Richard Yates Cold Spring Harbor

Richard Yates Cold Spring HarborEr ist der Meister der geplatzten Träume: Richard Yates, der zwischen 1961 und 1986 acht Romane (und davor noch Kurzgeschichten) schrieb, gleich mit seinem ersten „Revolutionary Road“ (dt.“Zeiten des Aufruhrs) einen großen Erfolg erzielte und 1992, 66 jährig, fast vergessen starb. Es dauerte bis um die Jahrtausendwende, um ihn wiederzuentdecken. Hierzulande macht sich seitdem die Deutsche Verlagsanstalt um die Veröffentlichung verdient. Nun erschien das letzte Buch auf deutsch:“Cold Spring Harbour“.
Auch hier sind es wieder Menschen der amerikanischen Mittelschicht, die im Alltag (meist vergeblich, aber umso verbissener) um ihr Glück kämpfen. Sie scheitern nicht grandios, es sind nicht die dramatischen Abstürze, die unteren Ränder der Gesellschaft, die Yates interessieren. Die Figuren in seinen Romanen starten meist hoffnungsvoll, mit Träumen, wie wir sie alle kennen, nicht hochtrabend, aber doch meist rosarot. Potential und guter Wille steckt in fast allen, Liebe spielt dabei eine Rolle, Familie, Wohlstand, beruflicher Erfolg bei den Männern, ein gewisser Status bei den Frauen. Und damit ist auch der gesellschaftliche Rahmen, in denen sie sich bewegen, fest umrissen. Es sind meist die 50er und 60er Jahre, hier in seinem jüngsten buch geht Yates sogar zurück in die 40er, die Nachkriegsjahre. Vielleicht weil sie so besonders hoffnungsvoll, so voller Aufbruch waren. Auf jeden Fall sind es die Jahre vor den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1968er, vor der Emanzipation, vor der sexuellen und bürgerlichen Freiheiten. Es waren, auch in den USA, enge Jahre, voll des gesellschaftlichen Drucks, der besonders auch auf den jungen Menschen lag, bestimmt vom Aufstiegswillen, beherrscht von Statusdenken und Wohlstandsstreben. Ehen wurden früh, nicht zuletzt um endlich auch Sex haben zu dürfen, geschlossen, scheiterten oft kläglich, wurden oft aber dennoch aufrecht erhalten.
So geht es auch den Protagonisten in Cold Spring Harbour, benannt nach dem kleinen Ort in New Jersey, der steht für das „alte Geld“, das dort zuhauf vertreten ist, aber auch für die, die nach „oben“ streben.
Gloria Drake ist eine solche Frau, typisch für Yates Personal. Ihre Lebensträume sind längst geplatzt, der vermögende Ehemann über alle Berge, liegen nun ihre Hoffnungen auf ihren beiden fast erwachsenen Kindern, wird die Fassade eines glücklichen Wohlstandslebens, wenn auch auf kleinstem Raum, aufrecht erhalten. Auch wenn dies nur noch mit zunehmendem Alkoholkonsum gelingt. Ein weiteres stets wiederkehrendes Motiv bei Yates, der doch außer einem (zumindest in seinem Empfinden und damals) Scheiternden auch ein massiver Alkoholiker war.
Ein massives Alkoholproblem, das natürlich genauso geflissentlch unter den Teppich gekehrt wird, hat auch Grace, die Ehefrau von Charles Shepard, ehemals bei der Army und massiv darunter leidend, dass seine Karriereträume durch das „zu frühe Enden“ des Krieges und eine Sehbehinderung scheitern ließ. Nun im Ruhestand kümmerst er sich aufopferungsvoll, aber zutiefst enttäuscht um seine kränkelnde Frau. Auch hier ist die große Hoffnung der blendend aussehende, aufstrebende Sohn Evan. Dieser hat aber auch bereits die ersten Enttäuschungen hinter sich. Seine übereilt geschlossene Liebesheirat mit Mary führt zwar zu einer Tochter, aber auch sehr bald zu einer Scheidung, da ist er kaum 20. durch Zufall treffen nun diese beiden strauchelnden Familien aufeinander, Evan wird Glorias Tochter Rachel heiraten. Wie diese zum Teil hoffnungsvollen, teils schon hoffnungslos gescheiterten, aber immer noch sehnsuchtsvollen Menschen aneinander abarbeiten, sich aneinander klammern, ist so psychologisch meisterhaft, so klar und nüchtern in der Sprache, in seiner Komplexität so eindrucksvoll wie in den besten Romanen von Richard Yates. So gnadenlos der Autor seine Figuren beobachtet und seziert, so viel Mitgefühl und Empathie hat er doch für sie alle. Es sind keine schlechten Menschen, keine Losertypen. Sie starten alle voller Hoffnungen und mit gutem Willen, und bleiben doch irgendwo auf der Strecke. Gescheitert am Alltag, an den gesellschaftlichen Normen, an den eigenen zu hohen Erwartungen. Und halten dem Leser, auch wenn er in ganz anderen Zeiten lebt, immer wieder den Spiegel vor. Wunderbar, dass wir nun alle Bücher von Richard Yates auf Deutsch vorliegen haben.

