Volker Kutscher – Marlow

Eine Erfolgsgeschichte: Zehn Jahre Gereon Rath. Mit Marlow veröffentlicht Volker Kutscher nunmehr seinen siebten Fall. Dazu die fulminante, wenn auch nicht ganz unumstrittene und vielleicht auch nicht ganz so erfolgreich wie erwartete Verfilmung Babylon Berlin. Wie auch immer man zu diese Filmfassung steht: Wenn man die Geschichte von ihrer Romanvorlage abstrahiert, vor allem die äußerst fragwürdige Gestaltung der Frauenfiguren Charlotte und Greta beiseite lässt, die eine oder andere willkürliche inhaltliche Veränderung verdaut und sich über die sehr actionlastige Umsetzung besonders des letzten Teils des Fernsehspektakels genug aufgeregt hat, bleiben doch diese grandiosen Bilder, die die Figuren Volker Kutschers wohl für immer mit denen der Verfilmung verschmelzen lassen, Gereon Rath mit Volker Bruch, Charlotte Ritter mit Liv Lisa Fries. Und im Hinterkopf läuft diese merkwürdige, hypnotische Melodie, „Zu Asche, zu Staub“. Weiterlesen „Volker Kutscher – Marlow“

Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse

Die Stadt der Geheimnisse siedelt Stewart O’Nan in seinem neuen Roman im Jerusalem der Nachkriegszeit an.

Der aus Riga stammende Jude Brand ist wie unzählige andere nach seiner leidvollen Odyssee durch stalinistische und nationalsozialistische Lager, nachdem er seine komplette Familie im Holocaust verloren und selbst nur durch seine außerordentliche Geschicklichkeit als Mechaniker überlebt hat, mit einem maltesischen Frachter in Palästina gelandet. Weiterlesen „Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse“

Paul Beatty – Der Verräter

„Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut. Habe nie Steuern hinterzogen oder beim Kartenspiel betrogen. Habe mich nie ins Kino gemogelt oder merkantile Gepflogenheiten und die Erwartungen von Mindestlohnempfängern ignoriert, indem ich einer Drugstore-Kassiererin das überschüssige Wechselgeld vorenthalten hätte. Ich bin nie in eine Wohnung eingebrochen. Habe nie einen Schnapsladen ausgeraubt. Habe mich in vollbesetzten Bussen oder U-Bahnen nie auf einen Platz für Senioren gepflanzt, meinen gigantischen Penis rausgeholt und mir lüstern, aber auch leicht zerknirscht einen runtergeholt. Dennoch sitze ich hier, in den Katakomben des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten von Amerika, auf einem gut gepolsterten Stuhl, der, ähnlich wie das Land insgesamt, nicht ganz so gemütlich ist, wie er aussieht, die Hände in Handschellen auf dem Rücken, mein Recht zu schweigen längst abgehakt und vergessen, während mein Auto ebenso illegal wie ironisch in der Constitution Avenue steht.“

Schon der Beginn des Prologs, mit dem Paul Beatty seinen 2016 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetem Roman „Der Verräter“ (Original „The Sellout“) beginnt, macht deutlich, mit was für einem Buch man es hier zu tun hat. Keine der von amerikanischen Autoren bekannten, nicht selten großartigen Familiengeschichten oder Gesellschaftspanoramen, in die man bei allen Abweichungen und Differenzen doch immer irgendwie eintauchen kann, teilnehmen kann, Identifikationen aufbauen kann, im positiven oder auch im negativen Sinn. Weiterlesen „Paul Beatty – Der Verräter“

Jo Nesbø – Macbeth

Das Hogarth-Shakespeare-Projekt wurde zum 400. Todesjahr des großen englischen Dramatikers 2016 ins Leben gerufen. Gedacht als eine große Verbeugung vor dem Meister und als Beweis dafür, dass seine Dramen durchaus auch in der heutigen Zeit Aktualität und Gültigkeit haben, wurden acht renommierte zeitgenössische Autoren gebeten, ein Werk ihrer Wahl in einer Neubearbeitung vorzulegen. Nun erscheint von Jo Nesbø „Macbeth“.

Eine großartige Idee und die Autoren, die zusagten, wie Ann Tyler, Margaret Atwood und Howard Jacobson, versprachen eine spannende Auseinandersetzung mit Shakespeares Werk.

Ich muss nun, bei Erscheinen des siebten von insgesamt acht geplanten Büchern, zugeben, dass meine anfängliche stürmische Begeisterung recht bald ein wenig abflaute. Sah das Ergebnis doch eher durchwachsen aus. Weiterlesen „Jo Nesbø – Macbeth“

Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen

Was macht eigentlich den Reiz der Romane von Patrick Modiano aus? Was bewirkt, dass der Leser – zumindest der Modiano-Leser, es soll auch solche geben, die diese Prosa schlichtweg langweilig finden – dem Autor Buch für Buch durch seine Erinnerungen folgt? Erinnerungen, die jedes Mal nur variieren, zudem ausgesprochen vage bleiben, nie wirklich enthüllen, ob sie nun echt oder ausgedacht sind, was aber letztlich keine Rolle spielt. Modiano wird nachgesagt, stets nur das gleiche Buch zu schreiben und tatsächlich fügen sich die stets sehr schmalen Romane, immerhin sind über zwanzig davon auch auf Deutsch erschienen, zu einer großen Suche nach der verlorenen Zeit, um mal einen anderen großen französischen Autor zu zitieren. Nach der verlorenen Zeit, die sich vornehmlich in der Kindheit und vor allem Jugend des 1945 geborenen Autors konzentriert, also in den Fünfziger und Sechziger Jahren, und oft zurückgreift auf die dunkle Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Nun erscheint „Schlafende Erinnerungen“ von Patrick Modiano. Weiterlesen „Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen“

Patrick Modiano lesen : Backlist

Patrick Modiano, der Träger des Literaturnobelpreises von 2014, ist ein mich besonders faszinierender Autor. Sein reiches, wenn auch stets sehr schmales Werk begleitet mich schon seit sehr vielen Jahren und zieht mich mit jedem neu erscheinenden Buch erneut in seinen Bann. Modiano scheint stets das gleiche Buch zu schreiben. Wie musikalische Variationen drehen sich alle Titel um sein eigenes Leben, seine Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren, die eine ganz besondere war und wohl das Gefühl der Unsicherheit, Leere und Melancholie begründete, das in allen Texten herrscht, und die Wurzeln, die weit in die Zeit der deutschen Besatzung zurückreichen. Etwas zwischen Traumwelt und Erinnerungen hinterlässt auch bei der Leserin etwas Flirrendes, schwer einzuordnendes. Über die Jahre habe ich mir vorgenommen das gesamte Werk von Patrick Modiano zu lesen. Über die Jahre entstanden auch die Leseeindrücke, die ich hier versammeln möchte. Die Erscheinungsdaten beziehen sich auf die französischen Originalausgaben.

Wird fortgesetzt! Weiterlesen „Patrick Modiano lesen : Backlist“

Bill Beverly – Dodgers

Bill Beverly – Dodgers – East ist gerade mal fünfzehn, aber schon gut im Geschäft. Als Aufpasser für eines der Drogenhäuser im (fiktiven) heruntergekommenen Stadtteil „The Boxes“ in Los Angeles zuständig, ist er „Chef“ der anderen Jungs, die die Geschäfte am Laufen halten und Schmiere stehen, um rechtzeitig vor der Polizei zu warnen. Er ist mit Drogenboss Fin verwandt, Blut von seinem Blut, man vermutet sogar, er sei sein Sohn.

