Ein Hausroman – aber keiner von der üblichen Sorte. Denn um die Beziehungen der Bewohner untereinander geht es hier nur sehr am Rande. Tatsächlich sind die Figuren lediglich durch die Tatsache verbunden, dass sie alle im selben Haus am Rande von Tel Aviv beheimatet sind. Auch geht es nicht in erster Linie darum, unterschiedliche Menschen mit dem Rahmen „Wohnhaus“ vorzustellen und ihre Geschichten zu erzählen. Eshkol Nevo ist studierter Psychologe (und Enkel des israelischen Ministerpräsidenten von 1963 bis 1969, Levi Eshkol) und hat mit seinem Roman „Über uns“ (auch) ein anderes Ansinnen. „Shalosh komot“ lautet der Originaltitel „Drei Etagen“. Und richtig, Nevo möchte auf spielerische Weise das Freudianische Strukturmodell der Psyche mit seinen drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich in einen erzählenden Text fassen. Drei Instanzen, die jeweils auf einem Stockwerk eines Wohnhauses angesiedelt sind. Drei Erzählungen, die nur lose miteinander zu tun haben. Weiterlesen „Eshkol Nevo – Über uns“
Kategorie: Rezensionen
Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung
Karosh Taha erzählt in Beschreibung einer Krabbenwanderung von Sanaa. Sanaa ist 22, wohnt noch zuhause bei ihren Eltern und studiert, etwas unmotiviert, ein wenig planlos. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, und doch ist alles ein wenig schwieriger für Sanaa als für viele ihrer Altersgenossen.
Sanaa ist gebürtige Kurdin, mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Eine Migrantengeschichte, wie wir sie so oft hören. Die Eltern haben in all den Jahren nie wirklich Fuß gefasst in der neuen Umgebung, die sie schwerlich neue Heimat nennen können. Der Vater hangelt sich von einem eher prekären Job zum nächsten, die Mutter ist in tiefe Depressionen verfallen. Die pubertierende Schwester Helin ist nach Sanaas Ansicht nur auf der Welt, weil ihre Eltern durch die Schwangerschaft einer Abschiebung entgehen wollten. Sie ist rebellisch, ablehnend, mit ihrer aufkommenden Sexualität beschäftigt. Kein glückliches Elternhaus, zumal Sanaa ihren zunehmend abwesenden Vater verdächtigt, eine Geliebte zu haben. Weiterlesen „Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung“
Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn
Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn
„Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.
Das ist Erinnerung.“
Die vielfach für ihre Kinder- und Jugendromane preisgekrönte US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson bleibt auch in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch für Erwachsene ihrem Personal treu.
Die Anthropologin August kehrt zur Beerdigung ihres Vaters zurück an den Ort ihrer Kindheit, Bushwick, Brooklyn, New York. Weiterlesen „Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn“
Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Die afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward gewann bereits 2011 vor Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt mit ihrem zweiten Roman „Salvage the bones“ (Deutsch: „Vor dem Sturm“) einen der bedeutendsten Buchpreise der USA, den National Book Award. Dabei lieferte der Jahrhundertsturm Katrina den dunkel dräuenden Hintergrund einer Familiengeschichte aus der untersten Gesellschaftsschicht der amerikanischen Südstaaten. Armut, Hoffnungslosigkeit, Vernachlässigung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, sexuelle Gewalt und Teenagerschwangerschaft, aber auch Solidarität in der Familie und besonders auch die Beziehung unter Geschwistern waren die Kernpunkte dieses Textes. Dinge, die die Autorin, die selbst aus einem ähnlichen Milieu abstammt und in Mississippi aufwuchs, nur zu gut kennt. Ihr ermöglichte ein wohlhabender Arbeitgeber der Mutter, die in den gutgestellten Haushalten putzen ging, eine Schul- und Universitätsausbildung. Das Verhältnis zu ihren Schwestern war sehr eng. Weiterlesen „Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“
Michael Chabon – Moonglow
Michael Chabon – Moonglow
„Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen. Wo immer ich mir Freiheiten mit Namen, Daten, Ereignissen, Unterhaltungen oder den Identitäten, Motiven und Beziehungen von Familienmitgliedern und historischen Persönlichkeiten erlaubt habe, sei dem Leser versichert, dass es mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit geschah.“
Dieser Vorbemerkung des Autors folgt eine überaus überraschende, erstaunliche und vor Einfällen sprühende Familiengeschichte, die ich lange Zeit gar nicht als eine autobiografische gelesen habe. Zwar sitzt da ein Michael am Bett seines sterbenskranken Großvaters, ja, auch hat er etwas mit dem Schreiben zu tun, aber so abenteuerlich und fantastisch, so turbulent und „hemmungslos“ kommt die Geschichte daher, dass sie kaum den üblichen Mustern eines Erinnerungsbuchs gleicht. Doch dann fällt, einmal im gesamten Buch, tatsächlich der Name „Chabon“ und die Leserin reibt sich verwundert die Augen. Doch was ist tatsächlich Fakt an diesen Aufzeichnungen? Es ist zum einen ein brillantes Spiel des Autors mit seinen Lesern, dies offen zu halten, und gleichzeitig ist es völlig belanglos. Nicht-Fiktives und Fiktives mischt sich auf so stimmige Weise, historische Ereignisse und Persönlichkeiten werden so ungezwungen eingebunden, dass neben einer atemberaubenden Familiengeschichte auch noch ein treffendes Zeitpanorama aus der amerikanischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts entsteht. Weiterlesen „Michael Chabon – Moonglow“
Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort
Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort
„Wir sind keine Individuen. Die Lebenden suchen uns ebenso heim wie die Toten. Geglaubt habe ich das früher schon. Aber jetzt weiß ich es. Das war es, was er uns immer sagen wollte.“
Das Verwobensein in eine Gemeinschaft, hier die Familie, ist eines der für mich zentralen Motive in Adam Hasletts für den National Book Award und die Shortlist des Pulitzer Prize nominiertem Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“. Es ist eine eine Variation von John Donnes berühmtem Zitat „No man is an island of itself“.
