Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt

Catalin Dorian Florescu - Der Mann, der das Glück bringtDie Erzählsituation ist eine altbewährte: Zwei Menschen treffen in einer besonderen, vorzugsweise dramatischen Situation aufeinander und sind mehr oder minder gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen. Also erzählen sie sich aus und von ihrem Leben.
Hier sind es der New Yorker Künstler Ray, der sich im nostalgischen Metier des Vaudeville, einer Art Nummernrevue, eher mäßig erfolgreich durchschlägt, und Elena, eine Rumänin aus dem Donaudelta, die in die große Stadt am Hudson River gekommen ist, um einem letzten Willen ihrer Mutter entsprechend deren Asche dort zu verstreuen.
Es ist der 11. September 2001 als die beiden in einem kleinen Theater aufeinandertreffen und beim Erzählen tief in die Vergangenheit ihrer Familien eintauchen.
Bei allen extremen Gegensätzen – hier die raue, quirlige, überschäumende, erbarmungslose Welt des New Yorks der Jahrhundertwende, Elend und Hoffnung auf ein besseres Leben ganz nah beieinander, in der sich Rays Großvater, ein Einwandererkind, durchschlagen muss – dort die abgeschiedene, noch stark dem Aberglauben anhängende, aber nicht minder erbarmungslose Welt der armen rumänischen Landbevölkerung, in der Elenas Mutter ihr schweres Schicksal bewältigen muss – trotz all dieser starken Gegensätze, gibt es doch auch Gemeinsamkeiten, die sich durch die Familiengeschichten der beiden ziehen. So ist das Leben sowohl in Großvaters als auch in Elenas Geschichte von Elternlosigkeit geprägt, von der Notwendigkeit, auf eigenen Beinen zu stehen, aber auch von der Sehnsucht nach Glück, nach dem besseren Leben.
Träumten Großvater und nun auch Ray selbst von einer Karriere als Sänger, so war der Sehnsuchtsort von Elenas Mutter immer Amerika.
Dass das Leben meist anders ist als erträumt, müssen sie alle erfahren.
Catalin Dorian Florescu erzählt im großen Bogen, episodenreich, detailversessen, bildhaft und sehr atmosphärisch von Menschen auf der Suche nach dem Glück, dem besseren Leben, den eigenen Träumen, entgegen allen Widrigkeiten. Dabei weiß er immer wieder zu überraschen mit unvorhergesehenen Wendungen, kleinen, bisher so nicht gekannten Details. Man merkt dem Text an, wie gut der Autor recherchiert hat.
Zugleich zeigt er deutlich, wie allgemein und gerade heute wieder gültig manche Situationen sind, dass sich schon immer Menschen aufgemacht haben, dass es immer Flüchtlinge und Migranten gab, Glückssucher, die dem alten Elend entfliehen wollten, oft genug nur um in ein neues zu geraten. Manchmal verschieben sich nur die Kontinente, wie man auch bei der Erzählung über die in Mietskasernen zusammengepferchten Textilarbeiterinnen New Yorks Anfang letzten Jahrhunderts sieht.
Rays Geschichte beginnt 1899, Elenas 1910 und beide bewegen sich aufeinander zu, verschränken sich, treffen sich in eben jenem Theater 2001 und werden zu einer Geschichte, die nach Rumänien führt, vereinigt. Eine große, poetische und beeindruckende Rolle spielen immer wieder die Flüsse, der Hudson River, East River und die Donau.
Florescu bringt seinen Protagonisten viel Sympathie entgegen, obwohl er auch ihren dunkleren Seiten Raum lässt. Mit Wärme lässt er seiner Fabulierkunst freien Lauf und schafft doch ein ein eher kompaktes Werk.
Es berührt, klärt auf, verzaubert durch seine Sprache und schafft, obwohl die großen Ereignisse des 20.Jahrhunderts nur am Rande, sozusagen en passant vorkommen, ein großartiges Panorama. Ein Roman, der das Glück, zumindest das Leseglück, bringt.

 

Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt

C.H.Beck Verlag Februar 2016, gebunden, 324 Seiten, 19,95 €

Milena Busquets – Auch das wird vergehen

Milena Busquets - Auch das wird vergehenBlancas Mutter ist tot. Die 40jährige ist selbst erstaunt, wie sehr sie das trifft, sie versinkt in bodenloser Trauer.
Um etwas Abstand zu gewinnen, beschließt sie, ein paar Tage im Haus ihrer Mutter am Meer zu verbringen. Zusammen mit ihren zwei Söhnen, den beiden Ex-Männer und zwei Freundinnen nebst Anhang geht es auf von Barcelona nach Cadaqués. Wie es der Zufall so will, ist auch gerade der aktuelle Geliebte mit seiner Familie dort zur Sommerfrische. Es beginnen Tage voll Wärme, Licht, Stunden am Meer oder auf dem Boot, Gespräche, gemeinsames Essen.

Diese sommerarme, etwas träge Stimmung wird von Milena Busquets wunderbar eingefangen. Die Atmosphäre von Cadaques, diesem zauberhaften Dorf am Mittelmeer, kann man direkt spüren. Auch die immer wieder hineinsickernde Trauer, die Erinnerungen an die Mutter und an die vielen vergangenen Sommer der Jugend werden von der Autorin überzeugend und in schöner Sprache eingefangen.

Wenn, ja wenn nur nicht die Protagonistin Blanca wäre. Jede Trauer ist natürlich anders. Es ist vermessen, zu urteilen, jemand würde zu sehr trauern, gar in Trauer versinken. Blancas Trauer ist aber absolut kindisch und voller Selbstmitleid („Ich habe die Liebe meines Lebens verloren.“), so wie die Protagonistin sich überhaupt standhaft weigert, erwachsen zu werden.
Das wird ihr dadurch erleichtert, dass sie sich anscheinend materiell keinerlei Sorgen zu machen braucht. Was sie beruflich macht, außer zu „schreiben“, bleibt unklar.
Um ihre täglichen Belange kümmern sich andere, die Kinderfrau, lange Zeit die Männer.

Wie sich die Protagonistin überhaupt hauptsächlich über die Männer und ihre Wirkung auf sie definiert. Dabei bevorzugt sie eindeutig den gutaussehenden, kernigen, kurz den männlichen Mann. Man könnte gut auch Macho dazu sagen. Einer ihrer Ex-Männer hat die Losung „Sex hilft immer“, und dieser Losung folgt Blanca bereitwillig. So ist auch ihr Aufenthalt in Cadaqués von diversen sexuellen Begegnungen geprägt. Alle mehr oder weniger leidenschaftlos, dienen sie vor allem dem Vergessen und dem Zeitvertreib, ebenso wie ausgiebiger Drogenkonsum. Kiffen, Wein, Sex, ab und zu mal ein gerührter Blick auf die Söhne, in denen man vor allem die künftigen attraktiven Männer zu erblicken glaubt, rein ins Seidenkleidchen, raus aus dem Seidenkleidchen, Flirten was das Zeug hält, anzügliche Gespräche mit den attraktiven Freundinnen und ordentlich die Nase rümpfen, wenn eine davon tatsächlich kochen will. Mein Gott! Kochen!
Darin erschöpft sich Blancas Vorstellung von Emanzipation, selbstbestimmtem, freien Leben und ihr Frauenbild. Geschlechtsgenossinnen, die eine etwas andere Vorstellung von einer verantwortungsvollen, erwachsenen Existenz haben, werden kurz als „Hasenherze“ abgetan. Als ob in Drogen- und Alkoholkonsum und flüchtigen Sexabenteuern die große Freiheit liegen würde. Als ob die Protagonistin sich auch nur ansatzweise glücklich fühlen würde.

Das ganze ließe sich noch als interessante Studie über eine gewisse weibliche Gesellschaftsschicht (ein wenig katalanisches Sex and the city) lesen, wenn die Autorin auch nur ein wenig Distanz zu ihrer Protagonistin aufbauen würde, etwas Ironie, ein wenig Kritik, wenn sich in ihr auch nur der kleinste Abgrund auftun würde.
Bis zur Seite 138 musste ich warten, bis wenigstens eine ihrer Freundinnen sie mal ein wenig abwatscht. „Dich kümmern alle einen Scheiß. Außer deinen Kindern und vielleicht deiner Mutter. Und weißt du was? Ich bin es leid, dich zu therapieren.“ Wahr gesprochen.

Aber was resultiert daraus für das Buch? Nichts. Die Autorin legt ihrer Ich-Erzählerin lieber noch eins der üblichen Traktate gegen sogenannte Über-Mütter in den Mund, die „ihrem Nachwuchs die Brust geben, bis er fünf ist (…), Frauen, denen die Kinder die einzige Absicht und Sorge und Begründung im Leben sind, die ihre Kinder erziehen, als würden die später über ein Weltreich herrschen“. Denkts und lehnt dann doch das angebotene Kokain ab, auf der coolen Party, in die sie zufällig geraten ist, während ihre Kinder, Männer, Freundinnen zuhause weiß der Kuckuck was tun, lehnt sogar den angebotenen One-Night-Stand mit ihrem alten Freund Nacho ab, so verantwortungsvoll ist Blanca. Wäre allerdings auch schon der dritte Mann an einem Tag.

Nun ja, das Buch war ein großer Erfolg in Spanien, wird es vielleicht auch hierzulande. Es passt in das Bild, das beliebte Frauenzeitschriften – für die Milena Busquets arbeitet, sie führt auch einen sogenannten Lifestyle-Blog – gerne von der modernen, emanzipierten Frau zeichnen.
Ständig um sich selbst kreisender Seelenstriptease ohne jegliche Selbsterkenntnis. Da lobe ich mir doch den guten alten Feminismus und mache in Zukunft lieber doch einen großen Bogen um Autorinnen, die in Frauenmagazinen veröffentlichen. Schade, denn schreiben kann Milena Busquets eigentlich.

Milena Busquets – Auch das wird vergehen

Suhrkamp Verlag Februar 2016, gebunden, 170 Seiten, 19,95 €

Das Mädchen mit dem Fingerhut – Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut - Michael KöhlmeierMichael Köhlmeiers neuer Roman ist eigentlich gar kein „richtiger“ Roman.
Nicht nur weil er mit 140 locker bedruckten Seiten sehr schmal ist, sondern vor allem weil das, was er erzählt, von gleichzeitig so reduzierter wie allgemeingültiger Natur ist.
Novelle, Kurzgeschichte, Märchen oder vielleicht Parabel wären die vielleicht zutreffenderen Bezeichnungen.
Nicht von ungefähr erinnert der Titel an Andersens Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

Ein kleines sechsjähriges Mädchen, Yiza, steht im Mittelpunkt des Textes. Sie irrt allein durch eine nicht näher bezeichnete Stadt. Es ist kalt, es gibt eine Kirche, es könnte sich um Mitteleuropa handeln, ja vielleicht sogar um Deutschland.
Das Mädchen ernährt sich von Abfällen, schläft in einer Mülltonne. Zu Beginn war da noch ein „Onkel“, der sie zum Betteln schickte und abends wieder mit in die Sammelunterkunft nahm. Doch eines Tages blieb er fort.
Yiza muss sich alleine durchschlagen.
Beim Leser melden sich erste Abwehrmechanismen. „So etwas gibt es doch nicht. Nicht hier bei uns.“ Doch spätestens seitdem sie hier zu Tausenden vor unserer Tür stehen, diese sogenannten „Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“, seit den letzten Meldungen von Hunderten verschwundener Flüchtlingskinder müssen wir uns eingestehen, dass wir dieses Elend, das in Entwicklungs- und Schwellenländern Alltag ist, nun womöglich auch häufiger im eigenen Land antreffen werden.

Es gibt durchaus wohlmeinende Menschen und Institutionen auch hier im Buch. Yiza wird aufgegriffen und im Kinderheim geradezu liebevoll versorgt. Aber die tief sitzende Verunsicherung, das Misstrauen, vor allem auch die Verständigungsschwierigkeiten, die durch mangelnde gemeinsame Sprache und Kulturunterschiede bestehen, stellen Barrieren dar.

Mit zwei Jungen, Arian und Schamhan, der ihre Sprache spricht, läuft Yiza fort aus dem Kinderheim.
Doch die Kinder sind der Situation im unbekannten, winterlich kalten Land mit der fremden Sprache natürlich nicht gewachsen.
Um zu Überleben begehen sie Straftaten, bringen sich in Gefahr. Auch das Böse kommt von unterschiedlichen Seiten in die Geschichte. Das Ende bleibt offen, eher trostlos.

Michael Köhlmeier erzählt in schlichtem Ton. Das entspricht einerseits seinen kleinen Protagonisten, passt aber auch zum parabelhaften der Erzählung.
Es geht hier weniger um eine ganz bestimmte Geschichte. Deshalb sind die Protagonisten auch nicht mit eigenen Erinnerungen, Erlebnissen, einer Vergangenheit versehen, sondern handeln allein im Hier und Jetzt. Das macht sie ziemlich abstrakt und das Mitgefühl des Lesers bleibt auch auf dieser abstrakten Ebene. Dies ist aber vermutlich durchaus gewollt. Es geht hier nicht so sehr um eine Yiza, einen Arian oder um die mehr oder weniger hilfsbereiten Erwachsenen um sie herum. Es geht um die Abermillionen kleiner Geschöpfe überall auf der Welt und neuerdings auch vor unserer Haustür, die allein gelassen und völlig überfordert ihr Leben bestreiten müssen. Sie auf berührende Weise in Erinnerung, ins Augenmerk zu bringen, ist Anliegen und Verdienst dieses Textes.

Michael Köhlmeier – Das Mädchen mit dem Fingerhut

Hanser Verlag Februar 2016, 144 Seiten, Fester Einband, 18,90 €

 

Über den Winter – Rolf Lappert

Über den Winter - Rolf LappertLiest man die Besprechungen der großen deutschen Zeitungen zu Rolf Lapperts Roman „Über den Winter“, der es 2015 immerhin auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, dann schien die Jury damit eine denkwürdige Fehlentscheidung getroffen zu haben.
Sentimentalität, Selbstfindungskitsch, Langeweile, Flachheit, gar ein „Buch von Männern für Männer“ mit „ausgelutschten Darstellungen von Virilität“ sind einige der Vorwürfe, die dem Buch in großem Stil gemacht werden.
Etwas freundlicher sieht es in den schweizerischen Medien aus. Nun, der Autor ist Schweizer – oder haben die Rezensenten das Buch, ähnlich wie ich, ganz anders gelesen?

Nun, worum geht es? Der 50jährige Lennart Salm ist der „Held“ der Geschichte. Und hier greift vielleicht schon einer der Einwände, die man dem Buch gegenüber haben könnte, zum ersten Mal: seine Überdeutlichkeit. Salm, natürlich verbindet man damit die Lachse, jene Fische, die gegen alle Hindernisse zum Laichen an ihren Geburtsort zurückkehren. Ein Akt des Schaffens neuen Lebens, aber für viele der Fische auch den Tod bedeutend. Salm, nun nicht einfach nur ein Name, denn auch Lennart Salm kehrt nach Jahren des unsteten Wanderns durch die Welt als Konzeptkünstler nach Hause zurück.
Zunächst lernen wir ihn aber an einem nicht näher benannten Strand kennen. Er steckt in einer Schaffenskrise, hat sich ins Feriendomizil seines Mäzens zurückgezogen und arbeitet an einer neuen Idee. Strandgut, Fundstücke, die das Meer ans Land wirft, seit den großen Flüchtlingsströmen übers Mittelmeer auf makabere Weise „ergiebig“ geworden, sollen in einer großen Installation ausgestellt werden. Als Mahnung, zur Erinnerung an die Opfer. Aber eben auch als Kunstprojekt, das Lennart eher lustlos und wenig überzeugt verfolgt.
Da stößt er bei einem seiner Beutegänge am Strand auf einen toten, ertrunkenen Säugling. Eine Erschütterung die noch durch die Nachricht vom Tod seiner älteren Schwester Helen verstärkt wird.

Lennart verlässt die heruntergekommene Feriensiedlung, die sich auch durch Stacheldraht und Wachmänner nicht vor den Angriffen nicht näher identifizierter Banden und dem eigenen Niedergang bewahren kann. Ein paar wackere, durchaus aber auch irgendwie lächerliche Villenbesitzer halten hier Stellung. Auch hier wieder ein vielleicht allzu deutliches Sinnbild für das Europa, das mehr oder weniger hilflos gegen inneren Zerfall und Ansturm von außen zu kämpfen hat.

