Wie ein mehr oder weniger zufällig geworfener Haufen Mikadostäbchen sich berührt, vernetzt, ineinander verkantet, so berühren sich auch die Protagonisten von Marie-Alice Schultz in Mikadowälder durch Familienbande, Liebe oder Freundschaft. Was passiert nun, wenn man einen der Stäbe entfernt, oder gar mehrere? Wenn man, nicht ganz regelkonform, neue Mikadostäbchen hinzufügt? Verliert das Gebilde seine Stabilität, wackelt oder bricht gar ganz ein? Oder, bleibt es unberührt? Weiterlesen „Marie-Alice Schultz Mikadowälder“
Lektüre Juni 2019
Der Juni war erneut ein sehr positiver Lesemonat. Sehr unterschiedliche und gute Bücher darunter. Nur Frantumaglia hat mich ein wenig unzufrieden zurückgelassen. Hier meine Lektüre Juni 2019:
Elena Ferrante – Frantumaglia – Mein geschriebenes Leben
Seitdem 2016 der erste Band der neapolitanischen Tetralogie, „Meine geniale Freundin“, erschien, brach nicht nur in Deutschland das „Ferrante-Fieber“ aus, befördert durch eine offensive, kluge Werbung des Suhrkamp-Verlags, aber vor allem durch die faszinierende Art, in der die Autorin Elena Ferrante die Geschichte einer ambivalenten Mädchen- und Frauenfreundschaft mit der Geschichte Neapels von den 1950er Jahren bis heute verknüpft, ungeheuer atmosphärisch erzählt und eine klare feministische Position einnimmt. Dass sie hartnäckig ihre wahre Identität verbirgt, weiterhin jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit verweigert und an ihrem Pseudonym festhält, hat wohl vor allem die Journalisten- und Kritikerwelt nachhaltig beschäftigt. Die Leserschaft akzeptiert anscheinend eher, dass die Autorin ihre Bücher für sich sprechen lassen möchte.In Frantumaglia-Mein geschriebenes Lebene rzählt Elena Ferrante über ihr Schreiben, ihre Texte und warum sie ein Pseudonym verwendet. Weiterlesen „Elena Ferrante – Frantumaglia – Mein geschriebenes Leben“
Daniel Mendelsohn Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich
Daniel Mendelsohn, geboren 1960 auf Long Island, ist Journalist, Autor, Kritiker und Übersetzer und ein in den USA sehr geschätzter Intellektueller. Mir war er bislang nicht bekannt. Ein ganz großes Versäumnis, wie mir bei der Lektüre von „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ klar wurde. Beinahe hätte ich auch dieses Buch verpasst, denn die griechischen Sagen und Mythen konnten mich bisher nicht sonderlich begeistern und die Philologie Alter Sprachen habe ich nach dem Latinum ad acta gelegt. Natürlich kennt man grob die Stücke der drei großen Dichter der griechischen Tragödie, Aischylos, Sophokles und Euripides, und Homer ist mit der Ilias und der Odyssee in den Bildungskanon eingebrannt. Mir waren die Verwicklungen der Götter, Halbgötter und Sterblichen aber immer zu verworren, rachsüchtig und blutig, um mich wirklich damit beschäftigen zu wollen.
Daniel Mendelsohn, der an der University of Virginia und in Princeton klassische Philologie studiert hat und auch selbst unterrichtet, hat die Odyssee nun als Gerüst für eine wunderbare, anrührende Vater-Sohn-Geschichte verwendet. Weiterlesen „Daniel Mendelsohn Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“
Elif Shafak Unerhörte Stimmen
Wenn das Buch beginnt, ist die Hauptprotagonistin bereits tot, ermordet und in einem Müllcontainer „entsorgt“. Elif Shafak wählt einen harten Einstieg in ihren neuen Roman „Unerhörte Stimmen“.
Doch was bedeutet „tot“? Neuere neurologische Forschungen haben ergeben, dass das Gehirn, nachdem der Herzschlag aufgehört hat, noch bis zu zehn Minuten aktiv sein kann. Ähnlich wie im Schlaf sendet es dann noch Deltawellen aus. Elif Shafak, meistgelesene Autorin in der Türkei, in Frankreich geborene, in Ankara aufgewachsene und seit zehn Jahren in London lebende Weltbürgerin, Doktorin der Politologie und engagierte Feministin, hat diese Meldung so fasziniert, dass sie darum herum einen Roman konstruiert hat. Was, wenn diese Zeitspanne eine Phase besonderer Wahrnehmungsfähigkeit wäre? Läuft dann wirklich der berühmte „Film“ ab? Was empfinden wir, erinnern wir in diesen letzten Minuten? Weiterlesen „Elif Shafak Unerhörte Stimmen“
Peter Weyden Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella
Peter Weyden – Stella Goldschlag
„Es ist weder leicht noch angenehm, diesen Abgrund von Niedertracht auszuloten, aber dennoch bin ich der Meinung, dass man es tun muss; denn was gestern verübt werden konnte, könnte morgen noch einmal versucht werden und uns selber oder unsere Kinder betreffen.“
Primo Levi – Die Untergegangenen und die Geretteten 1986, Motto
Zu Beginn des Jahres rüttelte ein kleines Buch die Literaturwelt gehörig durcheinander. Stella von Takis Würger. Das lag zum einen an der Thematik des Buches, die durchaus heikel und sensibel zu nennen ist (eine Jüdin verriet in den Jahren nach 1943 aus Angst vor der eigenen Deportation und der der Eltern Hunderte anderer Juden an die Gestapo), andererseits aber ganz gewiss auch am Werbeaufwand, für den sich der publizierende Hanser Verlag, ein Schwergewicht der Branche, entschieden hat, und der so in gar keinem Verhältnis zum literarischen Gewicht des Buches stand. Da wurden geheimnisvolle Briefe an Influencer der Buchszene geschickt („Hätten Sie zu Stella gehalten?“), verschlüsselte Werbekampagnen gestartet und schließlich das Buch mit gehöriger Wucht in den Markt gedrückt. Das geschah mit einigem Erfolg, aber auch mit einer gehörigen Portion Gegenwind. Weiterlesen „Peter Weyden Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella“
Jane Gardam – Bell und Harry
Mit Bell und Harry kommt nun ein früher Roman von Jane Gardam auf Deutsch heraus. Erschienen ist er im Original bereits 1981.