Deshalb bekommt er auch noch eine Chance, nachdem „sein“ Haus eines Tages bei einer Razzia auffliegt. Mit drei anderen der Jungs soll er in Wisconsin einen Auftrag erledigen. Ein Richter, der als Belastungszeuge für Fin gefährlich werden könnte, soll beseitigt werden. Über 2000 Meilen in einem Transporter quer durch die Staaten, ausstaffiert als Dodgers-Fans, damit sie nicht so auffallen. Der älteste der Jungen ist 20, hat ein abgebrochenes Studium hinter sich und hält sich auch sonst für etwas Besseres. Dieser Michael Wilson gefährdet das Unternehmen bereits in Las Vegas, weil er dort mal so richtig auf die Pauke hauen will. Es kommt zum Streit und die anderen drei fahren ohne ihn weiter. Weiterlesen „Bill Beverly – Dodgers“

Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty, geboren 1942 in Belfast, seit langem in Schottland lebend, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Irish Book Award für den vorliegenden Roman, „Midwinter Break“ (Schnee in Amsterdam) – ich muss zugeben – war mir völlig unbekannt. Ein bisschen googeln ergab, dass er Vorlage und Drehbuch für „Cal“ geschrieben hat, einen Film aus den 80er Jahren über den Nordirland-Konflikt, den zumindest kannte ich.

Und nun liegt „Schnee in Amsterdam“ vor, wiederum laut Google der erste Roman des Autors seit sechzehn Jahren. Was mich zu diesem Roman hinzog, war weder der Klappentext, noch das Buchcover, sondern etwas, worauf ich ansonsten gar nicht achte: eine Lobhudelei auf der Buchrückseite. Diese hier stammt von Richard Ford, und der ist einer meiner Säulenheiligen der Literatur.

Wie gut, dass ich ihm auch hier vertraut habe, denn „Schnee in Amsterdam“ ist ein ganz wunderbares Buch, dem noch viel mehr Aufmerksamkeit gebührt. Weiterlesen „Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam“

Tom Rachman – Die Gesichter

Pinch, der eigentlich so liebevoll klingende Kosename, den Bear Bavinsky seinem kleinen Sohn Charles verleiht, liegt auf diesem wie eine Last. Pinch, nach den leckeren kleinen Häppchen, Pinxtos, die der berühmte, genialische Maler-Vater einst im Baskenland so gern genascht hat. Ein Kosename, der unweigerlich verniedlicht, verkleinert, ein Gefühl, dem Charles so gerne entwachsen würde, und das er doch zumindest zu Lebzeiten des Vaters, nie los wird. Tom Rachman zeichnet in Die Gesichter die schwierige Vater-Sohn-Beziehung zwischen Pinch und Bear Bavinsky nach. Weiterlesen „Tom Rachman – Die Gesichter“

Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine

Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine

„Ein Mann in einer Bahnhofshalle, irgendein Mann in irgendeiner Bahnhofshalle. Ein Mann mit einem weißen Baumwollhemd und einer schwarzen Jeans, eine grüne Reisetasche in der rechten und eine schwarze Lederjacke in der linken Hand“ Er stand da und schaute hinauf zur elektronischen Anzeigetafel mit den zweispaltig von links oben nach rechts unten chronologisch angeordneten Abfahrtszeiten. Er las die Zielorte und vergaß sie gleich wieder. immer wieder fing er von vorn an, den Kopf im Nacken, reglos am Rand des Gewühls.“

Es ist natürlich nicht „irgendein Mann“, der da in „irgendeiner Bahnhofshalle“ steht. Friedrich Ani hat einen neuen „Fall für Tabor Süden“ vorgelegt, und die Leserin den ehemaligen Kriminalbeamten der Vermisstenstelle gleich identifiziert. Der Bahnhof ist derjenige von Südens und Anis Heimatstadt München und Tabor Süden befindet sich in einer, falls so etwas überhaupt möglich ist, noch melancholischeren, gedrückteren Stimmung als sonst. Weiterlesen „Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine“