Nicht alle Leserinnen sind (bereits) Mütter, aber wir alle sind Töchter. Der Debütroman von Oliwia Hälterlein Wir Töchter rückt diesen Aspekt in den Vordergrund und macht ihn (nicht nur dadurch) in der Menge der gerade erscheinenden Generationenromane mit besonderem Fokus auf die Frauenfiguren zu etwas Besonderem. Ich-Erzählerin auf der Gegenwartsebene ist Waleria, die als Säugling mit ihrer Mutter Róża in den 1980er Jahren von Polen nach Westdeutschland migriert ist. Mit ihr droht die Kette von Töchtern in ihrer Familie abzureißen, denn nach einer Not-OP, die durch das Platzen einer Eierstockzyste und dem drohenden inneren Verbluten nötig wurde, und der Diagnose PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom) ist die Möglichkeit einer zukünftigen eigenen Schwangerschaft sehr gering. Waleria empfindet eine „erdrückende Traurigkeit“, dabei hatte sie nie einen Kinderwunsch verspürt. Aber nun? Wird sie die Letzte in der „Töchterkette“ sein?
Die Töchterkette
Diese Kette reicht im Roman bis zur Ururgroßmutter Melanka, im Zentrum stehen neben Waleria aber die Mutter Róża und die Großmutter Marianna, die geliebte Babcia. Die Beziehung zur Großmutter ist über die Generationen hinweg immer eine ganz besonders wichtige. Das war für die kleine Marianna bereits so, in deren Kindheit wir genauso schauen wie in die der nachfolgenden Töchter und der Enkelin, das ist sie ebenso für Waleria. Für sie ist es eine Fernbeziehung, eine Ferienbeziehung, die ihr schmerzvoll den Verlust der „alten Heimat“ spürbar macht, besonders den Verlust der Herkunftssprache, des Polnischen. Die Verbindung zur Großmutter, deren bäuerliche Herkunft, der polnischen Landschaft, die sowohl mit Sehnsucht als auch mit einer Art Scham behaftet ist, besteht vor allem durch sehr sinnliche Dinge, etwa das Essen. Pierogi bedeuten Zuhause, Wärme, Zugehörigkeit.
Während Marianna immer ihrer bäuerlichen Umgebung verhaftet bleibt, zieht es Róża fort, in die Stadt, nach Gdańsk, zu eleganten Kleidern, zu einem „Mehr“, das das Heimatdorf nicht bieten kann. Da kommt der flotte, aber auch etwas zwielichtige Szymek gerade recht. Er wird Walerias Vater, entpuppt sich aber als große Enttäuschung und spielt wie die anderen Männer, so sie denn überhaupt anwesend sind, kaum eine Rolle. In ihrer Zeit in Gdańsk kommt Róża mit der Gewerkschaftsbewegung Solidarność in Berührung. Eine weibliche Perspektive darauf und auf die wohl größte oppositionelle Massenbewegung im Ostblock, die maßgeblich zum Ende des Kommunismus in Polen und dem Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen hat.
Klassenschranken
Die ersehnte Freiheit in Deutschland wiederum kann Róża nur enttäuschen, stehen ihr doch die engen Klassenschranken entgegen. „Róża putzt“ heißt es ein ganzes Kapitel lang. Denn ja, ihre Tochter Waleria soll es einmal besser haben. Doch die wird von ihren Klassenkameradinnen gleich mal in die Schranken gewiesen. Eine in „Otto-Katalog-Klamotten“ gehört doch nicht aufs Gymnasium. Die Zerrissenheit zwischen Integrationswillen, Anpassung, Ablehnung und Herkunftssehnsucht lesen wir seit einiger Zeit immer wieder in der neueren deutschsprachigen Literatur. Hier wird diese typische Migrationserfahrung durch die Verortung in einem patriarchalen System ergänzt. Das geschieht vor allem in einer Art Chor, einem Wir, das sich immer wieder meldet. Wie werden wir Frauen gesehn? Unsere Körper? Und wie sprechen diese Körper zu uns? Das Buch stellt uns mehr Fragen als es beantworten will. Was gebe ich als Mutter an meine Töchter weiter? Was nehme ich als Tochter davon an, trage es selbst in die Zukunft? Und was ist, wenn ich das nicht mehr kann?
Der Blick auf den weiblichen Körper, auf seine Verletzlichkeit, auch auf den Umgang mit ihm in der Medizin bereichert den vielstimmigen, in einer wunderbar präzisen Sprache verfassten Debütroman von Oliwia Hälterlein. Polnische Passagen werden eingefügt und teilweise so stehengelassen – folgerichtig, denn die polnische Sprache, ihr drohender Verlust ist ein wichtiges Motiv im Roman. Einige Begriffe und Redewendungen werden in einem Glossar erklärt, nicht alle. Das liest sich überraschend problemlos und stimmig. Ein großartiges Buch und eine unbedingte Leseempfehlung von mir.
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Oliwia Hälterlein – Wir Töchter
C.H.Beck Februar 2026, gebunden, 357 Seiten, € 25,00







