Sorj Chalandon – Herz in der Faust

Der französische Autor Sorj Chalandon veröffentlicht seit 2005 Romane, die man klassischerweise der Literature engagée zurechnen könnte, die in Frankreich seit Émile Zola und Victor Hugo prominent vertreten ist und sich mit deutlichen sozialkritischen Aussagen und naturalistischem Ansatz zu gesellschaftlichen oder auch politischen Themen zu Wort meldet. Sorj Chalandon greift dazu meist reale historische Vorfälle auf, wie beispielsweise bei Am Tag davor ein schreckliches Grubenunglück aus dem Jahr 1974 oder in seinem jüngsten Roman Herz in der Faust den Ausbruch von 56 Jungen aus einer „Korrekturanstalt“ im Sommer 1934. Weiterlesen „Sorj Chalandon – Herz in der Faust“

Lektüre Oktober und November 2025

Vielleicht ist es der einen oder dem anderen aufgefallen: Es gab (bisher) keinen Oktober Lektüre-Rückblick; den ich nun hier zusammen mit meinen November-Büchern nachholen möchte. Die vergangenen Monate waren so turbulent. Ich habe weiterhin fleißig gelesen, fleißig rezensiert und meinen Instagram-Account auf dem Laufenden gehalten. Alles was darüber hinaus ging, wurde sträflich vernachlässigt.

Da viele der Bücher bereits in ausführlichen Besprechungen auf dem Blog präsent sind, fasse ich mich dieses Mal besonders kurz. Fehlende Rezensionen sind bereits geschrieben und werden demnächst online gestellt. Viel Spaß beim Stöbern in dieser „extended version“. Und ab Dezember wieder wie gewohnt monatlich.

 

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Abdulrazak Gurnah – Diebstahl

Seit dem Nobelpreis im Jahre 2021, der die deutsche Buchwelt eiskalt erwischte, da zu dem Zeitpunkt kein einziges der Bücher von Abdulrazak Gurnah auf Deutsch lieferbar war, sind nun auch schon wieder vier Jahre vergangen. Der Penguin Verlag hat sich des Werkes des seit 1968 in Großbritannien lebenden, auf Sansibar geborenen Autors angenommen und mittlerweile sind die meisten Romane übersetzt und lieferbar. Diebstahl nun ist das erste nach dem Nobelpreis verfasste Buch von Abdulrazak Gurnah. Und es besitzt die bekannten Qualitäten seiner Vorgänger. Weiterlesen „Abdulrazak Gurnah – Diebstahl“

Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt

Als Kanada 2020/21 Gastland der Frankfurter Buchmesse war, strömten wie üblich besonders viele Übersetzungen aus dem Land auf den deutschen Markt. Zeitgleich wurden in Kanada an etlichen ehemaligen Residential Schools heimliche Gräber gefunden, was die seit den 1990ern stattfindende öffentliche Auseinandersetzung mit den staatlichen und kirchlichen Verbrechen an indigenen Kindern in der Vergangenheit erneut befeuerte. An diesen „Schulen“, die im 19. Jahrhundert aus Missionseinrichtungen hervorgingen, ging es weniger um Wissensvermittlung als um Umerziehung. Die indigenen Kinder sollten den Bräuchen, Traditionen und vor allem der Sprache ihrer Vorfahren entzogen werden. Dafür wurden alle Minderjährigen, meist unter Zwang oder durch Wegnahme, zum Leben in diesen Residential Schools verpflichtet. Die Verhältnisse dort waren größtenteils furchtbar. Hunger, Prügelstrafen, Missbrauch waren dort gang und gäbe. Viele Kinder starben und wurden dort mehr oder weniger heimlich begraben.

Mir waren diese Fakten vorher kaum bekannt. Der Gastlandauftritt Kanadas mit vielen Büchern zu diesem Thema war deshalb sehr erhellend. Mit Inkeri Markkulas Roman Wo das Eis niemals schmilzt kommt dieses Thema nun von einer sámischen Schriftstellerin zu mir zurück. Weiterlesen „Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt“

Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre

Der Literaturkritiker Volker Weidermann versteht es meisterhaft, gut recherchierte, einfühlsame Texte mit biografischem, historischen Hintergrund zu schreiben. Das kann einen bestimmten Zeitabschnitt oder eine bestimmte Personengruppe betreffen wie bei Ostende oder Träumer, oder auch eine Persönlichkeit, wie unlängst Thomas Mann in dem zauberhaften Mann vom Meer. Nun hat Volker Weidermann der bis heute meistgelesenen Dichterin Deutschlands Mascha Kaléko eine wunderbare biografische Annäherung gewidmet, Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens. Weiterlesen „Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre“

