Dilek Güngör – Ich bin Özlem

Dilek Güngör – Ich bin Özlem

„Ich bin Özlem. Meine Eltern kommen aus der Türkei.“

Obwohl Özlem nur wenige Urlaube in der Türkei verbracht hat, sie wenig mit der türkischen Kultur und noch weniger mit dem islamischen Glauben verbindet, einen deutschen Ehemann und zwei Kinder mit nicht-türkischen Namen hat, dazu deutsche Freunde, einen deutschen Pass und eine komplett deutsche Sozialisation – immer wieder taucht er auf, der sogenannte „Migrationshintergrund“. Weiterlesen „Dilek Güngör – Ich bin Özlem“

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Genau eines der für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Bücher der Kategorie Belletristik hatte ich im Vorfeld gelesen. Recht fokussiert, wütend und bitter(böse) räumte ich ihm eigentlich keine großen Chancen für den Gewinn ein. Aber Anke Stelling hat mit  Schäfchen im Trockenen die Jury augenscheinlich genauso überzeugt wie mich. Weiterlesen „Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen“

Backlist: Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

Sandra ist eine von denen, die „eigentlich alles haben“: einen netten, verständnisvollen und unterstützenden Mann, zwei Wunschkinder, einen Job als freie Journalistin mit Büro fernab der Wohnung, der ihr genug Freiraum lässt, eine schöne Wohnung in Prenzlauer Berg in einem innovativen Wohnprojekt „Mehrgenerationenhaus“, alles natürlich ökologisch bestens durchdacht, und sogar einen Kitaplatz in der Nähe.

„Es geht uns gut.“
versichert sie sich so auch einige Male im Verlauf des Romans, der ein innerer Monolog Sandras ist, eine Selbstvergewisserung, eine Klage. Weiterlesen „Backlist: Anke Stelling – Bodentiefe Fenster“

Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme

Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme

 

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht
Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß
Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben auf dem Tisch
Der, der am Tisch saß
ist verschwunden

 

Der, der am Tisch saß, ist verschwunden. Der isländische Dichter, Autor und Übersetzer Sigurður Pálsson ist am 19. September 2017 verstorben. Sein letzter Gedichtband, sein sechzehnter, ist gerade auf Deutsch in einer ausgesprochen hochwertigen und schönen zweisprachigen Ausgabe im Elif Verlag erschienen. Übertragen wurden die Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Auf dem Blog des Letzteren, den ich im Übrigen allen an Literatur aus Island interessierten empfehlen möchte, habe ich zum ersten Mal von Sigurður Pálsson gehört und gelesen.

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Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist

1942 in Siena, Italien befindet sich seit zwei Jahren an der Seite des Deutschen Reichs im Weltkrieg, von dem man zunächst recht wenig mitbekommt. Zwar sind Lebensmittel rationiert, doch man kommt zurecht. Und weite Teile der Bevölkerung erleben die Siege der Achsenmächte wie im Rausch, Benito Mussolini ist noch der fast gottgleiche Führer, Italien das strahlende Mutterland, für das man gerne in den Krieg zieht.

So sieht es auch der zwölfjährige Lorenzo, ein fleißiger und eifriger Balilla, Mitglied der Jugendorganisation der Nationalen Faschistischen Partei. Auch in Italien wurden die Kinder von klein auf auf die richtige ideologische Schiene gesetzt. Weiterlesen „Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist“

Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind

Lawrence Osborne „Welch schöne Tiere wir sind“.

Reichlich Selbstverliebtheit, eine Spur Lebensekel, Langeweile, Überdruss – all das spielt hinein in diesen Ausspruch der 24 jährigen Naomi Codrington, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren in Lawrence Osbornes neuem Roman, der ihm den Titel verlieh.

Naomi ist auf der sogenannten Sonnenseite geboren, der Vater schwerreicher Besitzer einer Fluglinie und Kunstsammler. Die leibliche Mutter starb, als Naomi ein Teenager war, aber wirklich viel Trauer darüber ist im Buch nicht zu spüren. Das mag daran liegen, dass der Roman strikt in der Handlungsgegenwart verbleibt. Rückblenden, Erinnerungen, Verschiebungen der Zeitebenen gibt es hier nicht. Und auch die Protagonisten denken selten rückwärtsgewandt. Das verschafft dem Erzählten eine interessante Oberflächlichkeit, die zu den handelnden Personen zu passen scheint. Weiterlesen „Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind“

