Hafenstadt Hamburg in den 1930er Jahren. Spätestens seit dem 30. Januar 1933 treten die braunen Horden auch in der als „rot“ bekannten Stadt immer ungenierter auf. Das bekommen alle Einwohner immer deutlicher zu spüren, besonders aber natürlich die jüdischen Mitbürger und die randständigen, die marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Für letztere interessiert sich die Autorin Anja Kampmann in ihrem großartigen, prallen Roman Die Wut ist ein heller Stern besonders. Es sind die etwas zwielichtigen Etablissements, die ärmlichen Stuben der Arbeiterviertel, die Glitzerwelt der heruntergekommenen Revuetheater, die Bordelle und kommunistischen Sportclubs, die dunklen Hinterhöfe, in denen die Handlung verortet ist. Der Roman legt dabei den Fokus auf die Frauen. Viel zu wenig thematisiert werden nach wie vor die Repressalien und die Verfolgung, die beispielsweise die Prostituierten, Tänzerinnen und Akrobatinnen der Reeperbahn erleiden mussten. Weiterlesen „Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern“
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Jehona Kicaj – ё
„Nach dem Aufwachen habe ich einen Splitter im Mund.“ Das Ergebnis eines intensiven Bruxismus, der der Ich-Erzählerin vom Arzt attestiert wird, eines starken Zähneknirschens, bei dem der Zahnschmelz zerstört wird. Dabei ist Zahnschmelz die härteste Substanz des Körpers. Bruxismus und die damit verbundene Knorpelschädigung kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass schmerzfreies Kauen und Sprechen nicht mehr möglich ist. Sprachlosigkeit wäre also eine Folge, dabei zieht sich Sprachlosigkeit und Schweigen bereits durch das Leben der Erzählerin, Kind von nach Deutschland geflüchteten Kosovo-Albanern. Schweigen über die Herkunft, den Krieg, allmählicher Verlust der Muttersprache. Jehona Kicaj wählt für ihren eindringlichen, poetischen Roman den Buchstaben ё als Titel, einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache omnipräsent ist, oft aber gar nicht ausgesprochen wird. Weiterlesen „Jehona Kicaj – ё“
Sarah Lorenz – Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
Die große Begeisterung, die – zumindest auf Instagram – über dieses Buch ausgebrochen ist, kann ich leider nicht verstehen. Oder ich kann sie eben nur mit Blick auf die starke Präsenz der Autorin auf Bookstagram, dort unter dem Namen @buchischnubbel unterwegs mit knapp 20.000 Followern, verstehen. Wahrscheinlich bin ich aber auch einfach nur mal wieder nicht die passende Zielgruppe für das Buch von Sarah Lorenz namens Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken. Der Lackmustest hierzu ist recht einfach: „Ich bin so erschöpft vom Fühlen“ heißt es einmal im Buch. Und wer diesen Satz okay findet, der kann es mit diesem autobiografisch inspirierten und mit überquellenden (für mich eher übermäßigen) Gefühlen angefüllten Roman sicher mal versuchen. Ich konnte mit der 39-jährigen Ich-Erzählerin Elisa, die auf ihre ziemlich traurige Kindheit und Jugend zurückblickt, in ihren Gefühlen badet und die Dichterin Mascha Kaléko verehrt, so gar nicht warm werden. Weiterlesen „Sarah Lorenz – Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“
Barbara Kingsolver – Die Unbehausten
Unsheltered – so der Originaltitel des bereits 2018 erschienenen, soeben auf Deutsch herausgekommenen Romans von Barbara Kingsolver, der mit Die Unbehausten nur leidlich gut getroffen wird. „Die Ungeschützten“ wäre vielleicht passender, hätte aber einen Beiklang, der ein wenig an einen verpassten Impftermin erinnert. Dabei geht es im Buch um ein allumfassendes Gefühl des ungeschützt Seins, des bröckelnden gesellschaftlichen Halts, der sozialen Unsicherheiten. Verkörpert wird dies durch ein baufälliges viktorianisches Haus im US-amerikanischen Vineland/New Jersey. Zwei Familien sind über es durch die Jahrhunderte verbunden (auch wenn sich am Ende herausstellt, dass es sich gar nicht um ein und dasselbe Haus handelt, der Platz ist derselbe). Weiterlesen „Barbara Kingsolver – Die Unbehausten“
Charlotte Gneuß – Gittersee – Kurz vorgestellt
