Jan Costin Wagner zählt wie sein Kollege Friedrich Ani zu den stillen, melancholischen deutschen Krimiautoren, die weder viel Blut noch Action benötigen, um ihre Leser:innen zu fesseln. Oft überschreiten sie die Genregrenze und liefern empathische Psychogramme und dunkel-schwermütige Gesellschaftsbetrachtungen. Mit Am roten Strand bleibt Jan Costin Wagner diesem Stil treu. Weiterlesen „Jan Costin Wagner – Am roten Strand“
Autor: Petra Reich
Lektüre April 2022
Dieses Mal ohne viele einleitenden Wort: meine Lektüre im April 2022: Weiterlesen „Lektüre April 2022“
Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt
Als Fabrice Humbert seinen dritten Roman L´origine de la violence (dt Der Ursprung der Gewalt) 2009 veröffentlichte, wurde er nahezu sofort ein großer Erfolg. Das Buch wurde 2009 mit dem Orange Book Prize, 2010 mit dem Renaudot Pocket Book Prize und dem Grandes Écoles Literaturpreis ausgezeichnet, 2016 wurde es von Élie Chouraqui verfilmt. Es folgten Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Nur eine fehlte bisher: Deutsch. Dabei ist die autobiografisch inspirierte Spurensuche des an einem Deutsch-Französischen Gymnasium nahe Paris unterrichtenden Französischlehrers Humbert ein dezidiert der gemeinsamen Geschichte gewidmetes Buch. Das mangelnde Interesse ist vermutlich weniger durch das Thema des Romans begründet; vielleicht liegt es daran, dass es ein gefühlt sehr französisches Buch ist und man hierzulande dem unterkühlt-intellektuellen Herangehen an die eigene Familiengeschichte und ihre tragische Verstrickung mit Judenverfolgung und Nationalsozialismus eher skeptisch gegenübersteht. Weiterlesen „Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt“
Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache
In mittlerweile 24 Romanen hat die 1941 geborene Amerikanerin Ann Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die bedeutenden Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für Atemübungen der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Es wäre aber auf jeden Fall ein Fehler, Ann Tyler vorschnell ins Unterhaltungsfach abzuschieben, auch wenn sie sich ihre Themen im Alltag sucht, in der Familie, in Paarbeziehungen, im Durchschnittsleben, und sie immer den heiteren, den liebevollen Blick beibehält. Denn auch wenn die großen Tragödien, die Abgründe und die Politik meist, wenn überhaupt, nur am Rande aufscheinen, beinhalten ihre Bücher doch so viel Klugheit, Lebensweisheit und vor allem einen unbeirrbar scharfen Blick auf die Welt und ihre Menschen, dass man jedes davon ein wenig klüger verlässt. Außerdem ist ihr Stil so schnörkellos wie gekonnt, dass das Lesen einfach Freude macht. Von dieser Tradition weicht Anne Tyler auch in ihrem neuesten Roman Eine Gemeinsame Sache nicht ab. Weiterlesen „Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache“
Kristine Bilkau – Nebenan
Es sind leise, poetische, nachdenklich-melancholische Romane, die Kristine Bilkau verfasst, Die Glücklichen (2015), Eine Liebe in Gedanken (2018) und nun Nebenan. Romane, die Beziehungen ausloten, sowohl im ganz persönlichen Bereich zwischen Liebenden, in der Familie, in Freundschaften, der Nachbarschaft, aber auch im Gesellschaftlichen Bereich, in der Nachbarschaft, im Dorf, der Stadt. Weiterlesen „Kristine Bilkau – Nebenan“
Wolf Haas – Müll
Jetzt ist schon wieder was passiert – auch wenn Wolf Haas seinen neuesten Brenner-Roman Müll erneut (wie schon den vorherigen, Brennerova) nicht mit diesem fast schon legendären Anfangssatz beginnt, merkt man sehr schnell, dass es sich wieder um einen dieser sprachspielerischen, ja sprachverliebten, leicht schrägen Romane mit dem „Ermittler“ Simon Brenner handelt, mit denen der Autor Haas seine Leserschaft zunächst so regelmäßig versorgte. Nach Band 6 kam ein Bruch. Es schien, als hätte Haas genug von seinem so erfolgreichen Protagonisten. Anders als in vielen Kriminalserien ließ er am Ende nicht den Brenner, sondern den Erzähler erschießen.