Annie Ernaux – Der Platz

Spät wurde sie hier bei uns in Deutschland entdeckt und so langsam wird ihr der gebührende Platz am Literarischen Himmel, den sie im Heimatland Frankreich schon lange einnimmt, auch hier eingeräumt: Annie Ernaux, Jahrgang 1940, ist seit ihrer 2017 auf Deutsch (mit neun Jahren Verspätung) erschienenen Autobiografie „Die Jahre“ auch hierzulande eine Bestsellerautorin, hochgelobt von der Kritik und geliebt von den Leser*innen. Ein wenig hat sicher der Erfolg von Autoren wie Édouard Louis und Didier Eribon, die beide Bewunderer Ernauxs sind, und auch der 2017 erfolgte Gastlandauftritt Frankreichs bei der Frankfurter Buchmesse beigetragen. Es ist zumindest sehr zu begrüßen, dass sich der Suhrkamp Verlag daraufhin zur (Wieder)Veröffentlichung älterer Werke (in hoffentlich noch größerer Zahl) entschlossen hat. Der Erfolg ihres neuesten Werks „Erinnerung eines Mädchens“ im letzten Jahr wird das sicher unterstützen.

Nun also ein kleines, ein ausgesprochen feines Büchlein (95 Seiten), das bereits 1983 erschien und 1984 den angesehenen Prix Renaudot erhielt. Weiterlesen „Annie Ernaux – Der Platz“

John Wray – Gotteskind

John Wray, 1971 geborener Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, hat mit „Gotteskind“ einen hochbrisanten Roman geschrieben, seinen fünften bereits.

Für eine geplante Reportage reiste der Autor 2015 nach Afghanistan. Die Lage vor Ort erwies sich allerdings als zu schwierig, so dass er, einmal dort, einer anderen Idee nachging, nämlich der eines Buchs über den „amerikanischen Taliban“ John Walker Lindh, der im Alter von 16 zum Islam konvertierte und 2001 bis zu seiner Verhaftung auf Seiten der Taliban kämpfte. Im Rahmen seiner Recherchen hörte er Gerüchte über ein amerikanisches Mädchen, das sich ebenfalls auf Seiten der Gotteskrieger kämpfte. Überprüfen ließ sich das Gerücht nicht, John Wray nahm es als Inspiration für den vorliegenden Roman. Weiterlesen „John Wray – Gotteskind“

Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen

Noch deutlicher als vielleicht der deutsche Titel „Worauf wir hoffen“ verrät der Originaltitel, um was sich der bemerkenswerte Debütroman der Amerikanerin mit indischen Wurzeln Fatima Farheen Mirza dreht: „A place for us“.

Auf die eine oder andere Weise suchen alle Figuren des Romans ihren Platz – innerhalb der Familie, der Gesellschaft, dem Glauben.

Die Protagonisten, das sind die Eltern Rafik und Laila, die aus Indien nach Kalifornien auswanderten, Rafik, weil er dort beruflich vorankommen konnte, Laila, weil sie, wie zumindest in früheren Zeiten sehr üblich und weit verbreitet, aus ihrer Heimat Hyderabad heraus mit dem aussichtsreichen Mann in den USA verheiratet wurde. Das Paar durfte sich vor der Hochzeit zumindest kennenlernen, etwas, das ihren Eltern noch verwehrt wurde. Die beiden bekommen drei Kinder, Hadia, Huda und Amar.

Die Familie führt ein typisches Immigrantenleben, das geprägt ist durch Bemühungen um sozialen Aufstieg, berufliches Vorankommen und materielle Sicherheit. Gleichzeit sind Rafik und Laila streng gläubige Muslime, die ihren Glauben auch in der neuen Heimat intensiv praktizieren. Auch alte Traditionen werden hochgehalten, sei es die Muttersprache Urdu, sei es die traditionelle Rolle der Frau oder die strengen Sitten. So sind Tabak und Alkohol tabu, der Hijab für Frauen Pflicht und Sittsamkeit und Tugendhaftigkeit für Frauen die wichtigsten Werte. Weiterlesen „Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen“

Marko Dinić – Die guten Tage

Ein Bus auf dem Weg von Salzburg über Wien nach Belgrad. Drinnen Männer und Familien, die eine günstige Reisemöglichkeit nach Serbien brauchen. Ein „Gastarbeiterexpress“ rollt durch die ungarische Tiefebene. Einer der Fahrgäste ist der namenlose Ich-Erzähler, manche nennen ihn Švabo, den „Deutschsprachigen“, der in Belgrad aufgewachsen ist, seiner Heimat aber in jungen Jahren den Rücken gekehrt hat. Es war die Zeit nach den Jugoslawienkriegen der Neunziger Jahre, diesem erschütternden Zerfall eines europäischen Staates in Hass, Gewalt und Nationalismus. Davon erzählt Marko Dinić in Die guten Tage. Weiterlesen „Marko Dinić – Die guten Tage“