Katerina Poladjan – Hier sind Löwen

Das Szenario ist nicht neu und bereits unzählige Male Ausgangspunkt und/oder Sujet von Romanen gewesen: eine nicht mehr ganz junge Frau, so um die Dreißig (wahlweise auch ein junger Mann), ist im Leben noch nicht so ganz angekommen, beruflich leicht prekär, aber gut ausgebildet, Beziehungsstatus noch nicht wirklich geklärt, genauso offen wie die Zukunftspläne, kommt an einen Punkt, der mittlerweile sogar einen Namen besitzt, die „Quarterlife-Crisis. Oft stecken irgendwelche familiären, gern verdrängten und nicht gleich offensichtlichen Probleme hinter dem Dilemma. Und oft dient eine Reise zu den familiären Wurzeln als Anstoß, sich darüber Klarheit zu verschaffen. Das ist auch bei der Protagonistin von Katerina Poladjan in ihrem 2019 für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Hier sind Löwen“ so.

Das Besondere dieses Buchs liegt in der Familiengeschichte und in der Profession der Protagonistin. Weiterlesen „Katerina Poladjan – Hier sind Löwen“

Deniz Utlu – Gegen Morgen

Besitzt das Leben einen abnehmenden Grenznutzen? Das ist eine der Fragen, die sich der Protagonist in  „Gegen Morgen“, dem neuen Roman von Deniz Utlu, stellt.

„Existiert ein Punkt im Leben, an dem ein betrachtetes Individuum das Leben satt hat, weil zusätzliche Lebenseinheiten kaum mehr einen zusätzlichen Nutzen bringen?“

Eigentlich soll Kara, 32, studierter Volkswirt in Berlin, für eine Versicherungsgesellschaft die „erwartbaren Kosten eines Lebens“ berechnen. Gedacht, um Versicherungssummen besser kalkulieren zu können, trifft diese Aufgabe Kara gerade an einem heiklen Punkt seines eigenen Lebens. Er scheint in einer existentiellen Sinnkrise zu stecken, viele wichtige Fragen, die sich in diesem Alter verstärkt stellen, die nach der Familienplanung, die nach der beruflichen Zukunft oder auch nur die des zukünftigen Wohnorts, scheinen für Kara in der Schwebe zu hängen. Weiterlesen „Deniz Utlu – Gegen Morgen“

Nora Bossong – Schutzzone

Mira ist Anfang Dreißig, beruflich erfolgreich, ungebunden, ein wenig einsam, in eine außereheliche Affäre verstrickt. Charakterlich ist sie nicht ganz unangreifbar, öfters zynisch, manchmal verletzlich, aber kämpferisch und sehr reflektiert. Was sie über diese Charakterisierung hinaus, die auf unzählige andere Frauen ihres Alters ebenso zutreffen könnte, für einen Roman interessant macht, ist ihr Arbeitsplatz. Mira Weidner arbeitet an vorderer Front für die Vereinten Nationen. Nora Bossong schreibt in ihrem Roman „Schutzzone“ über sie. Weiterlesen „Nora Bossong – Schutzzone“

„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2019 – Meine Entscheidung

Bereits zum dritten Mal war ich dieses Jahr Mitglied der Bloggerjury für „Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2019, der, der Name verrät es, ein besonders gelungenes Debütwerk deutscher Sprache auszeichnen möchte.

Wieder haben sich Bozena, Sarah und Janine vom Blog „Das Debüt“ wie jedes Jahr durch einen Stapel zum Preis eingereichter Debütromane (dieses Jahr stattliche 80) hindurchgelesen und und daraus eine Shortlist zusammengestellt, bestehend aus fünf Titeln. Wir Juryblogger haben also eine kleine, feine Auswahl, der wir uns dann in aller Ruhe widmen können.
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Steffen Kopetzky – Propaganda

in In der US-amerikanischen Geschichtsschreibung nimmt die von Oktober 1944 bis Februar 1945 in der Nordeifel tobende „Schlacht im Hürtgenwald“ eine ganz bedeutende Rolle ein. Das mag daran liegen, dass dieser Waldkampf gegen die sich in versteckten Bunkern verschanzenden Deutschen, die zudem das Gelände weiträumig verminten und mit Sprengfallen versahen, zu den verlustreichsten (24.000 Todesopfer auf beiden Seiten) Operationen der Amerikaner und den misslungensten Militäroperationen der US-Streitkräfte überhaupt gehört. Es mag aber auch eine Rolle spielen, dass ein strategisches Auftrumpfen der Wehrmacht nach dem Mai 1945 nicht angezeigt war. Steffen Kopetzky rückt nun in seinem Roman „Propaganda“ diese in schneidender Kälte, zunächst nicht nachlassendem Regen und schließlich Schneefall geführte Schlacht in den Mittelpunkt. Und entwickelt durchaus eine gewisse Faszination für das Kriegsgeschehen. Weiterlesen „Steffen Kopetzky – Propaganda“

Bodo Kirchhoff – Dämmer und Aufruhr

„Dämmer und Aufruhr“ – das ist ein Titel, der mich eigentlich wegen seiner pompösen Theatralik wenig anspricht, genauso wenig wie andere Werke des Autors Bodo Kirchhoff, „Verlangen und Melancholie“ etwa, oder „Eros und Asche“. Auch sind Liebe und Eros, Begehren und Obsession, um die viele der Romane Kirchhoffs kreisen, nicht die von mir für eine Lektüre bevorzugt ausgewählten Themen, besonders wenn sie immer so etwas Schwüles, Pathetisches umweht. Also, ich gebe es zu, ich bin eigentlich keine Bodo Kirchhoff-Leserin. Auch die 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Novelle „Widerfahrnis“ konnte mich für sich nicht einnehmen.

Nun hatte mir Nadya Hartmann von der FVA, die ich im Rahmen der Aktion „Verlage besuchen“ traf, das neue Buch von Kirchhoff, das damals im Entstehen war, aber so nahe gebracht, das ich es unbedingt lesen wollte. Danke, denn dieses Buch hat mich sehr begeistert. Weiterlesen „Bodo Kirchhoff – Dämmer und Aufruhr“