So sehr der Mensch nach Individualität und Unabhängigkeit strebt, nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg durchs Leben, so ist er doch unlösbar verstrickt in das Geschick seiner Mitmenschen, in die Gesellschaft, die Menschheitsgeschichte. Und ganz besonders, so viel Widerstand er dagegen aufbauen mag oder ihm entgegengesetzt wird, ist er Teil seiner Familiengeschichte. Es sind die Menschen, die ihn und seinen Lebensweg am nachhaltigsten prägen, auf die eine oder andere Weise, ihm ein Erbe mitgeben. Sich daraus ganz zu befreien, ist fast unmöglich und manch einer sucht gerade in der Gemeinschaft Trost und Geborgenheit, fühlt für sie Verantwortung, die am zerstörerischsten auf ihn wirkt. Weiterlesen „Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort“
J. Courtney Sullivan – All die Jahre
Der amerikanische Familienroman ist nicht totzukriegen. Unzählige davon wurden und werden verfasst und es ist stets überraschend, dass sie bei allen Ähnlich- und Gemeinsamkeiten doch auch immer wieder einen eigenen Ton treffen, andere Blickpunkte setzen, andere Themen fokussieren, andere Stimmungslagen transportieren. Man braucht nicht erst den berühmten Satz von Tolstoi zu bemühen, um zu festzustellen, dass die Familie als Keimzelle, aus der wir mehr oder weniger glücklich alle abstammen, ein unerschöpfliches Motiv darstellt, neben den allgemeingültigen auch die ganz spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz und des Miteinanders immer wieder neu zu thematisieren vermag. Ich habe ein ganz großes Faible dafür, das auch nicht totzukriegen ist. Von J Courtney Sullivan ist mit All die Jahre nun wieder einer dieser amerikanischen Familienromane erschienen. Weiterlesen „J. Courtney Sullivan – All die Jahre“
Nickolas Butler – Die Herzen der Männer
„Die Herzen der Männer“ – Nickolas Butler nähert sich ihnen auf sehr altmodische, uramerikanische Weise und gleichzeitig mit einem sehr progressiven, durchaus kritischen Blick. Zentrum des Romans ist das Pfadfinderlager Chippewa in den Wäldern Wisconsins. Weiterlesen „Nickolas Butler – Die Herzen der Männer“
Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie
Mit Zukunftsromanen verhält es sich in der Regel so, dass sie entweder in einer fernen Zukunft spielen und sich der Leser auf ein mehr oder weniger fantastisches Land einlassen muss, mit gänzlich anderen Lebensbedingungen, unterschiedlichen Wertvorstellungen und Konflikten, einem fremden Alltag und ungewohnten Umgebungen. Der Leser muss loslassen können vom Bezugsrahmen der Realität, und sei es nur der angenommenen. Mir fällt das zugegebenermaßen immer schwer, weswegen ich in der Regel mit Science-Fiction und Konsorten meist nicht warm werde. Oder aber der Roman spielt , wie „Eine amerikanische Familie“ von Lionel Shriver in naher Zukunft (und das muss nicht mal unbedingt zeitlich nah sein) und extrapoliert unsere Gegenwart nur ein wenig, überspitzt vielleicht ein bisschen, bleibt aber dabei, das, was heute ist, nur weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Weiterlesen „Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie“
Fernando Aramburu – Patria
Für Fernando Aramburu ist „Patria“, Heimat, „Euskal Herria“, das Land der Basken. Viele können es vielleicht gerade noch geografisch einordnen, dort am westlichen Rand der Pyrenäen, mit San Sebastian und Bilbao als bekannte Städte. Manch einer weiß, dass es sich sowohl über Spanien als auch über Frankreich erstreckt; die Baskenmütze kennt natürlich jeder, aber wie ist es mit den Pintxos, diesen leckeren Happen, die man im Baskenland überall in den Restaurants gereicht bekommt, oder mit dem Pelota, jenem an Squash erinnernden Rückschlagspiel? Auch dass die baskische Sprache nichts mit der spanischen, ja mit gar keiner anderen europäischen Sprache, gemein hat, also eine der sogenannten „isolierten“ Sprachen (mit unglaublich vielen X) ist, ist nicht vielen bekannt.
Wer ein wenig älter ist, verbindet mit dem Baskenland allerdings auch jene Form des politischen Terrors, die in den 1970er und 1980er Jahren ihren blutigen Höhepunkt erreichte und gerne von Drei-Buchstaben-Organisationen verübt wurde, seien es die RAF, die IRA oder eben die ETA, die Euskadi Ta Askatasuna – Baskenland und Freiheit. Weiterlesen „Fernando Aramburu – Patria“









