„Ordinary grace“, der so viel schlichtere Originaltitel von Für eine kurze Zeit waren wir glücklich von William Kent Krueger, spiegelt die Tragik sowohl wie das leise Pathos dieser gelungenen Mischung aus Entwicklungsroman, Familien- und Kriminalgeschichte so viel besser wieder und tippt zugleich ein wichtiges Thema des Buches an, nämlich den Glauben und das Verhältnis der Protagonisten zu ihrem Gott, Schuld und Vergebung. Weiterlesen „William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“
Kategorie: Rezensionen
Sorj Chalandon – Am Tag davor
Am 27.12.1974 ereignete sich in der nordfranzösischen Gemeinde Liévin-Lens eine Tragödie. In der dortigen Zeche Saint-Amé, im Schacht 3b, ereignete sich ein Grubenunglück großen Ausmaßes. 42 Bergleute starben. Sorj Chalandon nimmt dieses tragische Unglück als Ausgangspunkt für seinen Roman Am Tag davor.
Fachleute und Öffentlichkeit waren sich relativ bald einig darüber, dass diese Katastrophe kein Schicksal, sondern vermeidbar gewesen wäre. Nach den Weihnachtsfeiertagen nur unzureichend belüftet, der Steinkohlestaub kaum befeuchtet, die Kontrollgänge durch die Stollen stark reduziert und Sicherheitsmaßnahmen wie Gesteinsstaubsperren massiv zurückgebaut, entsprach die Grube, die in absehbarer Zeit stillgelegt werden sollte, eindeutig nicht den Sicherheitsvorschriften. Der Verdacht lag nahe, dass Sparmaßnahmen der Grubengesellschaft und mangelnde Sorgfalt der Verantwortlichen das Ausmaß des Unglücks zu verantworten hatten. Weiterlesen „Sorj Chalandon – Am Tag davor“
Philippe Lançon – Der Fetzen
Der 7. Januar 2015 ist einer jener Tage, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. An diesem Vormittag drangen zwei islamistische Brüder in die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein und erschossen zwölf Menschen. Die Zeitschrift stand schon längere Zeit im Fadenkreuz der Islamisten, da sie sich über Religion allgemein, den Islam im Besonderen, z.B. durch Veröffentlichung der umstrittenen dänischen Mohamed-Karikaturen, gerne satirisch äußerte. Philippe Lançon erzählt in Der Fetzen als ein Überlebender von Charlie Hebdo. Weiterlesen „Philippe Lançon – Der Fetzen“
OLGA TOKARCZUK – Unrast
Unrast – per Definition „die innere Ruhelosigkeit, die jemanden dazu treibt, sich ständig zu betätigen“. Ist dieser Zustand nicht derjenige, in dem wir moderne Menschen uns am häufigsten befinden? Diese Geschäftigkeit, Gereiztheit, Ungeduld, die man im positivsten Fall als Tatendrang oder Aufbruchsstimmung auffassen kann. Doch Aufbruch wohin?
Niemals in der Geschichte wurde leichter und häufiger gereist als heutzutage. Kontinenthopping und zwei innereuropäische Termine an einem Tag? Kein Problem. Doch welchen Einfluss hat dieses schnelle Reisen auf unsere Psyche? (Mal alle anderen Gesichtspunkte wie zum Beispiel Umweltaspekte beiseite lassend.) Weiterlesen „OLGA TOKARCZUK – Unrast“
Bart van Es – Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Im vergangenen Jahr erhielt Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es den britischen Costa Award (bis 2005 Whitbread Award) in der Sparte Biografie und wurde aus allen fünf Siegertiteln zum Buch des Jahres gewählt.