Richard Yates – Cold Spring Harbor

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

Deutsche Verlagsanstalt  November 2015,Gebunden, 240 Seiten, € 19,99

NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen

NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen

NoViolet Bulawayo Wir brauchen neue NamenNoViolet Bulawayo ist eine jener in jüngster Zeit häufiger zu hörenden Stimmen junger, zumeist weiblicher aus Afrika stammender Autoren, die meist nach einer Ausbildung im Westen dort geblieben sind, in den USA oder Großbritannien und nun mit einer Mischung aus Sehnsucht, Nostalgie und Heimweh, aber auch kritschem Abstand und gnadenloser analytischer Schärfe auf ihr Heimatland zurück blicken.
Simbawe ist das Land, in dem die zu Beginn 10jährige Darling aufwächst. Es wird erst ziemlich spät im Roman auch benannt, das „geliebte Zim“. Sein Schicksal gleicht auf fatale Weise dem unzähliger anderer afrikanischer Nationen: Ausbeutung und Unterdrückung durch die Kolonialmächte, nach der Unabhängigkeit die Hoffnung auf Freiheit und Aufschwung, eine kurze Phase der Hoffnung, dann der Aufstieg von unterschiedlichen Despoten, die, machtlüstern und meist unfähig, ein System der Korruption und Vetternwirtschaft aufbauten, das selbst die rohstoffreichsten und hoffnungsvollsten Staaten in meist noch größeres Elend, in Hunger und Armut großer Teile der Bevölkerung führten – vergessen und missachtet von den eigenen Eliten.
Auch Simbawes Schicksal sieht nicht anders aus.
Nach einem aussichtsreichen Start in die Unabhängigkeit 1980 verkam es unter dem diktatorischen Präsident Robert Mugabe immer mehr und belegt seit Jahren die untersten Ränge der Entwicklungsberichte. Für oppositionelle Bestrebungen ist schon lange kein Platz. Ab 2005 wurden unter dem Vorwand der Beseitigung von illegalen Bauten und der Hygiene in der Operation „Müllentsorgung“ unzählige Häuser von staatlicher Seite dem Boden gleichgemacht, bevorzugt in Gebieten mit traditionell hoher oppositioneller Aktivität.
Auch das Haus von Darlings Familie fällt dieser Säuberung zum Opfer. Der Vater sucht darauf sein Glück in Südafrika, lässt dann aber nie wieder von sich hören. Die Mutter zieht mit Darling in den Slum „Paradies“. Das die Verhältnisse dort alles andere als paradiesisch sind, versteht sich von selbst.
Trotzdem erlebt Darling mit ihrer Clique auch glückliche Momente, zum Beispiel wenn sie in den besseren Stadtvierteln Guaven stehlen oder wenn sie „Jagt Bin Laden“ spielen. Die Autorin erzählt aus der Perspektive ihrer kleinen Heldin und so wird der Leser mit vielen Grausamkeiten auf besondere Weise konfrontiert. Beispielsweise wenn die elfjährige Chipo, die vom eigenen Großvater vergewaltigt und danach schwanger, von ihren Kameraden mit einem rostigen Kleiderbügel „operiert“ werden soll. Dazu brauchen die Kinder „Neue Namen“, sie werden zu Dr. Ross und Jeanie Boulet, frei nach Emercency Room. Der Eingriff wird zum Glück verhindert, zeigt aber, wie allein gelassen, voller falscher Träume von Amerika, aber auch voll des Tatendrangs, der Hoffnung und der Sehnsüchte die Kinder leben.
Bulawayo schafft dafür eine kraftvolle, überzeugende Sprache, reich auch an eigenwilligen, treffenden Sprachneuschöpfungen, die uns die kleinen Protagonisten sehr nah bringen.

In der Mitte des Buches erfolgt ein vielleicht etwas zu harter Bruch.

Darling reist zu ihrer Tante nach Detroit.
Dort leidet sie zwar an Heimweh, kämpft mit der Sprache, empfindet
„Englisch ist wie eine riesige Eisentür, zu der man dauernd den Schlüssel verliert“, erfährt, dass das Leben in Amerika auch nicht das Paradies ist. Zugleich entfernt sie sich aber auch immer weiter von ihrem „geliebten Zim.“

 „Dein Land, Darling? Im Ernst, dein Land, bist du dir sicher?(…)Wieso bist du denn gerade nicht in deinem Land? Warum bist du nach Amerika abgehauen(…) du hast es im Stich gelassen, Darling, meine Liebe, du hast das Haus brennen lassen, und du wagst es, mir mit diesem blöden Akzent, mit dem du nicht mal geboren wurdest, der nicht mal zu dir passt, zu sagen, dass das hier dein Land ist?

wird ihr etwa von ihrer alten Kinderfreundin einmal um die Ohren gehauen. Ein Vorwurf, der Darling, genauso wie wahrscheinlich auch die Autorin und unzählige andere Emigranten wütend macht, und der doch nur ein oft selbst empfundenes schlechtes Gewissen,ein Gefühl des Verrats ausdrückt.
Auch wenn dieser zweite Teil nicht ganz so intensiv wie der erste ist, kommen darin doch die typischen Probleme von Emigranten überall auf der Welt zum Ausdruck: Die Fremdheit im neuen wie im alten Heimatland, die Balance zwischen Integration und Heimattreue.
Und nicht zuletzt deshalb ist es ein hochaktuelles Buch, das ganz zurecht auf der Nominierungsliste zum ManBooker-Preis 2013 stand.
In der Mitte des Textes, ihn in die zwei Hälften Afrika/USA teilend, steht ein kurzes Kapitel, in dem diesen Scharen an Flüchtlingen ein poetisches Denkmal gesetzt wird.

Seht nur, sie gehen in Scharen, die Kinder des Landes, seht nur, sie gehen in Scharen. Die nichts haben, überqueren Grenzen. Die Kraft haben, überqueren Grenzen. Die ehrgeizig sind, überqueren Grenzen. Die Verluste beklagen, überqueren Grenzen. Die Schmerzen haben, überqueren Grenzen. Fahren, laufen, ziehen, gehen, wandern, verschwinden, fliegen, fliehen – überall hin, in nahe und ferne Länder, deren Namen sie nicht aussprechen können. Sie gehen in Scharen. (…)Ihre Mütter und Väter und kinder zurücklassen, ihre Nabelschnüre im Boden, die Knochen ihrer Vorfahren in der erde, alles, was sie ausmacht, sie zu dem macht, wer und was sie sind, weil sie unmöglich bleiben können. Nie wieder werden sie sein wie jetzt, denn an bleibt nicht derselbe, wenn man zurücklässt, wer und was man ist, man bleibt nicht derselbe.“

NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen 

Suhrkamp Verlag August 2014, Gebunden, 264 Seiten, 21,95 €

Yasmina Reza – Glücklich die Glücklichen

Yasmina Reza - Glücklich die GlücklichenWer Yasmina Rezas Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“, unlängst sehr erfolgreich von Roman Polanski verfilmt, kennt, dem sind die Protagonisten ihres schmalen Romans „Glücklich die Glücklichen“ vertraut.
Sie stammen alle aus dem gehobenen Bürgertum, sie sind Rechtsanwälte, Ärzte, Geschäftsleute oder Schriftsteller. Sie sind wohlsituiert, gesellschaftlich etabliert, erfolgreich und vordergründig glücklich. Vordergründig, den in fast allen gärt es, stauen sich enttäuschte Hoffnungen und überzogenen Glückserwartungen, Überdruss und Genervtheit. Kleine, völlig unbedeutende Begebenheiten führen dann oft zu unkontrollierten, pathetischen Ausbrüchen. Die sorgsam gehütete Fassade, die mühsam aufgebauten Lügengebäuden stürzen in sich zusammen und verdeckte Wahrheiten und verborgene Animositäten kommen zutage. Das überrascht dann meist nicht nur die Umwelt, sondern auch die Person selbst. Ist doch Selbstbetrug nicht selten der Grund auf dem so manches „Glück“ gebaut ist.
In „Glücklich die Glücklichen“ begegnen wir in 21 kurzen Episoden, die zugleich die Kapitel des Buches bilden, insgesamt 18 Menschen, die alle zumindest über verschiedene Ecken miteinander verwandt oder bekannt sind. Einen Reiz des Textes macht es aus, diese Verbindungen aufzuspüren und die unterschiedlichen Charaktere aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
So treffen wir im ersten Kapitel Odile, die mit ihrem Mann Robert im Supermarkt einen erbitterten Streit über den Einkauf vor allem der richtigen Käsesorte führt, der schließlich sogar in Handgreiflichkeiten ausartet. Ein Meisterstück der szenischen Inszenierung, so wie man dem gesamten Buch die Theaterkarriere der Verfasserin anmerkt. Das Kapitel ist aus der Sicht Roberts geschrieben, Odile ist die überspannte Hausfrau und Mutter, Robert zunehmend genervt davon. In den weiteren Kapiteln, die jeweils aus einer anderen Perspektive verfasst sind, begegnen wir Odile als langjährige Freundin, als erfolgreiche Rechtsanwältin, als Geliebte ihres Chefs und als Tochter zunehmend seniler Eltern. Wie in einem Reigen wechseln sich die Figuren ab, beleuchten sich selbst und die anderen. Durch den Kontrast der Selbst- und Fremdwahrnehmung entstehen interessante Blicke auf Menschen, die, aufgerieben zwischen Beruf, Ehe, Kindern, oft auch – typisch französisch – Liebhabern und den eigenen Glücksansprüchen, an diesen eher scheitern. Zugleich erlaubt der Text aber auch einen Blick auf diese spezifische gesellschaftliche Schicht. Und zeigt, dass das Glück oft dort liegt, wo man es gar nicht erwartet, oder auch gar nicht akzeptiert.
So ist die glücklichste Figur vielleicht der 19jährige Jacob, dessen Verehrung für die Sängerin Celine Dion soweit führte, dass er glaubt, Celine Dion zu sein. Auch in der psychiatrischen Klinik, in die die peinlich berührten Eltern ihn gebracht haben, gibt er freudestrahlend Autogramme und schützt seine empfindlichen Stimmbänder mit bunten Schals.
Er ist eine der Figuren, die auch nach dem Lesen der kleinen Episoden noch lange im Gedächtnis bleiben. Ähnlich wie das von der Autorin durch Kindermund mitgelieferte, mögliche Rezept zum Glücklichsein, das eben darin bestünde, „den Anspruch auf Glück auf das Minimum zu reduzieren.“
Am Ende sind die Protagonisten auf der Beerdigung eines von ihnen vereint. Trotzdem bleibt am Ende ein wenig das Gefühl des Unfertigen, der Beliebigkeit des Erzählten. Yasmina Reza verweilt zu oft nur an der Oberfläche, bemüht auch zu viele Beziehungs- und Geschlechterklischees. Vielleicht ist es das vielgerühmte „Leichte“ des Französischen, das hier trotz allem, auch beißenden Witz wenig Nachhaltiges zu bieten hat.

Yasmina Reza – Glücklich die Glücklichen

 

 

Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

Anna Gallkina - Das kalte Licht der fernen SterneDas kalte Licht der fernen Sterne, so lautet der überaus poetische Titel des Debütromans von Anna Galkina, die geboren und aufgewachsen in Moskau, seit 1996 in Deutschland lebt.
Das „kalte“ erstrahlt dabei in grellem Weiß, während das „Licht“ in wärmendem Rot gehalten ist (wie überhaupt die sehr schöne Aufmachung des Buches in der Frankfurter Verlagsanstalt ein Lob verdient.) Dieser Wechsel aus Kalt, rau, brutal und warm, nostalgisch, kindlich-sehnsuchtsvoll kennzeichnet auch ein wenig das ganze Buch.
Es erzählt in ganz kurzen Abschnitten, episodenhaft, wie auf einer Perlenschnüre aufgereiht, aus dem Leben von Nastja.
Ihre Kindheit in den Achtziger Jahren in einem kleinen Kaff unweit von Moskau ist alles andere als rosig und einfach. Die alleinerziehende Mutter bringt die kleine Familie zusammen mit der Großmutter mehr schlecht als recht über die Runden. Es herrscht sowjetische Mangelwirtschaft, für die elementarsten Dinge muss man stundenlang anstehen, die Wohnsituation ist katastrophal und viele selbstverständliche Dinge, wie zum Beispiel Toilettenpapier kaum zu bekommen. Nur die politische Indoktrination läuft perfekt, gerade auch in den Institutionen, die die kleine Nastja durchlaufen muss, wie Kindergarten und Schule. Die Erziehungsmethoden sind alles andere als pädagogisch, drakonische Strafen und Erniedrigungen sind an der Tagesordnung. Darin unterscheiden sich die „Bildungsanstalten“ kaum von der im Elternhaus gehandhabten Praxis. Auch hier herrscht hilflose, oft überforderte Lieblosigkeit und Gewalt.
Gewalt ist neben Mangel auch das vorherrschende Motiv in Nastjas Kindheitserinnerungen. Eins bedingt dabei vielleicht auch das andere. Alkohol fließt in wahren Strömen.
Trotzdem scheinen immer wieder auch Glücksmomente und sogar Poesie auf, stehen das „kalte Licht der fernen Sterne“ und der volle Geruch nach Äpfel, Birnen und Blumen neben dem des „Scheißhaufens“ und des Plumpsklos. Neben dem ungeschönten Blick auf die Missstände des Realsozialismus stehen auch nostalgische Momente. Härte und Leichtigkeit wechseln sich ab.Wie auch immer ein wunderbarer, leiser, aber oft bissig-ironischer Witz das Lesen auch der brutalsten Gegebenheiten erträglich macht.
So nimmt die Gewalttätigkeit in der Mitte des Buches beträchtlich zu. Nicht zufällig fällt das in die Zeit des Erwachsenwerdens Nastjas. Sie wird zur Frau und muss die überall herrschende, meist sexualisierte Gewalt der Männer, der Großväter, „Onkels“, Mitreisenden im Zug zur Kenntnis nehmen. Aber auch die Rolle der Frauen und Mädchen ist nicht nur auf die der Opfer reduziert. Sie fügen sich zu bereitwillig, suchen geradezu die sexuelle Erniedrigung oder schauen ihr grausam-lüstern untätig zu. Das ist schwer auszuhalten und lässt sich nur durch die Allgegenwart von Gewalt, Alkoholismus und einem negativen Frauenbild erklären.
Anna Galkina verschont den Leser nicht. Viele ihrer Schilderungen sind nur mit dem erwähnten Humor und den immer wieder aufblitzenden poetischen Beschreibungen zu ertragen. Und auch durch den wunderbaren Aufbau des Buches.
Zwanzig Jahre nach dem als Schlusspunkt gesetzten Wegzugs der Familie nach Riga kehrt Nastja in die alte Heimat zurück. Sie reist mit dem Zug an und nähert sich dem Ort ganz langsam, nahezu touristisch. Sie beschreibt den Bahnhof, die Straßen des Städtchens, ihr altes Haus, den Garten usw. Damit nähert sich auch der Leser ihrem alten Leben an, um dann ab der Mitte des Buches vor so viel Gewalt, Hass und Untätigkeit fassungslos zu sein. Am Ende ist zwar die zarte Liebe zum Soldaten Dima ungewiss, aber mit dem Umzug nach Riga deutet sich zumindest die Hoffnung auf einen Neuanfang an.
Ein nicht immer angenehm zu lesender, aber wichtiger und eindrucksvoller Einblick in den sowjetischen Alltag.