Friedrich Ani – Schlupfwinkel

Friedrich Ani ist seit langem ein Großmeister des literarisch anspruchsvollen Kriminalromans. Die Serien um Tabor Süden, den eigenwilligen, schweigsamen Ermittler von Vermisstenfällen, um den ehemaligen Mönch Polonius Fischer, um Jakob Franck oder Jonas Vogel zeichnet immer eine gewisse Schwermut aus. Viel mehr als um den eigentlichen Kriminalfall geht es dem Autor stets um die Einsamkeit der Protagonisten, um ihr sich und der Welt Verlorengehen. Neben den Krimis hat Friedrich Ani aber auch andere Texte geschrieben, beispielsweise Kinderbücher, und nun legt er einen ersten autofiktionalen Text vor – Schlupfwinkel. Fantasien über eine Fremde Heimat. Und auch ihm ist eine tiefe Melancholie eigen. Weiterlesen „Friedrich Ani – Schlupfwinkel“

Delphine Minoui – Badjens

Schiraz, Iran, im Herbst 2022. Nach dem Tod der 22-jährigen, kurdischstämmigen Mahsa Amini, die wegen eines falsch getragenen Kopftuchs von der Sittenpolizei ins Koma geprügelt wurde, flammten im ganzen Land Unruhen auf, versammelten sich die Menschen zu riesigen Demonstrationen. Jin, Jiyan, Azadi – Frau, Leben, Freiheit – heißt die Parole seitdem. Obwohl das Mullah-Regime in aller Härte reagierte, schwelt der Aufstand bis heute. Die deutsch-iranische Autorin Jina Khayyer hat unlängst einen Roman zu dem Thema veröffentlicht, den ich auch sehr empfehlen kann: Im Herzen der Katze. Auch die Franko-Kanadierin Delphine Minoui, die als Auslandskorrespondentin für Le Figaro arbeitet, hat dazu einen Text verfasst, Badjens. Anders als Khayyer wählt sie die Innenperspektive einer jungen Iranerin. Weiterlesen „Delphine Minoui – Badjens“

Eva Schmidt – Neben Fremden

Quasi Neben Fremden lebt die pensionierte Krankenpflegerin Rosa im neuen Roman von Eva Schmidt, allein mit ihrem alten Hund Don. Dieser ist nach dem plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten Fred das Wichtigste überhaupt in ihrem Leben. Freunde hat sie nach eigenen Angaben keine. Gelegentlich trifft sie sich mit ihrer ehemaligen Kollegin Margreth. Wirklich mögen tut sie die aber augenscheinlich nicht. Mit ihrem auch schon in die Jahre gekommenen Sohn Tom hat sie nahezu keinen Kontakt. Ab und zu kamen in der Vergangenheit mal kurze Briefe oder Postkarten von ihm an. Nun lebt er in Norwegen und ist dabei, eine eigene Familie zu gründen. Rosas eigene Mutter ist mittlerweile im Heim. Das Verhältnis zu ihr war, vorsichtig ausgedrückt, immer ein kompliziertes. Der Vater ist schon lange tot. Weiterlesen „Eva Schmidt – Neben Fremden“

Robert Prosser – Das geplünderte Nest

Ein Tiroler Bergdorf und die Millionenstadt Beirut, ein einarmiger Berliner Maler und ein junger libanesischer Graffiti-Künstler, ein in den Winterschlaf versinkender österreichischer Ferienort und die pulsierende Kunstszene in einem von Krisen und Gewalt geschüttelten Land, die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die Wirtschafts- und Finanzkrise im Libanon – der Tiroler Schriftsteller Robert Prosser verwebt dies alles kunstvoll, fesselnd und sprachmächtig zu seinem Roman Das geplünderte Nest. Weiterlesen „Robert Prosser – Das geplünderte Nest“

Nava Ebrahimi – Und Federn überall

Mit Und Federn überall stand die deutsch-iranische Schriftstellerin Nava Ebrahimi auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Für mich hätte sie es mit ihrem toll komponierten, vielschichtigen Roman unbedingt auch auf die Shortlist schaffen müssen. Kürzlich wurde ihr der Péter-Horváth-Literaturpreis zugesprochen, der Autorinnen und Autoren auszeichnet, die sich mit Themen des Wirtschafts- und Arbeitslebens befassen. Weiterlesen „Nava Ebrahimi – Und Federn überall“