Tom Malmquist – In jedem Augenblick unseres Lebens

Vor einigen Jahren, im März 2012, wurde die Welt des schwedischen Musikers und Poeten Tom Malmquist von Grund auf erschüttert. Innerhalb kürzester Zeit verlor er seine Lebensgefährtin Karin. Diese war hochschwanger, als sie plötzlich unter grippeartigen Symptomen zu leiden begann und Anzeichen einer Lungenentzündung entwickelte. Nach einigen Tagen verschlechterte sich ihr Zustand so dramatisch, dass sie als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die schockierende Diagnose lautete: Akute myeloische Leukämie. In seinem 2015 im Original erschienenen autobiografischen Roman In jedem Augenblick unseres Lebens wirft Tom Malmquist den Leser genauso unvermittelt ins Geschehen, wie er sich damals selbst hineingeworfen gefühlt haben muss.

„Der Oberarzt tritt den Kipphebel an Karins Patientenbett fest.“

lautet der erste lapidare Satz. Weiterlesen „Tom Malmquist – In jedem Augenblick unseres Lebens“

Donna Leon – Stille Wasser

Donna Leon – Stille Wasser: Commissario Brunetti-Romane zu lesen, ist ein wenig wie ein Familientreffen.

Seit nunmehr 25 Jahren erscheint pünktlich jedes Jahr ein neuer Band, zuverlässig wie Ostern und Weihnachten. Zeit genug, die Charaktere, die seltsam alterslos sind – aber ist das in Familien nicht auch so, dass Eltern, Tanten und schließlich auch man selbst gefühlt nicht altern?- in und auswendig kennenzulernen. Venedig, oder Donna Leons Bild von Venedig, sind dem Leser schon fast so vertraut wie der eigene Heimatort. Um das zu unterstützen, gibt der Diogenes Verlag wunderbare kleine Stadtpläne heraus: Venedig mit Donna Leon und es gibt sogar eigene Internetseiten, die die Spuren des Commissario in seiner Lagunenstadt verfolgen. Weiterlesen „Donna Leon – Stille Wasser“

Jonas Hassen Khemiris – Alles, was ich nicht erinnere

Ein junger Mann ist bei einem Autounfall nahe Stockholm ums Leben gekommen. Das erfahren wir relativ bald im Roman von Jonas Hassen Khemiri „Alles was ich nicht erinnere“, auch, dass hier jemand ist, der dem Geschehen nachgeht, der Fragen stellt, über den verunglückten Simon, über jenen unheilvollen Tag im Jahr 2012, als das Auto in einer Linkskurve geradeaus fuhr und gegen einen Baum prallte. Weiterlesen „Jonas Hassen Khemiris – Alles, was ich nicht erinnere“

Madeleine Prahs – Nachbarn – #Backlist

Im August erscheint Madeleine Prahs Roman „Die Letzten“ bei DTV, auch eine „Nachbar“geschichte um ein Haus, das „leergewohnt“ werden soll. Prahs Debüt „Nachbarn“ hat mir 2014 ausgesprochen gut gefallen, ihre Personenschilderung fand ich ausgezeichnet. Deshalb freue ich mich sehr auf die Neuerscheinung und möchte hier mit meiner Rezension von 2014 ein wenig neugierig machen. In ihrem Debütroman „Nachbarn“ blättert Madeleine Prahs  die Geschichte von sechs Menschen auf. Weiterlesen „Madeleine Prahs – Nachbarn – #Backlist“

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Der Titel des Romans, für den Marlon James 2015 den Man Booker Preis verliehen bekommen hat, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, ist eine einzige Täuschung.

Natürlich ist es alles andere als eine kurze Geschichte, die hier auf 853 großformatigen Seiten detailreich und ausufernd dargeboten wird. Und von statt sieben Morden erzählt das Buch von unzähligen gewaltsamen Toden, Hinrichtungen, Massakern, so vielen, dass man das Zählen bald aufgibt. Welche dieser Tötungen es tatsächlich dann in den Titel geschafft haben, bleibt offen. Ja, Marlon James erlaubt sich einen ironischen Kniff, indem er einem der Protagonisten, dem Journalisten Alex Price, das Buch „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ quasi unterschiebt. Als der auf die Sieben angesprochen wird, gibt er zu, es seien eigentlich elf Morde gewesen (woher auch immer diese Zahl kommt) von denen er berichten wollte, aber zu vieren davon hätte er nicht genug Informationen gefunden. Weiterlesen „Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden“

Madeleine Thien – Flüchtige Seelen – #Backlist

Im September erscheint im Luchterhand Verlag der neue Roman der Kanadierin Madeleine Thien auf Deutsch. „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ stand im letzten Jahr auf der Shortlist des Man Booker Preises und erzählt die Geschichte einer chinesischen Familie von 1940 bis in die Gegenwart. 2014 begeisterte mich „Flüchtige Seelen“ von Madeleine Thien.

