Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Der Titel des Romans, für den Marlon James 2015 den Man Booker Preis verliehen bekommen hat, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, ist eine einzige Täuschung.

Natürlich ist es alles andere als eine kurze Geschichte, die hier auf 853 großformatigen Seiten detailreich und ausufernd dargeboten wird. Und von statt sieben Morden erzählt das Buch von unzähligen gewaltsamen Toden, Hinrichtungen, Massakern, so vielen, dass man das Zählen bald aufgibt. Welche dieser Tötungen es tatsächlich dann in den Titel geschafft haben, bleibt offen. Ja, Marlon James erlaubt sich einen ironischen Kniff, indem er einem der Protagonisten, dem Journalisten Alex Price, das Buch „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ quasi unterschiebt. Als der auf die Sieben angesprochen wird, gibt er zu, es seien eigentlich elf Morde gewesen (woher auch immer diese Zahl kommt) von denen er berichten wollte, aber zu vieren davon hätte er nicht genug Informationen gefunden. Weiterlesen „Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden“

Verna B. Carleton – Zurück in Berlin

Auf einem nicht besonders komfortablen Passagierschiff trifft die Erzählerin von Verna B. Carleton  Zurück in Berlin, eine junge Amerikanerin, im Jahr 1956 auf ein britisches Paar, das sich nach einem Aufenthalt in der Karibik auf dem Heimweg nach London befindet. Das Schiff wimmelt von eher unangenehmen Mitreisenden, zudem ist es in der einfachen Klasse vollgestopft mit heimkehrenden Arbeitern. Die Erzählerin, die man durchaus mit der Autorin gleichsetzen kann, ist froh, als sie die sehr distinguierten, sympathischen und durch und durch britischen Devons kennenlernt. Allerdings scheint ein rätselhafter Schleier von Trauer über den Beiden und besonders über Ehemann Eric zu liegen. Nach einem Zusammenstoß mit dem impertinenten Deutschen Grubach kommt auch zutage, was ihm auf der Seele liegt. Er ist nämlich durchaus nicht so britisch wie er scheint, sondern ein deutscher Jude, Erich Dahlberg, der vor den Nazis in den Dreissiger Jahren nach England fliehen konnte. Seine Mutter konnte sich mit ihm retten (sie entstammte allerdings auch einer alten preußischen Familie), der Vater kam im Lager um. Eric selbst hat sich eine perfekte zweite Identität geschaffen, außer seiner Frau Nora weiß niemand von seinen Wurzeln. Zum einen weil er die Ablehnung seiner neuen Heimat fürchtet, zum anderen, weil er sein Herkunftsland wegen der in seinem Namen begangenen Gräuel und Untaten zutiefst hasst. Aber er leidet auch unter seiner verheimlichten Identität, die bei der Konfrontation mit dem selbstherrlichen Grubach aus ihm herausplatzt. Weiterlesen „Verna B. Carleton – Zurück in Berlin“

Patrick Flanery – Ich bin Niemand

Seit Präsident Trumps Amtsantritt führen altbekannte Dystopien die Bestsellerlisten an: George Orwells „1984“, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, Sinclair Lewis „Das ist bei uns nicht möglich“. Gerade auch die Themen Überwachung, Gedankenfreiheit, Wahrheit scheint die Menschen umzutreiben. Dabei waren wir gerade dabei, uns an ständig steigende Überwachung, zunehmende digitale Kontrolle und Cyberkriminalität zu gewöhnen. In schleichenden Dosen wurden Hackerangriffe, Daten- und Identitätsklau und Bespitzelung zu zwar gefürchteten, aber mehr oder weniger unabwendbaren Begleiterscheinungen unserer digitalisierten Gegenwart. Man kann schon leicht paranoid werden, wenn man mit Zugriffen über die eigene Webcam oder die Überwachung von Bewegungsprofilen denkt. Auch der Protagonist von Patrick Flanery in seinem Roman Roman „Ich bin Niemand“ fürchtet zunehmend, unter Paranoia zu leiden. Weiterlesen „Patrick Flanery – Ich bin Niemand“

Kent Haruf – Unsere Seelen bei Nacht

Eine kleine Geschichte. Auf knapp 200 sehr luftig bedruckten Seiten erzählt der 2014 mit 71 Jahren verstorbene amerikanische Autor Kent Haruf in Unsere Seelen bei Nacht von zwei älteren, verwitweten Menschen, die der Einsamkeit entkommen möchten. Der Roman erschien posthum und es ist berührend zu wissen, dass Haruf wohl von seinem baldigen Sterben wusste, während er ihn schrieb. Weiterlesen „Kent Haruf – Unsere Seelen bei Nacht“

Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater

Hisham Matar ist ein aus Libyen stammender, in London lebender Autor. Sein 2006 erschienener Roman „Im Land der Männer“ wurde für die Shortlist des Man Booker Preises nominiert. Nun liegt von Hisham Matar sein Roman Die Rückkehr auf Deutsch vor.

