Das Camp Bidi Bidi in der Provinz Yumbe im Nordwesten Ugandas gilt als die zweitgrößte Siedlung für Geflüchtete weltweit. Bis zu 270.000 Menschen finden hier Zuflucht, die meisten davon sind seit 2016 vor dem Bürgerkrieg im Südsudan geflohen. Eine erste Station, aber lange noch keine sichere Bleibe, zumal nicht für Frauen und Mädchen. Das macht die in Gabun geborene und nun in Paris lebende Autorin Charline Effah in ihrem Roman Die Frauen von Bidi Bidi deutlich. Weiterlesen „Charline Effah – Die Frauen von Bidi Bidi“
Michèle Yves Pauty – Familienkörper – Kurz vorgestellt
Die Autorin und Fotografin Michèle Yves Pauty beweist in ihrem Debütroman Familienkörper, dass man Familiengeschichte auch ganz anders als gewohnt schreiben kann. In ihrem Text fasst sie die Familie als zusammenhängender Körper. Die Mitglieder sind ineinander verwoben, ob sie wollen oder nicht. Nicht nur durch ihre Beziehungen zueinander, sondern auch durch das, was in den Familien vererbt wird. Vererbt mit Stolz oder Scham, unbewusst oder absichtsvoll, für alle deutlich oder ganz unbemerkt. Das sind Verhaltensweisen, Ansichten, Haltungen, in die machtvoll äußere Umstände wie Herkunft, Klasse, Bildung und Geschlecht hineinspielen, aber auch ganz greifbare körperliche Dinge, wie Aussehen, Körpermerkmale oder auch Krankheiten bzw. Veranlagungen dazu. Weiterlesen „Michèle Yves Pauty – Familienkörper – Kurz vorgestellt“
Simon Stranger – Museum der Mörder und Lebensretter
2019, Norwegen war Gastland der Frankfurter Buchmesse und es erschienen ungewohnt viele norwegische Bücher in deutscher Übersetzung, las ich Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger. Ich hatte den Autor auf der Messe kurz treffen dürfen und war sehr fasziniert von der persönlichen Geschichte, die er da vorstellte. In Form einer Enzyklopädie präsentierte er die Familiengeschichte seiner Frau Rikke während und kurz nach der deutschen Besatzungszeit 1940-45. Die Familie hat jüdische Wurzeln und musste nach Schweden fliehen, um zu überleben. Nach der Rückkehr lebten sie – zuerst unwissend – in der Folterzentrale eines der übelsten Kollaborateure Norwegens. In seinem neuen Roman Museum der Mörder und Lebensretter erzählt Simon Stranger davon unabhängig ein weiteres Kapitel der düsteren Vergangenheit Norwegens der Besatzungsjahre. Und auch dafür fand er wieder eine familiäre Grundlage. Weiterlesen „Simon Stranger – Museum der Mörder und Lebensretter“
Hannes Köhler – Zehn Bilder einer Liebe
Einen zeitgemäßen, authentischen Liebesroman, ohne aufgeblasene Gefühle, langweiliges Gefühlswirrwarr oder Überproblematisierungen und ohne Kitsch und misslungene Sexszenen – gibt es das überhaupt? Kaum, dachte ich und meide deshalb dieses Genre mittlerweile weitgehend. Hannes Köhler hat mit Zehn Bilder einer Liebe tatsächlich die Quadratur des Kreises geschafft und einen Roman über eine Liebe geschrieben, den ich nicht nur äußerst gern gelesen habe, sondern der mir auch im Nachgang noch sehr nah ist. Weiterlesen „Hannes Köhler – Zehn Bilder einer Liebe“
Alan Murrin – Coast Road
1994, ein kleine Gemeinde im irischen County Donegal, im Norden des Landes. Colette Crowley kehrt nach einer gescheiterten Flucht aus der provinziellen Enge und Kontrolle zurück nach Ardglas, in dem sie Mann und drei Söhne zurückgelassen hatte. Mit einem verheirateten Mann lebte sie eine Zeitlang in Dublin zusammen und versuchte als Dichterin und Schriftstellerin Fuß zu fassen. Die Beziehung zerbrach und der berufliche Erfolg blieb aus. Alan Murrin erzählt in seinem sehr gelungenen Debütroman Coast Road, für den er bei den Irish Book Awards 2024 als „Newcomer of the year“ ausgezeichnet wurde, wie schwer Colette diese Rückkehr nicht nur von ihrem Ex-Mann Shaun gemacht wird. Weiterlesen „Alan Murrin – Coast Road“
Jörg Hartmann – Der Lärm des Lebens – Kurz vorgestellt
Nicht schon wieder ein Roman von einem Fußballer oder Schauspieler könnte man denken. Warum bleiben die nicht bei dem was sie wirklich können, könnte man denken. Aber abgesehen davon, dass Letztere meistens zumindest gut mit Sprache umgehen können, ist es wirklich erstaunlich, wieviele richtig tolle – meist autofiktionale – Bücher von Schauspielern erscheinen. Joachim Meyerhoff, Edgar Selge, Matthias Brandt und jetzt auch Jörg Hartmann, den man vom Dortmunder Tatort als grantigen Kommissar Faber kennt, mit seinem Roman Der Lärm des Lebens. Weiterlesen „Jörg Hartmann – Der Lärm des Lebens – Kurz vorgestellt“
Martin Mittelmeier – Heimweh im Paradies – Kurz vorgestellt
Einen ähnlichen Ansatz für eine erzählende Biografie wie Volker Weidermann mit Mann vom Meer und von diversen anderen Autoren wie beispielsweise Florian Illies oder Uwe Wittstock verfolgt auch der Literturwissenschaftler Martin Mittelmeier mit seinem Buch zum Thomas Mann-Jubiläumsjahr Heimweh im Paradies: anhand von locker zusammengefügten Episoden aus derem Leben, literarisch erzählt, umfassend recherchiert und in kleinen intimen Einblicken leicht fiktionalisiert wird ein thematisch und/oder zeitlich begrenztes Bild einer Person (oder einer Zeit) präsentiert.