Der aus den Niederlanden stammende, seit seiner Kindheit allerdings in England lebende und in Oxford Literaturwissenschaften lehrende Bart van Es erzählt darin die Geschichte von Hesseline de Jong, die als jüdisches Mädchen in einem Versteck die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in den Niederlanden überlebt hat. Er erzählt aber gleichzeitig auch aus der eigenen Familiengeschichte. Denn eine der Familien, die die kleine Lien bei sich aufnahm, versteckte und dadurch rettete, war die seiner Großeltern. Immer wieder hat er reden hören von dem jüdischen Mädchen, das bei den van Es zeitweise lebte, aber eher versteckt. Der Kontakt zu ihr war schon lange Zeit abgebrochen. Eine alte Geschichte, an die man besser nicht rührt, rät die Mutter von Bart van Es. Dieser wird aber gerade dadurch neugierig, stellt Nachforschungen an, besucht Archive, knüpft schließlich im Jahr 2014 den Kontakt zur mittlerweile über achtzigjährigen Lien de Jong, die in Amsterdam lebt. Weiterlesen „Bart van Es – Das Mädchen mit dem Poesiealbum“
Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise 1. Versuch
Jaroslav Rudiš Winterbergs letzte Reise stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. Warum ich vorerst daran scheiterte.
Trotz aller gebotenen Skepsis angesichts von Literaturpreisen, werfe ich doch immer wieder gerne einen Blick auf deren Auswahl in Form von Long- oder Shortlisten und verfolge auch die Prämierungen am Ende mit Interesse. So sind mir schon oft Bücher in die Hände gefallen, die sich sonst meiner Aufmerksamkeit entzogen hätten. Was schade gewesen wäre. Außerdem erhält man so immer auch einen Blick auf die aktuelle Literaturszene mit ihren jeweiligen Vorlieben. Das es den besten Roman nicht geben kann, ist klar. Wer sollte dafür die Kriterien erstellen? Und sie dann anwenden? Weiterlesen „Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise 1. Versuch“
Katharine Dion – Die Angehörigen
„The dependents“, so der Originaltitel des Romans der jungen amerikanischen Autorin Katharine Dion. Mehr noch als die deutsche Entsprechung Die Angehörigen schwingt dort etwas mit, das man manchmal gerne eher verdrängen möchte, das aber in irgendeiner Form immer vorhanden ist, besonders, wenn die Menschen, denen man „angehört“, sehr nahe stehen: die Abhängigkeit. Nicht so sehr eine materielle, sondern eine emotionale Abhängigkeit, in der man sich befindet. Und die beim Verlust dieses Menschen eine schwer zu füllende Lücke hinterlässt. Weiterlesen „Katharine Dion – Die Angehörigen“
Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe
Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe – mehr als ein viktorianischer Schauerroman
London, 1923. Der Große Krieg ist mehr als vier Jahre vorbei, aber die Gräuel sind noch lange nicht vergessen. Auch Peter Vane, ein junger Wissenschaftler, ist tief traumatisiert. Besonders den Verlust seines Kameraden Finley hat er nicht verwunden. Dieser gilt seit einer Verletzung an der Front als vermisst und gab ihm kurz vor seinem Verschwinden eine kleine Daguerrographie, die ein Mädchen darstellt und die Peter zu einer Art Talisman geworden ist. Weiterlesen „Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe“
Siri Hustvedt – Damals
Eine fein gezeichnete nackte Frau fliegt mit weit ausgebreiteten Armen und emporgerecktem Gesicht in einen orangenen Himmel, in der rechten Hand hält sie ein Springmesser. Im Hintergrund ist das Empire State Building zu erkennen. Eine der zwölf äußerst gekonnten Zeichnungen der Autorin ziert das Cover des neuen Romans von Siri Hustvedt. (Dieser erscheint, wie in letzter Zeit immer wieder, zuletzt bei T.C.Boyle, in der deutschen Übersetzung vor der amerikanischen Originalausgabe, auf deren Cover die besagte fliegende Dame in einem lustigen Outfit unterwegs ist – amerikanische Prüderie lässt grüßen) Weiterlesen „Siri Hustvedt – Damals“
Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall
Es gibt Bücher, da weiß man bereits nach wenigen Sätzen: „Ja, das könnte was werden, das scheint zu passen.“ (Hin und wieder wird man dann dennoch enttäuscht.) Bei Daniela Krien und ihrem von fast allen Seiten hochgelobtem Roman Die Liebe im Ernstfall kam mir dagegen bereits auf Seite 18 der Verdacht, dass wir keine Freunde werden würden. Weiterlesen „Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall“









