Neuerscheinungen Herbst 2025 – Verlagsvorschauen – ein Überblick

In diesem Jahr ein wenig später als sonst (aber auch der wirkliche, warme Frühling lässt ja noch auf sich warten): Mein Blick in die Verlagsvorschauen des kommenden Herbst 2025 mit den interessantesten literarischen Neuerscheinungen. Wie immer stecke ich noch mitten in den Frühjahrsprogrammen, habe da noch einiges Interessantes zu lesen und zu besprechen. Aber mit den Messen kommen immer bereits die zukünftigen Programme der Verlage und mit ihnen natürlich auch die Neugier. Einige Titel wurden dort von den Verlagen vorgestellt, es gab Online-Veranstaltungen und viele Verlage haben bereits ihre gedruckten Vorschauen verschickt. Aus allem zusammen (plus ein wenig vlb-tix) entsteht zweimal im Jahr mein „Blick in die Verlagsvorschauen“. Und wie immer gilt: Diese Auswahl ist ganz subjektiv aus meinen ganz persönlichen Vorlieben entstanden, umfasst nur literarische Romane und erhebt keinesfalls den Anspruch, vollständig zu sein. Für Empfehlungen und Tipps bin ich wie immer offen. Und nun: Viel Spaß beim Stöbern!

Weiterlesen „Neuerscheinungen Herbst 2025 – Verlagsvorschauen – ein Überblick“

József Debreczeni – Kaltes Krematorium, Bericht aus dem Land namens Auschwitz

Nun stehe ich also hier. Unter dem kunstvoll geschwungenen Band von „Arbeit macht frei“. Schaue entlang der Schienen auf das ikonisch gewordene Torhaus von Birkenau. Im Gepäck habe ich den Roman „Kaltes Krematorium, Bericht aus dem Land namens Auschwitz“ von József Debreczeni und geschätzt vierzig Jahre des Interesses, des Entsetzens, des ungläubigen Staunens darüber, zu welcher Grausamkeit der Mensch doch fähig ist. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag in der Schule erinnern, als im Fach Geschichte eine Filmvorführung anstand. Filmvorführungen waren immer gut, waren Ausnahmen vom Frontalunterricht und außerdem bestanden immer gute Chancen, dass die Videorekorder-TV-Anbindung mal wieder nicht zu den Kernkompetenzen der Lehrkraft gehörte und die Stunde allein mit technischen Problemlösungen vorbeiging. Weiterlesen „József Debreczeni – Kaltes Krematorium, Bericht aus dem Land namens Auschwitz“

Liz Moore – Der Gott des Waldes – Kurz vorgestellt

In einem wilden Waldgebiet in den Adirondeck Mountains nördlich von New York besitzt die wohlhabende Familie Van Laar nicht nur eine prächtige Sommerresidenz, sondern betreibt im dortigen Naturpark seit Jahrzehnten auch ein Sommerlager für junge Menschen. In der Natur sollen die Kinder und Jugendlichen ihre Überlebensfähigkeiten trainieren, Gemeinschaft erleben und die langen Sommerferien überbrücken. Diese Lageraufenthalte gehören für Generationen von amerikanischen Kindern zum Sommer dazu – mal geliebt, mal gefürchtet und gehasst. Doch was Liz Moore in ihrem neuen spannenden Roman Der Gott des Waldes aus einem solchen Ferienaufenthalt macht, ist wahrlich nervenzerreibend, auch für die Lesenden.

1975 – Barbara, die 13-jährige Tochter der Van Laars, nimmt auf eigenen Wunsch und gegen den Willen der Eltern erstmals auch am Lagersommer teil. Barbara ist ein schwieriger Teenager, kleidet sich entgegen der Mode der 70er punkig, eckt an, verträgt sich besonders mit ihrer Mutter nicht. In der Campleiterin T.J. Hewitt, von den Kindern respektiert und angehimmelt, hat sie schon lange eine schwesterliche Freundin, kennen die beiden sich doch schon lange, da T.J.s Vater zuvor schon in Diensten der Van Laars. In letzter Zeit wurde er ein wenig wunderlich und hat die Leitung des Camps an seine Tochter übertragen. Auch Barbaras Bettnachbarin Tracy wird sehr bald zu einer guten Freundin. Doch eines Morgens ist Barbaras Bett leer und das Mädchen spurlos verschwunden. Eine fieberhafte Suche beginnt.

