Brit Bennett – Die Mütter

Brit Bennett – Die Mütter

„Aubrey fragte sich, ob sie die Einzigen waren, die das Gefühl hatten, ihre Mütter nicht zu kennen. Vielleicht waren Mütter an sich unermesslich und unmöglich zu kennen.“

Mit „Die Mütter“ schrieb die junge amerikanische Autorin Brit Bennett gleich mit ihrem Debüt einen Roman, der es auf die New York Times Bestsellerliste schaffte. Die dunkelhäutige Kalifornierin ließ ihn in ihrer Heimatstadt Oceanside im San Diego County spielen. Und auch ihr Studienort Ann Arbour in Michigan ist Schauplatz der Geschichte. Sie begann bereits mit 17 Jahren, daran zu schreiben, neun Jahre später wurde er veröffentlicht. Und die Hauptprotagonistin ist ebenfalls 17 Jahre alt. Aber auch wenn sicher viele persönliche Erfahrungen eingeflossen sind, ist es doch kein autobiografischer Roman, hat Bennett, die aus gutbürgerlichem Haus stammt – der Vater war der erste schwarze Staatsanwalt der Stadtverwaltung –  doch einen ganz anderen familiären Hintergrund als die Figur der Nadia Turner. Weiterlesen „Brit Bennett – Die Mütter“

Hala Alyan – Häuser aus Sand

„Häuser aus Sand“ ist ein Roman über die Gemeinschaft, die uns alle prägt, die Familie, und über den Ort, der für uns alle lebensnotwendig ist, das Zuhause, so heißt es im Klappentext zum Roman von Hala Alyan über vier Generationen einer palästinensischen Familie. Im Mittelpunkt stehen, wie so oft, die mehr oder weniger „starken“ Frauen. Sie alle müssen den Verlust dieser lebensnotwendigen Verankerungen im Leben erleben. Das von ihnen geschaffene Zuhause erweist sich ein ums andere Mal als ein „Haus aus Sand“ (die „Salt Houses“ aus dem Original hätte man meiner Meinung nach beibehalten können; auch ihre Vergänglichkeit wird durchaus deutlich).
Salma und Hussam mussten 1948 nach Ende des britischen Mandats in Palästina und der Gründung des Staates Israels ihre Heimat Jaffa verlassen, wo sie eine große Orangenplantage führten. In Nablus finden sie ein neues Zuhause, hier wachsen ihre Kinder Widad, Mustafa und Alia auf. Diese können das Festhalten ihrer Mutter an alten Gewohnheiten, ihre Sehnsucht nach Jaffa und ihre Traurigkeit nicht ganz verstehen. Bis sie in Folge des Sechstagekriegs nicht nur ihr Haus, sondern auch den Bruder Mustafa verlieren. Die Familie wird getrennt. Weiterlesen „Hala Alyan – Häuser aus Sand“

George Saunders – Lincoln im Bardo

Welch ein aberwitziges, wildes, zärtliches, berührendes Buch! Mit seinem ersten Roman Lincoln im Bardo hat der in den USA fast Kultstatus innehabende Autor von Kurzgeschichten und Essays, George Saunders, ein absolut ungewöhnliches und kühnes Werk geschaffen, für das er 2017 sogleich den renommierten Man Booker Prize erhielt.

Es ist ein Roman ohne Erzähler. Ganz gleich ob 150 oder 166 Personen (die mitzählenden Kritiker sind sich nicht ganz einig und ich habe wieder ganz anders gezählt), ihre Zahl ist schier unüberschaubar. Und ein Großteil von ihnen ist bereits zum Zeitpunkt der Handlung tot. Weiterlesen „George Saunders – Lincoln im Bardo“

Ralf Rothmann – Im Frühling sterben – Backlist

Ralf Rothmann erzählt in seinen Romanen immer wieder auch seine eigene Geschichte und die seines früh verstorbenen Vaters, eines schweigsamen Bergmanns aus dem Ruhrgebiet, für „Im Frühling sterben“ liefert dieser das Vorbild.

Es ist die Geschichte des 17jährigen Walter Urban, aus dem Ruhrgebiet als Melker nach Norddeutschland entsandt, vermeintlich eine kriegswichtige Aufgabe, der noch im Februar 1945 durch einen Trick zusammen mit seinem Freund Fiete in die Waffen-SS zwangsrekrutiert und nach kurzer Ausbildung nach Ungarn verschickt wurde. Hitlers letztes Aufgebot. Was die beiden Jungen dort erlebten, wobei Walter als Fahrer noch „Glück“ hatte, ist in seiner menschenverachtenden Grausamkeit zwar jedem halbwegs geschichtlich informierten Leser nicht unbekannt, in dieser gnadenlosen Härte aber selten literarisch gestaltet worden. „Im Westen nichts Neues“ oder „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ wären vielleicht vergleichbare Meisterwerke der Antikriegsliteratur. Weiterlesen „Ralf Rothmann – Im Frühling sterben – Backlist“

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Einen schwierigen Autor für jede Form der Vermarktung nannte Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, Ralf Rothmann bei seiner Einführungsrede zur Lesung aus Der Gott jenes Sommers. Keine Moderation auf der Bühne, wenig Interviews und Fotosessions, keine Autoren-Website, geschweige denn Social Media-Kanäle, selbst eine Nominierung zum Deutschen Buchpreis lehnt der Autor ab. Das war 2015 so, als seinem Roman Im Frühling sterben von einigen Kritikern zwar eine „Verkitschung des Weltkrieges“ vorgeworfen wurde, das überwiegende Echo aber von einem Meisterwerk und fantastischer Literatur sprach. Für mich war die Geschichte um zwei 17jährige, die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges als Soldaten eingezogen und regelrecht „verheizt“ worden waren, das Buch des Jahres, eines der am meisten berührenden und gelungensten seit Langem. Weiterlesen „Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers“

Hideo Yokoyama – 64

Kriminalromane aus Japan sind zur Zeit ein wenig in Mode. Zwar sind sie zahlenmäßig gegenüber der Flut an Frankreich-, Italien- und Provinzkrimis immer noch eine Randerscheinung, aber Namen wie Fuminori Nakamura („Der Dieb“, „Die Maske“) oder Keigo Higashino („Unter der Mitternachtssonne“, „Verdächtige Geliebte“) sind mittlerweile auch in Deutschland ein Begriff. Zu der Spannung, die der Krimiplot bietet gesellt sich hier noch der Einblick in eine Gesellschaft, die trotz ihrer wirtschaftlichen und politischen Nähe zum Westen doch immer noch ein wenig fremdartig und unbekannt erscheint. Bei Hideo Yokoyama und seinem unlängst (etwas unglücklich als „Thriller“ bezeichnet) auf Deutsch erschienenem Roman „64“ beginnt dieses Fremdartige bereits im Titel. Weiterlesen „Hideo Yokoyama – 64“

Donna Leon – Heimliche Versuchung und Volker Klüpfel und Michael Kobr – Kluftinger – Ein Krimizwischenspiel

Entspannendes Krimi-Zwischenspiel mit zwei Reihen, die ich zwar nicht konsequent, aber schon sehr lange verfolge: Donna Leon Heimliche Versuchung und Volker Klüpfel und Michael Kobr – Kluftinger

Heimliche Versuchung

Vor 25 Jahren erschien bei Diogenes der erste Fall für Commissario Guido Brunetti. Damals war der Boom der Regionalkrimis noch weit entfernt. Zwar gab es schon immer Krimi-Autoren, die ganz bestimmten Regionen einen wichtigen Platz in ihrer Handlung einräumten, also mit viel Lokalkolorit arbeiteten, und natürlich bedingen die so beliebten Krimi-Reihen in der Regel einen konstanten Schauplatz, wie beispielsweise Magdalen Nabb immer wieder Florenz wählte oder Jacques Berndorf, der mit seinen Eifel-Krimis in Deutschland erfolgreich war. Weiterlesen „Donna Leon – Heimliche Versuchung und Volker Klüpfel und Michael Kobr – Kluftinger – Ein Krimizwischenspiel“

Lektüre Mai 2018

Ein richtiger Wonnemonat war dieser Mai meistenteils. Sommerliche Temperaturen, viel Sonnenschein und ein wahres Blütenfeuerwerk im Garten. Leider habe ich dennoch kaum dort gelesen, denn es gab viel hier draußen zu tun, die DSGVO hat einige Aufmerksamkeit erfordert und auch ansonsten stand allerlei an. Dennoch fiel die Lektüre im Mai 2018, dann eben abends auf der geschützten Terrasse oder auf dem Sofa, ganz ordentlich aus. Weiterlesen „Lektüre Mai 2018“

Tracy Chevalier – Der Neue

Sechs Titel sind mittlerweile im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts auf Deutsch erschienen. Lediglich Jo Nesbøs Fassung des Macbeth und Gillian Flynns Hamlet stehen noch aus, auf letzteres müssen wir wohl auch noch bis 2021 warten. Zeit, um mit der Fassung des „Othello“ von Tracy Chevalier, „Der Neue“, schon einmal ein kurzes, ganz subjektives Resümee zu schreiben. Weiterlesen „Tracy Chevalier – Der Neue“

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Von ganz weit oben hinab in die tiefsten Niederungen geht nicht nur der Blick auf dem Cover von Alexander Schimmelbusch Roman „Hochdeutschland“. Hier ist es der Blick auf eine bewaldete Hügellandschaft nach dem Bild „Der Morgen“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Auch von der Anhöhe im hessischen Falkenstein, einem Stadtteil von Königstein im Hochtaunus, wo neben den Gemeinden rund um den Starnberger See die höchsten Einkommen zu finden sind und diejenigen wohnen, die im nahen Frankfurt viel oder sehr viel Geld verdienen, schaut man auf bewaldete Landschaften hinab. Genauso geht aber auch der Blick weiter bis auf die Skyline von Mainhattan mit ihren Bankentürmen. Hier wohnt in einer Villa Victor, der Protagonist des Romans. Weiterlesen „Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland“