Pinch, der eigentlich so liebevoll klingende Kosename, den Bear Bavinsky seinem kleinen Sohn Charles verleiht, liegt auf diesem wie eine Last. Pinch, nach den leckeren kleinen Häppchen, Pinxtos, die der berühmte, genialische Maler-Vater einst im Baskenland so gern genascht hat. Ein Kosename, der unweigerlich verniedlicht, verkleinert, ein Gefühl, dem Charles so gerne entwachsen würde, und das er doch zumindest zu Lebzeiten des Vaters, nie los wird. Tom Rachman zeichnet in Die Gesichter die schwierige Vater-Sohn-Beziehung zwischen Pinch und Bear Bavinsky nach. Weiterlesen „Tom Rachman – Die Gesichter“
Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine
Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine
„Ein Mann in einer Bahnhofshalle, irgendein Mann in irgendeiner Bahnhofshalle. Ein Mann mit einem weißen Baumwollhemd und einer schwarzen Jeans, eine grüne Reisetasche in der rechten und eine schwarze Lederjacke in der linken Hand“ Er stand da und schaute hinauf zur elektronischen Anzeigetafel mit den zweispaltig von links oben nach rechts unten chronologisch angeordneten Abfahrtszeiten. Er las die Zielorte und vergaß sie gleich wieder. immer wieder fing er von vorn an, den Kopf im Nacken, reglos am Rand des Gewühls.“
Es ist natürlich nicht „irgendein Mann“, der da in „irgendeiner Bahnhofshalle“ steht. Friedrich Ani hat einen neuen „Fall für Tabor Süden“ vorgelegt, und die Leserin den ehemaligen Kriminalbeamten der Vermisstenstelle gleich identifiziert. Der Bahnhof ist derjenige von Südens und Anis Heimatstadt München und Tabor Süden befindet sich in einer, falls so etwas überhaupt möglich ist, noch melancholischeren, gedrückteren Stimmung als sonst. Weiterlesen „Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine“
Es ist wieder soweit: Bloggerpreis „Das Debüt“ – Die Shortlist
Bloggerpreis „Das Debüt“ – Die Shortlist: Zum zweiten Mal darf ich Mitglied der Jury zu diesem Debütpreis sein. Das freut mich sehr! Doch was ist der Debütpreis? Hier die Ausschreibung: Weiterlesen „Es ist wieder soweit: Bloggerpreis „Das Debüt“ – Die Shortlist“
Almudena Grandes – Kleine Helden
Es sind kleine Helden, oder oft auch die kleinen Heldinnen, von denen die spanische Autorin Almudena Grandes erzählt. Diejenigen, die ihr Leben trotz aller Widrigkeiten jeden Tag von Neuem stemmen, manchmal maulend, manchmal laut zeternd, aber immer wieder dafür sorgen, dass es irgendwie weiter geht, die Kinder in die Schule, das Essen auf den Tisch kommen und darüber hinaus aber auch nicht die Gemeinschaft vergessen wird. Denn darum geht es Almudena Grandes in ihrem unterhaltsamen, leichten, bunten, aber nicht trivialen Roman: um Solidarität. Weiterlesen „Almudena Grandes – Kleine Helden“
Juli Zeh – Neujahr
Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es Juli Zeh in ihrem aktuellem Roman „Neujahr“ vielleicht etwas hochtrabend benennt. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Weiterlesen „Juli Zeh – Neujahr“
Delphine de Vigan – Loyalitäten
Was Loyalitäten für sie bedeuten, hat Delphine de Vigan gleich zu Beginn ihres neuen, gleichlautenden Romans definiert.
„Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden.“
„Das sind die Sprungbretter, auf denen sich unsere Kräfte entfalten, und die Gruben, in denen wir unsere Träume begraben.“
Um verschiedene Arten von Loyalitäten dreht sich der Roman, und dass der Begriff nicht nur positiv besetzt ist, wird damit auch gleich von Anfang an klar. Weiterlesen „Delphine de Vigan – Loyalitäten“
Bodo Kirchhoff – Dämmer und Aufruhr
„Dämmer und Aufruhr“ – das ist ein Titel, der mich eigentlich wegen seiner pompösen Theatralik wenig anspricht, genauso wenig wie andere Werke des Autors Bodo Kirchhoff, „Verlangen und Melancholie“ etwa, oder „Eros und Asche“. Auch sind Liebe und Eros, Begehren und Obsession, um die viele der Romane Kirchhoffs kreisen, nicht die von mir für eine Lektüre bevorzugt ausgewählten Themen, besonders wenn sie immer so etwas Schwüles, Pathetisches umweht. Also, ich gebe es zu, ich bin eigentlich keine Bodo Kirchhoff-Leserin. Auch die 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Novelle „Widerfahrnis“ konnte mich für sich nicht einnehmen.
