Gaёl Faye – Kleines Land

Es ist ein kleines Land, aus dem dieser Roman berichtet und aus dem der 1982 geborene Autor Gaёl Faye stammt. Es ist kleiner als Belgien, aber genauso dicht besiedelt. Es liegt im Landesinneren des östlichen Afrika, am Tanganjikasee, 46% seiner Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Neben Kirundi ist auch Französisch Amtssprache. Die Menschenrechtslage ist äußerst problematisch.

Burundi ist laut Welthunger-Index das ärmste Land der Erde.

Ich muss zugeben, dass ich bisher wenig über Burundi wusste. Weiterlesen „Gaёl Faye – Kleines Land“

Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben

Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben

»Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Doch die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein.«

Es ist tatsächlich eine unglaubliche Geschichte, die Pierre Lemaitre uns hier erzählt. Er knüpft dabei an seine Kriminalromane und Thriller an, die er vor seinem großen Erfolg mit dem Prix Goncourt gekrönten Roman „Wir sehen uns dort oben“ veröffentlicht hat. (Dieser wird allerdings fortgesetzt; geplant ist eine Trilogie).

Der Mörder steht dabei allerdings von Anfang an fest, auch die Tat wird bereits auf den ersten Seiten geschildert. Sie ist es, die so fassungslos macht. Ein zwölfjähriger, ruhiger, eher in sich gekehrter Junge tötet in einem Moment der rasenden Wut einen kleinen sechsjährigen Nachbarsjungen. Dessen Vater hat seinen von Antoine sehr geliebten Hund, nachdem er von einem Auto angefahren wurde, erschossen. Nicht, um das Tier von seinem Leiden zu erlösen, so schwer verletzt war es wohl gar nicht, sondern schlicht um die Tierarztkosten zu sparen. Die Sitten sind rau in der Provinz, „jener waldreichen Gegend, in der das Leben langsamen Rhythmen folgt“. Für Antoine aber ist der Tod seines vierbeinigen Freundes ein schrecklicher Verlust, gerade weil seine Eltern niemals ein Haustier erlaubt hatten und er auch kaum Freunde hat.
Er wollte den kleinen Rémi nicht töten, nicht einmal wehtun wollte er ihm. Aber da waren dieser Stock und diese unglaubliche Wut auf dessen Vater und dieser furchtbare Schmerz. Von Panik ergriffen versteckt Antoine die Leiche in einer natürlichen Erdhöhle im Wald. Dabei geht er mit einer verblüffenden Entschlossenheit zu Werk. Geschuldet der Angst vor Entdeckung, aber auch vor dem Kummer, den seine Tat und die daraus entstehenden Konsequenzen bei seiner alleinerziehenden Mutter auslösen würden. Zuviel Traurigkeit ist da schon, seitdem der Vater vor sechs Jahren nach Deutschland ging und dort eine neue Familie gründete. Weiterlesen „Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben“

Jean Echenoz – Laufen

Jean Echenoz erzählt in Laufen von Emil Zátopek – „die tschechische Lokomotive“, Ausnahmesportler, Landes- und Europameister, vier olympische Goldmedaillen, davon drei allein 1952, jahrelanger Weltrekordhalter in allen Distanzen ab 5000m, insgesamt 18 Weltrekorde.

Es ist die Magie der Literatur, mir als mäßig an Sportereignissen und nahezu gar nicht an Leichtathletik Interessierter, der das Langstreckenlaufen schon immer als eine der ödesten aller auszuübenden Sportarten erschien, diesen lange vor meiner Zeit aktiven Athleten nahezubringen, mich seine Wettkämpfe mit Spannung verfolgen und an seinem Schicksal Anteil nehmen zu lassen. Es ist die besondere Magie der Literatur von Jean Echenoz, wie leise, unaufdringlich und eindrücklich das geschieht. Weiterlesen „Jean Echenoz – Laufen“

Mathias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten Königen und Elefanten

Ebenso kunstvoll und kostbar wie die Preziosen am Hofe des Sultans Bayezid II. erscheint mir der schmale Roman von Mathias Énard, Erzähl ihnen von Schlachten Königen und Elefanten , der 2010 auf der Shortlist des Prix Goncourt stand und schließlich den Prix Goncourt des Lycéens gewann und für mich das schönste Buch ist, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe.

Es erzählt von jenem Sultan des Osmanischen Reichs, der 1506 den Künstler Michelangelo Buonarotti nach Istanbul einlud, damit der ihm eine Brücke über den Bosporus entwerfe. Aus dem Jahr 1502 stammt ein Modell des Landsmannes und Konkurrenten Leonardo da Vinci, die dem Herrscher aber nicht zusagte. Weiterlesen „Mathias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten Königen und Elefanten“

Dominique Manotti – Abpfiff

Dominique Manotti – Abpfiff – im Zentrum der Fußball

Hin und wieder kommt bei mir schon leises Erstaunen auf, mit welch stoischer Haltung Skandale in allen Bereichen der Fußballwelt hingenommen werden. Ob es sich um Korruptionsverdacht, gerne zu „Einflussnahme“ bagatellisiert, oder Geldwäschegerüchte handelt, ob Weltmeisterschaften an fragwürdige Orte vergeben werden oder Funktionäre Geldgeschäfte tätigen, für die Manager oder Banker schon längst von der Gesellschaft zumindest moralisch geächet werden, mehr als ein kurzes aufgeregtes Geraschel, gefolgt von meist lässigem bis resigniertem Schulterzucken ist da in der Regel nicht zu vernehmen. Milliardengeschäfte, Geschacher um Übertragungsrechte, Vermarktungszirkus, modernes Legionärstum, unangemessenes bis kriminelles Verhalten sowohl von den Sportlern als auch von Fans – handelt es sich um Fußball ist das Urteil darüber meist vergleichsweise milde. Nun, Liebe und Leidenschaft tragen nun mal nie zu einem klaren Urteil bei. Und Fußball ist tatsächlich in der Lage beides breitflächig zu entfachen.