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Volker Weidermann – Mann vom Meer
Am 6. Juni 2025 wird der 150. Geburtstag Thomas Manns gefeiert. Zusammen mit der 70. Wiederkehr seines Todestags im August wird das Jahr damit zum Thomas-Mann-Jahr – fleißig beworben und medienwirksam umgesetzt. Zumindest bei mir hat das verfangen und ich habe begonnen, mich mit dem Autor, der mich mit seinen Buddenbrooks vor vielen Jahren begeistert, danach aber mit seinem Zauberberg einigermaßen ratlos (und ehrlicherweise gelangweilt) zurückgelassen hat, erneut zu beschäftigen. Ich begann mit Deutsche Hörer!, den Reden, die Mann zwischen 1942 und 1945 an ein deutsches Publikum via BBC gerichtet hat. Und war überrascht und sehr angetan davon, wie politisch und leidenschaftlich-polemisch der von mir eher als steif und kühl empfundene Autor doch war. Auch das zweite Buch, das ich mir in diesem Kontext vorgenommen habe, Mann vom Meer Thomas Mann und die Liebe seines Lebens von Volker Weidermann zeichnete ein vom Üblichen abweichendes Bild und hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern auch sehr interessante Einblicke geliefert. Weiterlesen „Volker Weidermann – Mann vom Meer“
Lektüre April und Mai 2025
Es gibt eine kleine Neuerung auf dem Blog. Allerdings noch nicht die angekündigte (kleine) Umstrukturierung oder zumindest nur ein Teil davon. Ich möchte LiteraturReich ein wenig anders gestalten, ein wenig technisch und optisch verbessern, aber das nimmt recht viel Zeit in Anspruch. Aber ich lese (und höre) seit einiger Zeit mehr als ich hier ausführlich vorstellen kann. Ich habe das bisher so gelöst, dass ich Titel, die ich aus verschiedenen Gründen nicht im gewohnten Umfang besprechen konnte, in kürzerem Format in meinen Lesemonaten vorgestellt habe. Dies hat aber diese Rubriken so aufgebläht, dass das manchen Besucher:innen meiner Seite zu umfangreich war. Und diese Lesemonate sollen ja auch tatsächlich nur kurze Überblicke über meine vergangene Lektüre sein. Deshalb gibt es jetzt neu die Rubrik „Kurz vorgestellt“, in der diese Kurzrezensionen erscheinen und dazu wieder die gewohnt straffen Zusammenfassungen meiner Lektüre – diesmal für die Monate April und Mai 2025 im Doppelpack. Viel Spaß und gebt mir gerne Rückmeldung, ob das so passt.
Colum McCann – Twist
Ein Roman über einen Journalisten, der eine Reportage über die Reparatur von in der Tiefsee verlegten Glasfasern schreibt. Was am neuen Roman des irischen Autors Colum McCann vielleicht zunächst am interessantesten ist, ist, wie wenig sich der thematisch festlegen lässt und das auch mit seinem neuesten Werk Twist demonstriert. Weiterhin interessiert vielleicht, wie man als Autor auf ein derart ungewöhnliches Thema stößt. Aber das ist schnell erklärt. Die Corona-Pandemie spielt dabei eine Rolle und eine Zeitungsmeldung, die McCann zufällig entdeckte. Weiterlesen „Colum McCann – Twist“