Nun hatte mir Nadya Hartmann von der FVA, die ich im Rahmen der Aktion „Verlage besuchen“ traf, das neue Buch von Kirchhoff, das damals im Entstehen war, aber so nahe gebracht, das ich es unbedingt lesen wollte. Danke, denn dieses Buch hat mich sehr begeistert. Weiterlesen „Bodo Kirchhoff – Dämmer und Aufruhr“
Lektüre Oktober 2018
Trotz der intensiven Buchmessenwoche, in der ich wie üblich kaum zum Lesen kam, sieht die Oktober-Lesebilanz doch sehr positiv aus. Durchweg gute bis sehr gute Bücher durfte ich kennenlernen. Dagegen bin ich bei den Rezensionen doch ein wenig im Hintertreffen. Aber alles geht nicht. Nach und nach werde ich die Besprechungen nachliefern, denn zu sagen gibt es viel über die Lektüre Oktober 2018. Weiterlesen „Lektüre Oktober 2018“
Elena Ferrante – Lästige Liebe
Bereits 1992 erschien in Italien der Debütroman „Lästige Liebe“ von Elena Ferrante, 1994 auch in Deutschland, wo er im Gegensatz zum Ursprungsland wenig Beachtung fand. Nun, nach dem fulminanten Erfolg, den die Neapolitanische Tetralogie weltweit und auch bei uns hatte, veröffentlicht der Suhrkamp Verlag die Neuübersetzung von Karin Krieger. Zahlreiche Motive des späteren Werks sind auch schon in „Lästige Liebe“ angelegt.
Erzählanlass ist hier wie dort ein rätselhaftes Verschwinden. So wie Lila zu Beginn der „Genialen Freundin“ spurlos verschwunden ist, so taucht auch die Mutter der Ich-Erzählerin Delia im wahrsten Sinne des Wortes ab. Ihre Leiche wird allerdings gefunden, der Roman beginnt:
„Meine Mutter ertrank in der Nacht des 23. Mai, an meinem Geburtstag, im Meer vor einem Ort namens Spaccavento, wenige Kilometer von Minturno entfernt.“
Die Umstände ihres Todes sind äußerst rätselhaft. Amalia war zwei Tage zuvor von Neapel aus mit dem Zug Richtung Rom aufgebrochen, um dort ihre Tochter zu besuchen. Drei merkwürdige Anrufe von ihr erreichten Delia, sie sei mit einem Mann zusammen, es folgten Beschimpfungen und schließlich ein Hilferuf, der Mann verfolge sie und wolle auch der Tochter nichts Gutes. In Rom kam Amalia nicht mehr an. Man fand ihre Leiche, nur mit einem teuren Designer-BH bekleidet, ertrunken am Strand. Unfall? Selbstmord? Oder sogar Mord? Die letzten zwei Tage der Mutter bleiben rätselhaft. Weiterlesen „Elena Ferrante – Lästige Liebe“
Donatella Di Pietrantonio – Arminuta
„Arminuta“ – die Zurückgekommene, so nennen sie die Bewohner des nicht näher bezeichneten Dorfs. Es dürfte sich nicht allzu weit entfernt von L´Aquila befinden, jener 2009 von einem Erdbeben stark zerstörten Hauptstadt der italienischen Abruzzen, der Donatella di Pietrantonio mit ihrem 2014 erschienenen Roman „Bella mia“ ein Denkmal setzte und in deren Nähe die Autorin aufgewachsen ist. Nun erscheint von Donatella Di Pietrantonio der schmale Roman Arminuta.
„Arminuta“ – sie sagen es ein wenig mitleidig, ein wenig ablehnend, vor allem aber mit Verachtung. Das nun 13jährige Mädchen hatte es, wenn auch ohne eigenes Zutun, heraus geschafft aus der Enge und Armut des Dorfes und ihrer in prekären Verhältnissen lebenden Familie. Eine wohlhabende entfernte Verwandte, die selbst keine Kinder bekommen konnte, hatte das Mädchen bereits als Säugling zu sich geholt, der Mutter regelrecht abgeschwatzt. Eine durchaus verbreitete Praxis im armen italienischen Süden der Sechziger und Siebziger Jahre und oft auch ein Glücksfall sowohl für das Kind als auch für die Pflegeeltern. Doch hier ist etwas schiefgelaufen. Von einem Tag auf den anderen musste das Mädchen zurück zu den leiblichen Eltern, von denen sie bisher gar nichts wusste. Weiterlesen „Donatella Di Pietrantonio – Arminuta“









