Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt

Als Kanada 2020/21 Gastland der Frankfurter Buchmesse war, strömten wie üblich besonders viele Übersetzungen aus dem Land auf den deutschen Markt. Zeitgleich wurden in Kanada an etlichen ehemaligen Residential Schools heimliche Gräber gefunden, was die seit den 1990ern stattfindende öffentliche Auseinandersetzung mit den staatlichen und kirchlichen Verbrechen an indigenen Kindern in der Vergangenheit erneut befeuerte. An diesen „Schulen“, die im 19. Jahrhundert aus Missionseinrichtungen hervorgingen, ging es weniger um Wissensvermittlung als um Umerziehung. Die indigenen Kinder sollten den Bräuchen, Traditionen und vor allem der Sprache ihrer Vorfahren entzogen werden. Dafür wurden alle Minderjährigen, meist unter Zwang oder durch Wegnahme, zum Leben in diesen Residential Schools verpflichtet. Die Verhältnisse dort waren größtenteils furchtbar. Hunger, Prügelstrafen, Missbrauch waren dort gang und gäbe. Viele Kinder starben und wurden dort mehr oder weniger heimlich begraben.

Mir waren diese Fakten vorher kaum bekannt. Der Gastlandauftritt Kanadas mit vielen Büchern zu diesem Thema war deshalb sehr erhellend. Mit Inkeri Markkulas Roman Wo das Eis niemals schmilzt kommt dieses Thema nun von einer sámischen Schriftstellerin zu mir zurück.

Wo das Eis niemals schmilzt?

Der Titel täuscht allerdings. Es gibt seit dem Klimawandel weltweit nahezu keine Gebiete mehr, wo das Eis niemals schmilzt. Selbst Gletscher schmelzen und Permafrostböden tauen auf. Auch der „Penny“, ein Gletscher weit oben in Kanada, im Nunavut-Territorium, im Auyuittuq-Nationalpark auf der Cumberland-Halbinsel – weitaus näher an Grönland als an den großen kanadischen Städten – verliert seit Jahren Eisfläche. In sogenannten Gletschermühlen, tiefen Spalten, läuft das Schmelzwasser unterirdisch ab. Vermutlich gelangt es in die Baffin Bay. Das zu untersuchen, ist eine der Aufgaben der finnischen Glaziologin Unni. Sie selbst stammt aus dem hohen Norden, ist väterlicherseits eine Sapmi aus Lappland.

Nach der Trennung ihrer Eltern ist sie als kleines Mädchen mit ihrer Mutter zurück nach Helsinki gezogen, hat aber nie ihre Sehnsucht nach dem Vater, dem Licht des Nordens, der Natur, dem Fjell, dem Moor, den Moltebeeren und ihrem Rentier Martti verloren. Nachdem sie als Kind einmal heimlich nach Norden ausgebüxt ist, dabei zwei Finger durch Erfrierungen verloren hat und beinahe selbst erfroren wäre, hat ihr die Mutter den Umgang mit dem Vater verbieten lassen. Erst als erwachsene Frau ist sie ihm wieder nähergekommen. Als Glaziologin weiß sie, dass auch in ihrer Heimat die Permafrostböden und die typischen runden Inselberge, die Tunturi, schwinden.

Eine Liebe im Eis

Auf einer Forschungsreise nach Kanada, zum Gletscher Penny, lernt Unni den Dänen Jon kennen. Jon ist ein Inuit. Die beiden finden Gefallen aneinander, werden zufällig in Jons Hütte über Tage eingeschneit und entwickeln eine heiße Liebesbeziehung. Als der Schnee wieder passierbar wird, muss Unni Hals über Kopf abreisen, da ihr Flug gebucht ist. Kontakt haben die beiden danach nicht. Unni kennt noch nicht mal den vollständigen Namen von Jon. Aber er will ihr nicht aus dem Kopf.

 

Qikiqtarjuaq Timkal, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Jon ist in Quebec geboren, aber bereits als Kleinkind mit den Adoptiveltern in die alte Heimat der Mutter, Dänemark, übergesiedelt. Als erkennbar indigener Abstammung, hat er dort einiges an Mobbing und Rassismus über sich ergehen lassen müssen. Für seine leiblichen Eltern interessiert er sich eigentlich erst, nachdem er von Helen erfahren hat, dass diese ihn nicht freiwillig zur Adoption freigegeben haben, sondern dass er und sie Opfer des perfiden Umgangs der kanadischen Gesellschaft mit indigenen Volksgruppen in den 1970er Jahren geworden sind. Von den Residential Schools war bereits oben die Rede. Man vermutet, dass zudem geschätzt 20.000 Inuit-Kinder einer Zwangsadoption unterzogen wurden. So auch Jon. Selbst Helen hat davon lange nichts gewusst.

Neben Unni, Helen und Jon erhält auch dessen leibliche Mutter Alasie eigene Kapitel (die Ich-Perspektive gehört allerdings Unni allein). Wir erfahren, dass sie und ihr Mann Nilak sich sehr auf ihr erstes Kind gefreut haben. Da es in Steißlage lag, ist Alasie vor der Geburt zu einer Tante nach Quebec gereist, um dort gegebenenfalls besser versorgt zu sein. Durch unglückliche Umstände landete sie allein im Krankenhaus und man teilte ihr nach dem Kaiserschnitt mit, dass ihr Kind leider bei der Geburt gestorben sei. Diese leider nicht unübliche Praxis, um an Kinder zur Adoption zu gelangen, bekannt auch unter dem Namen „Sixties-Scoop“, dauerte teilweise bis in die 1980er Jahre an.

Suche nach den Ursprüngen

Nachdem Jon davon erfahren hat, reist er nach Kanada, um seine Eltern zu finden. Seinen Vater findet er noch unter der alten Adresse in Auyuittuq, die Helen für ihn ermittelt hat, scheut aber davor zurück ihn zu kontaktieren. Hier trifft er auf Unni. Die Geschichte ihrer Liebes-Tage kennen wir bereits.

Ein Jahr später, 2003, kehrt Unni zu Forschungszwecken erneut zum Penny zurück. Sie hofft sehr, wieder auf Jon zu treffen und sucht nach ihnm. Vergeblich, denn Jon kämpft derweil weit entfernt gegen eigene Dämonen und die seiner Herkunft.

2003 bildet die Gegenwartsebene von Wo das Eis niemals schmilzt, von der Inkeri Markkula in zahlreichen nicht chronologischen Zeitsprüngen in die Vergangenheit ihrer Protagonisten zurückgeht. Sie baut das sehr geschickt auf, als Leser:in verliert man bei aller Komplexität der Geschichte niemals den Faden. Zurückhaltend, emotional und sprachlich schön erzählt sie von der spröden Natur im hohen Norden, von einer zarten Liebe, von Entwurzelung, von gegen indigene Völker gerichtetem Rassismus und dem entsetzlichen Umgang, den Kanada über Jahrzehnte mit seiner indigenen Bevölkerung pflegte. Und natürlich spielt auch der Klimawandel eine große Rolle.

Der Umgang mit Métis und Inuit bis in die 1990er Jahre wird in Kanada aufgearbeitet, bereits 1998 entschuldigte sich die kanadische Regierung offiziell für das damalige Verhalten und initiierte großangelegte Wiedergutmachungsversuche. Es ist zu befürchten, dass zukünftige Regierungen weltweit sich irgendwann wegen unterlassener Maßnahmen gegen die drohende Klimakatastrophe verantworten müssen. Orte, wo das Eis niemals schmilzt wird es bald nicht mehr geben.

 

Beitragsbild: Penny Gletscher im Auyuittuq Nationalpark by Ansgar Walk, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

 

Inkeri Markkula - Wo das Eis niemals schmilztx

Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
mare Verlag September 2025, gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten, € 25,00

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt

  1. Dann mal vielen Dank für diese durchaus bewegende Besprechung eines Buches, auf das ich wahrscheinlich nicht mal in der Auslage meiner Buchhandlung aufmerksam geworden wäre. Klimawandel, Kolonialgeschichte, Indigene, Samen und jede Menge Traumata hinterm Eis. Klingt spannend.

    Hast du nach dieser Lektüre noch weitere Empfehlungen zu diesem Thema oder von der Autorin?

    1. Lieber Frank, Danke für deine Nachricht. Ich habe gerade ein anderes buch über dieselbe Thematik gelesen (Sami-Kultur, ihre Unterdtückung durch den norwegischen Staat). Ich kann das Buch aber ehrlich gesagt nicht empfeheln. Es war mir viel zu wenig differenziert, von einer solchen Wut, ja Hass gezeichnet – das war mir unangenehm und hat sich für mich gegen die eigentlich total interessante Problematik gestellt (Kathrine Nedrejord – Acht Jahreszeiten). Sonst kenne ich eher Bücher, die sich mit den indigenen Völkern in Kanada beschäftigen. Wenn du magst, kannst du gerne mal schauen. Ich habe verschiedene Beiträge zu kanadischer Literatur auf dem Blog. Sehr empfhlen kann ich z.B. Richard Wagamese. Viele Grüße!

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