Alphonse ist 40 und eigentlich Musiker. Warum es mit der Musik nicht so recht geklappt hat, erzählt uns Annelies Verbeke in ihrem Roman „Dreissig Tage“ nicht genauer. Aber Alphonse ist mit seinem neuen Job ganz zufrieden. Er renoviert Häuser und Wohnungen, mal ein neuer Fußboden hier, mal ein neuer Anstrich dort. Über mangelnde Angebote muss er sich nicht beklagen. Das liegt nicht nur an seiner Fachkenntnis und Zuverlässigkeit, sondern auch an einer ganz persönlichen Tugend: Alphonse versteht es zuzuhören und Zuversicht auszustrahlen. Mit seiner gutmütigen, den Menschen zugewandten Art öffnet er die Herzen seiner Kunden. Und bekommt so die absonderlichsten Geschichten erzählt. Weiterlesen „Annelies Verbeke – Dreissig Tage“
Kategorie: Rezensionen
Zum Tod von Toni Morrison – Backlist: Heimkehr
Zum Tod von Toni Morrison – Ihr wunderbarer, schmaler Roman Heimkehr
Toni Morrison ist tot. Sie starb in einem New Yorker Krankenhaus. Sie wurde 88 Jahre alt.
Die große afroamerikanische Schrifstellerin, erste (und bisher einzige) schwarze Frau unter den Nobelpreisträgern für Literatur (1993), Autorin so erfolgreicher Werke wie Menschenkind, vielfach ausgezeichnet und stets eine engagierte Kämpferin gegen den Rassismus in den USA und für die Rechte der Frauen, ist sicher nicht nur für mich eine der Ikonen der US-amerikanischen Literatur. Weiterlesen „Zum Tod von Toni Morrison – Backlist: Heimkehr“
Maylis de Kerangal – Eine Welt in den Händen
Die französische Autorin Maylis de Kerangal ist trotz zahlreicher Auszeichnungen in ihrer Heimat beim Lesepublikum in Deutschland noch relativ unbekannt. Daran änderte weder der Gastlandauftritts Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 2017 etwas noch die Nominierung ihres 2015 erschienenen Romans „Die Lebenden reparieren“ für den Man Booker International Prize. Mit Eine Welt in den Händen liegt nun der siebte Roman von Maylis de Kerangal vor. Weiterlesen „Maylis de Kerangal – Eine Welt in den Händen“
Fernando Aramburu – Langsame Jahre
Fernando Aramburu Langsame Jahre ist bereits 2012 erschienene und entgegen dem äußeren Anschein alles andere als nur eine Vorstudie zu seinem großen und großartigen Roman „Patria“. Mit diesem erzielte Aramburu 2018 auch in Deutschland einen beachtlichen Erfolg, nachdem er bereits in Spanien zum absoluten Bestseller geworden war.
Die fast 800 Seiten dicke Erzählung über zwei baskische Familien und die ETA hat zwar einiges mit dem eher schmalen Vorgänger gemeinsam, etwa Ort und Thema und auch die sprachliche Experimentierfreude des Autors, ist aber auch in Vielem ganz anders.
Im Mittelpunkt stehen die Sechziger Jahre im Baskenland und der damals achtjährige Txiki. Er ist der Erzähler, der an den „Herrn Aramburu“ Briefe schreibt und von seiner Kindheit erzählt. Zweck ist, dass der Schriftsteller daraus ein Buch macht. Weiterlesen „Fernando Aramburu – Langsame Jahre“
Maxim Leo – Wo wir zu Hause sind
Rezension – Maxim Leo „Wo wir zu Hause sind – Die Geschichte meiner verschwundenen Familie“ ist eines jener Bücher, die mir beinahe entgangen wären. Als Kolumnist und Krimiautor stand Leo nicht auf meiner Liste beachtenswerter Autoren, obwohl er 2009 bereits eine hochgelobte Familiengeschichte veröffentlicht hat, „Haltet euer Herz bereit“.
1970 in Ost-Berlin geboren, kam der Autor wohl auf der Hochzeitsfeier seines Bruders in einem brandenburgischen Herrenhaus, zu der die weitverzweigte Familie nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Österreich, Frankreich, England und Israel angereist war, auf die Idee zu diesem Buch. Leo, für den nach eigenem Bekunden Familie immer etwas war wo „vier Menschen um einen Tisch sitzen“, spürte einmal mehr, dass seine Familie nicht eine der „typischen“ ostdeutschen Familien ist und war und wollte ihrer Geschichte genauer nachforschen. Weiterlesen „Maxim Leo – Wo wir zu Hause sind“
Backlist: Maylis de Kerangal – Die Lebenden reparieren
Maylis de Kerangal schreibt in ihrem Roman „Die Lebenden reparieren“ über eine der Urängste eines jeden Menschen: Der eine Anruf, der das ganze Leben erschüttert, der mitteilt, dass ein lieber Angehöriger, im schlimmsten Fall ein Kind, tödlich verunglückt ist.
Hier ist es der 19 jährige Simon, der nach einem winterlichen Surfausflug am frühern Morgen auf der vereisten Fahrbahn verunfallt.
Seine beiden Freunde werden nur leicht verletzt, er, nicht angeschnallt, ist hirntot. Irreversibles Koma, EEG-Nulllinie.
Aber seine jungen, gesunden Organe könnten bei einer Transplantation Leben retten. Eine eigentlich unzumutbare Entscheidung für die Eltern, die doch gerade erst von dem Unglück erfahren haben. Aber die Zeit drängt, die Organentnahme muss zeitnah geschehen, die medizinische Maschinerie in Gang gesetzt werden. Weiterlesen „Backlist: Maylis de Kerangal – Die Lebenden reparieren“
Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal
Romy Hall ist 29, hat einen kleinen Sohn – und ist eine „Lebenslängliche“. Genauer gesagt, verbüßt sie eine 2mal lebenslängliche Haftstrafe wegen Mordes im Frauengefängnis Stanville, das an das Central California Women’s Facility (CCWF) in Chowchilla im nordkalifornischen Central Valley angelehnt ist. Sie hat einen Stalker, Ex-Kunde des Stripclubs Mars Room in San Francisco, in dem sie arbeitete, erschlagen, nachdem dieser sie in Los Angeles, wohin sie sich vor seinen Verfolgungen geflüchtet hatte, aufgespürt hat.Sie ist die Protagonistin in Rachel Kushner Ich bin ein Schicksal, der in einem Frauengefängnis spielt. Weiterlesen „Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal“
Saša Stanišić – Herkunft
Herkunft – das ist eins dieser ideologiebesetzten Wörter, das die einen dazu missbrauchen, um abzugrenzen, um zu deklassieren, während die anderen es maximal zur Bestimmung der Güte von Wein oder Fleischwaren benutzen mögen. Saša Stanišić fragt sich, was kann Herkunft noch bedeuten in unserer globalisierten, multikulturellen Welt? Wie kann man es schützen vor plattem Nationalismus? Dass auch der Autor Saša Stanišić ein Weltbürger ist, davon kann man ausgehen. Er lebt in Hamburg, sein Werk ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Geboren wurde er aber 1978 im bosnischen Višegrad an der Drina, das durch Ivo Andrićs Roman „Die Brücke an der Drina“ zunächst weltliterarische und dann während des Jugoslawienkriegs 1992 durch die von serbischen Einheiten durchgeführten „ethnischen Säuberungen“ bekannt wurde. Saša Stanišić ist der Sohn eines Serben und einer Bosniakin, beide alles andere als religiös. Wie der Autor so schön schreibt,
„Ich dachte eine Zeit lang, ohne Witz, Moslem sei man, weil man Schweinefleisch nicht aß – einfach also jemand mit einer speziellen Diät.“ Weiterlesen „Saša Stanišić – Herkunft“
Marie-Alice Schultz Mikadowälder
Wie ein mehr oder weniger zufällig geworfener Haufen Mikadostäbchen sich berührt, vernetzt, ineinander verkantet, so berühren sich auch die Protagonisten von Marie-Alice Schultz in Mikadowälder durch Familienbande, Liebe oder Freundschaft. Was passiert nun, wenn man einen der Stäbe entfernt, oder gar mehrere? Wenn man, nicht ganz regelkonform, neue Mikadostäbchen hinzufügt? Verliert das Gebilde seine Stabilität, wackelt oder bricht gar ganz ein? Oder, bleibt es unberührt? Weiterlesen „Marie-Alice Schultz Mikadowälder“
Elena Ferrante – Frantumaglia – Mein geschriebenes Leben
Seitdem 2016 der erste Band der neapolitanischen Tetralogie, „Meine geniale Freundin“, erschien, brach nicht nur in Deutschland das „Ferrante-Fieber“ aus, befördert durch eine offensive, kluge Werbung des Suhrkamp-Verlags, aber vor allem durch die faszinierende Art, in der die Autorin Elena Ferrante die Geschichte einer ambivalenten Mädchen- und Frauenfreundschaft mit der Geschichte Neapels von den 1950er Jahren bis heute verknüpft, ungeheuer atmosphärisch erzählt und eine klare feministische Position einnimmt. Dass sie hartnäckig ihre wahre Identität verbirgt, weiterhin jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit verweigert und an ihrem Pseudonym festhält, hat wohl vor allem die Journalisten- und Kritikerwelt nachhaltig beschäftigt. Die Leserschaft akzeptiert anscheinend eher, dass die Autorin ihre Bücher für sich sprechen lassen möchte.In Frantumaglia-Mein geschriebenes Lebene rzählt Elena Ferrante über ihr Schreiben, ihre Texte und warum sie ein Pseudonym verwendet. Weiterlesen „Elena Ferrante – Frantumaglia – Mein geschriebenes Leben“









