Margriet de Moor – Schlaflose Nacht

Margriet de Moor – Schlaflose Nacht

Margriet De Moor - Schlaflose Nacht

Die erzählte Zeit in der bereits 1989 im Original und 1994 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Auf den ersten Blick“ und nun in neuer Übersetzung als „Schlaflose Nacht“ erscheinender Novelle von Margriet de Moor umfasst, ganz wie der Titel verrät, nur eine Nacht. Es sind sogar nur einige wenige dieser Nachtstunden, genau so lange, wie die Zubereitung von Herrnhuter Sandküchlein, Apfelkuchen, Bretonischer Schinkenquiche und Russischem Napfkuchen dauert.
Denn die bis zum Ende der Novelle unbenannte Ich-Erzählerin leidet in dieser Nacht unter einer ganz besonders hartnäckigen Schlaflosigkeit. Weiterlesen „Margriet de Moor – Schlaflose Nacht“

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

Donal Ryan - die-gesichter-der-wahrheit-9783257069631Einundzwanzig Menschen, einundzwanzig Leben, einundzwanzig Mal Erleben der gleichen Wirklichkeit und doch einundzwanzig verschiedene Wahrheiten. Verpackt in ebenso viele meist recht kurze Kapitel. Der Aufbau von Die Gesichter der Wahrheit von Donal Ryan ist nicht unbedingt neu, aber hier sehr gekonnt umgesetzt. Er erzählt aus einer kleinen irischen Gemeinde, die gerade in den Strudel der Finanzkrise geraten ist, die Irland bekanntlich besonders hart erwischt hat. Fast jeder hier ist unmittelbar davon betroffen. Weiterlesen „Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit“

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

eva-schmidt- Ein langes Jahr

Wir sehen eine Stadt am See – obwohl nie explizit erwähnt, leicht als Eva Schmidts Wohnort Bregenz zu identifizieren -, der Roman beginnt mit einer Totalen darauf. Es ist früh am Morgen, der Herbst beginnt und die Autorin zoomt langsam näher, nimmt eine Siedlung ins Visier, kleine Siedlungshäuschen, Villen, ein Hochhaus. In 38 meist sehr kurzen Kapiteln werden nun einzelne Bewohner vorgestellt, fast dreißig an der Zahl. Sie gewähren dem Leser kurze Einblicke in ihr Leben, meist in der personalen, in einzelnen Fällen auch in der Ich-Perspektive. Weiterlesen „Eva Schmidt – Ein langes Jahr“

Lektüre Oktober 2016

Meine Lektüre im Oktober 2016. Tatsächlich habe ich im Oktober nur zwei „richtige“ Bücher gelesen:

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

Die überwiegende Lektüre fand auf meinem Tolino statt. Dort habe ich gelesen:

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

Margriet de Moor – Schlaflose Nacht

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe

Emma Cline – The girls

Hannah Dübgen – Über Land

Eine insgesamt sehr schöne, gelungene Lektüre im Oktober 2016 mit vielen glücklichen Lesestunden.

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff - Widerfahrnis

Amavero – Ich werde geliebt haben.

Auf langen Spaziergängen mit dem Vater hat Julius Reither einst das Konjugieren lateinischer Verben geübt. Amare – lieben – war eines davon. Sein Futur II – Ich werde geliebt haben – passt sehr gut zu der Geschichte, die Bodo Kirchhoff in seiner Novelle erzählt.

Julius Reither ist über 60 und war bis vor kurzem Verleger in einem Frankfurter Kleinverlag mit angeschlossener Buchhandlung. Als das Geschäft drohte einzuschlafen, wurde es liquidiert und mit den Erlösen ließ sich Reither in einer Wohnresidenz in den Bergen nieder.
Dort begegnet er nun die etwas jüngere Leonie Palm, die wiederum leitet in dieser Residenz einen Lesezirkel und möchte den Ex-Verleger gerne dafür gewinnen. Nicht ganz uneigennützig, denn auch sie selbst hat mit dem Schreiben begonnen nachdem ihr kleiner Hutladen immer weniger Kunden angezogen hatte.

Aus dieser Begegnung an Reithers Tür entsteht eine spontane nächtliche Fahrt an den benachbarten Achensee, aus der schließlich eine Reise bis nach Sizilien führt.
Weiterlesen „Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis“

Daria Bignardi – So glücklich wir waren

Daria Bignardi – So glücklich wir waren

Daris Bignardi - So glücklich wir waren

„Almamaio, das ist der Klang meines früheren Lebens, jenes glücklichen.“

„Aal-maa-maa-ioo“ so erschallte es, wenn die Mutter nach ihren beiden Kindern rief. Alma und Maio, nur ein Lebensjahr auseinander, hatten von Beginn an eine symbiotische Beziehung. Keiner konnte ohne den anderen, mit Maios späterer Freundin Michela bildeten sie eine Dreierbande.

Eine Freundschaft die bis zu jenem Abend unzerstörbar schien, an dem Alma die Idee hatte, einmal Heroin auszuprobieren. Eine Provokation, eine Eskapade, eine verrückte Idee für sie, der Beginn einer zerstörenden Drogensucht für Maio und am Ende der Bruch zwischen Geschwistern und Freunden. Weiterlesen „Daria Bignardi – So glücklich wir waren“

Kurt Oesterle – Martha und ihre Söhne

Literatur über die unmittelbare Nachkriegszeit erzählt meist aus männlicher oder kindlicher Sicht. Es sind die heimkehrenden Männer, die sich in der sogenannten „Trümmerliteratur“ ihren Platz ins Leben zurückschreiben wollen, es sind die Schriftsteller, die sich an ihre Kindheit in jenen Jahren erinnern. Zudem gibt es eine deutliche Überzahl derjenigen Romane, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus, besonders auch der Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen oder dem grausamen Kriegsgeschehen beschäftigen. Zumindest mir sind relativ wenige, zumal neuere literarische Werke bekannt, die sich intensiv mit der Zeit unmittelbar nach 1945 beschäftigen. Und dann noch die Perspektive einer jungen Frau, deren Sozialisation nahezu vollständig im Dritten Reich erfolgte, einnehmen. Das tut Kurt Oesterle mit Martha und ihre Söhne.

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Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel

Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel

Henning Mankell - Die Schwedischen Gummistiefel

Ein letzter Roman von Henning Mankell – da ergreift die Leserin, die über 25 Jahre hinweg immer wieder Bücher des Autors gelesen und geliebt hat, eine gewisse Wehmut.
Wehmut, ja Schwermut sind auch die Grundstimmungen in „Die schwedischen Gummistiefel“, die Mankell bereits mit seiner Krebsdiagnose verfasst und kurz vor seinem Tod im Oktober 2015 veröffentlicht hat.

Die Geschichte knüpft nicht nur im Titel an den 2007 erschienen Roman „Die italienischen Schuhe“ an. Darin wurde von dem alternden Chirurg Fredrick Welin erzählt, der nach einem fatalen Kunstfehler den Beruf aufgibt und sich in die Einsamkeit einer Schäreninsel zurückzieht. Eines Tages steht seine ehemalige Lebensgefährtin Harriet vor der Tür (genauer gesagt mit dem Rollator auf dem Eis) und will ihn, sterbenskrank, nicht nur noch einmal sehen, sondern präsentiert ihm auch die gemeinsame Tochter Louise, von der er bislang nichts wusste.
War auch in dieser Geschichte die Grundstimmung eine melancholische, war Welin auch damals einsam, menschenscheu, wenn nicht gar menschenfeindlich, voll einer unbestimmten Wut, mit einem schwierigen Verhältnis zu seiner Umwelt belastet, so steht über den „Schwedischen Gummistiefeln“ von Beginn an die bereits im Motto, einem Zitat aus dem Rolandslied, erwähnte Trauer.

„Viel hat der gelernt, der die Trauer kennt.“

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Catherine Banner – Die langen Tage von Castellamare

Catherine Banner – Die langen Tage von Castellamare

Catherine Banner - Die langen Tage von CastellamareEs sind die alten Geschichten, über Generationen weitererzählt, die italienischen Volksmärchen mit ihrem magischen Ton, die den Arzt Amedeo Esposito faszinieren, die er in einer dicken Kladde sein ganzes Leben lang sammelt, die auch noch seine Nachkommen lange Zeit begleiten und die Catherine Banners Roman strukturieren.
Es sind schicksalhafte Erzählungen von der Inselheiligen Agata, von den geheimnisvollen Höhlen am Meer, voll mit alten Knochen und Gebeinen, von Königstöchtern und mutigen Fischern, den Fischern der Insel Castellamare irgendwo im weiten Meer vor Sizilien.
So entwickelt auch die Autorin eine im besten Sinne altmodische Familiengeschichte: in epischer Breite, mit einem allwissenden Erzähler, der all die Personen, die zwischen 1914 und 2009 auf der Insel leben, sterben, geboren werden, lieben, hoffen und verzweifeln in einem großen, wunderbar zu lesenden Epos vereinigt. Weiterlesen „Catherine Banner – Die langen Tage von Castellamare“