José Eduardo Agualusa – Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer

Aus dem südwestafrikanischen Land Angola dringt nur selten Literatur bis zu uns vor. Einer der wenigen Autoren, denen das gelungen ist, ist der 1960 geborene  und sowohl in Angola als auch in Portugal und Brasilien lebende José Eduardo Agualusa. Portugiesisch ist seine Muttersprache, in der er bis heute über 50 Bücher verfasst hat. Fünf davon sind bisher auf Deutsch erschienen. Obwohl „Das Lachen des Geckos“ (2004) und „Barocco tropical“ (2009) auch in Deutschland einige Aufmerksamkeit erhalten haben, ist er erst mit „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ richtig bekannt geworden. Er zählt zu den wichtigsten Stimmen sowohl Afrikas als auch Portugals. Nun erscheint Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer. Weiterlesen „José Eduardo Agualusa – Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“

Willy Vlautin – Ein feiner Typ

Willy Vlautin – Ein feiner Typ

Don’t skip out without taking me Don’t skip out on me
I know you think I’m just a liability I can carry my own weight
Please just don’t skip out on me

Willy Vlautin ist der singende Poet oder der schreibende Musiker, je nachdem. Mit seiner mittlerweile aufgelösten Band Richmond Fontaine nahm er bereits für seinen zweiten Roman, Northline, ein begleitendes Instrumentalalbum auf und auch für sein neuestes Buch, „Ein feiner Typ“, existiert ein Soundtrack, für den er die alten Bandmitglieder noch einmal im Studio versammelte. Damals lag „Northline“ eine CD bei und der amerikanischen Originalausgabe des neuen Romans ist ein Download-Code beigefügt. Schade, dass das bei der deutschen Ausgabe des Piper Verlags versäumt wurde. Dennoch kann man sich die Musik zumindest online im Bandcamp anhören.

„Don´t skip out on me“ – Lass mich nicht im Stich

So heißt nicht nur der Originaltitel des Buchs, sondern auch ein Song, den Willy Vlautin extra dafür komponiert hat. Weiterlesen „Willy Vlautin – Ein feiner Typ“

J. Courtney Sullivan – Aller Anfang

J. Courtney Sullivan hat mit ihren vergangenen drei Romanen (Die Verlobungen, Ein Sommer in Maine, All die Jahre) aufs Schönste bewiesen, dass man unterhaltsam über Frauenleben schreiben kann, ohne ins Genre oder in die Chick-Lit abzugleiten und sämtliche literarische Ansprüche aufzugeben. Nun erscheint mit Aller Anfang ein bereits 2009 im Original erschienener Roman erstmals auf Deutsch.

Bereits in „Ein Sommer in Maine“ (2011) erzählte sie über vier ungleiche Frauen und ihr Verhältnis zueinander. Anders als in „Aller Anfang“, das gerade auf Deutsch erschienen ist und auch ein weibliches Figurengespann im Zentrum stehen hat, war der Roman aber auch eine Familiengeschichte. „Aller Anfang“ dagegen ist ein Buch über das Erwachsenwerden, das sich Ablösen junger Frauen von zuhause und über ihre Freundschaft, die die Jahre um die Jahrtausendwende im Smith-College in Northampton/Massachusetts überdauert. Dort, im angesehenen, größten Frauencollege der USA wurden die vier zufällig zusammen im Dachgeschoss des King House untergebracht. Eine Gemeinschaft, die sich sonst wohl nicht so ohne weiteres ergeben hätte, sind die Mädchen doch sehr unterschiedlich. Weiterlesen „J. Courtney Sullivan – Aller Anfang“

Lukas Hartmann – Der Sänger

Der Sänger, von dem der Schweizer Autor Lukas Hartmann in seinem neuen, gleichlautenden Roman erzählt, ist Joseph Schmidt.

Der lyrische Tenor wurde 1904 in Davideny, nahe Czernowitz in der Bukowina geboren. Schon früh zeigte sich sein stimmliches Talent und der junge Schmidt gab seinen ursprünglichen Traum von einer Schauspielkarriere 1925 für das Gesangsstudium an der Berliner Hochschule der Künste auf.

Die Zwanziger Jahre waren der Beginn des Radiozeitalters, in Deutschland startete am 29. Oktober 1923 der Unterhaltungsrundfunk. Durch zahlreiche Rundfunkauftritte wurde Schmidt bald zu einem der bekanntesten und beliebtesten Tenöre mit einer riesigen Fangemeinde auch außerhalb Deutschlands und bis nach Amerika. Bühnenauftritte dagegen waren eher selten, da er aufgrund seiner nur geringen Körpergröße von 1.54 m nur zögerlich besetzt wurde.

Dafür ging im Mai 1933 ein Traum für ihn in Erfüllung, als der Film „Ein Lied geht um die Welt“ in Berlin Premiere und großen Erfolg feierte. Ein letztes Mal Berlin. Denn dem jüdischen Sänger wurden fortan die Auftritte und die Arbeit in Deutschland weitestgehend verboten. Es folgten noch drei erfolgreiche Filme, die in Wien, wohin er Ende 1933 emigrierte, und in London Premiere hatten. Besonders die Damenwelt verehrte die von Schmidt interpretierten Filmschlager wie „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“, „Ein Stern fällt vom Himmel“ oder eben jenes „Ein Lied geht um die Welt.“ Weiterlesen „Lukas Hartmann – Der Sänger“