Im Herbst 2023 war wohl keine Debatte in der Literaturwelt so heiß wie die um den Debütroman Gittersee von Charlotte Gneuß. Der Roman war für den Deutschen Buchpreis nominiert und hatte den Preis der Jürgen Ponto Stiftung genauso wie den Aspekte-Literaturpreis gewonnen. Das Lob der Literaturkritik war – teils mit kleinen Abstrichen – fast einhellig. Wäre da nicht die sogenannte „Mängelliste“ gewesen. Eigentlich – zumindest offiziell – nur für den verlagsinternen Gebrauch gedacht, erreichte sie die Öffentlichkeit und auch die Buchpreis-Jury. Und plötzlich wurde heftig diskutiert. Um Ungenauigkeiten, Fehler, vor allem aber darum, ob man das überhaupt darf, als junge, 1992 geborene, westdeutsch aufgewachsene Autorin über die DDR im Jahr 1976 zu schreiben. Eine eigentlich lächerliche Debatte, die aber hohe Wellen schlug. Und die gegenüber einem Debütroman besonders unangebracht war. Weiterlesen „Charlotte Gneuß – Gittersee – Kurz vorgestellt“
Yuko Kuhn – Onigiri
Yuko Kuhn, 1983 in München geboren, schreibt in ihrem Debütroman Onigiri über eine Mutter-Tochter-Beziehung, die stark autobiografisch geprägt ist. Das Aufwachsen in zwei Kulturen thematisiert sie anhand ihrer Protagonistin Aki genauso wie das zunehmende Abgleiten der Mutter Keiko in die Demenz. Keiko, die Anfang der 1970er Jahre nach Deutschland kam, wo sie ihren zukünftigen Mann Karl, den Vater von Aki beim Chorsingen kennenlernte, zwei Kinder auf die Welt brachte. Und die in Deutschland nie so richtig angekommen ist. Yuko Kuhn erzählt davon still, unaufgeregt und liebevoll. Weiterlesen „Yuko Kuhn – Onigiri“
Julia Kelly – Das Geschenk des Meeres – Kurz vorgestellt
Im Debütroman Das Geschenk des Meeres von Julia R Kelly befinden wir uns im Jahr 1900 in dem kleinen schottischen Küstenort Skerry. Hier lebt man vom Fischfang, das Wetter ist rau und die See gefährlich und tückisch. An einem stürmischen Wintertag rettet der Fischer Joseph einen kleinen Jungen aus dem Meer und bringt dadurch Erinnerungen an einen dramatischen Tag vor fünfzehn Jahren wieder ins Bewusstsein der Dorfgemeinschaft, die dadurch ordentlich durcheinandergewirbelt wird. Weiterlesen „Julia Kelly – Das Geschenk des Meeres – Kurz vorgestellt“
Annett Gröschner – Schwebende Lasten
Schwebende Lasten ist der so poetische wie passende Titel eines Romans, in dem Annett Gröschner ein ganzes Frauenleben im 20. Jahrhundert erzählt. Ein Leben, das so einzigartig wie exemplarisch ist, das ähnlich millionenfach gelebt wurde und doch in der Regel unsichtbar bleibt. Weiterlesen „Annett Gröschner – Schwebende Lasten“
Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste
Eine sehr unangenehme Situation: Die überbehütende Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri allein mit einem Handwerker, der Reparaturen auf dem Balkon erledigen soll. Uri ist zappelig und quengelig, lässt sich nur durch wiederholtes Stillen beruhigen. Aber das jetzt mit einem fremden Mann im Haus… Ein ganz ungutes Gefühl, denn der Mann ist zudem noch Araber. Naomi ist sich ihrer Vorurteile bewusst und heißt sie auch nicht gut, aber sie sind ja dennoch da. Schnell macht sie dem Arbeiter einen Kaffee, bemüht sich, besonders freundlich zu sein, denn ihre Ängste sind doch völlig unangebracht, oder? Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, in all ihren Büchern eine Meisterin der „menschlichen Abgründe“, entwickelt aus dieser eher alltäglichen Situation das Drama Ungebetene Gäste, das das Leben aller Beteiligten komplett verändern und die Leser:innen bis zum Ende fesseln wird. Weiterlesen „Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste“
Ursula Knoll – Zucker
Als ich Ursula „Usch“ Knoll 2023 auf der Verleihung des Bloggerpreises Das Debüt 2022 traf und neugierig nach ihrem neuen Schreibprojekt nach Lektionen in dunkler Materie fragte, war ich erstaunt, als sie verriet „es geht um Zucker und wird was Historisches“. Positiv erstaunt, denn ich bewundere und schätze sehr, wenn Autor:innen mit jedem Buch etwas Neues wagen. Und das bereits mit dem zweiten Buch. Weiterlesen „Ursula Knoll – Zucker“









