Matthias Brandt – Raumpatrouille

Eine Kindheit in der alten Bonner Republik. Einige Autoren haben sich schon daran begeben, über eine solche zu schreiben, und besonders diejenigen LeserInnen, die selbst in den Sechziger und Siebziger Jahren großgeworden sind, werden dabei immer wieder auf eine leicht verklärte Zeitreise geschickt. Teewurst und Fürst-Pückler Eis, Kassettenrekorder und Telefone in Brokathülle, James Last und Ricky Shane, Wim Thoelke und Günter Netzer – wen überfällt da nicht dieses besondere Gefühl, das eine Mischung aus träg, langweilig, aber auch irgendwie schön wohlig war. Und das wohl weniger ein Zeitgefühl, denn es blendet überwiegend die negativen Vorkommnisse aus, als ein Gefühl der Kindheit war. Das Gefühl einer noch weitgehend unverplanten, nicht so eng getakteten Kindheit. Und so lässt auch Matthias Brandt seinen  Protagonist in „Raumpatrouille“ mit dem Bonanzarad durch die Seiten fahren und diese Zeit auf wundersame Weise wiederauferstehen. Weiterlesen „Matthias Brandt – Raumpatrouille“

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

„Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar auf einem Buchblog zu bewerben, heißt natürlich, Eulen nach Athen tragen.

Das Buch wurde auf vielen Blogs sehr positiv aufgenommen, besprochen und vorgestellt und schließlich erhielt die junge, 1988 in Hermeskeil geborene Autorin mit iranischen Wurzeln den 2016 zum ersten Mal vergebenen Bloggerpreis „Das Debüt“. Aber auch in den Printmedien wurde der Roman sehr gut besprochen und erhielt einiges an Aufmerksamkeit, im November erhielt sie den Ulla-Hahn-Autorenpreis.

Um es kurz zu machen: Das Lob ist meiner Ansicht nach sehr begründet. Shida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor. Weiterlesen „Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran“

Mala Laaser – Karl und Manci

Mala Laaser – Karl und Manci

„…dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Heinrich Heine

Nach der großen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und der im Juni desselben Jahres erfolgten Gründung des „Reichsverbandes deutscher Schriftsteller“, spätestens aber nach der ersten Veröffentlichung der Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums im Jahr 1935 war für Schriftsteller und Journalisten, die aus rassischen oder politischen Gründen nicht in die nationalsozialistische Ideologie passten, eine Veröffentlichung ihrer Werke und damit auch ihr Lebensunterhalt im Deutschen Reich nahezu unmöglich gemacht worden.

Für die allermeisten blieb nur das Exil. Wenige, bei denen zumindest die rassischen Verfolgungsgründe fehlten, darunter Hans Fallada und Wolfgang Koeppen, zogen sich in ein „Inneres Exil“ zurück. Letzterer kehrte nach Jahren im Ausland 1938 nicht zuletzt deshalb nach Deutschland zurück, weil seine Existenzgrundlagen in den Niederlanden nicht gesichert waren. Weiterlesen „Mala Laaser – Karl und Manci“

Madeleine Prahs – Nachbarn – #Backlist

Im August erscheint Madeleine Prahs Roman „Die Letzten“ bei DTV, auch eine „Nachbar“geschichte um ein Haus, das „leergewohnt“ werden soll. Prahs Debüt „Nachbarn“ hat mir 2014 ausgesprochen gut gefallen, ihre Personenschilderung fand ich ausgezeichnet. Deshalb freue ich mich sehr auf die Neuerscheinung und möchte hier mit meiner Rezension von 2014 ein wenig neugierig machen. In ihrem Debütroman „Nachbarn“ blättert Madeleine Prahs  die Geschichte von sechs Menschen auf. Weiterlesen „Madeleine Prahs – Nachbarn – #Backlist“

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

Das Unheil kommt auf leisen Sohlen. Anfangs lesen sich die Erinnerungen des Erzählers  in Arno Frank – „So, und jetzt kommst du“ noch eher heiter. Ja, sicher, der Vater ist ein „Lebemann“, wohl auch ein wenig verantwortungslos, sehr egozentrisch.

„Keiner, der´s hier oben hat“, und dazu tippt er sich an die Schläfe,“ muss schuften. Schuften müssen nur die Idioten.“

lautet eine seiner Lebensweisheiten, die er seiner Familie, vornehmlich seinem Sohn gegenüber gerne selbstgefällig preisgibt, meist mit dem Schlusssatz „So, und jetzt kommst du.“ Dabei ist er an der Meinung seines Sprösslings so wenig interessiert wie an der der Mutter. Er allein ist der Mittelpunkt seiner Welt. Weiterlesen „Arno Frank – So, und jetzt kommst du“

Ein Abend mit Anna Kim im Literaturhaus Frankfurt

Anna Kim hat mit „Die große Heimkehr“ ein großartiges Buch vorgelegt, das sich mit der Geschichte Koreas, mit Schwerpunkt auf die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1962, beschäftigt, am Mittwoch 05.04.2017 war sie im Kabinett im Literaturhaus Frankfurt zu Gast.