Wechselnde Perspektiven und Zeitebenen

Die Betreuerin Louise und ihre Assistentin Annabel verlassen hin und wieder nachts ihre Betten, um sich auch ein wenig Vergnügen zu gönnen. In dieser Nacht waren beide unterwegs und sagen nicht die ganze Wahrheit. Aber auch Tracy und T.J. scheinen etwas zu verschweigen. Und die ganze Familie Van Laar benimmt sich merkwürdig. Vor vierzehn Jahren verschwand bereits der fünfjährige Sohn Bear aus dem Sommercamp und tauchte nie wieder auf. Auch damals gab es viele Fragen und Unstimmigkeiten. Ein Dorfbewohner starb an einem Herzanfall. Danach wurde er verdächtigt. Und was hat der unlängst aus der Haft geflohene „Schlitzer“, der sich Gerüchten nach in der Nähe aufhält, mit der Sache zu tun? Mit der jungen Ermittlerin Judyta, schaltet sich auch die Polizei ein.

In ständig wechselnden Perspektiven und auf verschiedenen Zeitebenen von 1950 bis 1975 beobachten wir das Geschehen, alle Protagonist:innen haben ein etwas anderes Wissen, das erst langsam enthüllt wird. Mit vielen gelungenen Cliffhangern hält Liz Moore die Leser:innen von Der Gott des Waldes über die nicht unbedeutende Lesestrecke bei der Stange. Es geht ihr dabei nicht nur um die Vermisstenfälle, sondern auch um ungute Familiendynamiken, Lieblosigkeit, Misogynie, soziale Ungleichheiten und Coming of age. Das ist sehr gut konstruiert und geschrieben. Und auch wenn das Ende mich nicht völlig überrascht hat und gern noch etwas offener hätte sein dürfen, schließt es die fast 600 Seiten zufriedenstellend ab. Ein Krimi, der weit mehr als nur das ist, oder aber genau das ist, was einen guten Krimi ausmacht: ein scharfes, genaues Gesellschaftsbild.

x____________________________________________________________________________

Liz Moore - Der Gott des Waldesx

.

Liz Moore – Der Gott des Waldes
Aus dem Englischen von Cornelius Hartz.
C.H.Beck Februar 2025, 590 Seiten, Hardcover, € 26,00

Vigdis Hjorth – Wiederholung

Vigdis Hjorth zählt in Norwegen seit Langem zu den wichtigsten und erfolgreichsten Schriftsteller:innen des Landes. Ihre Romane wurden zwar schon zeitig ins Deutsche übersetzt, erschienen aber in einem kleinen Verlag und erlangten nicht so wirklich viel Aufmerksamkeit bei uns. Das hat sich seit dem Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019 zum Glück geändert und mittlerweile kümmert sich der S. Fischer Verlag sehr erfolgreich um ihre Werke. Auch der neueste, recht schmale Roman von Vigdis Hjoth, Die Wiederholung, liegt hier nun vor.

Weiterlesen „Vigdis Hjorth – Wiederholung“

Penelope Lively – Nachtglimmen

Claudia Hampton war in ihren jungen Jahren Kriegsberichterstatterin in Ägypten, eine der ersten weiblichen, schrieb später populärwissenschaftliche Geschichtsbücher und ist nun Mitte Siebzig, leidet an Darmkrebs und liegt in einer englischen Klinik im Sterben. Eine „Geschichte der Welt“ mit ihr als Helden schwebt ihr durch den Kopf. Und wie so oft sind es Kindheitserinnerungen, mit denen Penelope Lively ihren 1987 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichneten Roman Nachtglimmern beginnt. Weiterlesen „Penelope Lively – Nachtglimmen“

