Katherina Braschel – Heim holen

„Donauschwaben“, dieser von der Ich-Erzählerin zufällig in einem Bus aufgeschnappte Begriff, triggert sie, sich an ihre eigene Kindheit und ihr Verwurzeltsein und Aufwachsen in eben dieser Gemeinschaft zu erinnern. Davon erzählt die Österreicherin Katherina Braschel in ihrem Debütroman Heim holen.

Donauschwaben, die Nachkommen deutschsprachiger Siedler, die im 18. Jahrhundert von den Habsburgern im heutigen Gebiet Ungarn, Serbien und Rumänien in der Pannonischen Tiefebene angesiedelt wurden, um das nach den Türkenkriegen verödete Land wieder urbar zu machen. Nur ein Teil davon kam wirklich aus Schwaben, aber ihre slawischen und magyarischen Nachbarn nannten sie fortan so. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Habsburgermonarchie wurden die Siedlungsgebiete zwischen Ungarn, Rumänien und dem neu gegründete Jugoslawien aufgeteilt. Den Nationalsozialisten gelang es, viele Donauschwaben auf ihre Seite zu ziehen. Sie kollaborierten im Zweiten Weltkrieg meistenteils und viele kämpften auf Seiten des Deutschen Reichs, auch in Wehrmacht und Waffen-SS. Nach dem Krieg kam es zu Vertreibung und Flucht, zurückbleibende Donauschwaben wurden oft kollektiv als Kriegsverbrecher interniert, deportiert oder getötet. Die Erzählungen dieser Grausamkeiten überlagerten bei vielen Vertriebenen ihre eigenen Verstrickungen in die nationalsozialistischen Verbrechen. Oftmals kam es zu den bekannten Opfermythen.

Opfermythen

Auch Lina, die in einem Salzburger Stadtteil aufgewachsen ist, in dem sich nach dem Krieg viele ehemalige Donauschwaben niedergelassen haben, die ihre alten Traditionen intensiv pflegen, kennt viele dieser Opfererzählungen. Erzählungen von überstürzter Flucht, Erschießungen, Vergewaltigungen, dem Zurücklassen der Heimat. Als Kind nahm sie aktiv an der Pflege des Brauchtums mit, trug Tracht, nahm an Fahrten zu Donauschwabentreffen teil, kannte Liedgut und Geschichten. Ihre liebevollen Großeltern erzählten viel von „Dahoom“.

Geschwiegen haben sie dagegen von der Zeit, in der ihre Heimatstadt Belgrad, genauer der Vorort Semlin (heute Zemun), von den Deutschen besetzt war und es auf dem Stadtgebiet das KZ Sajmište gab. Davon erfährt auch Lina erst bei Recherchen, die sie anstellt, als ihre Freunde Alvin und Franzi sie fragen, was ihre Großeltern denn während des Krieges gemacht haben. Linas Mutter Martha weiß nichts darüber, was sie ihr erbittert vorwirft. Keine Fragen gestellt zu haben, obwohl sie wusste, dass ihr Vater bei der SS war. Auf einem alten Foto erkennt man die Runen. Und den Totenkopf. Damit gehörte der Großvater zu den berüchtigten Totenkopf-Verbänden, die ursprünglich zur Bewachung der Konzentrationslager gegründet wurden. Und tatsächlich ergeben Linas Recherchen, dass der liebevolle Großvater eine Zeitlang in einem Außenlager von Dachau stationiert war.

Reise nach Zemun

Die Schilderung von Linas Recherche, die sie bis nach Belgrad führt, ist genauso spannend wie aufschlussreich und auch der Konflikt mit der Mutter, die die Vergangenheit der eigenen Eltern nie hat wissen wollen ist empathisch dargestellt. Die Nähe, die von der Mutter immer wieder gesucht wird und der Lina mit einer gehörigen Portion Schuldgefühl häufig ausweicht, trifft diese ganz besondere Beziehung sehr sensibel. Der Einblick in Welt, Geschichte und Brauchtum der Donauschwaben ist wirklich interessant und sehr lebendig geschildet. Also eigentlich ein ganz tolles Debüt.

Eigentlich. Denn es gibt zwei kleine Haken, die mich dann doch etwas zwiegespalten zurücklassen. Da ist zum einen die Beziehung zu den beiden Freunden Franzi und Alvin (erstere eine non binäre Person, was die Autorin zum (sehr häufigen) Gebrauch des Pronomens dey durchgehend für alle Fälle bewegt, was mich doch etwas gestört hat). Die Szenen in der WG der drei fand ich oft ein wenig banal. Das zweite, für mich entscheidendere Manko sind die Dialoge. Diese sind eigentlich sehr gelungen, werden aber durch das inflationär benutzte „sagte er“, „fragte sie“, „sagte ich“ nach jedem gesprochenen Satz für mich schwer lesbar. Das ist sehr schade, denn Heim holen von Katherina Braschel hätte sonst für mich wirklich ein Lese-Highlight sein können. Ein lesenswertes, empfehlenswertes Debüt bleibt es auch so.

 

Beitragsbild: by GRIPS, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Katherina Braschel - Heim holen.

x

Katherina Braschel – Heim holen
Residenz Verlag Januar 2026, Hardcover, 272 Seiten, € 24,00

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert