Lektüre Mai 2026

Der Mai war so schnell vorbei. Die Zeit rast zwar beständig, aber im vergangenen Monat hat sie nochmal Gas gegeben. Privat war einiges los und lesetechnisch gab (und gibt) es einiges aufzuarbeiten. Gleichzeitig klopfen neue Projekte an und trudeln die Herbstneuerscheinungen (zumindest in Form von Vorschauen) ins Haus. Gerne würde ich ein wenig die Handbremse anziehen und mir mehr Zeit für so vieles – auch für meine Lektüre – nehmen, denn da war im Mai 2026 auch einiges Großartiges dabei.

 

Hannah Häffner - Die RiesinnenHannah Häffner – Die Riesinnen

Wahrscheinlich brauche ich über dieses Buch, das seit Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste steht, nicht mehr viel zu schreiben und sind auch andere berufener dafür. Der „moderne Heimatroman“ wird überall gefeiert, sowohl im Feuilleton, als auch bei den Leser:innen und im Buchhandel. Im Mittelpunkt stehen drei Generationen von großgewachsenen, rothaarigen Frauen („Riesinnen“), die sich gegen die Enge und den Aberglauben ihrer (fiktiven) Schwarzwald-Dorfgemeinschaft behaupten müssen. Mütter-Töchter-Konflikte, Sehnsucht nach Freiheit versus Suche nach Heimat – das alles in einer spröden, verknappten Sprache. Bei mir hat das nicht so recht verfangen, auch wenn das Buch (literarisches Debüt der Krimiautorin Häffner) sicher gekonnt verfasst ist. Vielleicht habe ich in der letzten Zeit einfach zu viele derartiger Mütter-Töchter-Romane gelesen, von denen ich die meisten gelungener fand.

 

Maylis de Kerangal - BrandungMaylis de Kerangal – Brandung

Zunächst fühlt man sich in einem Kriminalfall: Die Protagonistin, eine Synchronsprecherin, die mit ihrer Familie in Paris lebt, erhält einen Anruf aus ihrer Geburtsstadt Le Havre. Dort wurde am Strand ein Mann ermordet, der eine Kinokarte, auf der ihre Handynummer vermerkt ist, in der Tasche trug. Man müsse sie dringend sprechen.

Sie fährt in ihren Heimatort, den sie „seit Ewigkeiten“ nicht mehr aufgesucht hat. Nicht die einzige Unwahrheit, die sie den Leser:innen unterbreitet. Bei der Erzählerin wird durch den Vorfall und die Reise eine Erinnerungsflut ausgelöst, die bald wie die echte Brandung über ihr zusammen schlägt. Unterschiedlichste Themen werden angeschnitten, wie der Einfluss der KI auf den Beruf des Synchronsprechens, die Zerstörung Le Havres im Zweiten Weltkrieg, das „Small-World-Phänomen“ und der Ukrainekrieg und lassen den Kriminalfall bald ganz in den Hintergrund treten. Die Verlässlichkeit von Erinnerung rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Ein bisschen Patrick Modiano, ein wenig Rachel Cusk und ganz viel Erzählkunst à la Maylis de Kerangal – für mich ein richtiges Lese-Highlight.

 

Peggy Mädler - Selbstreguierung des HerzensPeggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens

Kybernetik – Das ist einer der Begriffe, die ich immer wieder nachschlagen musste, weil ich sofort wieder vergessen habe, was er bedeutet. Nach der Lektüre von Peggy Mädlers Roman wird das wahrscheinlich nicht mehr passieren. Diese wissenschaftliche Lehre von der Steuerung, Regelung und Kommunikation in komplexen Systemen, wie sie viele Maschinen, aber auch Lebewesen und Gesellschaften darstellen und die diese in die Lage versetzen sich selbst zu regulieren und an Umweltbedingungen anzupassen, baut die Autorin so eindrücklich wie unaufdringlich in ihren Roman über das Leben einer Gemeinschaft von Menschen in einem Dorf nahe Berlin ein. Er erstreckt sich von 1960 bis 2023, konzentriert sich aber auf die Zeit um den Mauerfall. Toll erzählt und konstruiert. Dicke Leseempfehlung!

 

Lena Gorelik - Alle meine MütterLena Gorelik – Alle meine Mütter

Lena Gorelik hat ein Buch über Mutterschaft geschrieben. Nicht über eine bestimmte, sondern über die unterschiedlichsten Facetten, Wirklichkeiten und Erscheinungsformen, die ausdrücklich auch Nicht-Mutterschaft inkludiert, ungewollt, gewollt, selbst herbeigeführt oder erlitten, beispielsweise durch den Tod eines Kindes. Selbst wenn eine Frau selbst nicht Mutter ist, so hat sie doch eine, zumindest gehabt, muss vielleicht von ihr Abschied nehmen, hat sie an die Demenz verloren.