Anna Gallkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

Frankfurter Verlagsanstalt Februar 2016, gebunden, 218 Seiten, € 19,90 

Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

Tom Cooper - Das zerstörte Leben des Wes TrenchFür die Medienöffentlichkeit sind es meist nur mehr oder weniger lange fesselnde Nachrichten, Aufreger, „Jetzt muss aber endlich mal was passieren!“, im besten Fall Grund für eine bald abebbende Welle des Mitgefühls und der Spendenbereitschaft: die weltweiten Katastrophen, seien es Erdbeben, Tsunamis, Wirbelstürme, Flugzeugabstürze oder andere Menschenleben und Existenzen vernichtenden Ereignisse.
Oft sind sie vom Menschen zumindest mit verursacht oder wurden die Warnzeichen lange Zeit beharrlich ignoriert.
Trotzdem erschüttern sie kurz die Welt bis in ihr Innerstes, um dann aber alsbald im Nachrichtendschungel zu verschwinden und vergessen zu werden.
Für die Betroffenen ist dies nicht so leicht möglich. Sie leiden noch Jahre und Jahrzehnte unter den Auswirkungen.

So wie die Bewohner der Barataria Bay, einer Insel- und Sumpflandschaft südlich von New Orleans, die nicht nur durch den verheerenden Wirbelsturm Katrina stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, sondern nur fünf Jahre später durch die brennende Plattform Deepwater Horizon eine gigantische Ölpest erlebte.
Für viele Fischer, die hier vor allem die begehrten Shrimps fangen, eine Bedrohung ihrer Existenzgrundlagen.

Führten die „Sumpfratten“, wie die Bevölkerung vom Rest des Landes mitunter abschätzig genannt werden, doch eh schon ein hartes Leben. Die Hitze ist mörderisch, Insekten, allerlei krabbelndes Getier und die ständige Feuchtigkeit, dazu schlechte Infrastruktur und eine alles beherrschende Aussichts- und Ausweglosigkeit.
Kein sehr lebensfreundlicher Ort.

Hier lebt der junge Wes Trench, dessen Mutter ihr Leben im Wirbelsturm verlor, mit seinem knurrigen Vater vom Shrimpsfang. Lieber wäre er noch länger aufs College gegangen, vielleicht auf die Universität, aber dafür ist kein Geld da.
Nun träumt er von einem eigenen Boot, zumal die Spannungen mit seinem Vater, dem er die Schuld am Tod der Mutter gibt, ins Unerträgliche wachsen.
Wes ist eine der Hauptfiguren des Romans, allesamt männlich, die Frauen spielen hier nur eine Nebenrolle. Und er ist noch nicht einmal die unglücklichste, sondern derjenige mit den größten Hoffnungen.

Deshalb verwundert einmal mehr der deutsche Titel, im Original heißt das Buch schlicht „The marauders“.

Neben Wes und seinem Vater lernen wir Lindquist kennen, einen Fischer, der aber seine Zeit lieber auf Schatzsuche verbringt und dem seit einem Arbeitsunfall ein Arm fehlt.
Die teure Prothese wurde ihm von den Brüdern Toup gestohlen, die im großen Stil Marihuana anbauen, völlig skrupellos sind und Lindquist im Verdacht haben, ihre geheime Plantage im Gewirr der Inseln entdeckt zu haben.
Dabei ist es das Kleinkriminellenpärchen Cosgrove und Hanson, die hier ihr großes Geschäft wittern.
Als letzten der Protagonist, die wir in den ständig die Perspektive wechselnden Kapiteln kennenlernen, ist Grimes, ein Abgesandter der Ölfirma, die mit den Anwohnern Abfindungszahlungen vereinbaren will, damit teurere Klagen verhindert werden. Grimes hat seine Kindheit und Jugend hier verbracht und seine Mutter lebt noch hier.

Mit all diesen Figuren verleben wir nun hier in der Barataria Bay die Tage und gelangen bald in eine äußerst spannende Handlung rund um den illegalen Marihuana-Anbau der Toup-Brüder.

Tom Cooper vermag es hervorragend, die schwüle, lebensfeindliche Schönheit der Sumpflandschaft zu schildern. Die Figuren sind zwar relativ Schwarz-Weiß gehalten, sie verkörpern die ihnen zugewiesenen Rollen zuverlässig bis zum Ende, aber sie sind zum Glück interessant genug, um das zu verzeihen.
Die Sprache ist klar und direkt, oft humorvoll und mit prägnanten Dialogen, das Ende ein wenig zu sehr Happy-End, aber auch das darf ein Roman, der insgesamt sehr gut und spannend unterhalten hat.

Johannes Staeck liest sehr szenisch und gibt allen Figuren ganz eigene Stimmen. Mir war das manchmal etwas zu viel des Guten, eine etwas zurückgenommenere Lesung hätte mir besser gefallen.

Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter Torberg

Ullstein Buchverlage Februar 2016, gebunden, 384 Seiten, € 22,00

 

