Es sind kleine Helden, oder oft auch die kleinen Heldinnen, von denen die spanische Autorin Almudena Grandes erzählt. Diejenigen, die ihr Leben trotz aller Widrigkeiten jeden Tag von Neuem stemmen, manchmal maulend, manchmal laut zeternd, aber immer wieder dafür sorgen, dass es irgendwie weiter geht, die Kinder in die Schule, das Essen auf den Tisch kommen und darüber hinaus aber auch nicht die Gemeinschaft vergessen wird. Denn darum geht es Almudena Grandes in ihrem unterhaltsamen, leichten, bunten, aber nicht trivialen Roman: um Solidarität. Weiterlesen „Almudena Grandes – Kleine Helden“
Kategorie: Rezensionen
Juli Zeh – Neujahr
Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es Juli Zeh in ihrem aktuellem Roman „Neujahr“ vielleicht etwas hochtrabend benennt. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Weiterlesen „Juli Zeh – Neujahr“
Delphine de Vigan – Loyalitäten
Was Loyalitäten für sie bedeuten, hat Delphine de Vigan gleich zu Beginn ihres neuen, gleichlautenden Romans definiert.
„Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden.“
„Das sind die Sprungbretter, auf denen sich unsere Kräfte entfalten, und die Gruben, in denen wir unsere Träume begraben.“
Um verschiedene Arten von Loyalitäten dreht sich der Roman, und dass der Begriff nicht nur positiv besetzt ist, wird damit auch gleich von Anfang an klar. Weiterlesen „Delphine de Vigan – Loyalitäten“
Bodo Kirchhoff – Dämmer und Aufruhr
„Dämmer und Aufruhr“ – das ist ein Titel, der mich eigentlich wegen seiner pompösen Theatralik wenig anspricht, genauso wenig wie andere Werke des Autors Bodo Kirchhoff, „Verlangen und Melancholie“ etwa, oder „Eros und Asche“. Auch sind Liebe und Eros, Begehren und Obsession, um die viele der Romane Kirchhoffs kreisen, nicht die von mir für eine Lektüre bevorzugt ausgewählten Themen, besonders wenn sie immer so etwas Schwüles, Pathetisches umweht. Also, ich gebe es zu, ich bin eigentlich keine Bodo Kirchhoff-Leserin. Auch die 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Novelle „Widerfahrnis“ konnte mich für sich nicht einnehmen.
Nun hatte mir Nadya Hartmann von der FVA, die ich im Rahmen der Aktion „Verlage besuchen“ traf, das neue Buch von Kirchhoff, das damals im Entstehen war, aber so nahe gebracht, das ich es unbedingt lesen wollte. Danke, denn dieses Buch hat mich sehr begeistert. Weiterlesen „Bodo Kirchhoff – Dämmer und Aufruhr“
Elena Ferrante – Lästige Liebe
Bereits 1992 erschien in Italien der Debütroman „Lästige Liebe“ von Elena Ferrante, 1994 auch in Deutschland, wo er im Gegensatz zum Ursprungsland wenig Beachtung fand. Nun, nach dem fulminanten Erfolg, den die Neapolitanische Tetralogie weltweit und auch bei uns hatte, veröffentlicht der Suhrkamp Verlag die Neuübersetzung von Karin Krieger. Zahlreiche Motive des späteren Werks sind auch schon in „Lästige Liebe“ angelegt.
Erzählanlass ist hier wie dort ein rätselhaftes Verschwinden. So wie Lila zu Beginn der „Genialen Freundin“ spurlos verschwunden ist, so taucht auch die Mutter der Ich-Erzählerin Delia im wahrsten Sinne des Wortes ab. Ihre Leiche wird allerdings gefunden, der Roman beginnt:
„Meine Mutter ertrank in der Nacht des 23. Mai, an meinem Geburtstag, im Meer vor einem Ort namens Spaccavento, wenige Kilometer von Minturno entfernt.“
Die Umstände ihres Todes sind äußerst rätselhaft. Amalia war zwei Tage zuvor von Neapel aus mit dem Zug Richtung Rom aufgebrochen, um dort ihre Tochter zu besuchen. Drei merkwürdige Anrufe von ihr erreichten Delia, sie sei mit einem Mann zusammen, es folgten Beschimpfungen und schließlich ein Hilferuf, der Mann verfolge sie und wolle auch der Tochter nichts Gutes. In Rom kam Amalia nicht mehr an. Man fand ihre Leiche, nur mit einem teuren Designer-BH bekleidet, ertrunken am Strand. Unfall? Selbstmord? Oder sogar Mord? Die letzten zwei Tage der Mutter bleiben rätselhaft. Weiterlesen „Elena Ferrante – Lästige Liebe“
Donatella Di Pietrantonio – Arminuta
„Arminuta“ – die Zurückgekommene, so nennen sie die Bewohner des nicht näher bezeichneten Dorfs. Es dürfte sich nicht allzu weit entfernt von L´Aquila befinden, jener 2009 von einem Erdbeben stark zerstörten Hauptstadt der italienischen Abruzzen, der Donatella di Pietrantonio mit ihrem 2014 erschienenen Roman „Bella mia“ ein Denkmal setzte und in deren Nähe die Autorin aufgewachsen ist. Nun erscheint von Donatella Di Pietrantonio der schmale Roman Arminuta.