„Und weil das so ist, kann vielleicht nur eine Frau auf die komplett idiotische Idee kommen, einen Krimi zu schreiben, in dessen Zentrum ein Fußballklub steht.“ Weiterlesen „Dominique Manotti – Abpfiff“

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende

 Jean-Luc Seigle - Der Gedanke an das Glück und an das Ende

Es liegt eine ungeheure Traurigkeit auf diesem Buch. „En vieillissant les hommes pleurent“ lautet der Originaltitel.

Derjenige, der da älter wird, ist Albert Chassaing, 53 Jahre, Arbeiter bei Michelin, irgendwo in der französischen Provinz nahe Clermont. Man schreibt das Jahr 1961, Frankreich befindet sich im Algerien-Krieg und auch Alberts ältester Sohn ist in diesen Krieg gezogen, schmerzlich vermisst von seiner ihn über alles liebenden Mutter Suzanne. Die Ehe von Albert und Suzanne ist schon lange nicht mehr glücklich, Albert liebt seine Frau noch, kann mit ihr aber nicht reden, versteht sie nicht, verschließt sich. Er fühlt sich vor allem hingezogen zu seinem eigenwilligen jüngeren Sohn Gilles, dem im Schatten seines großen Bruders nur wenig mütterliche Liebe zukommt, der nichts lieber tut als Bücher zu lesen, der in der Schule erfolgreich ist, aber in sich gekehrt, verschlossen. Weiterlesen „Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist“

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle - Ich schreibe Ihnen im Dunkel

„Auch wenn es um die grässlichsten Verbrechen geht, hat man das Bedürfnis, etwas zu verstehen, sich irgendwie ein wenig zum Verteidiger zu machen, hier und da ein bisschen Mitleid aufzubringen. Mit Pauline, diesem harten Biest, funktioniert das nicht. Sosehr ich es befrage, mein Herz bleibt kalt.“

Wer ist diese Pauline Dubuisson, die der französische Journalist und Autor einer Serie über berühmte Kriminalfälle Frankreichs in „Paris Match“, Jean Cau, fast vierzig Jahre nach ihrer Tat, im Jahr 1991, noch so harsch verdammt? Vielleicht trägt zu Caus rigorosen Urteil die Tatsache bei, dass Cau einst Mitglied der Résistance war.

Denn eines der großen Verbrechen dieser Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Wie nah Gut und Böse liegen, wie schnell die heroischen Résistancekämpfer sich ihrerseits in rachedurstige, unmenschliche Bestien verwandeln konnten, erschüttert zutiefst. Weiterlesen „Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“

Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens - Und du bist nicht zurückgekommen

 

„Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen, weißt du, trotz allem, was uns widerfahren ist. Fröhlich auf unsere Art, aus Rache dafür, dass wir traurig waren und dennoch lachten. Die Leute mochten das an mir. Aber ich verändere mich. Es ist keine Bitterkeit, ich bin nicht bitter. Es ist, als wäre ich schon nicht mehr da. Ich höre Radio, die Nachrichten, ich weiß, was geschieht, und es macht mir oft Angst. Ich habe hier keinen Platz mehr.“

Das Gefühl, keinen Platz mehr zu haben, kennt Marceline Loridan-Ivens aus ihrer Jugend.
1943, mit 15 Jahren, wurde sie zusammen mit ihrem Vater aus Frankreich deportiert. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Zwei Lager, die nur drei Kilometer trennten und zwischen denen doch ein unüberwindbarer Abgrund klaffte. Weiterlesen „Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen“

Françoise Frenkel – Nichts um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel – Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel - Nichts um sein Haupt zu betten

„Aber, Madame, Sie scheinen mir das politische Klima im gegenwärtigen Deutschland nicht zu kennen!“

rief der französische Generalkonsul, die Arme zum Himmel erhoben aus, als ihm Françoise Frenkel ihren Plan, im Jahr 1921 in Berlin eine französische Buchhandlung zu eröffnen unterbreitete. Der Erste Weltkrieg war noch nicht lange beendet, es war die Rede von der „Schmach von Versailles“, die Dolchstoßlegende kursierte und rechte Kräfte rotteten sich bereits zusammen. Die Stimmung in der Stadt und ganz Deutschland war alles andere als frankophil.

„Man wird Ihnen den Laden zertrümmern!“

prophezeite der obige Herr. Weiterlesen „Françoise Frenkel – Nichts um sein Haupt zu betten“

Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben

Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben

Sylvie Schenk - Schnell dein Leben

„Deine Kindheit ist eine kaum verblasste Musik. Man kann die Noten hintereinander staccato anklopfen oder jeder Zeit lassen, sich zu einer gebundenen Melodie auszudehnen.“

Sylvie Schenk macht in ihrem autobiografisch geprägten Roman eher ersteres: in 34 kurzen Kapiteln mit ebenso kurzen prägnanten Überschriften (Mädchen, Die Moral, Die Natur etc.) bei gerade mal 160 Seiten komprimiert sie ein Leben in eindringliche Szenen. Und dennoch gelingt ihr zugleich zweites, denn die kleinen Mosaiksplitter, die sie aus dem Leben Louises erzählt, ergeben insgesamt ein zwar verdichtetes, aber eben auch rundes Bild auf ein Leben und eine bestimmte Epoche unserer Geschichte. Weiterlesen „Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben“