Ursula Knoll – Zucker

Als ich Ursula „Usch“ Knoll 2023 auf der Verleihung des Bloggerpreises Das Debüt 2022 traf und neugierig nach ihrem neuen Schreibprojekt nach Lektionen in dunkler Materie fragte, war ich erstaunt, als sie verriet „es geht um Zucker und wird was Historisches“. Positiv erstaunt, denn ich bewundere und schätze sehr, wenn Autor:innen mit jedem Buch etwas Neues wagen. Und das bereits mit dem zweiten Buch.

Zucker also. Lange Zeit auch als „weißes Gold“, als Luxusgut für die Reichen gehandelt. Zumindest zu der Zeit, als es noch ausschließlich aus Zuckerrohr gewonnen wurde, das in unseren Breiten bekanntlich nicht wächst und teuer importiert werden musste. Und das durch Sklavenwirtschaft den Plantagenbesitzern in Übersee und den kolonialen Händlern enormen Reichtum erwirtschafte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts trafen dann zwei Ereignisse zusammen, die diesen lukrativen Markt ordentlich durchmischten: der Chemiker Franz Carl Achard erfand eine Methode, den in der Zuckerrübe gefundenen Zuckergehalt wirtschaftlich zu extrahieren, und schaffte so die Grundlagen der industriellen Zuckerproduktion. So wurde das Süßungsmittel für eine deutlich breitere Bevölkerungsschicht erschwinglich. Was natürlich nicht alle erfreute. Und: der französische Kaiser Napoleon verhängte nach seinen kriegerischen Erfolgen eine Kontinentalsperre über Europa, was Großbritannien und seine Kolonien und dadurch auch die Rohrzuckerimporte empfindlich traf. Die Suche nach Alternativen wurde interessanter und dringlicher.

Multiperspektivischen und auf unterschiedlichen Zeitebenen

Folglich spielt einer der multiperspektivischen und auf unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelten Erzählstränge zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Am Ende des Buchs ist ein Überblickbild zu den Protagonist:innen zu finden, das die Beziehungen untereinander sichtbarer machen und die Orientierung erleichtern soll. Sie zu behalten, gelingt aber überraschend leicht und mühelos.

Über allen „schwebt“ sozusagen Ejo. Ejo ist allerdings 1828, wenn der eine Erzählstrang beginnt, bereits 13 Jahre tot. Gestorben mit 17 Jahren als Sklavin auf einer Zuckerrohrplantage. Sie erzählt von ihrer Schwester, die eine reale historische Person ist. Ursula Knoll vermischt hier kunstvoll Fakten und Fiktion. Die Schwester Mary Prince war die erste schwarze Frau, die 1831 ihre Memoiren über das Leben in der Sklaverei aufschreiben und publizieren ließ. Sie kam mit ihren Besitzern 1828 aus Bermuda nach London und wurde dort zu einer Freien, allerdings nur auf englischem Boden. Da ihre ehemaligen Sklavenhalter sie weiterhin misshandelten, verließ sie sie. Mitglieder der Herrenhuther Religionsgemeinschaft, der Mary bereits auf Bermuda angehörte, unterstützten sie nun. Der Sekretär der Anti-Slavery Society, Thomas Pringle, – auch eine reale Person, die im Roman Platz gefunden hat – stellte sie als Hausangestellte ein, eine Freundin, Susanna Strickland, schrieb ihre Lebensgeschichte auf, die als „The History of Mary Prince“ sehr erfolgreich und einflussreich wurde.

Die deutsche Revolution 1848

Für die zweite Erzählebene von Zucker knüpft Ursula Knoll eigentlich aus zwei Strängen, die sich dann aber verbinden und während der Deutschen Revolution 1848 beginnen. Zwei Frauengestalten sind dabei zentral und wieder ist Zucker ein tragendes Motiv. Mathilde Rothermann ist die Tochter des technischen Leiters der Wiener Neustädter Zuckerraffinerie Reyer & Schlick, Daniel Peter Rothermann, der sich mit seinen Chefs wegen seiner Unterstützung der Zuckergewinnung aus der Rübe überwirft, und daraufhin im burgenländischen Hirm eine eigene Fabrik eröffnet. Seine Tochter heiratet 1855 den Angestellten Patzenhofer und die beiden gründen eine eigene Zuckerfabrik in Siegendorf. Alles historisch belegte Personen und Ereignisse. Dazu stößt Dita, eine einfache Wiener Arbeiterin (passenderweise natürlich in einer Zuckerfabrik), die in die revolutionären Wirren 1848 gerät und schließlich in Hirm landet, wo sie Hausmädchen bei Mathilde und später deren Freundin und Vertraute wird. Dieser Erzählteil reicht bis ins Jahr 1873.

Und schließlich gibt es noch einen gegenwärtigen Erzählstrang, der von Paula und ihrer Tochter Kaja handelt und auch wieder auf unterschiedlichen Zeitebenen beheimatet ist. 1997 verbringt die Schülerin Paula einen Schüleraustausch in London. Ihre Gastfamilie dort ist Elsie und deren Tochter Frances. Paula verliebt sich in Frances, die ihre Gefühle aber nicht erwidert. In der Jetztzeit schreibt Tochter Kaja an einem Referat über Zucker und taucht dafür in die Geschichte ein.

Leicht, spannend und hochinteressant

Was sich jetzt vielleicht ein wenig unübersichtlich und kompliziert anhört, liest sich wunderbar leicht, spannend und hochinteressant. Ursula Knoll behält die einzelnen Erzählstränge, die in sich chronologisch voranschreiten, sicher in der Hand und verwebt sie kunstvoll ineinander. So erfahren wir viel über die Zuckergewinnung und ihre Geschichte, über Sklaverei, Abolitionismus (Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei), die Revolution von 1848, bürgerliches und Arbeiterleben im 19. Jahrhundert, Coming of age und heutiges Familienleben. Und das ganz unangestrengt, sehr unterhaltsam, mit feinem Witz.

2023 war ich in der Jury des Bloggerpreises Das Debüt und sehr von Ursula Knolls Debütroman überzeugt. Umso mehr freue ich mich nun darüber, dass sie mit Zucker einen mindestens genauso guten zweiten Roman geschrieben hat.

 

Beitragsbild by Gryffindor, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

____________________________________________________________________________________

Ursula Knoll - Zucker

x

.Ursula Knoll – Zucker
Edition atelier März 2025, 264 Seiten, gebunden, € 25,00

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Ursula Knoll – Zucker

  1. Das Thema Zucker ist wirklich in jederlei Hinsicht interessant. Ich habe mich bisher nur mit der medizinischen Perspektive und der“Zuckerlobby“ beschäftigt. Die Geschichte zur Entstehung des industr. Zuckers war mir bisher weniger bekannt. Das Buch schließt eine Lücke. Danke für die Anregung!

    1. Liebe Vera, es geht vor allem um die Konkurrenz von der neuen Zuckergewinnung aus Rüben, die bei den Importeuren von Rohrzucker natürlich wenig Beeeeegeisterung hervorrief. Mindestens genauso geht es aber auch um die 1848-Revolution und vieles mehr. Ich nochte diese Themenvielfalt, mit Fokus natürlich auf Zucker. Viele Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert