Stephan Thome – Gott der Barbaren

Bis zu 30 Millionen Opfer forderte die Taiping-Rebellion in China zwischen 1851 und 1864 und ist damit der opferreichste Bürgerkrieg der ganzen Menschheitsgeschichte. Stephan Thome erzählt davon in Gott der Barbaren.

„Taiping?“ mag sich da so mancher fragen, und tatsächlich ist es verblüffend, wie wenig man hierzulande über diese Revolte im Fernen Osten, über die Geschichte generell in diesen Regionen der Welt, weiß. Ein einigermaßen beschämendes Zeugnis der eurozentrischen Geschichtsschreibung, die immer noch vorherrscht und die in einer derart globalisierten Welt wie der unsrigen, gerade auch mit dem rasanten Erstarken Chinas auf dem Weltmarkt, eigentlich nicht mehr vertretbar ist.

Der Philosoph, Sinologe und Autor Stephan Thome hat die Taiping-Revolution zum Stoff seines neuen, umfangreichen Romans gemacht und ist damit auf der Shortlist zum diesjährigen Deutschen Literaturpreis gelandet. Für Thome ist es bereits die dritte Shortlist-Nominierung. Weiterlesen „Stephan Thome – Gott der Barbaren“

Jennifer Egan – Manhattan Beach

Kaum eine Besprechung von Jennifer Egan lang ersehnten, neuen Roman „Manhattan Beach“ kommt ohne den Vergleich mit ihrem 2011 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichneten „Der größere Teil der Welt“ aus. Dieser hatte eine tolle Geschichte, war formal sehr experimentell gestaltet und dennoch ungemein lesbar und unterhaltend – ein Geniestreich, der sogleich zu einem der bedeutendsten Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts ernannt wurde.

Nachfolgende Werke werden wohl immer an diesem Buch gemessen werden. Dennoch gelang es Jennifer Egan 2013 mit „Black Box“ erneut zu überraschen und auch zu überzeugen. Dies war ein „Twitter-Roman“, bestehend aus Abschnitten mit maximal 140 Zeichen, der einen spannenden Thriller-Plot lieferte. Innovativ und trotzdem gut konsumierbar. Weiterlesen „Jennifer Egan – Manhattan Beach“

Lektüre August 2018

Zwar ist der September schon fast herum, dennoch möchte ich noch meine Lektüre im August 2018 nachreichen. Die Frankfurter Buchmesse nähert sich in großen Schritten und mit ihr die große Flut an Herbstneuerscheinungen. Auch bei mir hat sich im August das „Leseaufkommen“ ziemlich gesteigert und damit auch die Zahl der zu verfassenden Rezensionen. Hinzu kam noch die Longlist für den Deutschen Buchpreis, die auch durchgeforstet werden wollte.

Insgesamt ein wirklich guter Lesemonat, wenn auch das wirkliche Highlight fehlte. Weiterlesen „Lektüre August 2018“

Mark Thompson – El Greco und ich

Mark Thompson – El Greco und ich

„Wenn man sich eines im Leben klar machen muss, dann wohl die Tatsache, dass wir alle auf die Probe gestellt werden. Irgendwann. Vielleicht früher oder vielleicht später. Oder vielleicht dazwischen. Wer weiß schon, wann oder wo?“

JJ, der Ich-Erzähler und sein bester Freund Toni Papadakis sind zehn, als sie aus Unachtsamkeit mit ihren heimlich gerauchten Zigaretten ein ganzes Sportfeld in Brand setzen. Aber der sehr kluge Toni, El Greco genannt, weiß, dass das noch nicht die Probe sein kann. Das da noch härteres im Leben folgen wird. Weiterlesen „Mark Thompson – El Greco und ich“

Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie

Beerdigungen sind ein immer wieder gewählter Ausgangspunkt für Erzählungen. Durch den Tod eines mehr oder weniger nahestehenden, eines mehr oder weniger geliebten Menschen werden Reisen in die eigene Vergangenheit angetreten, räumlich und emotional. Protagonisten kehren an die Orte der Kindheit und Jugend zurück, treffen alte Freunde, Bekannte, Verwandte und nicht selten kommen lange verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein, brechen alte Verletzungen oder Konflikte auf oder entstehen neue. Wenn es beispielsweise um Erbschaften geht. Wie bei Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie. Weiterlesen „Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie“

Davit Gabunia – Farben der Nacht

Die Frankfurter Buchmesse nähert sich in großen Schritten und mit ihr der Gastlandauftritt von Georgien. Nachdem im letzten Jahr mit Frankreich ein Land von großer Nähe zu Gast war – sowohl geografisch als auch in seinen Beziehungen zu Deutschland und in seiner Kultur -, gilt es 2018 ein vielen Lesern doch relativ unbekanntes Land zu entdecken. Zum Beispiel mit Die Farben der Nacht von Davit Gabunia.