Es gibt über den Vietnamkrieg eine ganze Menge zu lesen, zu schauen, zu erfahren, wenn auch meist aus amerikanischer Sicht. Die Grausamkeiten, die als indirekte Folge davon im Nachbarland Kambodscha geschahen, sind viel weniger bekannt. Weiterlesen „Madeleine Thien – Flüchtige Seelen – #Backlist“

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

Das Unheil kommt auf leisen Sohlen. Anfangs lesen sich die Erinnerungen des Erzählers  in Arno Frank – „So, und jetzt kommst du“ noch eher heiter. Ja, sicher, der Vater ist ein „Lebemann“, wohl auch ein wenig verantwortungslos, sehr egozentrisch.

„Keiner, der´s hier oben hat“, und dazu tippt er sich an die Schläfe,“ muss schuften. Schuften müssen nur die Idioten.“

lautet eine seiner Lebensweisheiten, die er seiner Familie, vornehmlich seinem Sohn gegenüber gerne selbstgefällig preisgibt, meist mit dem Schlusssatz „So, und jetzt kommst du.“ Dabei ist er an der Meinung seines Sprösslings so wenig interessiert wie an der der Mutter. Er allein ist der Mittelpunkt seiner Welt. Weiterlesen „Arno Frank – So, und jetzt kommst du“

Rachel Cusk – Transit

Transit – Durchreise, Passage, vielleicht auch Übergang. Auch: der Vorbeizug eines Himmelskörpers oder auch mehrerer. Wie schon beim letztem Buch von Rachel Cusk „Outline“, darf man den Titel Transit gerne als Leitmotiv für den Roman nehmen.

Faye, die Autorin in mittleren Jahren, die wir aus dem Vorgänger bereits kennen, Mutter zweier Söhne, die in beiden Büchern jeweils nur in besorgniserregenden Anrufen vorkommen, geschieden, und zwar nicht, wie man das oft so schön sagt, in gegenseitigem Einvernehmen, sondern, wir spüren es, auch wenn es nirgends thematisiert wird, mit einigen Blessuren einhergehend, diese Faye ist auch in „Transit“ die Erzählerin und das Zentrum des Romans.

Auch von der grundlegenden Struktur her ähneln sich die beiden Bücher sehr – sind sie doch auch Teil einer geplanten Trilogie. Weiterlesen „Rachel Cusk – Transit“

Rachel Cusk – Outline

Eine Frau auf dem Flug nach Athen. Sie ist unterwegs zu einem Kurs in Kreativem Schreiben, den sie unterrichten soll, vielleicht ein klein wenig auch auf der Flucht, man meint es herauszuhören, aus einem nicht ganz einfachen Leben in London. Neben ihr sitzt ein älterer Grieche, man kommt ins Gespräch. Es ist das erste einer langen Reihe von Gesprächen, die Faye, die Autorin, im Laufe dieser Woche in Athen führt und die wir als Leser von Rachel Cusk in Outline mitverfolgen

Diesem eigentlichen Beginn des Romans ist noch eine kurze Szene vorangestellt, deren Bedeutung sich zunächst kaum erschließt. Die Erzählerin trifft sich vor ihrem Abflug mit einem „Milliardär“, um mit ihm über eine in Planung befindliche Literaturzeitschrift zu sprechen. Dazu kommt es nicht, der Mann plaudert stattdessen über sich, „Der Milliardär erzählte mir bereitwillig aus seinem Leben.“ „The billionaire had been keen to give me the outline of his life story“ heißt es im Original und es ist ein bisschen schade, dass bei der Übersetzung das Leitmotiv zusammen mit dem Schlüsselwort des Romans, das ja auch titelgebend ist, verschwindet. Weiterlesen „Rachel Cusk – Outline“