Lina Schwenk – Blinde Geister

Dass es transgenerationale Traumata gibt und dass auch Epigenetik dabei eine Rolle spielt, wird seit einiger Zeit intensiv erforscht und auch zunehmend in der Literatur zum Thema. Im Debütroman von Lina Schwenk, Blinde Geister, spielen solche Traumata und wie sie auf nachfolgende Generationen übergreifen, eine entscheidende Rolle. Dabei steht eine westdeutsche Familie im Mittelpunkt.

Für Ich-Erzählerin Olivia und ihre ältere Schwester Martha sind die Stunden, Nächte, Tage, die sie mit ihren Eltern Karl und Rita im „Keller“ verbringen müssen, fast schon normal. Dort hat der Vater einen Schutzraum eingerichtet, versorgt mit allem, was man zum Überleben so braucht, von Wasser und Lebensmitteldosen bis zum Transistorradio und Kerzen. Und so zieht die Familie immer wieder für kurz oder länger hier ein. Immer dann, wenn sich die politische Lage „Draußen“ verschärft, wie beispielsweise während der Kubakrise 1962, oder wenn den Vater die Angst vor „dem Russen“ überwältigt. Tief traumatisiert ist Karl, nachdem er aus dem Krieg von der Ostfront zurückgekehrt ist. Was hat er dort erlebt? Als Opfer? Als Täter? Der Text schildert das wie vieles andere nicht explizit aus. Das ist für mich eine der großen Stärken des Romans.

Kriegstraumata

Die Angst des Vaters wird trotzdem spürbar. Und auch Rita und ihre Mutter haben auf der Flucht aus dem Osten vermutlich Erschreckendes erlebt, auch das wird nur angedeutet. Für die Kinder Olivia und Martha ist die „Kellerzeit“ vor allem ein Abenteuer und ein Moment großer Nähe, eine Art intensiver Familienzeit. So wie die Ausflüge im VW-Bully, zu dem die Eltern immer wieder spontan aufbrechen. Raus in die Natur, gerne ans Meer. Dafür werden die Kinder immer wieder auch von der Schule beurlaubt. Für Olivia ist es ein Segen, wenn sie für kurze Zeit ihrem Sportlehrer entkommt, der die Schüler mit paramilitärischen Übungen drangsaliert. Auch er ist augenscheinlich vom Krieg gezeichnet, wie viele in der Nachkriegszeit.

Eine Familie im permanenten Alarmzustand. Eine Weile lang ist das spannend für die Kinder. Mit zunehmendem Alter wird es für die Mädchen aber belastend, leiden sie unter ihrem Außenseitertum. Und Olivia schleppt diese Last ihr gesamtes Leben mit sich. Sie macht eine Ausbildung zur Krankenschwester, heiratet Paul, bekommt selbst eine Tochter, Ava. Mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine 2022 kommen alte Ängste wieder an die Oberfläche.

Eindringlich, dicht und behutsam

Eindringlich, dicht, behutsam erzählt Lina Schwenk in ihrem Roman von einer Familie, in der die Lasten der Kriegstraumata noch über die Generationen hinweg präsent sind. Sicher ist sie ein extremes Beispiel, aber doch nicht so einzigartig, wie es zunächst scheint. In vielen Familien schwelten die Nachwehen des Krieges, die Verstörungen durch das Erlebte und/oder Begangene noch lange nach. Sie wurden verdrängt, totgeschwiegen oder äußerten sich durch Übersprungshandlungen, Aggressivität oder psychische Erkrankungen. Selten wurde darüber geredet, therapeutische Begleitung war unbekannt und durch die betroffenen Massen auch unmöglich. Dass Lina Schwenk bereits mit ihrem Debütroman Blinde Geister auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, ist sehr zu begrüßen und dem Buch viele, viele Leser:innen zu wünschen.

 

Beitragsbild by Mika Meskanen (CC BY-NC 2.0) via Flickr

 

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Lina Schwenk – Blinde Geister
C.H.Beck August 2025, 191 Seiten, Hardcover, € 24,00

 

 

 

 

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