William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

„Ordinary grace“, der so viel schlichtere Originaltitel von Für eine kurze Zeit waren wir glücklich von William Kent Krueger, spiegelt die Tragik sowohl wie das leise Pathos dieser gelungenen Mischung aus Entwicklungsroman, Familien- und Kriminalgeschichte so viel besser wieder und tippt zugleich ein wichtiges Thema des Buches an, nämlich den Glauben und das Verhältnis der Protagonisten zu ihrem Gott, Schuld und Vergebung. Weiterlesen „William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“

Sorj Chalandon – Am Tag davor

Am 27.12.1974 ereignete sich in der nordfranzösischen Gemeinde Liévin-Lens eine Tragödie. In der dortigen Zeche Saint-Amé, im Schacht 3b, ereignete sich ein Grubenunglück großen Ausmaßes. 42 Bergleute starben. Sorj Chalandon nimmt dieses tragische Unglück als Ausgangspunkt für seinen Roman Am Tag davor.

Fachleute und Öffentlichkeit waren sich relativ bald einig darüber, dass diese Katastrophe kein Schicksal, sondern vermeidbar gewesen wäre. Nach den Weihnachtsfeiertagen nur unzureichend belüftet, der Steinkohlestaub kaum befeuchtet, die Kontrollgänge durch die Stollen stark reduziert und Sicherheitsmaßnahmen wie Gesteinsstaubsperren massiv zurückgebaut, entsprach die Grube, die in absehbarer Zeit stillgelegt werden sollte, eindeutig nicht den Sicherheitsvorschriften. Der Verdacht lag nahe, dass Sparmaßnahmen der Grubengesellschaft und mangelnde Sorgfalt der Verantwortlichen das Ausmaß des Unglücks zu verantworten hatten. Weiterlesen „Sorj Chalandon – Am Tag davor“

Philippe Lançon – Der Fetzen

Der 7. Januar 2015 ist einer jener Tage, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. An diesem Vormittag drangen zwei islamistische Brüder in die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein und erschossen zwölf Menschen. Die Zeitschrift stand schon längere Zeit im Fadenkreuz der Islamisten, da sie sich über Religion allgemein, den Islam im Besonderen, z.B. durch Veröffentlichung der umstrittenen dänischen Mohamed-Karikaturen, gerne satirisch äußerte. Philippe Lançon erzählt in Der Fetzen als ein Überlebender von Charlie Hebdo. Weiterlesen „Philippe Lançon – Der Fetzen“

OLGA TOKARCZUK – Unrast

Unrast – per Definition „die innere Ruhelosigkeit, die jemanden dazu treibt, sich ständig zu betätigen“. Ist dieser Zustand nicht derjenige, in dem wir moderne Menschen uns am häufigsten befinden? Diese Geschäftigkeit, Gereiztheit, Ungeduld, die man im positivsten Fall als Tatendrang oder Aufbruchsstimmung auffassen kann. Doch Aufbruch wohin?

Niemals in der Geschichte wurde leichter und häufiger gereist als heutzutage. Kontinenthopping und zwei innereuropäische Termine an einem Tag? Kein Problem. Doch welchen Einfluss hat dieses schnelle Reisen auf unsere Psyche? (Mal alle anderen Gesichtspunkte wie zum Beispiel Umweltaspekte beiseite lassend.) Weiterlesen „OLGA TOKARCZUK – Unrast“

Bart van Es – Das Mädchen mit dem Poesiealbum

Im vergangenen Jahr erhielt Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es den britischen Costa Award (bis 2005 Whitbread Award) in der Sparte Biografie und wurde aus allen fünf Siegertiteln zum Buch des Jahres gewählt.

Der aus den Niederlanden stammende, seit seiner Kindheit allerdings in England lebende und in Oxford Literaturwissenschaften lehrende Bart van Es erzählt darin die Geschichte von Hesseline de Jong, die als jüdisches Mädchen in einem Versteck die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in den Niederlanden überlebt hat. Er erzählt aber gleichzeitig auch aus der eigenen Familiengeschichte. Denn eine der Familien, die die kleine Lien bei sich aufnahm, versteckte und dadurch rettete, war die seiner Großeltern. Immer wieder hat er reden hören von dem jüdischen Mädchen, das bei den van Es zeitweise lebte, aber eher versteckt. Der Kontakt zu ihr war schon lange Zeit abgebrochen. Eine alte Geschichte, an die man besser nicht rührt, rät die Mutter von Bart van Es. Dieser wird aber gerade dadurch neugierig, stellt Nachforschungen an, besucht Archive, knüpft schließlich im Jahr 2014 den Kontakt zur mittlerweile über achtzigjährigen Lien de Jong, die in Amsterdam lebt. Weiterlesen „Bart van Es – Das Mädchen mit dem Poesiealbum“

Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise 1. Versuch

Jaroslav Rudiš Winterbergs letzte Reise stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. Warum ich vorerst daran scheiterte.

Trotz aller gebotenen Skepsis angesichts von Literaturpreisen, werfe ich doch immer wieder gerne einen Blick auf deren Auswahl in Form von Long- oder Shortlisten und verfolge auch die Prämierungen am Ende mit Interesse. So sind mir schon oft Bücher in die Hände gefallen, die sich sonst meiner Aufmerksamkeit entzogen hätten. Was schade gewesen wäre. Außerdem erhält man so immer auch einen Blick auf die aktuelle Literaturszene mit ihren jeweiligen Vorlieben. Das es den besten Roman nicht geben kann, ist klar. Wer sollte dafür die Kriterien erstellen? Und sie dann anwenden? Weiterlesen „Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise 1. Versuch“