Bell Teesdale ist acht Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in North Yorkshire, im „Hollow Land“, dem hohlen Land, wie es genannt wird, weil es unzählige alte Bergwerksstollen unterirdisch durchpflügen. Bells Vater hat eine Farm, die noch gut läuft, aber er hat auch schon die Zeichen der neuen Zeit erkannt und vermietet eines der Farmhäuser an eine Familie aus London, die dort ihre Sommerferien verbringen möchte. Weiterlesen „Jane Gardam – Bell und Harry“
Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall
Alle Jahre wieder, im schönen Monat Mai, erscheint ein neuer Commissario Brunetti-Roman von Donna Leon. „Ein Sohn ist uns gegeben“ ist nunmehr der achtundzwanzigste der Reihe.
1993 begann ich mit dem ersten Band, „Venezianisches Finale“, ich war noch ein ausgesprochener Krimi- und noch lange kein Vielleser. Die entspannt-spannende Art, die sympathischen Charaktere, das Kluge, Kultivierte und natürlich die herrliche Lagunenstadt als Ambiente haben mich begeistert, und das lange Jahre über. Meine Töchter wurden geboren, ein Haus bezogen, sich mit dem Landleben arrangiert, ein neuer Job angenommen – einmal im Jahr war der Commissario zu Gast. Wir haben so manche Höhen und Tiefen zusammen beschritten, nicht jeder Besuch war gleich gut gelungen, aber immer eine verlässliche Größe. Irgendwann kam dann die Beziehungskrise (bei Band 16), wir hatten uns schließlich nicht mehr wirklich viel zu sagen, Langeweile schlich sich ein, ein wenig Überdruss, veränderte Lebens- und Leseeinstellungen – wir trennten uns. Weiterlesen „Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall“
Éric Vuillard – 14.Juli
Bestimmte Tage brennen sich in das kollektive Gedächtnis ein. Auch der am Geschichtsunterricht uninteressierteste Schüler kennt bestimmte Daten auswendig – und sei es nur, weil sie sich in Form von Nationalfeiertagen verewigen. Ist das seit bald dreißig Jahren in Deutschland der Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober, so ist das in Frankreich seit nunmehr 229 Jahren der 14. Juli. An diesem Tag stürmte „das Volk“ im Jahr 1789 die Bastille, das Pariser Staatsgefängnis. Dieser Tag gilt als symbolischer Beginn der Französischen Revolution, eines der sicher bedeutsamsten Ereignisse der neuzeitlichen europäischen Geschichte,dem Éric Vuillard in 14.Juli ein Denkmal setzt. Weiterlesen „Éric Vuillard – 14.Juli“
Lektüre Mai 2019
Der Mai war wieder ein äußerst positiver Lesemonat. Nur gute Bücher, spannende, anregende Themen. Insgesamt scheint mir das Frühjahr 2019 viele wirklich gute Titel gebracht zuhaben. Und der Blick in die Herbstvorschauen verspricht, dass das zweite Halbjahr nicht weniger ergiebig zu werden verspricht. Hier nun meine Lektüre Mai 2019:
Eine Bergbaukatastrophe 1974 in Frankreich, eine Kindheit in den Sechzigern in Minnesota, das Schicksal eines einst berühmten jüdischen Sängers auf der Flucht vor den Nazis, Collgejahre an der Ostküste, ein scheiternder Boxer in Nevada, fantastische Träume in Angola, Trümmerjahre in Hamburg und die Französische Revolution – diesen Monat ging es sehr bunt bei mir zu. Und das Schönste: Ich kann alle Bücher empfehlen. Wenn ich mich für ein Highlight entscheiden müsste, wäre es vielleicht Sorj Chalandon. Von diesem Autor möchte ich unbedingt noch weitere Bücher lesen. Er war mir bisher unbekannt. Weiterlesen „Lektüre Mai 2019“









