Daniel Mendelsohn Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich

Daniel Mendelsohn, geboren 1960 auf Long Island, ist Journalist, Autor, Kritiker und Übersetzer und ein in den USA sehr geschätzter Intellektueller. Mir war er bislang nicht bekannt. Ein ganz großes Versäumnis, wie mir bei der Lektüre von „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ klar wurde. Beinahe hätte ich auch dieses Buch verpasst, denn die griechischen Sagen und Mythen konnten mich bisher nicht sonderlich begeistern und die Philologie Alter Sprachen habe ich nach dem Latinum ad acta gelegt. Natürlich kennt man grob die Stücke der drei großen Dichter der griechischen Tragödie, Aischylos, Sophokles und Euripides, und Homer ist mit der Ilias und der Odyssee in den Bildungskanon eingebrannt. Mir waren die Verwicklungen der Götter, Halbgötter und Sterblichen aber immer zu verworren, rachsüchtig und blutig, um mich wirklich damit beschäftigen zu wollen.

Daniel Mendelsohn, der an der University of Virginia und in Princeton klassische Philologie studiert hat und auch selbst unterrichtet, hat die Odyssee nun als Gerüst für eine wunderbare, anrührende Vater-Sohn-Geschichte verwendet. Weiterlesen „Daniel Mendelsohn Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“

Elif Shafak Unerhörte Stimmen

Wenn das Buch beginnt, ist die Hauptprotagonistin bereits tot, ermordet und in einem Müllcontainer „entsorgt“. Elif Shafak wählt einen harten Einstieg in ihren neuen Roman „Unerhörte Stimmen“.

Doch was bedeutet „tot“? Neuere neurologische Forschungen haben ergeben, dass das Gehirn, nachdem der Herzschlag aufgehört hat, noch bis zu zehn Minuten aktiv sein kann. Ähnlich wie im Schlaf sendet es dann noch Deltawellen aus. Elif Shafak, meistgelesene Autorin in der Türkei, in Frankreich geborene, in Ankara aufgewachsene und seit zehn Jahren in London lebende Weltbürgerin, Doktorin der Politologie und engagierte Feministin, hat diese Meldung so fasziniert, dass sie darum herum einen Roman konstruiert hat. Was, wenn diese Zeitspanne eine Phase besonderer Wahrnehmungsfähigkeit wäre? Läuft dann wirklich der berühmte „Film“ ab? Was empfinden wir, erinnern wir in diesen letzten Minuten? Weiterlesen „Elif Shafak Unerhörte Stimmen“

Peter Weyden Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella

Peter Weyden  – Stella Goldschlag

„Es ist weder leicht noch angenehm, diesen Abgrund von Niedertracht auszuloten, aber dennoch bin ich der Meinung, dass man es tun muss; denn was gestern verübt werden konnte, könnte morgen noch einmal versucht werden und uns selber oder unsere Kinder betreffen.“

Primo Levi – Die Untergegangenen und die Geretteten 1986, Motto

Zu Beginn des Jahres rüttelte ein kleines Buch die Literaturwelt gehörig durcheinander. Stella von Takis Würger. Das lag zum einen an der Thematik des Buches, die durchaus heikel und sensibel zu nennen ist (eine Jüdin verriet in den Jahren nach 1943 aus Angst vor der eigenen Deportation und der der Eltern Hunderte anderer Juden an die Gestapo), andererseits aber ganz gewiss auch am Werbeaufwand, für den sich der publizierende Hanser Verlag, ein Schwergewicht der Branche, entschieden hat, und der so in gar keinem Verhältnis zum literarischen Gewicht des Buches stand. Da wurden geheimnisvolle Briefe an Influencer der Buchszene geschickt („Hätten Sie zu Stella gehalten?“), verschlüsselte Werbekampagnen gestartet und schließlich das Buch mit gehöriger Wucht in den Markt gedrückt. Das geschah mit einigem Erfolg, aber auch mit einer gehörigen Portion Gegenwind. Weiterlesen „Peter Weyden Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella“

Jane Gardam – Bell und Harry

Mit Bell und Harry kommt nun ein früher Roman von Jane Gardam auf Deutsch heraus. Erschienen ist er im Original bereits 1981.