Zuhause in Hamburg Wilhelmsburg angekommen wird Lennart mit seiner äußerst schwierigen Familiensituation konfrontiert, der er sich jahrelang durch Arbeit und Auslandsaufenthalte entzogen hat. Seine überschwängliche, leicht chaotische Schwester Bille, der farblose Bruder Paul, die kalte Mutter und der Lennart sehr zugetane Vater, der aber mittlerweile sehr gebrechlich ist. Durch eine Affäre der Mutter, von der die Geschwister nichts wissen, wurde die Familie vor langer Zeit auseinander gerissen: Bille und Lennart blieben beim Vater, Helen und Paul bei der Mutter, die später nach Florida zog. Die Bindungen innerhalb der Familie sind eher lose, der Kontakt zwischen Mutter und Lennart, der ihr nie verzeihen konnte, praktisch null.
Nun trifft man auf der Beerdigung aufeinander und die tiefen trennenden Gräben. Zögerlich nähert sich Lennart seiner Schwester, will vor allem den Kontakt zum alten Vater, der mit seiner polnischen Pflegerin Bascha lebt, intensivieren. Es kommt zu Begegnungen, die Lennart sich langsam öffnen lassen, seine Abkehr von der Kunst festigen, ebenso seinen Wunsch, zur Familie zurückzukehren.

Ja, das könnte man als eine Art Selbstfindungskitsch lesen, wäre da nicht die ruhige, nahezu nüchterne und doch in manchen Beschreibungen geradezu poetische Art zu erzählen.
Es ist Winter in Hamburg. Und Lennart Salm ist selbst ein wenig wie eingefroren. Rolf Lappert lässt ihm Zeit. Zeit um etwas aufzutauen, sein Leben neu zu positionieren.
Viel mehr als die Selbstfindung eines Mannes der sogenannten mittleren Jahre habe ich das Buch aber als eines über Entwurzelung  gelesen, auch über Fremdheit – da ist Lennart bei den Bootsflüchtlingen vom Beginn -, eines über Bindungslosigkeit und eines über Verlust. Denn Lennart verliert nicht nur sein Fluggepäck, dessen Ortung duch allitalia so etwas wie einen running gag darstellt, sondern auch so manche Gewissheit und vor allem den Glauben an den Sinn seines künstlerischen Schaffens. Und da ist natürlich auch der Verlust der Schwester, der drohende Verlust des Vaters. Die Uhr tickt lauter und Lennart entdeckt zum ersten Mal so etwas wie Verantwortung.
Rolf Lappert erzählt wie gesagt mit einer großen Ruhe, die der Leser auszuhalten in der Lage sein muss. Ich habe sie sehr genossen. Ebenso wie die vielen stimmungsvollen settings, die teilweise ins leicht Surreale kippen.
Und auch Musik spielt eine große, schöne Rolle im Roman.
Da kann ich über die manchmal tatsächlich etwas große Überdeutlichkeit gerne hinwegsehen.
Und eine Lanze brechen für „Über den Winter“: Auf der Shortlist stand das Buch völlig zu recht.

 

Über den Winter – Rolf Lappert

Hanser Verlag August 2015, 384 Seiten, Fester Einband, 22,90 €

Lluís Llach – Die Frauen von La Principal

Lluís Llach Die Frauen von La PrincipalDer Roman beginnt an einem Novembertag im Jahr 1940. Die alte Bedienstete Ursula ist allein auf dem Weingut „La Principal“ zurückgeblieben und versinkt in Erinnerungen an alte Zeiten, an frühere Herrschaften und deren Lebensgeschichten, die weit ins 19. Jahrhundert reichen. Mit 14 Jahren trat sie 1853 in den Dienst von Senyor Andreu Roderich und seiner Frau Blanca, empfing mit 17 Jahren ein Kind vom Hausherrn, durfte entgegen der üblichen Sitten aber im Haushalt verbleiben und wurde die Amme aller Nachkommen auf „La Principal“. Auch als 1893 die gefürchtete Reblaus fast alle Weinstöcke vernichtete und der Hausherr mit seinen vier Söhnen nach Barcelona übersiedelte, blieb Ursula mit der Tochter des Hauses, die die undankbare Aufgabe übertragen bekommen hatte, das wertlose Gut zu hüten und zu verwalten, zurück.
Nachdem Vater Andreu kurz danach überraschend starb, erwies sich dies als ungeheures Glück.
Wohl aus einem Rest an schlechtem Gewissen hatte er Tochter Maria als Erbin des Gutes eingesetzt. Das führte zwar zum Bruch mit ihren Brüdern, verschaffte ihr aber auch die Möglichkeit mit viel Mut und Schaffenskraft aus „La Principal“ erneut ein einträgliches, florierendes Gut zu machen und sich selbst zur einflussreichsten, reichsten und auch unabhängigsten Frau weit und breit. So unabhängig, dass sie, die alle Welt nur respektvoll „die Alte“ nannte, eine Liebesheirat mit Narcis Magi schließen konnte. Dieser war anders als alle anderen Männer, verträumt, belesen, gebildet. Das Glück schien mit der Geburt der kleinen Tochter Maria perfekt, aber nur wenige Monate später erkrankte Narcis und starb. Ein Schlag, von dem sich „die Alte“ nicht mehr erholen sollte, auch wenn sie die Geschäfte weiterhin erfolgreich führte. Als sie 1933 starb, über nahm wiederum ihre erst 23 jährige Tochter Maria die Geschäfte. Eine Dynastie starker Frauen also, deren Geschichten der Leser in Rückblicken erfährt, nach und nach, in den Tagträumereien der alten Ursula sowie in Berichten an den Kriminalinspektor Recader. Dieser klopft nämlich an jenem Novembertag 1940 an die Tür von „La Principal“ und erwartet Auskunft über einen grausigen Mord, der ihn bereits 1936 hierher geführt hatte, der aber nie aufgeklärt wurde. Der Vorarbeiter Ricard war damals auf grausige Weise ermordet und vor dem Gut abgelegt worden. Die Wirren des Spanischen Bürgerkriegs erschwerten die Aufklärung. Nun sitzen die Faschisten unter der Regierung Francos fest im Sattel und der regimetreue Inspektor erhofft sich Meriten bei der Aufklärung diese alten Falls. Nicht nur die Herrin Maria, auch ihr neuer Vorarbeiter (und wie bald herauskommt Geliebter) Llorenc geraten ins Visier. Der opulent und in epischer Breite erzählte Familienroman bekommt damit etwas Kriminalistisches. Nicht umsonst bewundert Recader Agatha Christie.
Die Auflösung des Verbrechens sei hier nicht verraten, sie fällt aber anders aus als vielleicht erwartet.
Lluis Llach erzählt einen wunderbaren Familienroman, ein Sittenbild aus Katalonien, das tief ins 19. Jahrhundert reicht und auch die dunklen Jahre des Faschismus nicht ausblendet, ohne allerdings Anklage zu erheben oder Schwarz-Weiss zu malen. Einzig die (recht kurzen) Abschnitte, die in die Gegenwart reichen und 2001 spielen – die dritte Generation Maria trifft sich mit ihrem Vater, in dem wir bald Llorenc erkennen, dieser wird zum Verfasser des bisher Gelesenen, das er wiederum seiner Tochter zum Lesen gibt – ist meiner Meinung nach dramaturgisch und auch sprachlich weniger gut gelungen. Diese rückblickenden Erläuterungen und dieses Buch-im-Buch-Kniffs hätte es nicht bedurft. Er stört sogar die Einheit dieser ansonsten schönen Geschichte, die von starken, entschlossenen Frauen, die auch in widrigen Zeiten um ihr Glück kämpfen, erzählt.

 

Lluís Llach – Die Frauen von La Principal

Insel Verlag März 2016, Gebunden, 368 Seiten, 19,95 € 

Nadifa Mohamed – Black Mamba Boy

Nadifa Mohamed - Black Mamba Boy1935 ist Jama zehn Jahre alt. Er lebt mit seiner Mutter Ambaro bei Verwandten in Aden, mehr schlecht als recht und lediglich widerwillig geduldet nachdem der Vater auf der Suche nach Arbeit im Sudan verschwunden  war und Ambaro ihrer beider Lebensunterhalt in Somaliland nicht mehr bestreiten konnte.
Hier, in der einstmals modernen, multikulturellen Hafenstadt Aden ergeht es ihnen aber nicht viel besser. Nur der Leser staunt, wie multikulturell das Leben damals im Jemen erschien.
Für Ambaro und Jama ist es aber ein Leben voll der Entbehrungen, der Erniedrigungen, besonders für die alleinerziehende Mutter. Jama schlägt sich oft allein durch, streunt mit Freunden durch die Straßen, ja scheint sogar ein einigermaßen glückliches Leben zu führen. Bis Ambaro eines Tages völlig entkräftet stirbt.
Jama, für den die Lebensgeschichte des Vaters der Autorin Nadifa Mohamed Pate gestanden hat, macht sich allein auf die Suche nach seinem lang vermissten und ersehnten Vater. Es wird eine wahre Odyssee durch halb Afrika. Somalia, Dschibuti, Eritrea, Sudan, Ägypten, Palästina und schließlich England sind ihre Stationen.
Getragen von seiner kindlichen Zuversicht, von freundlich helfenden Mitmenschen, aber vor allem von dem über alle Ländergrenzen hinweg funktionierenden Clansystem bewältigt Jama diesen Weg. Dabei gerät er immer wieder zwischen die Fronten der unterschiedlichen Kolonialmächte, die Ostafrika unter sich aufgeteilt haben und deren Rivalitäten, der Widerstandskämpfer, bis die Unruhen schließlich in Mussolinis Abessinienkrieg und dem Zweiten Weltkrieg gipfelten. Briten, Franzosen, Italiener, alle kochten ihr Kolonialsüppchen und unterjochten die Afrikaner, »Menschen, die der Ansicht sind, dass du nicht Schmerz empfindest wie sie, keine Träume hast wie sie, das Leben nicht so liebst wie sie».
Auch Jama wird in die blutigen Kriegshandlungen hineingezogen, seinen Vater wird er nicht finden.
Er setzt seine Flucht fort, kommt kurz zur Ruhe, findet eine Frau und zieht doch weiter, auf der Suche nach dem besseren Leben, einer Zukunft, so wie auch einst sein Vater fortgezogen ist. Das Buch wird ab da leider immer mehr zum Stationendrama. Orte, Menschen werden nur noch rastlos hinter sich gelassen. Waren Innenperspektiven und atmosphärische Schilderungen auch im ersten Teil des Buches eher selten, fehlen sie hier nun fast ganz.
Was Nadifa Mohamed aber gelingt, ist eine ergreifende Schilderung Ostafrikas in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das unselige Wirken der unterschiedlichen Kolonialmächte, das bis heute seine Spuren hinterlassen, die Länder ausgeplündert und dann sich selbst überlassen hat und für viele der heutigen Missstände zumindest eine Mitverantwortung trägt. Auch wenn das viele Europäer angesichts der aktuellen Flüchtlingswellen nicht sehen wollen.
Die Autorin verschafft uns auch einen Einblick in viele für uns unverständliche gesellschaftliche Gegebenheiten, sei es in der Frage der Erziehung, des Zusammenlebens innerhalb der Familien, der Clansysteme. Diese Einblicke sind nicht immer angenehm, Mohamed spart auch Brutalitäten nicht aus, erzählt nüchtern und ohne große Empathie.
Wie gesagt wäre ein längeres Verweilen an manchen Lebensstationen unter Auslassung anderer vielleicht für den Leser ergiebiger gewesen, hätte ihn auch emotional mehr angesprochen. Dennoch ist Black Mamba Boy ein lesenswertes Buch, das gerade heute, wo so viele, gern auch „nur Wirtschaftsflüchtlinge“ genannte Menschen vor unserer europäischen Tür stehen, vielleicht ein wenig die Augen öffnet. Denn Jamas Geschichte ist nicht nur die Geschichte Nadifa Mohameds Vater, sondern steht für die Glückssuche und Entwurzelung Vieler.