Georgien, das abgesehen von einer kurzen Episode nach der Russischen Revolution allein im Mittelalter nationale Unabhängigkeit besaß, wechselnd von Byzanz, dem Römischen Reich und vor allem Russland beherrscht wurde, verfügt über ein eigenständiges Alphabet, das Mchedruli, und eine reiche literarische Tradition. Dennoch sind relativ wenige Autoren hierzulande bekannt, sieht man einmal von der in Deutschland lebenden und auf Deutsch schreibenden Nino Haratischwili ab. Da gibt es noch viel zu entdecken. Weiterlesen „Davit Gabunia – Farben der Nacht“

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

„Ich schaue sie lange an hinter der Scheibe, bis es dunkelt, bis das Friedhofstor abgeschlossen wird und ich gehen muss. Ihr Gesicht ist fern und verschlossen, es verrät nichts von den Umständen ihres Sterbens, nichts davon, warum sie uns, meine Schwester und mich, doch nicht mitgenommen hat, warum sie am Ende allein gegangen ist.“

So endete Natascha Wodins im letzten Jahr erschienener und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Sie kam aus Mariupol“. Darin erzählt sie vom Leben ihrer Mutter, über das sie erst durch mühevolle Recherchen und nur bruchstückweise etwas erfahren hat. Denn die Mutter ging 1956, als Natascha Wodin gerade mal zehn Jahre alt war, ins Wasser der Regnitz, dem Fluss, an dem die fränkische Kleinstadt liegt, Wohnort der als ehemalige russische Zwangsarbeiter nach dem Krieg zu „Displaced Persons“ gewordenen Eltern. Die Suche nach Spuren dieser sehnlichst vermissten Mutter schilderte Wodin äußerst bewegend und schloss mit eben jenem Bild des kleinen Mädchens vor dem aufgebahrten Leichnam. Weiterlesen „Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel“

Rachel Cusk – Kudos

Mit „Kudos“ wählt Rachel Cusk einen im englischsprachigen Raum und wohl auch im Internet durchaus gebräuchlichen, aus dem Griechischen stammenden Begriff für Anerkennung,  vergleichbar dem deutschen (ungleich bräsigerem) „Hut ab!“, zum Titel. Kudos ist der dritte Teil der von der Autorin so genannten „weiblichen Odyssee des 21. Jahrhunderts“ von Rachel Cusk betitelt.

„Outline“ und „Transit“ gehen ihm voraus. Und wieder haben wir es mit Faye zu tun, jener Schriftstellerin im mittleren Alter, geschieden, zwei Teenagersöhne, wiederverheiratet, die wir als schweigende, fast unsichtbare Erzählerin kennenlernten. Auch hier wird sie vor allem zur Zuhörerin, die bei den unterschiedlichsten Begegnungen bei ihrem Gegenüber eine verwunderliche Offenheit und Redeflut auslöst, vielleicht gerade durch ihre zurückgenommene, fast passive Rolle. Oft wird geschrieben, dass Cusks Romane keinerlei Plot besitzen. Aber alle diese Gespräche enthalten eine komprimierte Geschichte, manchmal tragisch, manchmal lächerlich, manchmal alltäglich. Weiterlesen „Rachel Cusk – Kudos“

Andrew O´Hagan – Leuchten über Blackpool

Der nordwestlich von Manchester gelegene Küstenort Blackpool gilt in England als eine Geburtsstätte des Massentourismus und zeigt zugleich dessen Risiken. Schon im 18. Jahrhundert ein Seebad für die nordenglische Bevölkerung, erlebte es im Zeitalter der Industrialisierung einen enormen Aufschwung durch die Arbeiterklasse, die Blackpool zu ihrem bevorzugten Urlaubs- und Ausflugsort machte. Wer schon einmal durch englische Badeorte geschlendert ist, weiß um die Tristesse, die viele von ihnen ergriffen hat, nachdem die Urlaubsziele rund ums Mittelmeer immer billiger zu erreichen sind. Auch Blackpool ist dem Niedergang nicht entkommen. Einmal im Jahr allerdings, wenn der Sommer endet und bevor der Winter die britischen Inseln im Griff hat, erlebt die Stadt ihre berühmten „Illuminations“. Die Stadt, ihre Häuser, der Blackpool Tower und vor allem ihre Promenaden und Piers erstrahlen in einem farbigen (ungeheuer kitschigen) Glanz, der durch sein Leuchten die Trostlosigkeit überdecken und an vergangene Tage als großes Seebad erinnern soll. In seinem bezaubernden Roman „Das Leuchten über Blackpool“erzählt Andrew O´Hagan davon.

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Ayobami Adebayo – Bleib bei mir

Ayobami Adebayo erzählt in Bleib bei mir von Yejide und Akin, einem modernen Ehepaar in Nigeria. Sie stammen aus recht privilegierten Verhältnissen, haben studiert und aus Liebe geheiratet. Das ist vier Jahre her. Vier Jahre, in denen beide ziemlich glücklich waren.

Yejide selbst hat keine sehr schöne Kindheit hinter sich. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und die anderen Frauen ihres Vaters – in Nigeria ist Polygamie durchaus noch verbreitet – haben sie nie richtig in die Familie integriert, sie verachtet und gepeinigt. Deshalb ist sie über die Ehe mit Akin, der die Vielehe wie sie ablehnt, so glücklich wie über die Liebe, Anerkennung und Zuwendung, die sie durch Akins Familie, insbesondere seine Mutter, erfährt. Sie leben in der südwestnigerianischen Stadt Ilesa, auch in der Ehe ist sie berufstätig, führt einen kleinen, gut gehenden Frisiersalon.

Nur eines fehlt noch. Etwas, das besonders in den alten, den Traditionen trotz vordergründiger Modernität und Aufgeschlossenheit stark verhafteten Gesellschaften für das Glück einer Frau, einer Ehefrau, unabdingbar ist: der Nachwuchs. Weiterlesen „Ayobami Adebayo – Bleib bei mir“