Moderatorin des Abends war Sabrina Wagner, die zu Beginn kurz Kims Werdegang und die Vielseitigkeit ihrer bisher erschienenen Bücher skizzierte. Weiterlesen „Ein Abend mit Anna Kim im Literaturhaus Frankfurt“

Anna Kim – Die große Heimkehr

Der Roman von Anna Kim „Die große Heimkehr“, unter diesem Schlagwort warb die Demokratische Volksrepublik Korea, also Nordkorea, in den Fünfziger und Sechziger Jahren massiv und nicht immer ohne Zwang für die Rückkehr von Exilkoreanern. Besonders an den wohlhabenden unter ihnen und den gut ausgebildeten war man interessiert, mussten doch erstere ihr Vermögen abgeben und konnte man doch letztere für den wirtschaftlichen Aufschwung gut gebrauchen. Wenn man aber eines aus Anna Kims Roman lernt, dann, dass in der wechsel- und auch oft leidvollen Geschichte Koreas wenig Verlass war auf das, was die „Oberen“ ihrem Volk versprachen, sei es im Kaiserreich oder der Republik, sei es im Norden oder Süden. Selten stand das Wohl der Bevölkerung im Vordergrund, meist war sie nur Verschiebemasse für die Interessen der unterschiedlichen Herrschenden. Weiterlesen „Anna Kim – Die große Heimkehr“

Navid Kermani – Sozusagen Paris

Navid Kermani – Sozusagen Paris

Navid Kermani - Sozusagen Paris

 

So many years now together?
All those good times, ups and downs
So many joys raising up those kids
Well they’ve moved on now, out of town

Aus: „Ramada Inn“ – Neil Young and Crazy Horse

 

Navid Kermani hat nie einen Hehl aus seiner Neigung zur Musik des kanadischen Rockmusiker Neil Young gemacht. Mit dem „Buch der von Neil Young Getöteten“ betrat der Autor nach zwei Texten über den Koran und den Iran die erzählerische Bühne.

Und auch in seinem neuen Buch „Sozusagen Paris“ nimmt ein Song Neil Youngs einen zentralen Platz ein, und zwar „Ramada Inn“ aus der 2012 erschienenen CD Psychodelic Pill.

Es geht im Text um ein Ehepaar, das nach langen Jahren des Zusammenseins in eine Krise geraten ist. Weiterlesen „Navid Kermani – Sozusagen Paris“

Brigitte Kronauer – Der Scheik von Aachen

Brigitte Kronauer – Der Scheik von Aachen

Brigitte Kronauer - Der Scheik von Aachen

„Der Scheik von Aachen“ – zunächst einmal ein ziemlich ungewöhnlicher Titel, der sich aber schon mit dem Blick auf den Klappentext erklärt: Es ist Wilhelm Hauffs Märchenzyklus „Der Scheik von Alessandria“, der dem neuen Roman von Brigitte Kronauer bei der Namensgebung Pate stand.

Hauff erzählt darin von eben jenem besagten Scheik, dessen geliebter Sohn eines Tages entführt wird. Der Herrscher stürzt daraufhin in große Trauer. An jedem Jahrestag entlässt er daraufhin Sklaven in die Freiheit. Nicht ganz uneigennützig, denn bevor sie gehen, müssen sie ihm eine Geschichte erzählen. Ein Erzählen wider die Trauer und den Schmerz.

In Kronauers Text ist es Anita Jannemann, die, nach Jahren in Zürich gerade wegen einer neuen Liebe in ihre Heimatstadt Aachen zurückgekehrt ist, die dieses Erzählen übernimmt. Weiterlesen „Brigitte Kronauer – Der Scheik von Aachen“

Angelika Felenda – Wintergewitter

Wintergewitter von Angelika Felenda

Angelika Felenda - WintergewitterAngelika Felenda verfolgt in ihren historischen Kriminalromanen ein interessantes, aber auch ein etwas heikles Vorhaben: sie sollen nicht nur gut unterhalten, sondern auch bayrische oder genauer noch Münchner Geschichte der Jahre 1914 bis 1933 illustrieren.

Historische Kriminalromane gibt es nun zuhauf und Volker Kutscher deckt mit seinen in Berlin spielenden Krimis einen ähnlichen Zeitraum, nämlich von 1929 bis zunächst 1933, sehr überzeugend ab.
Felendas Konzept ist ehrgeiziger und schwieriger durchzuführen, will sie doch einen Bogen spannen vom Vorabend des ersten Weltkriegs ( das erste Buch ist im Sommer 1914 angesiedelt) bis zum Wahlsieg Hitlers ( der dritte Band soll 1933 spielen). Und das mit demselben Ermittlerteam um den sympathischen, bescheidenen Kommissar Reitmeyer.

Der nun vorliegende zweite und mittlere Teil nimmt das Jahr 1920 ins Visier. Es ist die Zeit der Freicorps und Einwohnerwehren, des erstarkenden Nationalsozialismus, der Dolchstoßlegende, der Putschversuche und großen materiellen Not in weiten Teilen der Bevölkerung. Weiterlesen „Angelika Felenda – Wintergewitter“