Sein Vater Jaballa Matar stammte aus einer einflussreichen Familie. Zunächst Gaddafis Putsch und der damit verbundenen Hoffnung auf einen modernen freiheitlich-sozialistischen Staat durchaus positiv gegenüber stehend, arbeitete dieser für die libysche Delegation bei den Vereinten Nationen in New York, wo Hisham 1970 zur Welt kam. 1973 zurückkehrend, entwickelte sich der Vater zunehmend zu einem der erbittertsten Oppositionellen. Zeitweise unterhielt er im benachbarten Tschad eine bewaffnete „Rebelleneinheit“. 1979 musste die Familie daraufhin zunächst nach Kenia und dann ins ägyptische Exil fliehen. Durch seine weitreichenden Beziehungen und das Vermögen, das er sich mit Importgeschäften verdient hatte, war er nicht nur einflussreich, sondern konnte seiner Familie auch ein finanziell recht sorgloses Leben bieten. Bereits 1975 ging Hisham wie sein Bruder Zaid zur Ausbildung nach London. 1990 wurde der Vater Jaballa vom libyschen Geheimdienst aus Ägypten entführt, wobei der ägyptische Staat unrühmlich Beihilfe leistete. Weiterlesen „Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“

Paul Auster – 4 3 2 1

Paul Austers Opus magnum, von ihm selbst Lebenswerk genannt, ein Buch mit über 1200 Seiten, zeitgleich im Original wie auf Deutsch erschienen, gleich auf Platz 2 der Spiegelbestsellerlisten geklettert (wenn auch nach wenigen Wochen schon wieder am Hinabgleiten, was auf eine eingeschworene Fan-Gemeinde hindeutet, die das Erscheinen herbeigesehnt hat und weniger auf „Gelegenheitskäufer“), hohe Rezensionsdichte in allen branchenrelevanten Medien, mal geliebt, mal als „zäh“ und „eindeutig zu lang“ bezeichnet – der pünktlich zum 70.Geburtstag von Paul Auster im Februar 2017 der geneigten Leserschaft vorgelegte Roman 4 3 2 1 hat es in sich. Weiterlesen „Paul Auster – 4 3 2 1“

Paul Auster – Bericht aus dem Inneren

Bereits ein Jahr nachdem Paul Auster seine autobiografischen Aufzeichnungen „Winterjournal“ veröffentlicht hatte, erschien der „Bericht aus dem Inneren“.

Da war wohl etwas noch nicht zu Ende erzählt, da wollten Dinge, Erinnerungen, Erkenntnisse niedergeschrieben werden, für die zuvor kein Raum war oder die dem Autor nach der Veröffentlichung noch auf der Seele lagen. So wurde der Bericht quasi zu einem Zwillingsbuch des Journals. Sollte in jenem ein „Katalog der Sinnesdaten“ erstellt werden, folgte nun ein Buch, das sich die Bewusstwerdung des Autors, seine Entwicklung vom vorbewussten Wahrnehmen des kleinen Kindes zum die Welt erfassenden Erwachsenen zum Thema nehmen mochte. Also eine Reise ins Innere. Weiterlesen „Paul Auster – Bericht aus dem Inneren“

Paul Auster – Winterjournal

Paul Auster – Winterjournal

„Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. Schließlich verrinnt die Zeit. Vielleicht solltest du deine Geschichten fürs Erste einmal beiseite legen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben – vom ersten Tag , an den du dich erinnern kannst, bis heute. Ein Katalog der Sinnesdaten. Was man eine Phämenologie des Atmens nennen könnte.

Zur Zeit der Entstehung des Winterjournals 2011 ist Paul Auster gerade 64 geworden, in den „Winter seines Lebens“ eingetreten. So viele seiner Familienangehörigen, Freunde und Weggefährten leben nicht mehr. Nicht zum ersten Mal Zeit, sich seines eigenen Lebens zu vergewissern, sich zu erinnern. Immer wieder tauchten auch in der Vergangenheit autobiografische Texte in Austers Werk auf, nicht zuletzt begann mit einem solchen, „Der Erfindung der Einsamkeit“ seine Karriere als Prosaschriftsteller, nachdem er einiges an Lyrik vorgelegt hatte. Auch in seinen Romanen findet man viel Material aus Austers eigenem Leben. Dieses in seinen autobiografischen Schriften wiederzufinden, ist ein Mehrwert bei der Lektüre. Weiterlesen „Paul Auster – Winterjournal“

Bill Clegg – Fast eine Familie


Bill Clegg - Fast eine Familie

 

Bill Clegg – Fast eine Familie

„Und kein Mensch wird sich an uns erinnern – wer wir waren und was hier geschehen ist. Sand wird über die Pacific Avenue und gegen die Fenster des Moonstone wehen, und neue Menschen werden kommen und den Strand hinunter zum großen Ozean gehen. Sie werden verliebt sein oder verloren, und sie werden keine Worte haben. Und das Rauschen der Wellen wird für sie klingen wie für uns, als wir es das erste Mal gehört haben.“

So endet Bill Cleggs Roman „Fast eine Familie“ (Original: „Did you ever have a family?“)

Es ist der erste Roman nach der Veröffentlichung zweier Memoirs, die er über seine Drogensucht, den Entzug und seine Rehabilitierung geschrieben hat. Mittlerweile arbeitet Clegg wieder als äußerst erfolgreicher Literaturagent.

In den Schlussworten des Romans klingt dessen Stimmung sehr schön an: Er ist zart und lyrisch, ruhig und gemessen. Ein wenig korrespondiert der Ton mit den leicht betäubten, trauernden Menschen von denen er erzählt. Weiterlesen „Bill Clegg – Fast eine Familie“

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue - Das geträumte Land

„The one book Donald Trump should read right now!“

Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an. Weiterlesen „Imbolo Mbue – Das geträumte Land“