Lena Gorelik – Alle meine Mütter

Alle meine Mütter – zunächst stutzt man über das „alle“ beim Titel des neuen Romans von Lena Gorelik. Ein Roman über Patchworkfamilien? Liest man ein wenig hinein ins Buch, wird relativ bald klar, um was es der Autorin mit ihm geht und warum er diesen Titel trägt. Lena Gorelik verwebt in vielen Geschichten – beobachtet, imaginiert oder recherchiert – ihre eigene Mutter- und Tochterschaft mit den verschiedensten Ausdrucksformen und Wirklichkeiten des Mutterseins. Sie erzählt von Frauen

„die Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen“.

Es geht auch um Frauen, die keine Mütter sind, weil sie ihre Kinder abgetrieben haben, weil sie ungewollt kinderlos bleiben oder für die Kinder einfach nicht in ihr Leben passen. Es geht um Frauen, deren Kinder schwer chronisch krank oder körperlich oder geistig beeinträchtigt sind. Frauen, die ihre Kinder verloren haben – an eine Krankheit, an einen Krieg, den Freitod. Mütter, die aus fremden Ländern eingewandert sind und solche, die alt werden. Und um Mütter, die eigentlich „nur“ die neue Lebenspartnerin des Vaters oder der Mutter sind.

Die Komplexität von Mutterschaft

Bei den vielen Facetten, die Lena Gorelik in Alle meine Mütter aufzeichnet, bleiben doch ebenso viele außen vor, gibt es doch so unendlich viele davon. Im Gespräch bekannte die Autorin, dass es zahlreiche geschriebene Manuskriptseiten nicht ins Buch geschafft haben. Dennoch ist es ihr gelungen ein kluges, berührendes Kaleidoskop der Vielfalt und Komplexität von Mutterschaft zu schaffen.

Denn Mütter sind vielleicht die gesellschaftliche Gruppe, die die meisten Zuschreibungen erfährt, an die enorme Ansprüche von außen gestellt werden. Das „deutsche Ideal der Mutter“ bestimmt unbewusst immer noch das Bild in der Gesellschaft. Lena Gorelik möchte ausloten, was es bedeutet, heute Mutter zu sein, oder eben nicht. Welche Prägungen gibt man an seine Kinder, insbesondere die Töchter weiter? Und was ist das, eine „gute Mutter“?

„Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mutter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.“

Individuelle und allgemeine Bedeutung

Lena Gorelik kreuzt eigene Erfahrungen mit einer an Brustkrebs erkrankten Mutter, also die ganz individuelle Geschichte ihrer Ich-Erzählerin, mit vielen anderen Geschichten, etwa der der jungen Russin, die eine Abtreibungsklinik aufsucht. Oder der Mutter, die sich im ÖPNV zu Tode schämt, weil ihr geistig beeinträchtigtes Kind so laut schreit. Aber vor allem, weil sie sich dafür schämt. Diese eigenen und fremden Geschichten verbindet sie mit allgemeinen Überlegungen, so dass neben den individuellen immer wieder auch strukturelle Gegebenheiten analysiert werden. Dazu reflektiert sie ihren Schreibprozess und ihr eigenes Mutter- und Tochtersein.

Das klingt vielleicht ein wenig schwer, aber die besonderen Glücksmomente, die eigentlich in jeder Mutterschaft stecken, kommen nicht zu kurz, ebenso Sorge und Fürsorge als zentrale Momente dieser ganz besonderen zwischenmenschlichen Beziehung. Das geschieht manchmal erzählerisch, manchmal eher essayistisch, oft autobiografisch grundiert. Das Buch Roman zu nennen, trifft es hingegen nur in einem sehr weit gefassten Sinn. Ganz gleich, ein lesenswertes, auch literarisch feines Buch ist es auf jeden Fall.

 

Beitragsbild: Dguendel, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

 

Lena Gorelik - Alle meine Mütter.

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Lena Gorelik – Alle meine Mütter 
Rowohlt März 2026, Hardcover, 272 Seiten, € 24,00 

 

 

 

 

 

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