Miriam Carbe wurde 1967 als Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Studenten geboren. Gewiss keine leichte Situation für ihre 22-jährige Mutter Monika, zumal sowohl der Vater des Kindes als auch ihre Mutter sie zu einer Abtreibung drängten. Unverheiratet und dem Rassismus einer deutschen Gesellschaft ausgesetzt, die die während des Nationalsozialismus „erlernten“ Einstellungen nur sehr zögerlich ablegte (wenn überhaupt), muss eine Zukunft mit diesem Kind für sie unvorstellbar gewesen sein. Obwohl sie einer Abtreibung zunächst zustimmte, entschied sich Marion schließlich aber doch für das Kind. Miriam Carbe wird damit eine weitere „unerwünschte Töchter“ ihrer Familie. In ihrem autofiktionalen Debütroman erzählt die arte-Redakteurin von gleich drei ihr vorangegangenen Frauengenerationen, die immer wieder an den gesellschaftlichen Erwartungen und Hindernissen zu scheitern drohten, sich aber tapfer dagegen stemmten.
Da ist zunächst ihre Urgroßmutter Margarethe, in bildungsbürgerlicher Umgebung in der Villa Parsifal in ihrem geliebten Dresden aufgewachsen. Dass sie eine unerwünschte Tochter war, vermutet die Autorin, da ihre Geburt lediglich drei Monate nach der Hochzeit der Eltern stattfand. Ein Junge hätte sie sein sollen. Das Mädchen war den Eltern zu wild, zu durchsetzungsstark. Immerhin erreichte sie, dass sie den Beruf der Kindergärtnerin erlernen durfte. Den jüdischen Freund allerdings durfte sie nicht heiraten. Der als „Kompromiss“ gewählte Ehemann stirbt bereits 1914 im ersten Weltkrieg. Allerdings nicht als Kriegsheld, sondern „bedauerlicherweise“ an Typhus.
Unerwünschte Töchter
Als Tochter Marianne auf die Welt kam, war der Vater bereits tot. Die Vermutung, dass sie „unerwünscht“ war, liegt daher nahe. Zumal mit dem Bruder des Verstorbenen ein neuer „Vati“ ins Haus kam. Dass dieser Margarethes große Liebe war, darf bezweifelt werden. Ein Umzug führte die Familie fort aus Dresden, nach Meiningen und später noch weiter aufs Land. Das muss der für Goethe und Kultur im Allgemeinen schwärmende Margarethe las Abstieg vorgekommen sein. Marianne entwickelte sich zu einer später stramm nationalsozialistisch denkenden jungen Frau.
Ein großes Lob geht an die Ambivalenz, mit der Miriam Carbe die Personen in Unerwünschte Töchter darstellt. Ihre Familiengeschichte schreitet chronologisch voran, wechselt aber jeweils die Perspektive, wenn die neue Generation geboren wird. So erfasst sie sowohl die Innen- als auch die Außensicht der Frauen. Und vermeidet jede explizite Anklage, beispielsweise der rassistischen, menschenfeindlichen Naziansichten von Marianne oder der Strenge ihrer Urgroßmutter gegenüber der Großmutter. Ihr ist wichtiger, zu zeigen, wie die Frauen zu den Menschen geworden sind, die sie waren. Und Marianne war zwar rassistisch, hat ihre spätere „schwarze“ Enkelin aber sehr geliebt und unterstützt.
Im Krieg arbeitete Marianne als Sekretärin in einer Kaserne. Dorthin war Alfred Carbe, Jurist und durch eine frühe Kriegsverletzung zum Schreibtischdienst abkommandiert, ihr Chef. Eine Affäre erwies sich nicht als zukunftsträchtig, hatte Carbe doch andernorts eine weitere Geliebte. Als Marianne in der Endphase des Krieges schwanger wurde, gab er ihr allerdings vor seiner Einberufung zum letzten Aufgebot zumindest noch eine Vaterschaftserklärung. Das bewahrte sie nach seinem Tod 1945 davor, ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen. So wurde sie zur Kriegswitwe. Erwünscht war Tochter Monika trotzdem sicher nicht.
Zu Beginn der Spannungen, die schließlich zur deutschen Teilung führten, übersiedelte Marianne mit ihrer Tochter in die BRD, schließlich nach Ostwestfalen. Monika ist rebellisch und labil, wird später psychisch krank.
Hunderte Tagebücher
Grundlage für ihren Roman Unerwünschte Töchter waren für Miriam Carbe Hunderte Tagebücher, die vor allem ihre Mutter, aber auch ihre Groß- und Urgroßmutter in einem alten Kirschholzschrank hinterließen, der die Familie und die Geschichte über die hundert Jahre Familiengeschichte begleitet. Tagebuchschreiber:innen sind natürlich keine zuverlässigen Erzähler:innen. Das weiß die Autorin. Sie schiebt zwischen ihre Kapitel, die von den Frauen der Familie berichten, immer wieder Kapitel in der Ich-Perspektive, in denen sie nicht nur von ihren Erinnerungen erzählt, sondern auch das Erinnern an sich und das Schreiben darüber thematisiert. Das ist mittlerweile ein durchaus übliches Verfahren bei autofiktionalen Werken und bereichert auch hier den Text.
Der ist klar und relativ zurückgenommen erzählt, was sich sehr gut liest. Besonders die ambivalente Figurenzeichnung ist hervorzuheben. Das Cover schmückt eine Perlenkette. Die vier Frauen der Familie reihen sich nicht nur wie eine Kette aneinander – alle Vornamen beginnen mit „M“ -, sondern die Perlen kommen auch im Text als Motiv vor. Besitzt Margarethe noch ihrem bildungsbürgerlichen Stand angemessene echte Perlen, sind diese bei Marianne nur noch Modeschmuck und Fassade. Monika schließlich lehnt als Studentin der 1960er Jahre dieses einstige Statussymbol rundweg ab. Wie Miriam Carbe zu Perlen steht, weiß ich nicht. Verbunden über diese symbolische Kette, mit den Erfahrungen und Traumata ihrer Ahninnen, ist sie aber gewiss.
Der Roman steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2026.
Beitragsbild CC0 via pxhere
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Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter
Hanser Verlag Mai 2026, 576 Seiten, Hardcover, 26,00 €







