Der französische Autor Sorj Chalandon veröffentlicht seit 2005 Romane, die man klassischerweise der Literature engagée zurechnen könnte, die in Frankreich seit Émile Zola und Victor Hugo prominent vertreten ist und sich mit deutlichen sozialkritischen Aussagen und naturalistischem Ansatz zu gesellschaftlichen oder auch politischen Themen zu Wort meldet. Sorj Chalandon greift dazu meist reale historische Vorfälle auf, wie beispielsweise bei Am Tag davor ein schreckliches Grubenunglück aus dem Jahr 1974 oder in seinem jüngsten Roman Herz in der Faust den Ausbruch von 56 Jungen aus einer „Korrekturanstalt“ im Sommer 1934.
Solche Korrekturanstalten gab es in Frankreich seit dem späten 19. Jahrhundert. Sie dienten zunächst als eine Art Straflager für minderjährige Straftäter, wurden aber später zu Erziehungsanstalten umfunktioniert, die nun auch jugendliche Bettler, Wohnsitzlose, „schwer erziehbare“ Jugendliche oder aber einfach Waisenkinder aufnahmen, ohne dass sich an den brutalen Bedingungen dort groß etwas änderte. Eine besonders berüchtigte solcher Anstalten war die auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-mer. Brutale Aufseher und zu Kapos „beförderte“ Mithäftlinge bestraften kleinste Vergehen sadistisch, erniedrigten die Jungen und missbrauchten besonders die jüngeren, schwächeren häufig sexuell. Das Ganze wurde von Gesellschaft und Kirche durchaus wohlwollend toleriert.
Auf der Belle-Île-en-mer
Der 20-jährige Jules Bonneau befindet sich seit seinem 13. Lebensjahr auf der Belle-Île-en-mer und lebt nur auf seine baldige Entlassung mit der Großjährigkeit hin. Nach einer lieblosen Kindheit als Waise bei den Großeltern haben diese ihn wegen „Aufmüpfigkeit“ hierher abgeschoben. Wohl auch, um Kosten zu sparen, denn die Familie war bitterarm. Mit dem Kampfnamen „Kröte“ hat sich Jules über die Jahre nicht nur ein dickes Fell, sondern auch einiges an Respekt vor seinem aufbrausenden Temperament und seiner Gewaltbereitschaft verschafft. Im Inneren ist er voller Hass auf fast alles. Der Roman ist im Original mit „L´enragé“ betitelt (Der Wütende). Also durchaus kein nur bedauernswertes, hilfloses Opfer, dieser Jules, sondern auch zumindest manchmal ein echter Kotzbrocken.
Aber Jules hat auch etwas, das den meisten in der Anstalt fehlt, besonders denen auf der „anderen“ Seite, den Aufsehern, Erziehern, dem Anstaltsleiter: einen moralischen Kompass, ein zwar ziemlich verborgenes, aber doch empathisches Herz. So ist ihm die Drangsal, die der erst 11-jährige Camille Loiseau erleiden muss – er wird regelmäßig von älteren Häftlingen vergewaltigt und von den Aufsehern gedemütigt –, unerträglich. Dabei hat sich Camille nichts anderes zu Schulden kommen lassen, als dass er eine Waise ohne Angehörige ist.
So ist auch die harte Bestrafung Camilles, nachdem er eine der Essensregeln im Speisesaal gebrochen hat, Auslöser für eine Revolte der Jungen im Sommer 1934, angezettelt durch Jules. In Folge dessen gelingt 56 Häftlingen der Ausbruch aus der Anstalt. Doch wohin auf einer kleinen, vom Atlantik umschlossenen Insel? Zumal die Bevölkerung und auch viele der Sommerfrischler sich mit Begeisterung an der Hatz auf die Ausbrecher beteiligen. 20 Francs wird für jeden „Kopf“ gezahlt. Eine lächerliche Summe. Dennoch beteiligen sich die Menschen sehr engagiert. In kürzester Zeit werden alle Ausbrecher bis auf einen gefasst. Das ist historisch verbürgt. Jules hingegen ist fiktiv. Was mit dem realen Jungen passierte, ist unbekannt. Wahrscheinlich ist er ertrunken.

Die Flucht
In Herz in der Faust von Sorj Chalandon gelingt es Jules, ein kleines Fischerboot abseits des Hafens zu kapern. Allerdings wird er dort schon sehr bald vom Kapitän Ronan Kadern erwischt. Doch dieser liefert ihn nicht aus, sondern schützt ihn, bringt ihn zu seiner Frau Sophie, die in der Anstalt als Krankenschwester arbeitet und die Leiden der Jungen kennt. Auch die Crew des Fischerbootes hält dicht und Jules fängt als angeblicher Neffe des Kapitäns dort als Deckjunge an. Ronan und Sophie sympathisieren mit den Sozialisten, einer der Fischer ist Kommunist, ein anderer Baske, der von der Vernichtung des baskischen Dorfs Guernica durch Hitlers Luftwaffe erfahren muss. Man ist solidarisch. Doch als Sophies Mutter stirbt, kehrt ihr faschistischer Bruder zurück auf die Insel. Und der schöpft Verdacht. Es wird spannend.
Schonungslos thematisiert Sorj Chalandon in Herz in der Faust die Brutalität der Korrekturanstalten, die Herzlosigkeit und Gleichgültigkeit der meisten Menschen, die sich zur anständigen Gesellschaft zählen, die Armut, die Vernachlässigung nach sich zieht, die Verlassenheit der Kinder. Nur ganz selten wird das Erzählte ein wenig rührselig und pathetisch, meistens bleibt der Autor seinem nüchternen, aber empathischen Stil treu. Das ist spannend, fesselnd und berührend.
Auch ein Autor hat einen Auftritt im Buch: der in Frankreich sehr berühmte Lyriker Jacques Prévert. Er schrieb über den Vorfall das Gedicht „Chasse à l´enfant“.
Kinderjagd
Spielerisch fangen die Möwen
mit ihren Flügeln das funkelnde Licht,
das rund um die Insel
die Wellen mit Sternen betupft.
Da gellen Schreie wie Pistolenschüsse:
„Gauner! Rowdy! Lümmel! Taugenichts!“
Es ist die Meute der braven Leute,
vereint in der Jagd auf das freie Kind.
Wie ein verletztes Tier
irrt es durch die dunkle Nacht,
und hinter ihm gellen die Schreie
der anständigen Leute:
„Gauner! Rowdy! Lümmel! Taugenichts!“
Niemand benötigt einen Jagdschein
für die Kinderjagd. Die Freiheit der Jäger
steht über der Freiheit des Kindes,
das flieht durch die finstere Nacht.
„Gauner! Rowdy! Lümmel! Taugenichts!“
Geisterhaft greifen die Arme des Mondes
zwischen die nachtfahlen Wellen,
in die du deine entfesselten Arme tauchst.
Wirst du das Ufer erreichen?
Beitragsbild: Côte sauvage by Pline, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Sorj Chalandon – Herz in der Faust
Aus dem Französischen von Brigitte Große
dtv September 2025, gebunden, 400 Seiten, € 25,00