„Arminuta“ – sie sagen es ein wenig mitleidig, ein wenig ablehnend, vor allem aber mit Verachtung. Das nun 13jährige Mädchen hatte es, wenn auch ohne eigenes Zutun, heraus geschafft aus der Enge und Armut des Dorfes und ihrer in prekären Verhältnissen lebenden Familie. Eine wohlhabende entfernte Verwandte, die selbst keine Kinder bekommen konnte, hatte das Mädchen bereits als Säugling zu sich geholt, der Mutter regelrecht abgeschwatzt. Eine durchaus verbreitete Praxis im armen italienischen Süden der Sechziger und Siebziger Jahre und oft auch ein Glücksfall sowohl für das Kind als auch für die Pflegeeltern. Doch hier ist etwas schiefgelaufen. Von einem Tag auf den anderen musste das Mädchen zurück zu den leiblichen Eltern, von denen sie bisher gar nichts wusste. Weiterlesen „Donatella Di Pietrantonio – Arminuta“
Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 3
„Das Leben des Vernon Subutex“ Teil 1 bis 3, zwischen 2015 und 2017 in Frankreich erschienen, hat die dortige Literaturwelt ordentlich durchgeschüttelt und die ehemalige Skandalautorin Virginie Despentes in den Autorenolymp, gleich neben Michel Houellebecq, befördert. Seit 2016 ist sie Mitglied der renommierten „Académie Goncourt“.
Auch in Deutschland wurde die Trilogie, die nun mit Band 3 ihren Abschluss fand, bei Kritik und Lesern sehr gut aufgenommen. Scharf und schonungslos beleuchtet Despentes darin die französische Gesellschaft und die Entwicklungen der letzten Jahre und bietet reichlich Parallelen, die sich auch auf andere europäische Länder leicht übertragen lassen. Weiterlesen „Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 3“
Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris
Der französische Autor Jean-Philippe Blondel, Jahrgang 1964, schreibt seit 2003 sehr schmale, ruhige und sehr persönliche Romane, von denen mittlerweile sechs auf Deutsch erschienen sind. Es sind Texte, die man gemeinhin als „typisch französisch“ bezeichnet. Dies und vielleicht auch die Tatsache, dass sie hier bei uns in verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden, sind möglicherweise der Grund dafür, dass sie eher wenig beachtet geblieben sind. Neuere Französische Literatur wird in Deutschland in jüngerer Zeit gerne als innovativ, frisch, provokant, politisch wahrgenommen. All das sind die Romane von Jean-Philippe Blondel eher nicht, auch nicht Ein Winter in Paris. Weiterlesen „Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris“
Nino Haratischwili – Die Katze und der General
„Wie kommt der Krieg in den Menschen“, so könnte man sich an einem anderen Titel der Buchpreislonglist, der ansonsten nichts mit dem 760 Seiten starken Roman von Nino Haratischwili gemein hat und es zu meinem Bedauern auch nicht auf die Shortlist geschafft hat, bedienen, um das Hauptthema von „Die Katze und der General“ zu beschreiben.
Was macht der Krieg mit den Menschen, die ihn erleiden? Aber auch mit denen, die ihn führen? Was geschieht in den sogenannten „rechtsfreien Räumen“ mit den in ihnen Agierenden? Was bedeutet und wie geht man um mit Schuld? Und was ist Sühne? Kann es sie überhaupt geben? Und wie könnte sie aussehen? Weiterlesen „Nino Haratischwili – Die Katze und der General“
Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen
Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen
„Zum letzten Mal hatte ich Carlos Carballo gesehen, als er gerade in einen Polizeiwagen kletterte, die Hände in Handschellen auf dem Rücken, den Kopf eingezogen; am Bildschirmrand gab eine Textzeile Auskunft über die Gründe seiner Verhaftung: Er hatte versucht, den Anzug eines ermordeten Politikers zu stehlen.“
„Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn gekannt hätte, aber wir waren so vertraut miteinander, wie es nur die sein können, die einander täuschen wollten.“
Die Begegnung mit Carlos Carballo lässt den Ich-Erzähler tief in die politische Vergangenheit eintauchen, wird seine Arbeit als Schriftsteller über Jahre bestimmen und führt letztendlich zu dem vorliegenden Buch. Juan Gabriel Vásquez ist Ich-Erzähler des Romans „Die Gestalt der Ruinen“ und gleichsam sein Autor – was wirklich autobiografisch und was Fiktion ist, kann der Leser nur mutmaßen. In einer „Anmerkung des Autors“ betont dieser allerdings, dass es sich um ein „fiktives Werk“ handelt.
„Der Leser, der in diesem Buch Übereinstimmungen mit dem realen Leben sucht, tut dies auf eigene Verantwortung.“
Dabei sind die historischen Ereignisse, von denen erzählt wird, gut dokumentiert und alles andere als fiktiv. Weiterlesen „Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen“