 

Nadifa Mohamed – Black Mamba Boy

C.H.Beck Verlag Januar 2015, 366 Seiten, Gebunden, 19,95 €  

Jean-Philippe Blondel – This is not a love song

Jean-Philippe Blondel - This is not a love songVincent, ein Mann in mittleren Jahren, erfolgreicher Geschäftsmann in London, Vater zweier kleiner Töchter, glücklich verheiratet, kehrt für eine Woche eher widerwillig in seine alte Heimat in der französichen Provinz zurück. Als junger Mann hatte er dort seine jetzige Frau, eine Britin kennengelernt. Es war fast eine Flucht damals – raus aus der Familie, die er als einengend, langweilig und bieder empfand. Raus aber auch aus seinem eigenen Leben, das bisher nicht so recht in die Gänge kam: Abbruch der Schule, Gelegenheitsjobs, Alkohol, Drogen, Wohngemeinschaft mit Etienne, der genauso wenig in der Lage war Fuß zu fassen.
In England begann tatsächlich ein neues Leben. Auch dank der vermögenden Schwiegereltern gelang Vincent zusammen mit einem britischen Partner die Verwirklichung seiner Geschäftsidee: Die „Cafés bleues“ laufen gut, ebenso die Ehe, einiges an Vermögen ist mittlerweile angeschafft.
In die alte Heimat zog es ihn bisher wenig, der Kontakt zu den Eltern, zum Bruder Jerome, zu alten Freunden ist maximal sporadisch.
Nun steht er vor seinem alten Leben, schläft in seinem alten Kinderzimmer. Und die alten Aversionen sind wieder da – die Eltern immer noch langweilig, immer noch bieder, ziehen immer noch (vermeintlich) den jüngeren Bruder vor; der Bruder immer noch angepasst und vorhersehbar; die Schwägerin Celine verbittert und unsympathisch; die alten Freunde gefangen in ihrem spießigen Leben und der alte Kumpel Etienne spurlos verschwunden.
Kein gutes Haar lässt Vincent an Familie, Heimatdorf, Frankreich. Im Vergleich zu seinem strahlenden Leben in London ist das alles für ihn ein einziges Jammertal.
Die strikten Urteile, die er fällt, machen ihn nicht unbedingt sympathisch, auch betont er das Glück seines neuen Lebens, seines Erfolgs ein wenig zu oft, als dass man ihm unbedingten Glauben schenken würde. Witzig und auf intelligente Art bissig ist sein Wüten aber allemal.
Jean-Philippe Blondel erzählt in gerader Sprache, teilt seine nach den Aufenthaltstagen gegliederten Kapitel in kurze und kürzeste Absätze.
Er transportiert dabei die Gefühle und Gedanken seines Protagonisten sehr anschaulich. Auch wenn er ihm die Ich-Perspektive verleiht, schaut der Leser doch zugleich immer kritisch und distanziert auf ihn. Ein Charakter, der Brüche hat, zum Widerspruch reizt. Einer mit „Ecken und Kanten“ wie so schön auf dem Buchrücken steht. Aber auch einer, „der extrem berührend ist.“ Denn etwa in der Mitte des schmalen Romans kippt die Geschichte. Unbequeme Wahrheiten kommen auf den Tisch, die herrschende Sprachlosigkeit innerhalb der Familie wird deutlich, bekommt auch der britische Mister Saubermann seine Risse und muss alte Gewissheiten überdenken. Dabei kommen Emotionen ins Spiel, die sehr widerstreitende Gefühle und auch Abwehr beim Leser hervorrufen. Auf jeden Fall kein Buch, das einen kalt lässt.

 

Jean-Philippe Blondel – This is not a love song

aus dem Französischen von Anne Braun
Deuticke Verlag Februar 2016, gebunden, 224 Seiten, 17,90 €

Fuminori Nakamura – Der Dieb

Fuminori Nakamura - Der DiebBereits 2009 ist Fuminori Nakamuras Roman „Der Dieb“ im Original erschienen. Es dauerte sechs lange Jahre, bis der schmale Band nun auch in Deutschland erschienen ist.
Das mag vielleicht daran liegen, dass sich das Buch nur schwer in eine Literaturgattung pressen lässt.
Nun erscheint es als Thriller, was es durchaus auch ist, ein „Noir“, der ganz tief in die dunkelsten Tiefen des Verbrechens und der Gesellschaft hinab steigt. Aber er ist auch viel mehr.

Gleich zu Beginn lernen wir ihn kennen, den Dieb, der dem Roman den schlichten Titel verleiht.
Er ist Taschendieb von klein auf, hat dieses Handwerk zu einer enormen Perfektion gebracht. Er zelebriert seine Einsätze nahezu. Ja, er lebt von ihnen, aber er zieht auch Befriedigung daraus, reiche Menschen zu bestehlen.

„Solange auch nur ein einziges Kind auf dieser Welt Hunger leiden muss, ist jeder Besitz Diebstahl.“ und „Wenn du jemandem mit einer Milliarde hunderttausend klaust, ist das ein Klacks.“

Zwei seiner Statements, die zeigen, was der Roman auch beinhaltet, nämlich eine gehörige Portion Gesellschafts- und Kapitalismuskritik.

Früher ging der Dieb mit anderen zusammen auf Diebestour. Eines Tages gerieten sie ins Visier der Yakuza, der japanischen Mafia.
Die Kollegen wurden ausgeschaltet, ihn ließ man am Leben.
Seitdem arbeitet und lebt er allein, zurückgezogen, nahezu asketisch. Irgendwie ist er ein Verlorener, ein Ausgestoßener. Eine düstere, schwermütige Atmospäre liegt über ihm.
Seit seiner Kindheit erscheint ihm immer wieder ein mysteriöser dunkler Turm, an den verschiedensten Orten, ihm nähern kann er sich nie.
Wieder eine neue Ebene des Buches, die philosophische, ja vielleicht sogar metaphysische.
Eines Tages fällt ihm ein kleiner Junge ins Auge, den er beim Klauen beobachtet. Erinnert er ihn an sich selbst als Kind? Jedenfalls bricht sein Panzer auf, er lässt sich berühren, nimmt sich des Kleinen an. Und seiner Mutter, einer Prostituierten, die das Kind zum Stehlen schickt. Dies macht unseren Dieb verwundbar, denn er gerät erneut ins Visier der Yakuza. Der Chef Kigazi zwingt ihn zur Erledigung dreier nahezu nicht zu bewältigender krimineller Aufträge. Sein Druckmittel ist der Junge. Aber der Dieb weiß auch, wenn er sie nicht schafft, ist er ein toter Mann.

Nakamura entwirft ein tiefschwarzes Bild der japanischen Gesellschaft, ein existentialistisches Drama um einen Ausgestoßenen, eine Kritik am Kapitalismus und das alles in einem knappen, in nüchterner, beinahe kalter Sprache geschriebenen Thriller.

Hut ab! Dostojewski und Kafka sind die Namen, die in nahezu jeder Kritik auftauchen. Keine schlechte Gesellschaft.

Fuminori Nakamura – Der Dieb

Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

Dogenes Verlag Oktober 2015, Hardcover Leinen, 224 Seiten, 22.00

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

JOACHIM MEYERHOFF Ach, diese Lücke, diese entsetzliche LückeEin drittes Mal lässt der Schauspieler Joachim Meyerhoff seine Toten hoch fliegen und erzählt aus seinen Jugendjahren.
Nach seinem Schüleraustausch-Jahr in Amerika und seiner Kindheit in der Psychiatrie – als Sohn des leitenden Arztes -, ist nun die Zeit auf der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München an der Reihe.

Eigentlich war ein Zivildienstjahr in München geplant, weit weg von der Heimat Schleswig, das vielversprechende Zimmer im Schwesternwohnheim bereits zugesagt, da bekam Meyerhoff völlig unerwartet einen der wenigen begehrten Plätze.

Einiges, vornehmlich Merkwürdiges weiß der Autor nun von seiner Ausbildung zu berichten. So z.B. von der Übung Fontanes „Effie Briest“ als Nilpferd vorzutragen, stundenlange Schweigeübungen und absonderliche Bewegungsübungen.

Dabei liegt es ihm aber fern, nur über seine Entwicklung oder gar über seine herausragende Begabung zu berichten. Wie schon in den Vorgängerbänden bewahrt er zu den Geschehnissen sowohl wie zu der eigenen Person eine selbstironische, liebevoll-kritische Distanz, ein staunendes Betrachten.
Er erzählt humorvoll und assoziativ Anekdoten aus dieser Zeit, die sich aber in ihrer Gänze zu einem stimmungsvollen Gesamtbild fügen.
Dabei ist der zweite Erzählschwerpunkt mindestens genauso wichtig wie die Zeit an der Schule, nämlich die drei Jahre, die Meyerhoff während seiner Ausbildung im Haus seiner großbürgerlichen Großeltern verlebte. Er, emeritierter Philosophieprofessor, und sie, einst sehr erfolgreiche, divenhafte Ex-Schauspielerin geben ein reichlich exzentrisches Paar ab. Dazu gehört eine gehörige Portion Luxus genauso wie strikt befolgte Tagesabläufe, ritualisierte Alkoholexzesse, aus denen die Hochbetagten via Treppenlift in die Schlafgemächer entschwinden, den auch reichlich alkoholisierten Enkel zurücklassend ebenso wie „Wanderungen“ in Minutenlänge. Die Kräfte schwinden, aber man wahrt das selbstbestimmte Leben in Würde.
Ein Hort der Sicherheit und des Beständigen, der für Joachim Meyerhoff lebensnotwendig erschien. War er doch durch den plötzlichen Tod seines Bruders und dem darauffolgenden des Vaters ziemlich aus der Bahn geworfen, und forderte die Schaupielschule ganz gegen seine Bedürfnisse ein stetes „Beisichsein“, ein permanentes Selbstentblößen, wo er sich doch lieber verkriechen und verstecken wollte.
„Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ein Zitat, entlehnt aus Goethes Werther, bei dessen Inszenierung Meyerhoff endlich zu sich als Schauspieler fand, bezeichnet auch diese Lücke neben sich selbst.
Wie in den beiden vorherigen Bänden beschreibt der Autor damit aber auch die Leerstellen, die durch den Verlust geliebter Menschen entstehen. Waren es zuvor Bruder und Vater, ist dieses Buch der Versuch, die Großeltern dem Vergessen zu entreißen.  Einmal ist von einem „Gedankenbesuch“ bei ihnen die Rede. „Es ist vor allen Dingen ein vehementes Sich-Wehren gegen eine Forderung der Gesellschaft, dass man Dinge hinter sich lässt.“ sagt Joachim Meyerhoff selbst und meint damit vor allem Menschen, die man verliert.

Und so ist auch „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vor allem eine große zärtliche, so witzig wie melancholische Liebeserklärung an verlorene Familienmitglieder, diesmal die Großeltern, von deren Leben,  Verlöschen und Sterben mit Behutsamkeit, Humor und viel Liebe erzählt wird.

