Tanja Paar – Am Semmering

Der Semmering ist auch außerhalb Österreichs als Traditionsferienort bekannt. Der Semmeringpass verbindet die österreichischen Bundesländer Niederösterreich und Steiermark und ist damit die wichtigste Verbindung zwischen dem Großraum Wien und der Steiermark. Auf der Passhöhe liegt der Luftkurort Semmering, der um die Jahrhundertwende von der wohlhabenden Wiener Gesellschaft als Sommerfrischeziel entdeckt wurde. Die Semmeringbahn, die 1854 eröffnet wurde, brachte dem Ort einen enormen Aufschwung. Sie war eine der ersten Eisenbahnen, die durch die hochalpinen Berge führte. 2005 wurde sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Legendär ist auch das Grandhotel Panhans geworden. In neuerer Zeit ist Semmering für den alpinen Skisport bekannt und war schon mehrmals Austragungsort von Weltcuprennen. Tanja Paar geht mit ihrem wunderbaren Roman Am Semmering zurück in die Jahre 1928 bis Kriegsende. Weiterlesen „Tanja Paar – Am Semmering“

Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August

Der 1992 geborene Fikri Anıl Altıntaş engagiert sich in Workshops und als Redner gegen toxische Männlichkeit und festgefügte Männlichkeitsbilder. 2023 hatte er mit seinem Debütroman Im Morgen wächst ein Birnbaum, in dem er über seinen Vater schreibt, auch literarisch Erfolg. Nun setzt Fikri Anıl Altıntaş sich mit seinem neuen autofiktionalen Buch Zwischen uns liegt August mit seiner verstorbenen Mutter auseinander.   Weiterlesen „Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August“

Lina Schwenk – Blinde Geister

Dass es transgenerationale Traumata gibt und dass auch Epigenetik dabei eine Rolle spielt, wird seit einiger Zeit intensiv erforscht und auch zunehmend in der Literatur zum Thema. Im Debütroman von Lina Schwenk, Blinde Geister, spielen solche Traumata und wie sie auf nachfolgende Generationen übergreifen, eine entscheidende Rolle. Dabei steht eine westdeutsche Familie im Mittelpunkt. Weiterlesen „Lina Schwenk – Blinde Geister“

Lektüre September 2025

Im September war ich sehr oft unterwegs. Es gab einige literarische Termine. So war ich Anfang des Monats in Berlin, um beim LCB-Sommerfest am Wannsee 75 Jahre Suhrkamp Verlag zu feiern. Mitte des Monats ging es dann nach Südtirol, um im Marmorstädtchen Laas dem Franz Tumler Literaturpreis zu folgen. Das war ein ganz außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ende des Monats hatte ich dann das Vergnügen eine Woche lang die Wiesbadener Literaturtage, kuratiert vom tschechischen Autor Jaroslav Rudiš, zu begleiten. Auch das eine ganz großartige Veranstaltung. Dennoch habe ich auch im September 2025 einiges gelesen und gehört, das ich euch gerne hier vorstellen möchte. Weiterlesen „Lektüre September 2025“

Katrina Tuvera – Die Kollaborateure – Kurz vorgestellt

In diesem Jahr sind die Philippinen Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Wie bei jedem Gastland werden zu diesem Anlass außergewöhnlich viele Übersetzungen ins Deutsch präsentiert. So auch zum ersten Mal ein Buch der Nationalpreisträgerin Katrina Tuvera, Die Kollaborateure. Darin erzählt die Autorin über die stark postkolonial geprägte Geschichte ihres Landes anhand einer Familie. Mehr als 300 Jahre unter spanischer Herrschaft, amerikanische Kolonie bis 1946, brutale Besatzung durch Japan im Zweite Weltkrieg – die Philippinen standen seit dem 16. Jahrhundert durchgehend unter Fremdherrschaft. Und rutschten nach der Unabhängigkeit 1946 von einer starken Abhängigkeit von den USA in die zunehmend diktatorische Herrschaft von Ferdinand Marcos und seinem Clan. Der durchschnittliche Lesende wird eher wenig Kenntnis über die philippinische Geschichte haben. Da ist das sachkundige Nachwort von Annette Hug sehr hilfreich. Ein bisschen Recherche im Internet kann auch nicht schaden. Weiterlesen „Katrina Tuvera – Die Kollaborateure – Kurz vorgestellt“

Marko Dinić – Das Buch der Gesichter

Das Buch der Gesichter von Marko Dinic war unter den für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Romanen mit 464 Seiten der weitaus umfangreichste und sowohl inhaltlich als auch formal sicher auch einer der anspruchvollsten. In acht stilistisch unterschiedlichen Kapiteln aus verschiedenen, sich ergänzenden oder auch widersprechenden Perspektiven werden die Ereignisse an einem ganz bestimmten Tag erzählt.