Kristine Bilkau – Halbinsel

Kristine Bilkau ist mit ihrem Roman Halbinsel die diesjährige Gewinnerin des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Mit ihrer einfühlsamen, unaufgeregten Geschichte über eine Mutter-Tochter-Beziehung erzählt sie ganz dicht an der Zeit und doch universell. Ganz große Leseempfehlung! Weiterlesen „Kristine Bilkau – Halbinsel“

Katharina Hagena – Flusslinien

Er ist wieder da, dieser besondere Ton – ruhig, entschleunigend, heiter und dennoch melancholisch -, den Katharina Hagena bereits 2008 in ihrem sehr erfolgreichen Debütroman Der Geschmack von Apfelkernen anschlug und den sie auch in ihrem vierten, nun erschienenen Buch Flusslinien beibehält. Zwei Frauen, die eine alt, die andere sehr jung und ein junger Mann stehen darin im Mittelpunkt. Das eigentliche Zentrum aber ist die Elbe. Und in den zwölf Abschnitten, die zwölf Tagen entsprechen, werden sehr viele Geschichten erzählt. Weiterlesen „Katharina Hagena – Flusslinien“

Dmitrij Kapitelman – Russische Spezialitäten

Bereits in seinem 2021 erschienenen, autobiografisch inspirierten Roman Eine Formalie in Kiew führte uns der 1986 in Kiew geborene, seit seinem achten Lebensjahr in Deutschland lebende Dmitrij Kapitelman in ein in Leipzig von seinen Eltern betriebenes Geschäft, das russische Spezialitäten verkaufte. Pelmeni, Kwas, Wodka, Kaviar, gezuckerte Kondensmilch, Drei-Schweinchen-Wurst und verschiedene Weißkohlsorten, vor allem aber auch Nostalgie und Heimweh gab es in dem 1995 gegründeten und an den Folgen der Corona-Pandemie gescheiterten „Magasin“. Hier trafen sich Menschen aus der sowjetischen Diaspora, kauften Vertrautes, tauschten sich aus über Alltagsrassismus, Antisemitismus, erstarkende rechte Gewalt, aber auch einfach nur über das Leben in Deutschland, das ihre neue Heimat geworden ist und sich so offensichtlich dagegen sträubt. Weiterlesen „Dmitrij Kapitelman – Russische Spezialitäten“

Thomas Mann – Deutsche Hörer!

2025 ist ein Thomas- Mann-Jahr: Dem 150. Geburtstag am 6. Juni schließt sich im August sein 70 Todestag an. Anlass für viele Neuausgaben seiner Werke. Mit einer besonderen habe ich „mein“ Thomas-Mann-Jahr eingeläutet, nachdem ich seit Jahren nichts von ihm gelesen habe. Allzu schwer habe ich mich nach begeisternder Lektüre der Buddenbrocks und einiger Erzählungen mit dem Zauberberg getan. Zugegeben, ich stand auch der Person Thomas Man nicht ganz offen gegenüber. Arrogant, elitär, snobistisch und kühl, ja sogar reaktionär und unpolitisch – das war mein vorherrschendes Bild. Wie sehr ich mich besonders in den beiden letzten Punkten bei Thomas Mann geirrt habe, zeigt die Neuauflage von 59 Reden, die der Autor zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 über abenteuerliche Wege aus seinem Exil in Kalifornien an Deutsche Hörer! gerichtet hat. Weiterlesen „Thomas Mann – Deutsche Hörer!“

Taffy Brodesser Akner – Die Fletchers von Long Island

Die US-Literaturkritik sparte nicht mit Lob: Es sei „Der große amerikanische, reformjüdische Familienroman“, Vergleiche mit Philip Roth und Jonathan Franzen wurden angestellt. Und tatsächlich ist Die Fletchers von Long Island, der zweite Roman der 1975 geborenen Journalistin Taffy Brodesser-Akner, ein hochvergnügliches Leseerlebnis – mit kleinen Abstrichen. Weiterlesen „Taffy Brodesser Akner – Die Fletchers von Long Island“