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Kiepenheuer&Witsch Verlag November 2015, 352 Seiten, gebunden, 21,99€

Richard Ford – Frank

Richard Ford - FrankAuf fast 1800 Seiten hat der treue Richard Ford Leser dessen „Helden“ Frank Bascombe bisher begleitet. Ca. alle zehn Jahre folgte ein neuer Roman.

Wie schön, dass es wider alle Erwartungen nun noch einmal ein Wiedersehen gibt.
Frank geht nun stark auf die 70 zu, hat sich von seinem Job als Immobilienmakler zurückgezogen und versucht, seine Tage halbwegs sinnvoll zu verbringen. Einmal in der Woche gehört er einem Empfangskommitee für Kriegsrückkehrer an, verfasst dafür eine Art Willkommenszeitung und liest regelmäßig im Radio für Blinde Literatur vor. Die Ehe mit seiner zweiten Frau Sally läuft, wie so viele dieser altgedienten Ehen, so nebenher. Sally glänzt darum in den vier Erzählungen, aus denen „Frank“ besteht, durch nahezu vollkommene Abwesenheit. Sie ist sehr engagiert in einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um die Opfer des Wirbelsturms Sandy, der die Ostküste der USA verheerend getroffen hat, kümmert.
Damit sind wir auch bei der Zeit, in der die vier Episoden spielen. Es ist der Dezember 2012, die Wochen vor Weihnachten. Damit bleibt Richard Ford einer Tradition treu, spielten doch die bisherigen Bascombe-Romane auch um die Feiertage Ostern, Unabhängigkeitstag und Thanksgiving.
Frank Bascombe wird oft als der typische amerikanische Jedermann gesehen, den repräsentativen Mittelständler. Dabei ist er in seiner Beobachtung viel zu genau, ebenso in seiner Selbstanalyse, seiner Selbstironie und in der Beurteilung gesellschaftlicher Vorgänge.
Schon lange hat er der Suche nach einem irgendwie übergeordneten Sinn eine Absage erteilt, ohne durch die Schärfe seiner Betrachtung zum Zyniker geworden zu sein.
Pragmatismus ist vielleicht das passendste Wort für seine Lebenseinstellung. So sind es, bis auf den tragischen Tod seines Sohnes Ralph, auch eher die sanften Katastrophen, mit denen er sich, wie wir alle, herumschlagen muss. Es ist das Scheitern mancher Lebensträume, wie sein Scheitern als Autor und als Sportreporter, das Zerbrechen seiner ersten Ehe mit Ann, das problematische Verhältnis zu seinem Sohn Paul, eine überstandene Prostatakrebserkrankung.
„Ich bin da“, „Könnte alles schlimmer sein“, „Das neue Normal“ und „Die Tode Anderer“ sind nun die vier Erzählungen in „Frank“ betitelt. Diese Titel geben auf wunderbare Weise die Essenz des Buches wieder.
„Ich bin da“ riefen im 19. Jahrhundert zum Tode verurteilte Indianer kurz vor ihrer Hinrichtung, um sich ihres Hierseins zu versichern. Auch Frank ist im Gegensatz zu vielen seiner Wegbegleiter – siehe Titel der letzten Geschichte – und trotz Krebserkrankung noch da. Und er ist unverwandt auch für Andere da.
In der ersten Geschichte für einen Bekannten, dem er vor Jahren sein altes Strandhaus verkauft hat und von dem nun nach den Verheerungen von Hurrrikan Sandy nichts mehr übrig geblieben ist. Er ist da für die farbige Frau, die eines Tages vor seiner Haustür steht und noch einmal ihr altes Elternhaus besuchen möchte, wo sich, man erfährt es allmählich, eine schreckliche Familientragödie abgespielt hat. Auch hier bietet ein Haus, wie es für Frank früher als Immobilienmakler die Existenz begründet hat, keine Sicherheit mehr.
In der dritten Geschichte ist Frank für seine Ex-Frau Ann da, besucht sie in ihrer betreuten Wohneinrichtung, in die sie nach einer Parkinsondiagnose gezogen ist.
„Das neue Normal“, dieser Zustand zunehmender Einschränkung, die das Alter bedeutet, die Frank aber als bewussten „Rückbau“, Verzicht auf Überflüssiges nicht nur als negativ empfindet. Schließlich: „Könnte Alles schlimmer sein.“
So ist dieses Buch trotz aller Melancholie, ja Traurigkeit, alles andere als trostlos. Dafür sorgt Fords wunderbare Sprache, die nur auf den ersten Blick einfach und alltäglich, in Wahrheit aber präzise gearbeitet und genau ist, ebenso wie die immer leicht selbstironische, ja amüsante Sicht Franks. Und natürlich sein Pragmatismus.
Als er am Ende der letzten Geschichte, in der er trotz großen Widerwillens an das Sterbebett eines an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten alten Freundes eilt, nur um von diesem zu erfahren, dass seine Ex-Frau Ann während ihrer Ehe eine Affäre mit ihm hatte, trifft er auf einen flüchtig Bekannten. Man wechselt ein paar Worte. Auch dieser sagt „So viel kann ich nicht tun. Aber ich bin da.“ Und Frank denkt: „Die Zeit heilt vieles, aber sie ist auch kurz und wertvoll“. Und das Buch endet: „Das ist alles, was wir einander am Weihnachtsabend sagen können: ein paar gute Worte. Dann geht er. Und ich gehe. Der Tag, der uns kurz  zusammengebracht hat, ist gerettet.“
Das ist fast philosophisch. Und dass man bei Richard Ford nebenbei auch noch viel über die „Lage des Landes“ – so ein anderes der Bascombe-Bücher – erfährt, macht ihn zum großartigen, vielleicht dem großartigsten US-amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit.

 

Richard Ford – Frank

Hanser Berlin September 2015, Fester Einband, 224 Seiten, 19,90 €