Es ist ein Sommertag im Jahr 1942 in Belgrad oder genauer gesagt im bis nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängigen Vorörtchen Zemun. Kein x-beliebiger Sommertag, sondern der Tag, an dem Serbien vom SS-Standartenführer Emanuel Schäfer, Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Serbien, für „judenfrei“ erklärt wurde. Serbien war damit der erste Staat im damaligen Dritten Reich, der von sich behauptete, die „Endlösung der Judenfrage“ erreicht zu haben. Angesichts der neuerlichen Bestrebungen, Geschichtsrevisionismus zu betreiben, nicht nur, aber gerade auch in Serbien, und das Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus zu schönen oder zu unterdrücken, ist Das Buch der Gesichter nicht nur ein historisch wichtiges, sondern sehr aktuelles Buch. Weiterlesen „Marko Dinić – Das Buch der Gesichter“

Jacqueline Kornmüller – 6 aus 49 – Kurz vorgestellt

Jacqueline Kornmüller, Theaterregisseurin und Schauspielerin, hat mich mit ihrer von Kat Menschik reizvoll illustrierten Novelle Das Haus verlassen bezaubert. Ein wenig schräg, ein wenig skurril, ein wenig poetisch und zärtlich. Auch ihren Debütroman hat Kat Menschik mit einem schönen Cover geschmückt. Jacqueline Kornmüller erzählt darin von ihrer 1911 in Niederbayern in einer großen Familie und in großer Armut aufgewachsenen Großmutter Lina, die sich mit viel Fleiß und Arbeit und einer ganzen Portion Glück zur Hotelière und Dank 6 aus 49 zur vermögenden Frau gemacht hat. Weiterlesen „Jacqueline Kornmüller – 6 aus 49 – Kurz vorgestellt“

Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern

Hafenstadt Hamburg in den 1930er Jahren. Spätestens seit dem 30. Januar 1933 treten die braunen Horden auch in der als „rot“ bekannten Stadt immer ungenierter auf. Das bekommen alle Einwohner immer deutlicher zu spüren, besonders aber natürlich die jüdischen Mitbürger und die randständigen, die marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Für letztere interessiert sich die Autorin Anja Kampmann in ihrem großartigen, prallen Roman Die Wut ist ein heller Stern besonders. Es sind die etwas zwielichtigen Etablissements, die ärmlichen Stuben der Arbeiterviertel, die Glitzerwelt der heruntergekommenen Revuetheater, die Bordelle und kommunistischen Sportclubs, die dunklen Hinterhöfe, in denen die Handlung verortet ist. Der Roman legt dabei den Fokus auf die Frauen. Viel zu wenig thematisiert werden nach wie vor die Repressalien und die Verfolgung, die beispielsweise die Prostituierten, Tänzerinnen und Akrobatinnen der Reeperbahn erleiden mussten. Weiterlesen „Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern“

Paul Garbulski – Punch – Kurz vorgestellt

Rummel, Jahrmarkt, Kerb – die Älteren von uns und vor allem die vom Dorf oder aus der Kleinstadt können vielleicht noch nachfühlen, welch besonderes Gefühl es war, zwischen Losbuden, blinkenden Lichtern des Autoscooters, den durcheinander tönenden Popsounds der Raupenbahn, den Schlagern vom Kinderkarussell und den Warnsirenen der Fahrgeschäfte, zwischen den Düften von gebrannten Mandeln und Bratwürsten, mit klebrigen Händen von der Zuckerwatte und schmerzenden Zähnen von der Süße der Liebesäpfel über dieses meist nur einmal im Jahr stattfindende Ereignis zu schlendern. Heute, in Zeiten der Freizeitparks, der Groß-Events und kaum zu überbietenden Veranstaltungsvielfalt erscheinen diese Jahrmärkte fast ein wenig anachronistisch. Ähnlich wie der Zirkus. Und vergessen werden oft die Menschen, die hinter diesen Veranstaltungen stehen und deren Leben oft nicht gerade einfach ist, die von der Gesellschaft vielfach sogar ein wenig schräg angesehen werden. „Fahrendes Volk“ hat man sie früher nicht gerade anerkennend genannt. Paul Garbulski hat diesen Menschen mit Punch einen liebevollen, gelungenen Roman gewidmet. Weiterlesen „Paul Garbulski – Punch – Kurz vorgestellt“

Jehona Kicaj – ё

„Nach dem Aufwachen habe ich einen Splitter im Mund.“ Das Ergebnis eines intensiven Bruxismus, der der Ich-Erzählerin vom Arzt attestiert wird, eines starken Zähneknirschens, bei dem der Zahnschmelz zerstört wird. Dabei ist Zahnschmelz die härteste Substanz des Körpers. Bruxismus und die damit verbundene Knorpelschädigung kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass schmerzfreies Kauen und Sprechen nicht mehr möglich ist. Sprachlosigkeit wäre also eine Folge, dabei zieht sich Sprachlosigkeit und Schweigen bereits durch das Leben der Erzählerin, Kind von nach Deutschland geflüchteten Kosovo-Albanern. Schweigen über die Herkunft, den Krieg, allmählicher Verlust der Muttersprache. Jehona Kicaj wählt für ihren eindringlichen, poetischen Roman den Buchstaben ё als Titel, einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache omnipräsent ist, oft aber gar nicht ausgesprochen wird. Weiterlesen „Jehona Kicaj – ё“