In diesem Jahr sind die Philippinen Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Wie bei jedem Gastland werden zu diesem Anlass außergewöhnlich viele Übersetzungen ins Deutsch präsentiert. So auch zum ersten Mal ein Buch der Nationalpreisträgerin Katrina Tuvera, Die Kollaborateure. Darin erzählt die Autorin über die stark postkolonial geprägte Geschichte ihres Landes anhand einer Familie. Mehr als 300 Jahre unter spanischer Herrschaft, amerikanische Kolonie bis 1946, brutale Besatzung durch Japan im Zweite Weltkrieg – die Philippinen standen seit dem 16. Jahrhundert durchgehend unter Fremdherrschaft. Und rutschten nach der Unabhängigkeit 1946 von einer starken Abhängigkeit von den USA in die zunehmend diktatorische Herrschaft von Ferdinand Marcos und seinem Clan. Der durchschnittliche Lesende wird eher wenig Kenntnis über die philippinische Geschichte haben. Da ist das sachkundige Nachwort von Annette Hug sehr hilfreich. Ein bisschen Recherche im Internet kann auch nicht schaden.
Carlos, der Familienpatriarch liegt im Krankenhaus, er ist herzkrank und benötigt eine riskante Operation. Vermutlich wird er nicht mehr lange leben. Nun erinnert er sich an seine Kindheit, Jugend und Erwachsenenjahre und damit an die philippinische Vergangenheit. Wie stark auch eine so weit vom europäischen Kriegsgeschehen entfernte Region unter dem Zweiten Weltkrieg litt, ist oft nicht so präsent in den zahllosen Romanen über diese Zeit. Besonders die Besatzung durch Japan war eine blutige und forderte fast 1 Million Zivilisten das Leben.
Unruhen auf den Straßen von Manila
In der Erzählgegenwart befinden wir uns kurz vor der Jahrtausendwende und auf den Straßen von Manila wird erneut gegen einen korrupten Präsidenten, in diesem Fall Joseph Estrada, demonstriert. Das erinnert Carlos an das Jahr 1986, als der seit 1965 regierende Diktator Ferdinand Marcos nach heftigen Protesten ins Ausland fliehen musste. Carlos war Politiker und einst mit Idealen in der liberalen Partei gestartet, wurde aber bald einer von Marcos Parteigänger, ein Kollaborateur der Diktatur. Einfluss hatte dabei sein alter Freunde Damiano, der schon früher zu den Nationalisten gewechselt ist und bei einem Attentat ums Leben kam.
Nicht nur Carlos erhält im Roman eine Perspektive, sondern auch seine Frau Renata, die als Kriegswaise ein hartes Schicksal hatte, und Tochter Brynn, sowie Damianos Sohn Jacob. Diese jüngere Generation leidet am Fortbestand von Korruption und Machtmissbrauch. Beide hadern mit der Vergangenheit ihrer Väter.
Das Buch ist sehr gut lesbar und verschafft einen sehr interessanten Einblick in die jüngere Geschichte des diesjährigen Gastlandes. Die Kollaboratere waren für mich daher ein idealer Auftakt für die Beschäftigung mit philippinischer Literatur.
Katrina Tuvera – Die Kollaborateure
Übersetzt von Jan Karsten
Mit einem Vorwort von Annette Hug
Wagenbach August 2025, 192 Seiten, gebunden, 22,– €