Jan Böttcher – Y

Jan Böttcher YY lautet der ebenso kurze wie rätselhafte Titel von Jan Böttchers neuem Roman.
Ein Titel, zu dem der Text selbst die schlüssel liefert. Da ist zum Einen die traditionelle albanische Hütte der Schafhirten. Ein Arm zum Hineinleiten der Schafe, die im Stamm festgehalten und gemolken werden, ein Arm zum Hinausleiten. Eine Hütte für einen Sommer, ein Provisorium so wie die Situation im Kosovo nach dem Krieg Ende der 90er Jahre, seine Architektur, die keine Baugenehmigungen zu kennen scheint, ebenso wie der mühevolle Weg zu einer funktionierenden Demokratie und dem Anschluss an den Rest Europas.Die Künstlerkreise, in denen sich Arjeta, die Hauptprotagonistin, bewegt, scheinen einen Schritt weiter zu sein als der Rest der Gesellschaft. „Provisorium“ heißt auch das aktuelle Projekt der Aktionskünstlerin Arjeta, mit der sie sowohl gegen illegale Abholzung als auch gegen die Sinnlosigkeit von Grenzen und Abgrenzung allgemein protestieren will.
Den zweiten Hinweis auf den Titel Y gibt der Erzähler selbst: Es ist die einfachste Form eines Familienstammbaums.
„…wir waren die armdicken Äste, die sich streckten und nach Hilfe ruderten , die alles aus der Luft griffen, was sich greifen ließ und es dann in den Stamm ihres einzigen Kindes hinableiteten, um ihm bei der Verwurzelung zu helfen.“
Familienbeziehungen sind ein zentrales Thema, neben den Verwüstungen, die der Kosovokrieg in Land und Menschen hinterlassen hat.
Es ist der Ich-Erzähler, Schriftsteller und Vater des 14jährigen Benji, der durch das Verschwinden des besten Freundes seines Sohnes, des albanisch stämmigen Leka in dessen Familiengeschichte hineingezogen wird. Dessen Vater, der Computerspielentwickler Jakob Schütte, war ein alter Schulfreund von Arjeta, teilte mit ihr das Fremdsein inmitten der Klassenkameraden, hat Jahre später eine Liebesbeziehung mit ihr, die scheitert als sie mit ihrer Familie während des Kriegs zurückkehrt – die Brüder wollen für ihr Vaterland kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt ist Arjeta schon mit Leka schwanger, Jakob reist ihr hinterher, aber die Beziehung ist bereits zerbrochen, so sehr Jakob darunter auch leidet. Wen die Schuld daran trifft, wie es dazu kam – da der Erzähler immer nur das ihm Berichtete wiedergeben kann, bleibt dies ungewiss.
In dieser Erzählposition des Unbeteiligten Dritten, in der der erste Teil der Geschichte, die Kindheits- und Liebesgeschichte Jakobs und Arjetas erzählt wird, liegt auch ein Reiz des Romans. Die Unsicherheit von Erinnerungen, von Erzähltem wird thematisiert.
Nach dem Verschwinden Lekas nach Pristina ist Benji so verstört, dass der Erzähler mit ihm zusammen in den Kosovo fährt, für ihn auch eine Gelegenheit, die Vater-Sohn-Beziehung zu stärken. Denn die gestörte Beziehung Jakobs zu seinem Sohn veranlasst ihn, an die eigene Kindheit zu denken, an seine eher schwierige Beziehung zu den Eltern. Leka erinnert ihn daran, dass er es als Jugendlicher nie geschafft hat, seine Eltern zu verlassen, Jakob daran, dass er selbst einmal, wenn auch nur für wenige Wochen seine Frau und den neugeborenen Sohn verlassen hat. Vielleicht als Ausbruch aus dem allzu Vertrauten. Jetzt meint er zu wissen „Es gibt nämlich gar kein Defizit an Fremde…Weil Fremde immer schon da ist. Sie beruht nicht darauf, von wo die Verwandten migriert sind. Sie ist kein fremdsprachiger Akzent und kein unbekanntes Volkslied.“ Sie steht zwischen den Menschen, auch zwischen denen, die sich eigentlich ganz nah sein sollten. „Arjetas Provisorium beherbergte die Fremde. Alles addierte sich zu Europa.“
So bekommt das Ganze einen politischen Aspekt, beklagt, dass „Kosova 1999 dagegen realpolitisch nicht mehr als ein Militärstützpunkt gewesen (war), ein Stück Geopolitik, es hatte eine Lage –  und sonst nichts zu bieten, was der internationalen Gemeinschaft zum Vorteil gereichen konnte“. Ein Grund vielleicht, warum es auch 2015 noch eine Art Provisorium darstellt. „Vom Balkan lässt sich nichts anderes exportieren als der Krieg.“ bekommt Jakob Schütte demnach auch gesagt, als er einem Finanzier seine Idee unterbreitet, den Kosovo zum Schauplatz eines neuen Computerspiels zu machen. Es wird tatsächlich ein Kriegsspiel, mit dem Schütte recht skrupellos seine Kosovo-Erfahrung genauso verarbeitet wie sein schwieriges Verhältnis zu Arjetas Familie. Und dessen Beschreibung im Roman recht viel Raum eingeräumt wird. Auch ein Versuch der Väter-Generation, mit Benji und Leka in Kontakt zu bleiben.
Es sind eine ganze Reihe von sehr interessanten Themen, die Jan Böttcher anschneidet. Meiner Ansicht nach ist es ihm aber leider nicht gelungen, daraus einen konsistenten, packenden Roman zu konstruieren. Lange Zeit ist nicht einmal klar, was überhaupt erzählt werden soll. Sprache und Aufbau sind zu theoretisch, um Empathie oder auch nur näheres Interesse an den Figuren zu wecken. Das ist sehr schade, denn der Kosovokrieg und das Schicksal des Landes kommen in der heutigen Literatur viel zu selten vor. Auch der Computerspiel-Ansatz, der Versuch das Fremde zu fassen, ist interessant. Die Umsetzung aber enttäuscht.

Jan Böttcher – Y

Aufbau Verlag März 2016, Gebunden, 255 Seiten, 19,95 €

Jane Gardam – Ein untadeliger Mann /Eine treue Frau

Jane Gardam - Ein untadeliger MannJane Gardam - Eine treue FrauFast schon eine Sensation und ganz gewiss ein enormer Glücksfall für den Verlag ist die Entdeckung der fast neunzigjährigen Jane Gardam, die bereits eine Fülle von Romanen, Erzählungen und Kinderbüchern verfasst, in England mit Erfolg und Preisen versehen, aber in Deutschland nahezu unbekannt und unübersetzt ist.

Das mag daran liegen, dass ihre Romane so dezidiert britisch sind, sowohl von der Thematik als auch vom Stil her. Dass sie darüber hinaus auch welthaltig und allgemeingültig sind, über alle „Britishness“ hinaus, kann der deutsche Leser zum Glück nun erfahren. Und das in gleich dreifacher Ausführung, denn nach dem großen Erfolg des ersten Bandes der „Old Filth“-Trilogie „Ein untadeliger Mann“ ist unlängst der zweite Band „Eine treue Frau“ erschienen und wird im Herbst der Abschlussband folgen.

Old Filth, der Spitzname von Edward Feathers, steht in so offensichtlichem Gegensatz zu der nicht nur äußerlich immer perfekten Erscheinung des erfolgreichen, hochrangigen Kronanwalts, die mit „filth“, Schmutz, Unrat nun gar nicht zu tun hat. In Wahrheit bezieht er sich auch auf den alten Scherz Edwards „Failed In London, Try Hongkong“. Denn Edward ist durch Anwaltstätigkeit im Baurecht in der Kronkolonie Hongkong zu hohem Ansehen und immensem Reichtum gelangt. Er war, wie seine Frau Elizabeth, Betty, eine sogenannte Raj-Waise, was jene Kinder umfasst, die als Kinder von Kolonialbeamten in der Ferne geboren, im frühen Schulalter nach England geschickt wurden, um dort „ordentlich“ aufzuwachsen und ausgebildet zu werden. Das wurde für viele von ihnen zu einem traumatischen, zumindest aber den Eltern entfremdenden Lebensabschnitt.

