Rachel Cusk – Lebenswerk

Als Rachel Cusk 2001 ihren literarischen autobiografischen Essay „A life´s work“ (deutsch jetzt bei Suhrkamp „Lebenswerk – Über das Mutterwerden“) veröffentlichte, war ihr Projekt noch relativ einzigartig. Es stellt quasi den Urtext eines Genres dar, das in den letzten Jahren zum Beispiel mit Sheila Hetis „Motherhood“ oder der Studie von Orna Donath „Regretting motherhood“ diskutiert wurde. Vieles, das Cusk in Ihrem Text zum ersten Mal zu Papier brachte und für das sie aufs heftigste gerade auch von anderen Frauen kritisiert und angefeindet wurde, ruft mittlerweile keine Empörung mehr hervor. Und doch ist das Buch hochaktuell, gerade durch seine gewisse Zeitlosigkeit. Weiterlesen „Rachel Cusk – Lebenswerk“

Deniz Utlu – Gegen Morgen

Besitzt das Leben einen abnehmenden Grenznutzen? Das ist eine der Fragen, die sich der Protagonist in  „Gegen Morgen“, dem neuen Roman von Deniz Utlu, stellt.

„Existiert ein Punkt im Leben, an dem ein betrachtetes Individuum das Leben satt hat, weil zusätzliche Lebenseinheiten kaum mehr einen zusätzlichen Nutzen bringen?“

Eigentlich soll Kara, 32, studierter Volkswirt in Berlin, für eine Versicherungsgesellschaft die „erwartbaren Kosten eines Lebens“ berechnen. Gedacht, um Versicherungssummen besser kalkulieren zu können, trifft diese Aufgabe Kara gerade an einem heiklen Punkt seines eigenen Lebens. Er scheint in einer existentiellen Sinnkrise zu stecken, viele wichtige Fragen, die sich in diesem Alter verstärkt stellen, die nach der Familienplanung, die nach der beruflichen Zukunft oder auch nur die des zukünftigen Wohnorts, scheinen für Kara in der Schwebe zu hängen. Weiterlesen „Deniz Utlu – Gegen Morgen“

Nora Bossong – Schutzzone

Mira ist Anfang Dreißig, beruflich erfolgreich, ungebunden, ein wenig einsam, in eine außereheliche Affäre verstrickt. Charakterlich ist sie nicht ganz unangreifbar, öfters zynisch, manchmal verletzlich, aber kämpferisch und sehr reflektiert. Was sie über diese Charakterisierung hinaus, die auf unzählige andere Frauen ihres Alters ebenso zutreffen könnte, für einen Roman interessant macht, ist ihr Arbeitsplatz. Mira Weidner arbeitet an vorderer Front für die Vereinten Nationen. Nora Bossong schreibt in ihrem Roman „Schutzzone“ über sie. Weiterlesen „Nora Bossong – Schutzzone“

Steffen Kopetzky – Propaganda

in In der US-amerikanischen Geschichtsschreibung nimmt die von Oktober 1944 bis Februar 1945 in der Nordeifel tobende „Schlacht im Hürtgenwald“ eine ganz bedeutende Rolle ein. Das mag daran liegen, dass dieser Waldkampf gegen die sich in versteckten Bunkern verschanzenden Deutschen, die zudem das Gelände weiträumig verminten und mit Sprengfallen versahen, zu den verlustreichsten (24.000 Todesopfer auf beiden Seiten) Operationen der Amerikaner und den misslungensten Militäroperationen der US-Streitkräfte überhaupt gehört. Es mag aber auch eine Rolle spielen, dass ein strategisches Auftrumpfen der Wehrmacht nach dem Mai 1945 nicht angezeigt war. Steffen Kopetzky rückt nun in seinem Roman „Propaganda“ diese in schneidender Kälte, zunächst nicht nachlassendem Regen und schließlich Schneefall geführte Schlacht in den Mittelpunkt. Und entwickelt durchaus eine gewisse Faszination für das Kriegsgeschehen. Weiterlesen „Steffen Kopetzky – Propaganda“

Mike McCormack – Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann

Es ist der Allerseelenmorgen, der 2. November 2008, mit dem Mike McCormack seinen 2017 für den Man Booker Prize nominierten Roman „Solar Bones“, auf Deutsch unter dem etwas sperrigen Titel „Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann“ bei Steidl erschienen, eröffnet. Das Datum wird im Verlauf des Buchs noch eine besondere Bedeutung erhalten. Weiterlesen „Mike McCormack – Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann“

Dana von Suffrin – Otto

Es gibt unzählige Familiengeschichten. Und unzählige davon handeln von Tyrannen, die diese Familien beherrschen, dirigieren, ihnen das Leben schwer machen. „Otto“ von Dana von Suffrin reiht sich da ein – und ist doch etwas ganz besonderes.

Otto ist der Vater der Ich-Erzählerin Timna, ein mittlerweile hochbetagter und etwas hinfälliger, aber immer noch sehr eigenwilliger und bestimmender Mann. Weiterlesen „Dana von Suffrin – Otto“

Erik Fosnes Hansen – Ein Hummerleben

Ein Hotel in den norwegischen Bergen zu Beginn der 1980er Jahre ist Schauplatz von „Ein Hummerleben“, dem neuen Roman von Erik Fosnes Hansen. Die glanzvollen Zeiten, in denen Flügel um Flügel angebaut, ein Schwimmbad und ein moderner Minigolfplatz eingerichtet wurden, sind lange vorbei und viele der 132 Zimmer stehen leer. Berghotel Fåvnesheim ist ein wenig verstaubt, eine nostalgische Melancholie liegt darüber. Weiterlesen „Erik Fosnes Hansen – Ein Hummerleben“

Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Um es gleich vorneweg zu sagen: Die Zeuginnen von Margaret Atwood sollte man nicht mit dem Report der Magd vergleichen. Auch wenn es sich hier quasi um eine Fortsetzung des vor 35 Jahren, 1985 erschienenen Roman handelt, der zu einem Kultbuch der feministischen Literatur wurde.

Dabei wurde Der Report der Magd bei Erscheinen lange nicht so einhellig positiv aufgenommen, wie man es vermuten könnte. Erst in den letzten Jahren, mit zunehmender Frauenverachtung, sei es durch radikale Islamisten wie IS oder Boko Haram, sei es durch sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Indien, sei es in der westlichen Welt, wo wieder Tendenzen zur Verschärfung von Abtreibungsverboten aufkommen und ein amerikanischer Präsident sich offen frauenfeindlich äußern darf, erhielt der Roman den Status und die Berühmtheit, die wir heute kennen. Beigetragen zu der hohen Popularität, die Der Report der Magd heute besitzt, hat sicher auch die viel gelobte Serie, die darauf aufbaut. Weiterlesen „Margaret Atwood – Die Zeuginnen“

Eduardo Halfon – Duell

Ein Streit unter Brüdern, ein kleines Gerangel führt dazu, dass der Vater zum ersten Mal mit seinen Söhnen über eine stets beschwiegene Familientragödie spricht: den frühen Tod seines älteren Bruders Salomon. Der eine Sohn, Eduardo Halfon, vielleicht der Autor, vielleicht auch nicht ganz, es handelt sich ja um einen Roman, strengt daraufhin Nachforschungen an und schreibt dieses Buch: Duell. Weiterlesen „Eduardo Halfon – Duell“

Tommy Orange – Dort dort

Literatur, die von Native Americans handelt oder von diesen verfasst wurde, ist in Deutschland, sieht man einmal von Louise Erdrich ab, kaum bekannt. Und auch in den USA selbst scheint sie nicht sehr weit verbreitet zu sein. 2018 aber erlangte der den Cheyenne und Arapaho Tribes angehörende, 1982 in Oakland, Kalifornien geborene Tommy Orange gleich mit seinem Debütroman There, there, deutscher Titel Dort dort , einiges an Aufsehen. Das Buch war Finalist für den Pulitzer Prize. Weiterlesen „Tommy Orange – Dort dort“