Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen

Schon vor seinem Erscheinen wurde der Debütroman der 1989 geborenen Anja Gmeinwieser Wir Königinnen mit dem Fuldaer Literaturpreis ausgezeichnet. Sie nehme ihre Leserschaft mit „auf diese spannende, absurde, oft anrührende und manchmal auch todtraurige Reise quer durch Europa“ heißt es in der Jurybegründung.

Unterwegs ist zunächst einmal die Ich-Erzählerin mit einem gar nicht mal so alten, aber völlig überholten Reiseführer in den Piemonteser Alpen. Wo grandiose Landschaften mit beschaulichen Bergdörfern, geschmückt von geraniengeschmückten Balkonen angepriesen werden, wandert sie nach der letzten Busstation, an der sie der Fahrer ein wenig fassungslos hat aussteigen lassen, durch menschenleere Landschaft. Die Dörfer sind verlassen, Lost Places, nur wenig erinnert noch daran, das hier einmal Menschen gelebt haben. Statt umzukehren, wandert die Erzählerin immer weiter, fasziniert von der großartigen Landschaft und zunächst auch von der Stille und der Einsamkeit.

Eine Auszeit

Vier Wochen ist sie krankgeschrieben, eine Auszeit von ihrem Job als Lehrerin, ihrer Beziehung zu Swen, ihrer perfekten Schwester Sarah. Was ihr genau durch dem Kopf geht, wird nicht immer klar, aber sie steckt in einer Sinn- und Lebenskrise, fühlt sich „eingesperrt“, leer, bemerkt aber auch „Es fehlt mir an nichts.“

Als sie langsam doch ein ungutes Gefühl beschleicht, ihre Vorräte auszugehen drohen, hat sie eine fast surreale Begegnung. In der absoluten Einsamkeit der Berglandschaft steht plötzlich ein LKW auf einer Wiese und drumherum eine Herde grasender Kühe. Sie gehören zu Anna, die als Lkw-Fahrerin mit ihrer Fracht unterwegs von Frankreich in die Türkei ist. Ein irrsinnig erscheinendes Unternehmen – es ist Hochsommer und die Kühe allesamt trächtig. Anna bietet der Wanderin an, sie mitzunehmen. Aus der kurzen Fahrt zum nächsten Bahnhof wird ein wilder Roadtrip, denn die Erzählerin weiß nicht recht wohin mit sich. Und warum dann nicht mit Anna Richtung Türkei?

Zwei unterschiedliche Frauen

Es sind zwei sehr unterschiedliche Frauen, die sich auf der Reise nah, sehr nah kommen. Und das trotz der Sprachbarriere. Da hilft ein einfaches Englisch oder bei schwierigeren Zusammenhängern der Online-Übersetzer. Anja Gemeinwieser lässt sowohl das Englische als auch die oft etwas schiefen Übersetzungen stehen, was einen zusätzlichen Reiz der geschichte ausmacht. Anna fährt für einen etwas windigen Chef, der ihr schon auch mal ihren Lohn vorenthält, der aufs Tempo drückt, wenig Unterstützung anbietet. Aber was soll man machen? Anna hat zuhause bei der Mutter eine Tochter durchzubringen, sie braucht den Job. Anna ist rau, empathisch, zupackend und nachdenklich, eine sehr vielschichtige Figur. Sie steckt im ausbeuterischen System des Kapitalismus fest, während ihre privilegierte Mitfahrerin in ihrem Leben auch nicht glücklich ist.

Die Fahrt führt von Italien über Slowenien nach Bulgarien, wo die Frauen an der Grenze erst einmal gestoppt werden. Die Temperaturen steigen, die Tiere leiden, einige sterben – der Transport muss dennoch weiter. Für Mitleid ist wenig Platz, Tierwohl zählt hier nicht. Anna ist sich der Falschheit dieses Systems bewusst, aber – was soll man machen?

Anja Gmeinwieser erzählt von meist verdrängten Lebensrealitäten, ausbeuterischen, prekären Jobs, Tierqual und Verantwortung, Klassismus und Solidarität. Und das auf sehr unterhaltsame, sprachlich präzise und immer wieder mit einem ganz eigenen Humor durchzogene Art und Weise. Ein Debüt, das durch seine Sprache und die originelle Handlung sehr überzeugt.

 

Beitragsbild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0 via über bio

 

Anja Gmeinwieser - Wir Königinnenx

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Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen24,00 €
Berlin Verlag Februar 2026, 224 Seiten, Hardcover, € 24,00

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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