Diese ganz besondere Beziehung, die immer im Brennglas der Gesellschaft, oft genug auch der Politik stand und steht, wird von Lena Gorelik von den unterschiedlichsten Seiten in Kapiteln beleuchtet, die durch „ich“-Abschnitte unterbrochen und immer in Beziehung zu ihrer eigenen Tochter- und Mutterschaft gesetzt wird. Die eigene Mutter ist an Brustkrebs erkrankt und wird von ihrer Tochter bei der Therapie begleitet. Sehr viele kluge, berührende Gedanken. Vieles, an das ich anknüpfen konnte, gerade auch in der Beziehung zu den eigenen Kindern. Vielleicht kein Roman im engeren Sinn, aber auf jeden Fall ein lesenwertes Buch.

 

Iryna Fingerova - ZugwindIRYNA FINGEROVA – ZUGWIND

Eine junge ukrainische Ärztin, die schon einige Zeit in Deutschland praktiziert, wird seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine von immer mehr Menschen aus ihrem Herkunftsland aufgesucht. Ihre (Flucht)Geschichten, ihre Schicksale, Ängste, Leiden, dazu die Care-Arbeit für ihre Tochter im Kindergartenalter, dazu die eigenen Sorgen, die tägliche Nachrichtenflut, die Ungewissheit – Mira Zehmann ist müde, unruhig, rastlos, kurz vor einer Depression – ein „Zugwind“ hat sie erfasst. Da bricht sie auf nach Odesa, besucht die Großmutter, Freund:innen und lernt, dass Leben auch im Krieg möglich sein muss, einfach als Akt des Widerstands. Ein auch sprachlich tolles Buch, das uns viel über die Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und nun mit uns leben, verrät.

 

Stewart O`Nan - AbendliedStewart O`Nan – Abendlied

Es gibt Autor:innen, von denen ich ungesehen jedes Buch lesen möchte. Wie schön, wenn es dann unverhofft ein Wiedersehen mit altbekannten Romanfiguren gibt, wie hier in Abendlied. Im Humpty Dumpty Club Pittsburgh sind ältere bis ziemlich alte Damen organisiert, die sich gegenseitig und andere hilfsbedürftige Senioren im Alltag unterstützen. Einkaufen, Arztbesuche, Behördengänge, Organisation von Beerdigungen und Reparaturarbeiten stehen neben Bridgeabenden und Kaffeekranz auf dem Programm.

Und die aus den vorangegangenen Romanen Emily, allein, Henry, persönlich und Abschied von Chatauqua bekannten Emily Maxwell und ihre Schwägerin Arlene sind Teil davon, beide nun schon weit über 80. Wenige Autor:innen treffen so wunderbar den Alltag der US-amerikanischen gehobenen Mittelschicht, erzählen mit soviel Wärme, Witz und Schonungslosigkeit wie Stewart O´Nan. Es geschieht nicht viel im Roman, und doch alles: es wird gelebt, gelitten, sich gekümmert und gefreut, die Demenz steht drohend am Horizont, Krankheit und Tod. Und doch ist es ein ungemein tröstliches, Mut machender Roman. Ein echter Stewart O`Nan.

 

Rabih Alameddine - Die wirklich wahre Geschichte von Radscha dem GutgläubigenRabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)

Diesen 2025 mit dem National Book Award ausgezeichneten Roman habe ich mit in den Juni genommen und werde ihn ausführlich auch erst später vorstellen. Soviel aber bereits jetzt: Die im Libanon spielende Geschichte des 63-jährigen Radscha, der in Beirut mit seiner über 80-jährigen Mutter in einer kleinen Wohnung und einer problematisch-innigen Beziehung lebt, beleuchtet auf unterhaltsame und interessante Weise sechs Jahrzehnte libanesische Geschichte. Auf die derben sexszenen hätte ich wie immer gern verzichten können, aber das schmälert den positiven Gesamteindruck nur wenig.

 

 

Navid Kermani - Sommer 24Navid Kermani – Sommer 24

Navid Kermanis schmales Buch ist ebenfalls als Roman etikettiert, trifft es aber vielleicht noch weniger als Goreliks und ist in meinen Augen höchst kontrovers und für mich teilweise auch etwas problematisch. Der Erzähler, offensichtlich ein Alter Ego des Autoren erzählt von einigen Ereignissen im Sommer 2024, die seine zunehmende Irritation über den Lauf der Welt und die zunehmende gesellschaftliche Spaltung illustrieren.

MeToo, Rechtsruck und AfD, Migration und Trump, dazu Ukrainekrieg und Israel-Palästina, ein wenig Thomas Mann und Antonin Artaud – viele aktuelle Themen werden angesprochen und durchdacht. Bei vielem kann ich nicht mitgehen, einige Punkte sind für mich sogar ziemlich problematisch, zumal der Erzähler auch leicht im Selbstmitleid zu versinken droht. Meist fängt er sich aber rechtzeitig und stellt die eigenen Positionen in Frage, ringt mit ihnen, benennt Widersprüche und hält sie aus. Immer ist er offen für eine Korrektur der eigenen Sichtweise. Eine heute selten anzutreffende Tugend, die man durch das Lesen von Sommer 2024 durchaus auch selbst mal wieder einüben könnte. Von daher vielleicht kein rundum gelungener Roman, aber ein lohnenswerter Text.

 

 

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