Edward erwischte es besonders schlimm, er wurde von dem nach dem Tod der Mutter zu keiner väterlichen Empfindung mehr fähigen Vater zu äußerst lieblosen, brutalen Pflegeeltern nach Wales gegeben. Einziger Lichtblick war, dass zwei entfernte Cousinen, Claire und Babs, dieses Schicksal mit ihm teilten. Eine Verbundenheit, die die Jahre überdauerte.

Betty, die Vollwaise war, litt nicht ganz so unter ihrer Kindheit, aber beide zog es immer wieder in den Fernen Osten, wo sie sich auch schließlich begegneten.

Die Trilogie folgt nun ihren Lebenswegen, und zwar aus jeweils anderer Perspektive.

Im ersten Band steht Edward ganz im Zentrum. Bereits seit zwanzig Jahren leben er und Betty nun in Dorset, die Perspektiven in Hongkong waren ihm mit Näherrücken des Anschlusses an China zu ungewiss. Seine Frau ist gerade überraschend verstorben und hinterlässt ihn nun, laut eigener Aussage, „jeglichen Lebenssinns beraubt“. In starken Bildern kommen nun Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre, aber auch weiter zurückreichend bis in seine früheste Kindheit in Malaysia, den traumatischen Kinderjahren in Wales, die in ein völlig verdrängtes, entsetzliches Erlebnis mündeten, die glücklicheren Jahre im Internat, wo ihm die Familie eines Freundes liebevollen, wenn auch nur vorübergehenden Familienersatz bot. Erinnerungen, die nicht alle erwünscht sind. Vermögen sie doch

„die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er als vernünftiger Mann bislang geschlossen gehalten hatte“, ist er doch der Meinung, „Fakten, Erinnerungen, der Schmerz des Lebens – oder chaotischer Lebensumstände – müssen vergessen werden“.

Nun allein und mit der Situation völlig überfordert, versucht er, wie in seinem ganzen Leben, Haltung zu bewahren.
Dennoch kommt es zu einer Art Übersprungshandlung.
Er, der weltferne Snob, mottet das alte, ewig nicht genutzte Auto aus und macht sich auf die Fahrt nach Norden, zu seine beiden Cousinen. Was er dort zu finden hofft, bleibt ungewiss.

Es ist meisterhaft, wie Jane Gardam die verschiedenen Zeitebenen auf völlig organische Weise durcheinander mischt, die weite Vergangenheit der Kindheit, die nahe des ehelichen Zusammenlebens, die Jetztzeit der Witwerschaft und auch Ausblicke bis zu Edwards Tod.
Es entsteht so ein psychologisch genaues Lebensporträt, das ohne auch die Schattenseiten zu verschweigen, doch zutiefst mitfühlend ist. Das trotz seiner beißenden Ironie und des manchmal bitteren Humors doch nie zu nahe an seine Personen tritt oder sie gar vorführt.
So behält auch „Old Filth“ bis zum Schluss die ihm so wichtige Würde.

Im zweiten Band „Eine treue Frau“ wechselt der Fokus auf Betty.
Die Dritte Person wird wie im ersten Buch weiterhin gewahrt, aber es ist eine weibliche Perspektive, die wir hier kennenlernen.
Dass zu Beginn sehr viel 1:1 aus dem ersten Teil übernommen wird, hat mich zunächst ziemlich gestört und das Hineinschlüpfen in Bettys Welt etwas verzögert, erleichtert aber natürlich Neueinsteigern oder wenn „Ein untadeliger Mann“ etwas weiter zurückliegt, die Lektüre.

Zum Glück schwenkt die Geschichte bald um, die Ehe von Edward und Elizabeth, die weniger auf leidenschaftlicher Liebe basiert als auf dem Halt, den sich die beiden geben, ihre Kinderlosigkeit, die Beziehung zu Edwards Rivalen Terry Veneering, das Leben in Dorset mit seinem Understatement und das Einrichten in einem leidenschaftslosen, aber gesicherten Leben bekommen einen größeren Stellenwert und all die wunderbaren Stärken des ersten Bandes sind auch hier zu finden: Humor und zurückhaltende Psychologie, der Blick für das Private wie für die britische Gesellschaft allgemein, gerade auch was ihre koloniale Vergangenheit betrifft.

Nun kann man gespannt sein auf den dritten Teil, „Letzte Freunde“, der aus der Sicht von Terry Veneering geschrieben ist.

Jane Gardam – Ein untadeliger Mann

Hanser Berlin August 2015, gebunden, 352 Seiten, €22,90

Jane Gardam – Eine treue Frau

Hanser Berlin März 2016, gebunden, 272 Seiten, €21,90

Britta Bolt – DAS HAUS DER VERLORENEN SEELEN

Britta Bolt - Das Haus der verlorenen SeelenPP, Pieter Posthumus ermittelt wieder!
Welch freudige Neuigkeit für alle Freunde des sympathischen Holländers, der im Auftrag der Stadt Amsterdam in einer Art Behörde Herkunft und Angehörige von verstorbenen Unbekannten ermitteln und möglichst auch die Bestattungskosten auftreiben soll, bevor er diesen eine würdevolle Beerdigung organisiert. Eine Tätigkeit, die ihn schon im ersten Fall in einen Kriminalfall verstrickt hat.
Diesmal betrifft es PPs unmittelbare Umgebung. Marloes, die Nachbarin seiner Freundin Anna wird verdächtigt, einen jungen Mann ermordet zu haben. In ihrem Gästehaus hat sie immer wieder jungen Gestrandeten, Drogenabhängigen, Prostituierten, Verzweifelten eine Zuflucht geboten. Auch Zig kam aus der Stricherszene. Posthumus deckt sehr bald einen Zusammenhang zu einem früheren Mord, ebenfalls aus dem Rotlichtmilieu, auf, als er beginnt zu ermitteln. Ein Bärendienst, den er Marloes da ungewollt erweist, finden sich doch Verbindungen von ihr auch zu diesen ersten Opfer und wird ihr dieser Mord schließlich auch zur Last gelegt. PP zieht sich zurück.
Erst Monate später, als sich Annas und Marloes Gewissheit, die Unschuld letzterer zu beweisen zerschlägt, nimmt Pieter sich den Fall erneut vor. Etliche Ungereimtheiten kommen zu Tage, Annas gemütliche Kneipe „De dolle Hond“ wird Opfer eines Brandanschlags und dunkle Machenschaften deuten sich an.
Das Haus der verlorenen Seelen bietet alles, was ein richtiger Wohlfühlkrimi braucht und bereits den ersten Fall von Pieter Posthumus so schön zu lesen gemacht hat: sympathische Charaktere mit Ecken und Kanten, ein origineller Ansatz und nachvollziehbare Ermittlungen, atmosphärische Schilderungen aus – dem diesmal winterlichen – Amsterdam und eine gehörige Portion Spannung. Wer auf atemlose Action und blutige Mordmethoden zugunsten intelligenter Unterhaltung verzichten kann, ist hier genau richtig. Und kann sich auf den nächsten, den dritten Fall von Pieter Posthumus im nächsten Jahr freuen.

Britta Bolt – Das Haus der verlorenen Seelen
Hoffmann und Campe Verlag März 2016, gebunden, 320 Seiten, € 22,00

Yvonne Adhiambo Owuor DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

Yvonne Adhiambo Owuor - DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

Ein Debütroman aus Kenia, ein Buch, das es dem Leser, zumindest dem westeuropäisch geprägten, nicht gerade leicht macht.
Fast 100 Seiten brauchte es, bis mir der Einstieg wirklich gelang.
Das ist mehr, als man gemeinhin einem Buch zugesteht. Hat man den Zutritt zu der ganz eigenen afrikanischen Welt, der überwältigenden, aber auch etwas unzugänglichen Sprache einmal gefunden, bietet sich eine hochinteressante und ergreifende Leseerfahrung.
Für mich begann dieses Eintauchen in die Geschichte wohl nicht zufällig mit dem Auftritt des „englischen Gasts“ Isaiah Bolton in der kenianischen Steppe, im abgelegenen Wuoth Ogik, „dem Ort an dem die Reise endet“ und dem Ort im unwirtlichen Norden Kenias, an dem die Familie Oganda beheimatet ist.

Die Familie Oganda ist etwas, was man im modernen, westlichen Sprachgebrauch gerne eine dysfunktionale, eine schwer traumatisierte Familie nennen würde. Eine Gemeinschaft,
„erstickt in der Familiengewohnheit des Schweigens.“
Die Mutter Akai steckt voller Wut, auch Gewalt, ist oft abweisend und auch meistens abwesend. Der Vater Nyipir ist seit seiner Kindheit seelisch verwundet, seine Mutter starb als er sehr klein war an einem Schlangenbiss, zur gleichen Zeit sind Vater und älterer Bruder im Dienste der britischen Besatzungsmacht im Burmakrieg verschollen. Allein auf sich gestellt, vom Onkel als billige Arbeitskraft ausgenutzt und misshandelt, erschlägt er diesen eines Tages mehr oder weniger in Notwehr und flieht zu einer Missionsstation, auf der er nicht minder schlecht behandelt wird.
Bei diesen Eltern wachsen die Geschwister Moses Odidi und Ajani auf, die von Beginn an eine sehr enge Beziehung zueinander haben. Beide fliehen aber früh aus der Familie, Ajani nach Brasilien, wo sie eine eher unglückliche Beziehung mit einem Brasilianer hat, Odidi engagiert sich in der Opposition, wird von einem Geschäftspartner im Stich gelassen, als er einen politischen Skandal bekannt machen will,  rutscht gesellschaftlich immer weiter ab und gerät in undurchsichtige Machenschaften.

Das Politische spielt eine bedeutende Rolle im Buch.
Nach der Unabhängigkeit Kenias von Großbritannien 1962 sollte alles besser werden, man träumte von der großen Zukunft, der Freiheit, dem Wohlstand. Diese sollten vor allem auch in den Kindern liegen, den Jungen, der neuen Generation. Die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Kolonialherren sollten ein für alle Mal vergessen sein.
Dass diese Träume sehr bald zerplatzten, alles sogar noch viel schlimmer wurde als zuvor, zumindest für den Großteil der Bevölkerung, bildet den traurigen, leider allzu realistischen Hintergrund des Buches. Demokratie, Freiheit, Selbstbestimmung und Wohlstand gingen in Korruption, Vetternwirtschaft, Misswirtschaft, Machtkämpfen, Gewalt und Bürgerkrieg unter.
Eine Tatsache, die die alte Generation, die für die Unabhängigkeit kämpften, gerne mit ausgeprägtem Nationalstolz und die jüngere Generation mit ebenso ausgeprägtem Konsumstreben derer, die „es geschafft haben“, der größte Teil der Bevölkerung aber durch Nichtwissenwollen zu überdecken versuchen.
„Kenias offizielle Sprachen: Englisch, Swahili und Schweigen.“
Yvonne Adhiambo Owour geht hart ins Gericht mit ihren Landsleuten.
„Hier sitzt sie also, die „bessere Zukunft“, von der Eltern, Lehrer und Politiker ständig reden – und trinkt kenianischen Milchkaffee (…) sich immer noch vor anonymen Schreckgespenstern verstecken, immer noch mit oberflächlichen Worten die stinkenden moralischen Sümpfe zuzudecken versuchen die überquellen vom Schmutz dessen, was eine Nation aus ihrer Freiheit gemacht hat – oder eben nicht.“
Wie in der Familie Oganda herrscht auch im Land Kenia eine lähmende Sprachlosigkeit. „Und sollte ich etwas verraten, möge der Schwur mich töten.“ Eine vielfach erwähnte Losung.  Auch die Gegenwart ist geprägt durch Kämpfe, Polizeigewalt, Korruption, besonders nach den Wahlen Ende 2007, bei denen es zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten kam und zu welcher Zeit der Roman spielt.
„Die Passanten, müde von den Kleinkriegen mit falschen Polizisten, mörderischen Gangs, doppelzüngigen Politikern und den Priestern des Leids(…), enn eine Nation unter den kleinen Egos kaputter Männer schwelt, die Könige sein wollen, und wenn fanatische Mobs mit stachelbewehrten Keulen kleine Jungen beschneiden und töten, wennn schzehn kopflose Leichen eine Straßensperre auf einer Autobahn bilden und wenn Menschen Kugelschreiber als Waffe benutzen, um ihre Nachbarn zu beschuldigen – die niedergemetzelt und verbrannt werden – , und ihren irdischen Besitz für sich beanspruchen.“
Trotz der Schonungslosigkeit ihrer Analyse merkt man der Autorin aber die Tiefe ihrer Liebe zu Kenia und seinen Menschen auf jeder Seite an. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und das Potential, das in der Bevölkerung steckt, es macht sie wütend, wie es verschwendet wird.
Auch Moses Odidi Oganda ist auf sehr ungeklärte Weise bei einem Polizeieinsatz erschossen worden. Das ist der Ausgangspunkt des Buches. Ajani Oganda ist aus Brasilien zurückgekehrt, um mit ihrem Vater zusammen den Bruder zu beerdigen. Wir begleiten in der Jetztzeit die Beiden auf ihrer Reise mit den sterblichen Überresten Odidis vom Leichenschauhaus Nairobis nach Wuoth Ogik, nehmen teil an ihrer überwältigenden, überbordeneden Trauer.
„Ajani wendet den Blick ab, legt die Hände auf ihr Herz, das unter einem Schleier der Trauer begraben ist und in dem ein Splitter Scham steckt, eil sie noch am Leben ist.“
In Rückblenden erfahren wir nicht nur viel aus der Geschichte Kenias, sondern auch aus der Familiengeschichte, der Kindheit Ajanis und Odidis, des Lebens Nyipirs, seine nicht immer ganz moralischen Machenschaften – er war zeitweise in Polizeidiensten mit der Beseitigung von Folteropfern, Geheimdienstaktivitäten und schließlich organisiertem Viehdiebstahl beschäftigt. Auch der Erwerb des Familiensitzes Wuoth Ogik ist unter mysteriösen Umständen geschehen. Der Vorbesitzer, Hugh Bolton und eben verschollener Vater jenes oben erwähnten „englischen Gasts“, hatte wohl eine Beziehung zu Mutter Akai. Isaiah Bolton ist nun nach Wuoth Ogik aufgebrochen, um nach dem Verbleib seines Vaters zu forschen. Der Empfang ist kein freundlicher und fällt eben mit der Trauer um Odidi zusammen. Aber hier gestattet uns die Autorin am Ende einen kleinen Hoffnungsschimmer. „Was Bleibt?“ ist die Frage, die das ganze Buch durchzieht. Was bleibt nach dem Tod eines geliebten Menschen? Was bleibt von all den Idealen und Träumen, die ein Volk einst hegte? Was bleibt von Familien, von Freundschaften, die zerbrechen?
Sehr impressionistisch, bildmächtig, voller großer Gefühle, voll magischer Einsprengsel und archaischem Glaube, sehr „afrikanisch“ anmutend in Sprache und Emotionalität und sich dadurch von den vielen in letzter Zeit von AutorInnen afrikanischer Herkunft erschienenen Romanen absetzend, bedeutete für mich Isaiahs Auftritt in der Geschichte eine gewisse „Europäisierung“ der Erzählweise, was auch damit zusammenhängen kann, dass Ajani zu dieser Zeit eine Reise nach Nairobi unternimmt und der Handlungsort ins Großstädtische wandert. Aber gerade abseits dessen, was man zu kennen glaubt, in den archaischen Gebieten der Geschichte, dort wo deutlich nicht nur die Faszination, sondern besonders auch die Fremde Afrikas zu spüren ist, entwickelt das Buch seine größte Intensität.
Ein forderndes, aber absolut lohnendes Stück Literatur.

Yvonne Adhiambo Owuor

DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

512 Seiten, mit farbigem Vorsatz und Lesebändchen, Originalverlag: Alfred A. Knopf, New York 2014, Originaltitel: Dust
Erscheinungstag: 15.03.2016
ISBN 978-3-8321-9820-6

Übersetzung: Simone Jakob

Tomás González – Was das Meer ihnen vorschlug

Tomás González Was das Meer ihnen vorschlugEin vielversprechender Anfang.
Tomás González schafft in seinem schmalen Roman, der eher eine Novelle ist, von Anfang eine düstere, unheilvolle Atmosphäre.
Am fernen Horizont dräut ein mächtiges Unwetter vor der kolumbianieschen Küste. Obwohl die Fischer deshalb ihre Boote an Land lassen, wollen Mario und sein Zwillingsbruder Javier zusammen mit dem alles andere als geliebten Vater auf Fischfang gehen. Ein ehrgeiziges Ziel ist gesetzt, mindestens 400 Kilogramm Fisch sollen es werden. Auch wenn die Familie ihren Lebensunterhalt mit der Vermietung drittklassiger Ferienhäuschen in reizvoller Lage verdient, sind die drei auch erfahrene Fischer. Trotzdem ignorieren sie standhaft und geradezu fahrlässig die Vorboten eines mächtigen Sturms.
Das Setting ist fast klassisch für ein dramatisches Kammerspiel: eine beschränkte Anzahl an Protagonisten sind auf engstem Raum nicht nur äußerlichen, sondern auch starken inneren Turbulenzen ausgesetzt. Der Vater hat die beiden jungen Männer von Klein auf als Versager behandelt, beschimpft und erniedrigt sie, wo es nur geht.
Die Mutter der beiden hat er zwar geheiratet, aber stets betrogen, auch jetzt hat er mit einer deutlich jüngeren Geliebten einen kleinen Sohn. Nora hat dies in den Wahnsinn getrieben. Sie leidet unter einen massiven Schizophrenie und geistert als unheilvolles Orakel durch Ferienanlage und Buch. Das ist einer der Außenperspektiven des Buches. Zum Chor der Stimmen, die die Mutter verfolgen kommt ein Chor unterschiedlicher Stimmen von Urlaubern, die ihre Tage in den Ferienhäusern der Familie verbringen und kurze Beobachtungen zum Geschehen und den Protagonisten kund tun. Das schafft eine interessante Vielstimmigkeit. Das eigentliche Geschehen konzentriert sich allerdings auf das Fischerboot, in dem die Männer mit ihren angespannten Beziehungen, gefangen in einer feindseligen Sprachlosigkeit aufeinander hocken und fischen, während sich der Sturm nähert. Aber auch hier wechselt die Perspektive unter den drei.
Tomás González gelingt es gleich zu Beginn eine ungeheuere Spannung, eine Unheil verkündende Atmosphäre aufzubauen. Die Charaktere der Protagonisten werden in sehr kurzen, aber umso treffenderen Beschreibungen gut umrissen, ihr Verhältnis zueinander psychologisch gekonnt skizziert. Sprache und Beschreibung von Landschaft, See und Wetter sind sehr gekonnt. Ebenso der Aufbau des Buches, das sich 27 kurze Kapitel teilt, die die 27 Stunden der erzählten Zeit umfassen. Der Leser taucht voller Erwartungen in das Buch ein.
Im mittleren Teil flacht die Spannung etwas ab, kann das Geschehen nicht mehr so fesseln. Auch das Unwetter scheint fernzubleiben. Die Ruhe vor dem Sturm?
Doch was passiert dann? Das Unheil bricht doch noch über dem Fischerboot ein, der Vater geht über Bord, unterschiedlichste Gefühlsdilemmata treten auf. Und der Autor schafft es, diesen Schlussteil zum langweiligsten des ganzen Romans zu machen. Alle Ambition scheint ihn verlassen, der Spannungsbogen stürzt ab, Konflikte verlaufen im Sand, Konsequenzen tun sich keine auf. Auch alle emotionalen Entwicklungen werden von den Sturmfluten fort gespült.
Der Leser steht verwirrt, enttäuscht und ein wenig verlassen. Nach dem fast grandiosen Beginn um so bitterer.

Tomás González – Was das Meer ihnen vorschlug
aus dem Spanischen von Rainer und Peter Schultze-Kraft

Mare Verlag März2016, gebunden, 160 Seiten, € 18,00