Dana von Suffrin – Toxibaby

13 Trennungen in drei Jahren Beziehung – das klingt nach einer wahrlich toxischen Geschichte. Und die Rollen und Verantwortungen scheinen gleich zu Beginn klar verteilt. Da ist zum einen „Herzchen Goldberg“ und zum anderen „Toxibaby“, die sich in dieser On/Off-Beziehung sichtlich lustvoll quälen. Doch es geht im neuen Roman von Dana von Suffrin natürlich weitaus ambivalenter zu als der erste Blick auf zwei neurotische Millennials andeutet.

Herzchen ist die Ich-Erzählerin, durch die wir das ganze Elend (und die ganze Lust) dieser Liebesbeziehung erleben. Den Namen Herzchen hat sich die Autorin von der Protagonistin der gleichnamigen Erzählung Anton Tschechows geborgt, laut Wikipedia „eine zartfühlende, liebebedürftige Frau, die keine eigenen Ansichten besitzt, sondern die Weltanschauung ihrer wechselnden drei Ehemänner vollständig übernimmt und sich ihnen vollkommen anpasst.“ Sie gilt als „als Studie über weibliche Selbstaufgabe und die Definition des Selbst durch den Partner.“ Nun ja, ein wenig Tschechow steckt auch in von Suffrins Herzchen, liebt sie ihren Toxi doch leidenschaftlich, sucht immer wieder Kompromisse, leidet auch ein wenig an dem nicht wenigen Frauen eigenen Helfersydrom; denkt, sie könnte ihn „retten“, ihm helfen, ihn ändern.

Toxi ist eine harte Nuss

Aber Toxi ist eine harte Nuss. Laut Herzchen ist er sehr schön, riecht gut, ist gepflegt und sehr gebildet. Aber er ist auch ein richtiger Loser, scheinbar mit Anfang Vierzig immer noch nicht ganz erwachsen, hangelt sich von der Arbeitslosigkeit in den nächsten befristeten Job als Sozialpädagoge in einer Brennpunktschule. Herzchen zahlt – sie ist eine recht erfolgreiche Autorin – und Toxibaby „macht sich Gedanken“. An seiner Misere ist natürlich die Gesellschaft schuld, mindestens der Spätkapitalismus. Und sowieso sind alle gegen ihn. Toxi leidet an der Welt und fühlt sich unverstanden. Er hat ein Suchtproblem und veröffentlicht Artikel „auf einem der aggressiven, schlecht formatierten linksextremen Blogs“. Und weiß selbstverständlich immer alles besser und erklärt gern die ihm so übel gesinnte Welt.

Frau hat Toxi vor Augen. Mit einem zuweilen bitterbösen Humor, lakonischer Ironie und viel Klugheit schaut Dana Suffrin aber nicht nur auf Toxibaby, sondern auf eine ganze Generation, die irgendwie in der Luft hängt, bisweilen als beziehungsunfähig, entscheidungsschwach und nie ganz erwachsen geworden abgestempelt wird. Eine Generation, der aber auch vertraute Sicherheiten plötzlich weggebrochen sind. Ehe und Familie, langjährige Beschäftigungsverhältnisse, Wohlstand – alles nur noch Verhandlungsmasse. Eine Generation, die ziemlich verunsichert ist. Dana von Suffrin spielt aus vollem Herzen mit allerlei Klischees, bleibt aber immer in der Ambivalenz.

Denn so nervig Toxibaby ist, Herzchen ist es nicht minder. Ihr ständiges Hin und Her, ihre ewigen Selbst- und Fremdanalysen, die nie enden wollenden Aushandlungsprozesse in der Beziehung – Dana von Suffrin kleidet sie in rasante, ewig lange, verschachtelte (aber sehr problemlos zu lesende) Sätze, die diese Denkbewegungen wunderbar wiedergeben – gehen den Lesenden auch gehörig auf den Zeiger. Außerdem lässt sie ihren Partner dessen ökonomische Unterlegenheit sehr gern spüren. Was Toxi natürlich gar nicht vertragen kann.

Ein schlimmer Liebesroman

Herzchen und Toxi sind Protagonisten eines wirklich „schlimmen Liebesromans“, wie der Klappentext verspricht. Aber sie haben dieses Schlimme selbst gewählt und gefallen sich auch irgendwie darin.

Herzchen Goldberg ist jüdischer Herkunft, trägt eine ganze Portion „familiären Ballast“ mit sich herum. Viele ihrer Vorfahren wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Sie fühlt sich als „lebendes Mahnmal“, leidet darunter, bezieht andererseits immer wieder auch Stellung zu Themen wie Antisemitismus in Beiträgen und auf Podien. So wie Dana von Suffrin selbst. Beider Humor ist oft sarkastisch und wenig konsumerabel, aber immer genau beobachtet, äußerst klug und punktgenau. Häufig bleibt das Lachen schon sehr bald in der Kehle stecken.“

„Die Schuld ist eine jüdische Krankheit, ich traue mich nur nicht so recht, das meiner Therapeutin zu sagen. Die Juden fühlen sich schuldig, weil sie sich haben umbringen lassen, oder weil sie überlebt haben, sie fühlen sich schuldig, wenn sie in der Diaspora leben und ihre Kinder geschubst werden, und sie sich alle drei Generationen wie Stubenfliegen erschlagen lassen, sie fühlen sich natürlich auch schuldig, wenn sie in Israel leben, sich alle paar Jahre ein Gewehr umhängen, um die jugendlich unbekümmerten, angriffslustigen Nachbarstaaten zu massakrieren, wofür sie dann von ungefähr 95 % der Weltbevölkerung verachtet werden (…)“

Ein Liebesroman?

Toxibaby ist zunächst eine Beziehungsgeschichte, ein Liebesroman. Aber einer, der weiß, dass auch Liebe nicht nur ein romantisches Gefühl ist, sondern gesellschaftlich und politisch geprägt wird. Dass sie in unserer von Anspruchsdenken und Perfektionsstreben bestimmten Gegenwart keinen unbedingt leichten Stand hat. Und dass die verwirrenden Zeiten und Weltlagen zusätzlich an ihr zerren.

Dana von Suffrin liebt die Übertreibung, die Zuspitzung und liefert uns nebenbei kluge, böse Milieubeschreibungen und auf den Punkt gebrachte Beobachtungen. Dennoch verliert sie bei aller Schonungslosigkeit nie die Zuneigung zu ihren Figuren. Das hat Witz und Tempo, ist klug und unterhaltsam. Fast ist man als Leserin etwas traurig, diese durch und durch ungute Beziehung zu verlassen.

 

Beitragsbildung CC0 via pxhere

 

Dana von Suffrin - Toxibabyx

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Dana von Suffrin – Toxibaby
Kiepenheuer&Witsch März 2026, 240 Seiten, € 23,00

 

 

 

 

 

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