Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Alabama in den Zwanziger Jahren. Die Südstaaten der USA vollziehen seit 1896 eine strenge Form der Rassentrennung gemäß dem Grundsatz „Separate but equal“ (getrennt aber gleich), den das Bundesgericht legitimiert hatte. Für viele bedeutet das eine „zweite Sklaverei“ nach der Befreiung durch den Bürgerkrieg 1865. Und sie sollte andauern bis 1954. Aber auch danach änderten sich gerade in Alabama die Zustände nur zögerlich, wurde 1956 der ersten afroamerikanischen Studentin, Autherine Lucy, der Zugang zur Universität verwehrt, jeder kennt den Fall von Rosa Parks, die noch 1956 verhaftet wurde, weil sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte und auch heute sind die USA noch von einer wahren Gleichbehandlung aller Bürger weit entfernt. Virginia Reeves erzählt in Ein anderes Leben als dieses aus dieser Zeit. Weiterlesen „Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses“

Guadalupe Nettel – Nach dem Winter

Guadalupe Nettel – Nach dem Winter

„ Als unvollkommene Wesen, die in einer unvollkommenen Welt leben, sind wir dazu verurteilt, stets nur Stückchen vom Glück zu finden.“

                                                                     Julio Ramón Ribeyro

Zunächst gilt es, den Winter zu überstehen – für die Protagonisten wie für den Leser. Es ist ein kalter, unwirtlicher, einsamer Winter. Die beiden Hauptfiguren verbringen ihn weit fort von ihrer Heimat. Sie sind moderne Migranten.

Statue Père Lachaise
Père Lachaise – Gourlot  [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Claudio stammt aus Havanna, Kuba und ist als Lektor in New York tätig. Kein atemberaubender Job, aber es reicht für das Leben in der teuren Metropole. Seinen Traum vom besseren Leben erfüllt er sich durch eine Affäre mit einer reichen, älteren Frau, Ruth, die er einerseits verachtet, weil sie sich an ihn hängt, obwohl er sie oft nicht gut behandelt und sich nicht binden will, ihm sie ihm jeden Wunsch erfüllt. Andererseits bewundert er sie auch wegen ihrer Gelassenheit und der Souveränität, mit der sie dies tut. Claudio ist mit seiner lateinamerikanischen Machopose, seiner Arroganz und Egozentrik wahrlich kein Sympathieträger. Aber er ist einer der zwei Ich-Erzähler in Guadalupe Nettels Roman. Und nach und nach lernt der Leser ihn ein wenig zu verstehen, wenn auch nicht zu schätzen. Weiterlesen „Guadalupe Nettel – Nach dem Winter“

Johan Bargum – Nachsommer

Die Entdeckung des finnischen, schwedisch schreibenden Schriftstellers Johan Bargum für den deutschen Buchmarkt verdanken wir vermutlich der Frankfurter Buchmesse, dessen Gastland Finnland 2014 war, der Roman „Septembernovelle“ erschien damals, ein subtil-raffiniertes Drama auf hoher See, das folgerichtig im Hamburger Mare Verlag eine Heimat fand. Nun erschien von Johan Bargum ein genauso schmales Werk, Nachsommer, das wieder im Spätsommer angesiedelt ist (genauso lautet sein Originaltitel: „Sensommar“; warum im Deutschen der sehr nach Adalbert Stifter klingende „Nachsommer“ daraus wurde ist eines der Rätsel der Titelgebung) und das aufgrund seiner Meeresnähe, hier ein im finnischen Schärengarten gelegenes Sommerhaus, dankenswerterweise wieder bei Mare erscheint. Das schwedische Original stammt bereits aus dem Jahr 1993.

