Maik Siegel – Hinterhofleben

Rezension zu Maik Siegel – Hinterhofleben

Das Wort Flüchtling ist wohl eines der im öffentlichen Diskurs am häufigsten verwendeten. Kaum eine Nachrichtensendung, eine Zeitungsausgabe oder Politikerrunde, in der es nicht fällt. Das Thema Flucht und damit auch die Frage nach dem Umgang eben mit jenen Flüchtenden weltweit ist sicher eines der brennendsten Probleme unserer Zeit. Trotz seiner Ubiquität stößt mir dieses Wort immer ein wenig unangenehm auf, finde ich es mit seiner –ling-Endung so viel unpassender als das schöne englische „refugee“, in dem die Zuflucht „refuge“ steckt. Und tatsächlich, meiner sprachlichen Abneigung nachgehend, stellt Wiktionary fest, „Die resultierenden Ableitungen (Anm. mit –ling) können der Sprachökonomie dienen (und damit konnotativ relativ neutral sein), aber auch ironisch, diminutiv oder pejorativ verwendet werden.“ Also steckt die Verkleinerung und Abwertung schon ein wenig im verwendeten Wort mit drin. Der Flüchtling. Weiterlesen „Maik Siegel – Hinterhofleben“

Sabine Huttel – Ein Anderer

Rezension zu Sabine Huttel – Ein Anderer

Er ist anders, der Junge Ernst Kroll, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in einem kleinen thüringischen Dorf geboren wird. Er wächst zu langsam, hat motorische Defizite, spricht schlecht und scheint auch geistig eingeschränkt zu sein. Sehr zum Ärger seines Vaters Hilmar, des Schulmeisters im Dorf. Diese Langsamkeit regt ihn auf, erweckt seinen Unmut. Nur sehr allmählich, über die Musik, nähert er sich seinem Sohn an. Er, der auch Kantor der Gemeinde ist, nimmt ihn mit auf die Orgelempore. Und auch wenn Ernst die Stücke viel zu langsam spielt, auch später auf seiner Trompete nur die eher getragenen Stücke schafft, knüpft die Musik ein zartes Band zwischen Vater und Sohn. Das allerdings eine harte Belastungsprobe bestehen muss, als der Junge eingeschult wird und der Lehrer-Vater mit unerbittlicher Strenge über ihn wacht. Weiterlesen „Sabine Huttel – Ein Anderer“

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

„Unter der Drachenwand“ – so betitelt Arno Geiger seinen neuen Roman – das klingt ein wenig bedrohlich, ein wenig mystisch und irreal, aber auch ein wenig nach Schutz und Sicherheit. Viel eindeutiger freundlich ist der harmlos klingende „Schafberg“ gleich nebenan. Oder aber auch der verträumt-beschaulich klingende „Mondsee“.

Ohne allzu viel Bedeutung in diese Ortsnamen, die eine bedeutende Rolle in Arno Geigers neuem Roman spielen, zu legen, passen sie ganz wunderbar zu der erzählten Geschichte. Ist es doch auch eine irgendwie irreale, nahezu fantastische Ruhepause, die dem jungen Veit Kolbe da inmitten des gnadenlos entfesselten Kriegsgeschehens des Jahres 1944 gegönnt wird. Und lauert doch dahinter immer das Bedrohliche, das Beängstigende, das Grauen. Weiterlesen „Arno Geiger – Unter der Drachenwand“

Tania Blixen – Jenseits von Afrika

Tania Blixen – Jenseits von Afrika – Erinnerungen einer faszinierenden Frau

„Ich weiß ein Lied von Afrika, dachte ich, von den Giraffen und vom afrikanischen Neumond, der auf dem Rücken liegt, von den Pflügen auf dem Acker und von den verschwitzten Gesichtern der Kaffeepflücker. Weiß Afrika auch ein Lied von mir? Zittert die Luft über der Steppe jemals in einer Farbe, die ich an mir hatte, spielen die Kinder ein Spiel, in dem mein Name vorkommt, wirft der Vollmond einen Schatten auf die kiesbestreute Einfahrt des Hauses, der dem meinen gleicht? Halten die Adler von Ngong nach mir Ausschau?“

Dieses Zitat aus Tania Blixen Erinnerungsroman Jenseits von Afrika ist fast genauso berühmt wie der wunderbare Anfangssatzs

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuß der Ngong-Berge.“

Beide spielen mit ihrem elegischen, sehnsuchtsvollen Ton eine große Rolle auch in der mit sieben Oscars ausgezeichneten Verfilmung von 1985 mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus Maria Brandauer, die allerdings nur teilweise auf dem 1936 veröffentlichten Buch beruht und sich auch einige Freiheiten in der Umsetzung erlaubte. Der Film ist reines Hollywood mit großartigen Landschaftaufnahmen, grandioser Musik, schönen Menschen und Fokus auf das, was das breite Publikum sehen möchte: große Gefühle. Die Zweckehe mit Baron von Blixen, das Scheitern der Farm und die Liebesbeziehung zu Denys Finch Hatton – das sind die zentralen Motive, um die der Film kreist. Afrika und die Afrikaner sind mehr oder weniger nur malerische Kulisse. Weiterlesen „Tania Blixen – Jenseits von Afrika“

Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

Wer kennt William James Sidis? Seit der Veröffentlichung des Debütromans „Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer dürften das in Deutschland einige Menschen mehr sein. Ansonsten hinterlässt der Name hierzulande, anders als in Sidis Heimatland USA, meist ratloses Schulterzucken. Dabei zählt der 1898 in New York geborene Sidis mit einem Intelligentsquotienten von geschätzt unglaublichen 250 bis 300 zu den intelligentesten Menschen aller Zeiten. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hat er sich damit aber nicht in die Wissenschaftsgeschichte und das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Sein Leben und Schicksal, auf das der Autor Zehrer hier aufmerksam macht, ist ein ganz unglaubliches. Weiterlesen „Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie“

Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Rezension zu Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Nahezu jeder kennt die Eröffnungsszene des amerikanischen Films „Apocalypse now“. Wenn nicht den Film, so doch zumindest das eindrückliche musikalische Intro „The end“ von den Doors. Rotorblätter schrappen, Helikopter vor Dschungellandschaft, Düsternis.

Nahezu jeder weiß etwas über den Vietnamkrieg, der doch in Vietnam selbst „Amerikanischer Krieg“ genannt wird. Es gibt unendlich viel Material über diese mörderische Auseinandersetzung, das Netz quillt über von Fotos, Videos, Berichten, Analysen. ( Wer sich dafür interessiert oder das Buch bereits gelesen hat, sollte mal hier nachschauen. Ich habe bei diesem Flickr Nutzer unglaublich eindrückliche Fotos gefunden, die oft tatsächlich bestimmte Szenen des Buches visualisieren. Sehr interessant!) Aber gleich auf welcher Seite des Konfliktes deren Urheber stehen, auf der amerikanisch-westlichen oder der kommunistischen des Vietcongs, immer ist es vor allem die US-amerikanische Perspektive, die bestimmt. Es sind die Traumata der GIs, die politischen Auseinandersetzungen im Westen, die dramatischen Evakuierungen, die abenteuerlichen Kriegsreporter, die im Mittelpunkt stehen. Die Vietnamesen selbst kommen meist lediglich lediglich als Opfer vor, als Leichen auf der Erde, als hilflos und verzweifelt Fliehende. Charakteristisch dafür ist das weltberühmte Foto des „Napalm-Mädchens“ Phan Thị Kim Phúc. Weiterlesen „Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant“

Edward St. Aubyn – Dunbar und seine Töchter

Das Hogarth Shakespeare Projekt, jener Versuch, die Stücke des berühmten William Shakespeare durch renommierte zeitgenössische Autoren in die Gegenwart zu versetzen und damit ihre Zeitlosigkeit zu demonstrieren und gleichzeitig eine Würdigung dessen Werkes darzustellen, geht in Deutschland in eine neue Runde. Nach Jeannette Wintersons, Howard Jacobsons, Ann Tylers und Margaret Atwoods Beiträgen erscheint die Version von „King Lear“: Edward St Aubyn – „Dunbar und seine Töchter“. Weiterlesen „Edward St. Aubyn – Dunbar und seine Töchter“

Alexander Gorkow – Hotel Laguna

„Tourismus“ ist mittlerweile ein fast schon negativ besetztes Wort, besonders wenn es mit dem Präfix „Massen“ daherkommt. Dabei war es nach dem Zweiten Weltkrieg die Erfüllung der großen Sehnsucht so vieler Deutschen, sich mit dem eigenen kleinen Auto oder, je nach Geldbeutel, mit dem Flugzeug, gen Süden zu bewegen, hin zur Sonne, zur Wärme, aber auch zu mehr Leichtigkeit und Lässigkeit im Umgang mit dem Leben. Fort von den Mühen und Sorgen des Wirtschaftswunders, raus aus dem „grauen Alltag“.  Auch heute noch zählen, bei allen Veränderungen beim Reisen, die „schönsten Wochen des Jahres“ für viele Menschen zu den unverzichtbarsten Dingen im Leben. Diese Veränderungen sind ein Thema in„Hotel Laguna Meine Familie am Strand“ von Alexander Gorkow. Weiterlesen „Alexander Gorkow – Hotel Laguna“

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #5 – Christian Bangel – Oder Florida

Vielleicht Florida? Eine Option. Oder vielleicht mit Nadja nach Berlin? Auch möglich. Oder doch in Frankfurt an der Oder bleiben? Fragen, die Christian Bangel in Oder Florida von seinem Protagonisten stellen lässt.

Der Ich-Erzähler Matthias Freier hat das Abi in der Tasche, aber seine weitere Lebensplanung ist, vorsichtig ausgedrückt, noch recht offen. Wir schreiben das Jahr 1998, Freier gehört irgendwie zur linken Szene, hat mit seinem Kumpel Fliege die Stadtzeitung 0335 gegründet und schreibt gelegentlich Artikel für diese. Fliege ist Punker mit Irokesenschnitt und gleichzeitig ein ganz gewiefter Kopf. Nicht nur verdient er mit seiner Agentur, in der Freier eher wenig motiviert Flyer und Newsletter für die unterschiedlichsten Unternehmen verfasst, ganz gut Geld, nein, er hat auch einen politischen Plan: durch Masseneintritte von Gesinnungsgenossen  und einen geeigneten Kandidaten will er den SPD-Ortsverein übernehmen und bei den kommenden Wahlen gegen den durch seine DDR-Vergangenheit in Schieflage geratenen bisherigen Bürgermeister siegen. Weiterlesen „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #5 – Christian Bangel – Oder Florida“

David Constantine – Wie es ist und war

David Constantine ist ein britischer Autor Jahrgang 1944, der dreißig Jahre in Oxford und Durham gelehrt, deutsche Klassiker ins Englische übersetzt und anschließend fast zehn Jahre eine Literaturzeitschrift herausgegeben hat. Daneben entstanden ein Roman und zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten, von denen eine sogar recht prominent mit Tom Courtenay and Charlotte Rampling verfilmt wurde („45 years“) Weiterlesen „David Constantine – Wie es ist und war“