Mit diesem Erzähler hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Wer er genau ist, bleibt offen. Sehr jovial, ein wenig tratschsüchtig und immer sehr darum bemüht, uns Leser:innen über die Welt und den Brenner aufzuklären, macht er die Besonderheit der Reihe aus. Ein ganz eigener Ton, ein sehr artifizielles und doch wie gesprochen wirkendes Österreichisch, ganz typische, stets wiederkehrende Redewendungen und die kumpelhafte Ansprache der Leser:innen zeichnen ihn aus. Mit dem vermeintlichen Tod dieses Erzählers schien auch die Brenner-Serie zu enden. Aber interessant! Der sechste Band hieß nicht zufällig Das ewige Leben. Nach langen sechs Jahren und einigen Protesten seitens der Brenner-Fans kehrte dieser 2009 tatsächlich wieder, in Brenner und der liebe Gott. Weiterlesen „Wolf Haas – Müll“
Adania Shibli – Eine Nebensache
Eine Nebensache betitelt Adania Shibli ihren schmalen Roman, mit dem sie 2020 und 2021 für den National Book Award for Translated Literature und den International Booker Prize nominiert war, genauer gesagt Tafsil Thanawi (Eine Kleinigkeit). Alles andere als eine Kleinigkeit ist aber die Geschichte, die sie im ersten Teil des Romans sparsam, präzise, unerbittlich erzählt.
Es ist der August 1949. Die sengende Sonne prallt unerbittlich auf die Wüste Negev im Süden Israels. Eine kleine Militäreinheit baut in ihrer von Disteln, dürrem Gestrüpp und Steinen geprägten Ödnis ihr Lager auf. Hier, dicht an der ägyptischen Grenze, sollen sie die Gegend durchforsten und von feindlich gesinnten Arabern befreien. Der Staat Israel ist noch jung und hat bereits seinen ersten Unabhängigkeitskrieg hinter sich. Weiterlesen „Adania Shibli – Eine Nebensache“
Lektüre März 2022
Der März stand unter dem Zeichen der zunächst abgesagten und dann in ganz anderer, aber sehr gelungener Form als Buchmesse_Popup stattgefundenen Leipziger Buchmesse. Enorme kreative Energien wurden dort frei und die ganzen Lesungen und die Verlagspräsenz im Werk2 waren einfach nur sehr sehr gelungen. Beglückende Tage für Buchmenschen wie mich. Lektüre gab es aber auch reichlich im März 2022. Und meistenteils äußerst gelungene dazu. Weiterlesen „Lektüre März 2022“
Lea Ypi – Frei
Als der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1989 in einem Artikel über den Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten das „Ende der Geschichte“ und den Sieg des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft weltweit prognostizierte, blieb seine These natürlich nicht unwidersprochen. Dennoch, ein klein wenig fühlte es sich so an, als würden nun alle Diktaturen und weltpolitischen Konfrontationen nach und nach durch den Wunsch der Völker nach Freiheit verschwinden. Heute wissen wir, wie naiv auch nur dieser Gedanke war. Wie es sich aber angefühlt hat, an dieser Bruchstelle der Geschichte quasi auf der „Verliererseite“ zu stehen, erzählt uns jetzt die aus Albanien stammende und an der London School of Economy politische Theorie lehrende Philosophin Lea Ypi in ihrem Memoir Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Weiterlesen „Lea Ypi – Frei“
Bettina Wilpert – Herumtreiberinnen
Herumtreiber:innen – was ist damit eigentlich gemeint? Menschen, die sich treiben lassen? Die sich keinem strikten Regelwerk unterwerfen? Die ihren Weg vielleicht noch nicht gefunden haben? Oder die sich vom Leben einfach überraschen lassen wollen? Heute hier, morgen dort. Auf jeden Fall ist der Begriff negativ konnotiert. Zumindest in einer Gesellschaft, die möglichst alles regulieren und unter Kontrolle halten möchte. Und das ist eher die Norm und steht in einer historischen Kontinuität. Und dass diese Kontrolle die weibliche Hälfte der Gesellschaft mehr betrifft als die männliche, auch das ist leider üblich. Wie unterschiedliche Gesellschaften mit denen, die ausscheren, umgehen, zeigt uns Bettina Wilpert in ihrem Roman Herumtreiberinnen. Weiterlesen „Bettina Wilpert – Herumtreiberinnen“









