hand. Mit ihre linken hält sie einen Lorbeerkranz über einen einfachen Soldaten mit nacktem Oberkörper. Auf dem Sockel stehen die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Väter, auf dem Gedenkstein daneben die Namen der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Söhne. Lest. Ich bitte euch.“

So endet der 1988 erschienene Roman mit den Namen der neunzehn Jungen, deren Geburt 1921 im kleinen venetischen Dorf Campòn eine Sensation war.
Wie die meisten Bewohner sind sie allesamt irgendwie miteinander verwandt oder verschwägert, so tragen sie auch nur fünf verschiedene Familiennamen. Im Dörfchen geht es bescheiden, rustikal und recht handfest zu. Ein Hauch von Don Camillo und Peppone weht durch das Buch. Das ist zunächst recht vergnüglich zu lesen. Es sind einfache Handwerks- und Bauernjungen, die da heranwachsen, nur einer schafft den Sprung aufs Gymnasium.
Sie alle aber melden sich mehr oder weniger freiwillig im Juni 1940, als Italien an der Seite von Hitlerdeutschland in den Krieg eintritt. Kriegsbegeistert oder gar Faschist ist kaum einer von ihnen.
Was darauf folgt, wird mit einer unerbittlichen, oft bitterbösen Lakonie erzählt.
Egal wohin sie die Kriegshandlungen auch verschlagen haben, ob nach Afrika oder Russland, nach Sizilien, Neapel oder Albanien, der grausame, sinnlose „Heldentod“ erwischt sie überall. Selten wurde so eindrücklich, so ergreifend und gleichzeitig so ohne große Worte, so lapidar von den Grausamkeiten und der Absurdität des Krieges erzählt. Und die gnadenlose Zufälligkeit des Todes, die Aneinanderreihung seiner Spielarten zeigt umso deutlicher den Wert eines jeden Lebens.
Ich schließe mich an. „Lest. Ich bitte euch.“ Bücher wie Der Dank des Vaterlandes von Giulio Cisco kann es nicht genug geben, können nicht zu oft gelesen werden. Umso bedauerlicher, dass das Buch nur noch antiquarisch zu haben ist. Eine Neuauflage wäre unbedingt zu begrüßen.

Irmgard Keun – Kind aller Länder

Irmgard Keun – Kind aller Länder

Irmgard Keun - Kind aller Länder1938 erschien der Roman „Kind aller Länder“ erstmals im Exilverlag Querido. Irmgard Keun, vor 1933 mit zwei Titeln sehr erfolgreiche Schriftstellerin und nun von den neuen Machthabern verfemt, war da bereits auch ein solches heimatloses „Kind“, verfolgt, auf der Flucht durch Europa.
Ihre Stationen waren dieselben wie für die zehnjährige Kully, die, gefragt, ob sie nicht manchmal Heimweh hätte, erst einmal überlegen muss, was Heimweh für sie eigentlich bedeutet. Weiterlesen „Irmgard Keun – Kind aller Länder“

Elizabeth Graver – Die Sommer der Porters

Die Sommer der Porters Elizabeth Graver

„(…) weil das Land schon vor seinen Besitzern da war und, mit ein bisschen Glück, auch noch nach ihnen da sein wird, und weil es einem etwas bedeutet und weil es erfüllt ist von grünen und wachsenden und toten und vergänglichen und erwarteten und unerwarteten Dingen.“

So heißt es gegen Ende vom wunderbarem Roman „Die Sommer der Porters“ von Elizabeth Graver. Und gemeint ist das Stückchen Land, das die Familie Porter schon seit Generationen jeden Sommer bewohnt, Ashaunt, eine fiktive felsige Halbinsel an der Küste von Massachusetts, „The end of the point“, so der Originaltitel.
Und deshalb geht es in diesem, sich über fast 60 Jahre und drei Generationen erstreckenden Roman nicht nur um die Menschen, die eine Familie bilden, denen erwartete und unerwartete Dinge, kurz das Leben, geschehen, sondern ebenso um diesen Ort, der für viele von ihnen einen Anlaufpunkt, einen Ort der Beständigkeit inmitten einer sich stets verändernden Welt bietet. Weiterlesen „Elizabeth Graver – Die Sommer der Porters“

Olli Jalonen – Von Männern und Menschen

Olli Jalonen – Von Männern und Menschen

Olli Jalonen - Von Männern und MenschenEs ist der Sommer 1972. Doch weder Hippies, sexuelle Revolution, Frauenbewegung noch Hausbesetzerszene, nicht die zaghafte Annäherung von Ost und West in der Ära Brandt und auch nicht der Terrorismus z.B. der RAF, noch nicht einmal die Geiselnahme der Olympischen Spiele in München, spielen eine Rolle in Olli Jalonens Roman „Von Männern und Menschen“, der vom Erwachsenwerden eines jungen Mannes – sein Name wird nicht genannt, lediglich seine Initiale „O“ – erzählt. Weiterlesen „Olli Jalonen – Von Männern und Menschen“

Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Sabine Gruber - DaldossiBilder bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Bilder sind es, die unsere Erinnerungen festlegen. Gerade in unserer heutigen Mediengesellschaft wissen wir um die Bedeutungshoheit der Foto- und Filmaufnahmen, die bei allen bedeutenden Ereignissen in Windeseile um die Welt geht. Ob von den jüngsten Terroranschlägen, den Flüchtlingsströmen quer durch Europa oder den Kampfeshandlungen an den unterschiedlichsten Schauplätzen, immer sind es die Bilder, die unsere Wahrnehmung prägen. Weiterlesen „Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Meg Wolitzer – Die Interessanten

Meg Wolitzer – Die Interessanten

amWer hat sie nicht erlebt und erinnert sich zuweilen sehnsuchtsvoll an sie, diese endlos erscheinenden Sommertage, wenn man sehr jung ist. Der Sommer, die Ferien, das ganze Leben liegt vor einem. Eine unbestimmte Sehnsucht und zugleich die mehr oder weniger bange Hoffnung, zu etwas Besonderem berufen zu sein, mit dem Erwachsenwerden auch ein neues, interessanteres Leben zu betreten. Weiterlesen „Meg Wolitzer – Die Interessanten“

David Vann – Aquarium

David Vann – Aquarium

David Vann - AquariumEs sind die extremen Familienverhältnisse, die den Autoren David Vann immer wieder interessieren. Damit verarbeitet er eigene Kindheitserlebnisse, in denen der Selbstmord seines Vaters, Missbrauch und Gewalt eine Rolle spielten.
Hart und kompromisslos, oft bis an die Grenze des für den Leser Erträglichen erzählt er in all seinen bisher erschienenen Büchern von zerrütteten Familien und denen, die unter den Verhältnissen am meisten zu leiden haben, den Kindern. Schutz- und hilflos sind sie den Emotionen und der Verzweiflung der Erwachsenen ausgesetzt und versuchen mit der Situation umzugehen, fühlen sich oft verantwortlich und bemühen sich, Alles zusammenzuhalten. Weiterlesen „David Vann – Aquarium“

Graham Swift – England und andere Stories

Graham Swift – England und andere Stories

Graham Swift - England und andere Stories25 kurze Erzählungen, alle meist weniger als 10 Seiten umfassend, vereinigt Graham Swift in seinem neuen Buch „England und andere Stories“.
Sie erzählen aus unterschiedlichen Zeiten – eine reicht zurück ins Jahr 1649, eine andere trägt die Jahreszahl 1805, sie berichten von den Zeiten der beiden Weltkriege und reichen hinein bis in unsere unmittelbare Gegenwart.
Protagonisten sind Männer, Frauen, Kinder, Alte, Weiße und Schwarze. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive oder durch einen auktorialen Erzähler. Manchmal beherrschen Erinnerungen oder Rückblicke die Geschichte, manchmal wird unmittelbar Erlebtes geschildert.
Gibt es überhaupt einen roten Faden, der all diese Erzählungen eint?
Zum einen ist da natürlich Swifts ruhiger, sorgfältiger Ton. Ob es sich um Alltägliches, die kleinen oder die ganz großen Katastrophen im Leben handelt, immer wird in diesem fast gleichmütigen Ton erzählt, wird Haltung bewahrt, egal was auch passiert, egal, wie es innen drin aussieht, die Protagonisten bleiben seltsam gefasst. Das ist vielleicht das typisch Britische an den Geschichten, die ja nicht zufällig den Titel „England und andere Geschichten“ tragen.
Sie alle spielen, auch das eine Gemeinsamkeit, in England, aber das typische, klischeebeladene England der Cottages und Teegesellschaften, der Rosengärtner und leicht exzentrischen Bewohner sucht man – zum Glück – vergebens. Das Leben ist hier genau so wie überall in unserer westlichen Welt, und doch ist es spürbar britisch. Das zu schildern, gelingt Swift sehr gut.
Auch wenn die Themen der Geschichten sehr unterschiedlich sind, geht es doch oft auch um Krankheit, um Tod und Verlust. Meist nicht vordergründig, sondern subtil, im Hintergrund. Es geht darum, wie es in einer der Erzählungen heißt, „wie schrecklich es sein kann, einfach auf der Welt zu sein.“
Dabei ist das Buch keineswegs düster, aber zutiefst melancholisch. Die Erzählungen laufen nicht auf die berühmte „unerhörte Begebenheit“ hin, meist laufen sie auf gar nichts hin. Sie sind kurze Momentaufnahmen, der Vorhang geht für einen Moment auf, Gedanken, Erinnerungen blitzen auf und verlöschen genauso schnell wieder. Und doch sammeln sich am Ende all diese Bilder zu einer Art Gruppenfoto, das uns Leser bereichernde Einblicke gewährt in das Leben, in England oder überall. Ein Mysterium, immer wieder.

Graham Swift – England und andere Stories

Aus dem Englischen von Susanne Höbel
dtv Literatur April 2016 gebunden, 304 Seiten, 21,90 €

Saskia de Coster – Wir und Ich

Saskia de Coster – Wir und Ich

Saskia de Coster - Wir und IchEs mangelt nun wirklich nicht an Geschichten über unglückliche, dysfunktionale Familien. Quer über die Literaturen in der ganzen Welt sind sie verteilt und haben natürlich auch eine ganz besondere Bedeutung, ist doch eben gerade die Familie, die uns alle, ob wir wollen oder nicht, als erstes und am anhaltendsten, nachhaltigsten prägt.
Eine solche Familiengeschichte muss etwas Besonderes haben, um aus dieser Flut an Veröffentlichungen herauszustechen. Besonders gut geschrieben muss sie sein, besonders originelle Charaktere besitzen, mit tieferen Einsichten oder Erkenntnisgewinn dienen. Auch eine ganz spezielle Sichtweise oder ein besonderer Humor kann für Aufmerksamkeit sorgen.
Saskia de Costers Roman „Wir und ich“ wird diese Aufmerksamkeit schon alleine deswegen bekommen, weil der im Original 2013 erschienene Roman der belgischen Autorin hier zum Gastauftritt der Niederlande/Flanderns zur Frankfurter Buchmesse veröffentlicht wird.
Aber auch darüber hinaus bietet er eine ganze Reihe von beachtenswerten Besonderheiten.
Die Autorin erzählt von der Familie Vandersandens, die äußerst wohlhabend im Villenviertel am Berg wohnen, denen es an nichts fehlt, und bei der doch, wie so oft, alle Mitglieder irgendwie beschädigt sind, mit ihrem Leben oder zumindest ihrem Glück ringen. De Coster seziert die einzelnen Personen gnadenlos, kaltblütig und doch mit einer ganz speziellen Zugewandtheit. So böse und schwarzhumorig ihr Blick zuweilen ist, verrät sie ihre Protagonisten nicht, auch nicht für eine Pointe.
Vater Stefaan, aus bäuerlichen Verhältnissen kommend und in der Pharmabranche reüssierend, schleppt ein dunkles Geheimnis und Erbe aus der Vergangenheit mit sich herum. Drangsaliert wird er von seiner stets nörgeligen Mutter, die sich auch ein anderes Leben erträumt hatte. Mutter Mieke, aus reichem Hause stammend, ist hochneurotisch und das bestimmt auch ihr Verhältnis zur einzigen Tochter Sarah, die sich im Verlauf des Buches freischwimmen muss. Einzig allein der straffällig gewordenen Bruder Miekes, Jempy, kennt so etwas wie Lebensfreude.
Die Personen sind allesamt interessant, aber nicht besonders einzigartig. Neu und erfrischend ist der Blick der Autorin auf sie. Unpathetisch, keinerlei Rührseligkeit aufkommen lassend, mit schwarzem Humor und Ironie auf die Verhältnisse schauend und dabei immer wieder die Perspektive wechselnd. Auch ein rätselhaftes Wir taucht auf, ist es der berühmte „Chor“, das Schicksal selbst, vielleicht die Autorin in Gemeinschaft mit dem Leser? Das wird nicht ganz deutlich, tut aber der Originalität keinen Abbruch.
Die Art der Erzählung bedingt, dass die Personen dem Leser nie wirklich nahe kommen. Dennoch ist „Wir und ich“ ein spannender, humorvoller und durch seinen etwas anderen Blick interessanter Familienroman. Und daher eine Lektüre wert.

Saskia de Coster – Wir und Ich

Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel 
Klett-Cotta Verlag 2016, 409 Seiten, gebunden, € 22,95