Nur 142 Seiten benötigt Johan Bargum für seine psychologisch ausgesprochen fein beobachtete Familienstudie. Weiterlesen „Johan Bargum – Nachsommer“

Esther Kinsky – Hain

Esther Kinsky beginnt ihren Roman Hain mit einer Tradition aus rumänischen Kirchen. Dort wird an verschiedenen Stellen für die Lebenden und die Verstorbenen gebetet. Viǐ und morțǐ. Stirbt ein Mensch, für den eine Kerze entzündet wurde, wird diese nach seinem Tod auf die andere Seite getragen.

Ein Bild für die Seelenverfassung der Ich-Erzählerin und für den Charakter des Erzählten. Es ist eine Zwischen-, eine Übergangszeit nach dem Tod des Lebenspartners, M., ein Hinübergehen von der Zeit der lebendigen Zweisamkeit zum Leben ohne ihn. „Hain“ ist ein Buch der Trauer. Weiterlesen „Esther Kinsky – Hain“

Kristine Bilkau – Eine Liebe in Gedanken

Kristine Bilkau – Eine Liebe, in Gedanken

„Ich möchte an meiner Straße am Fenster sitzen und glauben, dass jeder, der vorbeigeht, ein Leben lebt, glücklich oder unglücklich, aber tief.“

Ein Zitat der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die im neuen Roman von Kristine Bilkau zwar nur indirekt vorkommt, das Buch aber auf eine besondere Weise begleitet.

Es gibt diese Bücher, die von Anfang an gefangen nehmen, die zur Leserin sprechen, als wären sie für sie geschrieben. „Eine Liebe, in Gedanken“ von Kristine Bilkau ist ein solches Buch.

Es erzählt eine Liebesgeschichte, die eine Lebensgeschichte ist, und es erzählt vom Abschied einer Tochter von ihrer Mutter und, weniger endgültig, einer Mutter von ihrer Tochter. Weiterlesen „Kristine Bilkau – Eine Liebe in Gedanken“

Kristine Bilkau – Die Glücklichen – Backlist

Wir können sie uns sehr gut vorstellen, ja vielleicht ähneln wir ihnen sogar, den beiden Protagonisten des Romans von Kristine Bilkau, sie sind „Die Glücklichen“ und scheinen wie selbstverständlich davon auszugehen, ein gewisses Recht auf dieses Glück zu haben, das ihnen nicht gerade in den Schoß gefallen, aber auch nicht hart erarbeitet scheint.

Sie gehören zu der Schicht der Jungen, Erfolgreichen, Wohlsituierten, die gerade in den Städten so omnipräsent scheint. Weiterlesen „Kristine Bilkau – Die Glücklichen – Backlist“

Jaume Cabré – Eine bessere Zeit

Vor etwas mehr als zehn Jahren erschien der Roman „Die Stimmen des Flusses“ auf Deutsch. Ein großangelegtes katalanisches Epos, das die spanische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso gekonnt ins Visier nahm wie die menschlichen Verstrickungen in einem Dorf tief in den katalanischen Pyrenäen. Der Autor Jaume Cabré, Jahrgang 1947 und vielfach ausgezeichnet, schuf damit ein Meisterwerk, nun erschien ein „neues“ Werk auf Deutsch, das sich bei genauerem Hinsehen aber als ein bereits 1996 im Original erschienenes erweist, „Eine bessere Zeit“.

Und wenn auch so manches, das in den „Stimmen“ so überwältigte, auch hier angelegt ist – die virtuose Konstruktion, die Zeit- und Perspektivensprünge, die Personen- und Detailfülle, die vielfältigen Reminiszenzen -, kommt dieser Roman doch leider nicht an den Nachfolger heran. Dieser vereinte Familienepos, historischen Roman und Polit-Thriller auf kunstvolle und überzeugende Weise, war gleichzeitig erschütternde Erinnerung an die blutigen Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs. Weiterlesen „Jaume Cabré – Eine bessere Zeit“

Kat Menschik – Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten

Gleich zu Beginn ein Geständnis: Ich habe bisher noch nie etwas von Edgar Allan Poe gelesen. Seine Geschichten kenne ich nur über den Umweg der Musik. In den Siebziger Jahren vertonte The Alan Parsons Project ausgewählte Werke des Autors auf dem Album „Tales of mystery and imagination“. Ich bin kein Fan von Phantastischer Literatur, von Schauergeschichten oder dunkler Romantik. Deshalb blieb dieser Klassiker für mich ein ebenso weißer Fleck wie beispielsweise E.T.A. Hoffmann. Dass sich das nun geändert hat, verdankt sich einem neuen Band aus der illustrierten Buchreihe des Galiani Verlags. Die von Kat Menschik gestalteten „Unheimliche Geschichten“ umfassen drei kürzere Erzählungen von Edgar Allan Poe, die einst von Fjodor Dostojewski zusammengestellt wurden, dessen Nachwort auch in das Büchlein aufgenommen wurde. Weiterlesen „Kat Menschik – Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten“

Marcelo Figueras – Das schwarze Herz des Verbrechens

Marcelo Figueras – Das schwarze Herz des Verbrechens

„Das ist die Macht, die die Literatur gewährt: Sie drängt uns, in die Haut der anderen zu schlüpfen, sich vorzustellen, was die fühlen, die nicht wir sind. Das kann dreckig sein, wenn es Schmerz hervorruft; (…)Trotzdem würde ich es nicht eintauschen wollen. Denn das ist der Grund, warum wir erzählen und lesen. Um Empathie zu erzeugen. Um mit unseren Gefühlen das Gefängnis zu überwinden, in das unsere Haut uns sperrt. Wenn man nicht von anderen ergriffen wird, woher soll man dann wissen, dass man lebt?“

Rodolfo Walsh, Jahrgang 1927, ist ein argentinischer Klassiker. Er gilt als Erfinder des investigativen Journalismus in Argentinien, schrieb weit vor Truman Capote etwas, das man „Testimonio“ nannte, den Tatsachenroman, „True crime“, eine auf Zeugenberichten aufgebaute, literarische Nacherzählung von Ereignissen. In Deutschland ist er eher unbekannt, drei seiner Werke erscheinen im Züricher Rotpunktverlag.

Eines davon, „Das Massaker von San Martin“ (Original: „Operacíon masacre) von 1957, nahm der argentinische Autor Marcelo Figueras nun als Ausgangspunkt für seinen neuen Roman. Er ist eine Hommage an den engagierten Journalisten und Schriftsteller Walsh, der 1977 von einem Einsatzkommando der Militärjunta auf offener Straße erschossen wurde (wie übrigens ein Jahr zuvor seine ebenfalls oppositionell arbeitende Tochter). Eine Hommage, aber alles andere als eine eindimensionale Heldenverehrung, sondern eine differenzierte Persönlichkeitsstudie und seinerseits eine Art „Testimonio“. Weiterlesen „Marcelo Figueras – Das schwarze Herz des Verbrechens“

Deborah Levy – Heiße Milch

Deborah Levy schafft von Beginn an eine sehr eindrückliche, sehr sinnliche Atmosphäre für ihren neuen Roman „Heiße Milch“, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize stand.„2015. Almería. Südspanien. August.“Sogleich entstehen Kinobilder im Kopf des Lesers, die man sich sehr gut auf großer Leinwand vorstellen kann: die flirrende Hitze, die ausgedörrte Landschaft am Fuße der Sierra Nevada, die sich kilometerlang hinziehenden Gewächshausfolien, unter denen Tomaten und anderes Gemüse heranreifen.

In diese Landschaft stellt die Autorin ein kleines Ferienhaus, in dem zwei Britinnen untergebracht sind, Mutter und erwachsene Tochter. Die Atmosphäre ist aufgeladen und ein wenig surreal. Nebenan ist eine Tauchschule, an der jeden Morgen zwei Mexikaner herumweißeln, während der cholerische Inhaber am Computer spielt und sein auf dem Dach angeketteter Hund sich die Seele aus dem Leib bellt. Weiterlesen „Deborah Levy – Heiße Milch“