Bell Teesdale ist acht Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in North Yorkshire, im „Hollow Land“, dem hohlen Land, wie es genannt wird, weil es unzählige alte Bergwerksstollen unterirdisch durchpflügen. Bells Vater hat eine Farm, die noch gut läuft, aber er hat auch schon die Zeichen der neuen Zeit erkannt und vermietet eines der Farmhäuser an eine Familie aus London, die dort ihre Sommerferien verbringen möchte. Weiterlesen „Jane Gardam – Bell und Harry“

Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall

Alle Jahre wieder, im schönen Monat Mai, erscheint ein neuer Commissario Brunetti-Roman von Donna Leon. „Ein Sohn ist uns gegeben“ ist nunmehr der achtundzwanzigste der Reihe.

1993 begann ich mit dem ersten Band, „Venezianisches Finale“, ich war noch ein ausgesprochener Krimi- und noch lange kein Vielleser. Die entspannt-spannende Art, die sympathischen Charaktere, das Kluge, Kultivierte und natürlich die herrliche Lagunenstadt als Ambiente haben mich begeistert, und das lange Jahre über. Meine Töchter wurden geboren, ein Haus bezogen, sich mit dem Landleben arrangiert, ein neuer Job angenommen – einmal im Jahr war der Commissario zu Gast. Wir haben so manche Höhen und Tiefen zusammen beschritten, nicht jeder Besuch war gleich gut gelungen, aber immer eine verlässliche Größe. Irgendwann kam dann die Beziehungskrise (bei Band 16), wir hatten uns schließlich nicht mehr wirklich viel zu sagen, Langeweile schlich sich ein, ein wenig Überdruss, veränderte Lebens- und Leseeinstellungen – wir trennten uns. Weiterlesen „Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall“

Éric Vuillard – 14.Juli

Bestimmte Tage brennen sich in das kollektive Gedächtnis ein. Auch der am Geschichtsunterricht uninteressierteste Schüler kennt bestimmte Daten auswendig – und sei es nur, weil sie sich in Form von Nationalfeiertagen verewigen. Ist das seit bald dreißig Jahren in Deutschland der Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober, so ist das in Frankreich seit nunmehr 229 Jahren der 14. Juli. An diesem Tag stürmte „das Volk“ im Jahr 1789 die Bastille, das Pariser Staatsgefängnis. Dieser Tag gilt als symbolischer Beginn der Französischen Revolution, eines der sicher bedeutsamsten Ereignisse der neuzeitlichen europäischen Geschichte,dem Éric Vuillard in 14.Juli ein Denkmal setzt. Weiterlesen „Éric Vuillard – 14.Juli“

José Eduardo Agualusa – Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer

Aus dem südwestafrikanischen Land Angola dringt nur selten Literatur bis zu uns vor. Einer der wenigen Autoren, denen das gelungen ist, ist der 1960 geborene  und sowohl in Angola als auch in Portugal und Brasilien lebende José Eduardo Agualusa. Portugiesisch ist seine Muttersprache, in der er bis heute über 50 Bücher verfasst hat. Fünf davon sind bisher auf Deutsch erschienen. Obwohl „Das Lachen des Geckos“ (2004) und „Barocco tropical“ (2009) auch in Deutschland einige Aufmerksamkeit erhalten haben, ist er erst mit „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ richtig bekannt geworden. Er zählt zu den wichtigsten Stimmen sowohl Afrikas als auch Portugals. Nun erscheint Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer. Weiterlesen „José Eduardo Agualusa – Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“

Willy Vlautin – Ein feiner Typ

Willy Vlautin – Ein feiner Typ

Don’t skip out without taking me Don’t skip out on me
I know you think I’m just a liability I can carry my own weight
Please just don’t skip out on me

Willy Vlautin ist der singende Poet oder der schreibende Musiker, je nachdem. Mit seiner mittlerweile aufgelösten Band Richmond Fontaine nahm er bereits für seinen zweiten Roman, Northline, ein begleitendes Instrumentalalbum auf und auch für sein neuestes Buch, „Ein feiner Typ“, existiert ein Soundtrack, für den er die alten Bandmitglieder noch einmal im Studio versammelte. Damals lag „Northline“ eine CD bei und der amerikanischen Originalausgabe des neuen Romans ist ein Download-Code beigefügt. Schade, dass das bei der deutschen Ausgabe des Piper Verlags versäumt wurde. Dennoch kann man sich die Musik zumindest online im Bandcamp anhören.

„Don´t skip out on me“ – Lass mich nicht im Stich

So heißt nicht nur der Originaltitel des Buchs, sondern auch ein Song, den Willy Vlautin extra dafür komponiert hat. Weiterlesen „Willy Vlautin – Ein feiner Typ“

J. Courtney Sullivan – Aller Anfang

J. Courtney Sullivan hat mit ihren vergangenen drei Romanen (Die Verlobungen, Ein Sommer in Maine, All die Jahre) aufs Schönste bewiesen, dass man unterhaltsam über Frauenleben schreiben kann, ohne ins Genre oder in die Chick-Lit abzugleiten und sämtliche literarische Ansprüche aufzugeben. Nun erscheint mit Aller Anfang ein bereits 2009 im Original erschienener Roman erstmals auf Deutsch.

Bereits in „Ein Sommer in Maine“ (2011) erzählte sie über vier ungleiche Frauen und ihr Verhältnis zueinander. Anders als in „Aller Anfang“, das gerade auf Deutsch erschienen ist und auch ein weibliches Figurengespann im Zentrum stehen hat, war der Roman aber auch eine Familiengeschichte. „Aller Anfang“ dagegen ist ein Buch über das Erwachsenwerden, das sich Ablösen junger Frauen von zuhause und über ihre Freundschaft, die die Jahre um die Jahrtausendwende im Smith-College in Northampton/Massachusetts überdauert. Dort, im angesehenen, größten Frauencollege der USA wurden die vier zufällig zusammen im Dachgeschoss des King House untergebracht. Eine Gemeinschaft, die sich sonst wohl nicht so ohne weiteres ergeben hätte, sind die Mädchen doch sehr unterschiedlich. Weiterlesen „J. Courtney Sullivan – Aller Anfang“

Lukas Hartmann – Der Sänger

Der Sänger, von dem der Schweizer Autor Lukas Hartmann in seinem neuen, gleichlautenden Roman erzählt, ist Joseph Schmidt.

Der lyrische Tenor wurde 1904 in Davideny, nahe Czernowitz in der Bukowina geboren. Schon früh zeigte sich sein stimmliches Talent und der junge Schmidt gab seinen ursprünglichen Traum von einer Schauspielkarriere 1925 für das Gesangsstudium an der Berliner Hochschule der Künste auf.

Die Zwanziger Jahre waren der Beginn des Radiozeitalters, in Deutschland startete am 29. Oktober 1923 der Unterhaltungsrundfunk. Durch zahlreiche Rundfunkauftritte wurde Schmidt bald zu einem der bekanntesten und beliebtesten Tenöre mit einer riesigen Fangemeinde auch außerhalb Deutschlands und bis nach Amerika. Bühnenauftritte dagegen waren eher selten, da er aufgrund seiner nur geringen Körpergröße von 1.54 m nur zögerlich besetzt wurde.

Dafür ging im Mai 1933 ein Traum für ihn in Erfüllung, als der Film „Ein Lied geht um die Welt“ in Berlin Premiere und großen Erfolg feierte. Ein letztes Mal Berlin. Denn dem jüdischen Sänger wurden fortan die Auftritte und die Arbeit in Deutschland weitestgehend verboten. Es folgten noch drei erfolgreiche Filme, die in Wien, wohin er Ende 1933 emigrierte, und in London Premiere hatten. Besonders die Damenwelt verehrte die von Schmidt interpretierten Filmschlager wie „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“, „Ein Stern fällt vom Himmel“ oder eben jenes „Ein Lied geht um die Welt.“ Weiterlesen „Lukas Hartmann – Der Sänger“